Gerhard Werner Strecke (* 13. Dezember 1890 in Oberglogau, Landkreis Neustadt O.S., Provinz Schlesien; † 8. Dezember 1968 in RatingenSterbeort ist laut Deutsche Biographische Enzyklopädie Online Ratingen. Siehe dazu auch die Anmerkung von Erich Peter in: Richard Wetz (1875–1935) als Mensch und Künstler in seiner Zeit, Dortmund 1975, S. 425. Im Artikel "Strecke, Gerhard" der Historischen Ostdeutschen Biographien der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen ist fälschlicherweise Düsseldorf als Sterbeort angegeben.) war ein deutscher Musikpädagoge und Komponist, der vielfältig komponiert und heute vor allem für das Instrument Akkordeon noch Bedeutung hat.
Leben Gerhard Strecke kam als Sohn des Schulrektors Joseph Strecke (1859–1935) und dessen Ehefrau Auguste Klar (* 1864) zur Welt. Die Eltern stammten aus dem niederschlesischen Glatz, einem Städtchen mit Musiktradition. Der bedeutendste Glatzer Komponist war der zu Streckes Geburt noch lebende Eduard Tauwitz, der vier Opern, eine feierliche Messe und über 250 Kirchenlieder geschaffen hatte. Strecke wurde aber nach dem Wegzug der Eltern im oberschlesischen Oberglogau geboren, das wiederum musikgeschichtlich von sich behaupten kann, der einzige schlesische Ort zu sein, in dem Ludwig van Beethoven geweilt hat. Da der Vater neben seinem Lehrerberuf auch Chorrektor war, trat der viertgeborene Gerhard früh in den Kirchenchor ein. Außerdem erhielt er Unterricht in Violine, Klavier und Orgel. Im Alter von zehn Jahren wechselte er zu den von Max Filke geleiteten Breslauer Domsingknaben.
Zunächst ging er auch in Breslau zur Schule, und zwar auf das St. Matthias-Gymnasium, für die Primanerjahre wurde er auf das Gymnasium von Patschkau geschickt, unweit des Sommersitzes der seinerzeit noch eingesetzten Breslauer Fürstbischöfe, dem Schloss Johannesberg, gelegen. Dort befreundete er sich mit dem sechs Jahre älteren späteren Komponisten Hermann Buchal. Er studierte zuerst Philologie in Jena und Berlin, dann Musikwissenschaft am Königlichen Akademischen Institut für Kirchenmusik in Charlottenburg, wo er seinen Abschluss machte. An der Königlichen Akademie der Künste wurde er Meisterschüler von Georg Schumann.
Sein Kriegseinsatz endete in französischer Gefangenschaft. 1920 wurde er Theorielehrer an höheren Schulen im oberschlesischen Neisse. Nebenher glänzte er am Soloklavier und war auch ein gefragter Begleiter. 1924 holte ihn Buchal als Leiter des Musiklehrerseminars an das Schlesische Konservatorium in Breslau, ehe er Ostern 1936 die Leitung des Konservatoriums in Beuthen übernahm und 1940 als Abteilungsleiter an die Musikhochschule Kattowitz berufen wurde. Am 5. Dezember 1941 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Januar 1942 aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.986.035).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/43511411 Im Zweiten Weltkrieg war er einige Zeit Reserveoffizier der Wehrmacht, hatte seinen Dienst aber noch vor dem Umschwung abgeleistet, jedoch standen seine beiden Söhne in den letzten Kriegsjahren im Gefecht. Am Staatlichen Hochschulinstitut für Musikerziehung in Trossingen fand er nach Kriegsende und der damit einhergehenden Vertreibung eine neue Anstellung. In der Hochburg der Harmonikaindustrie begann er, sich dem Akkordeon zuzuwenden, verhältnismäßig spät, aber mit leidenschaftlicher Hingabe. Als ordentlicher Professor 1953 in den Ruhestand versetzt, komponierte er an seinem heute zu Ratingen gehörenden neuen Wohnort Eggerscheidt und setzte sich für Aufführungen schlesischer Musik ein, bis er 1968 verstarb.
Gerhard Strecke war seit 1921 mit Frieda Proske (1893–1965) verheiratet, mit der er drei Kinder hatte: Peter (* 1923), Wolfgang (1924–2023) und Barbara (* 1925). Wolfgang Strecke war Politiker der CDU und amtierte von 1978 bis 1988 als Bürgermeister von Hanau.
Werk Sowohl in seiner alten als auch neuen Heimat engagierte sich Strecke in Künstlerzirkeln, wobei ihm aber die Bewahrung der Musik Schlesiens besonders am Herzen lag. Er zählte zu den gründlichsten Kennern und unermüdlichsten Förderern schlesischer Musik-Kultur, ohne sich freilich darauf zu beschränken. Er verfasste 1953 die Sammlung Lieder der Schlesier, schrieb Zeitschriftenaufsätze und Zeitungsartikel mit dem Schwerpunkt auf dem Musikerbe der verlorenen Heimat und stand dem Musikhistoriker Hans Joachim Moser beratend bei dessen Schlesien-Kapitel für das 1957 erschienene Grundlagenwerk Musik der deutschen Stämme zur Seite.
Sein musikalisches Œuvre umfasst 101 Titel, von denen knapp die Hälfte durch die Kriegs- und Nachkriegsgeschehnisse verloren gegangen sind. In der vokalen Sparte lassen sich etwa 160 Kunstlieder für Singstimme und Klavier, zahlreiche Volksliedbearbeitungen für unterschiedliche Chorbesetzungen, freie Vertonungen anspruchsvoller Texte für vier- bis achtstimmigen Chor, sowie – beispielhaft – die Kantate Oberschlesien nach Gedichten von Hans Niekrawietz anführen. Auf dem geistlichen Sektor komponierte er einstimmige Kirchenlieder und Betsingmessen, drei mehrstimmige lateinische Messen und ein Requiem, Offertorien und Motetten für drei- bis achtstimmigen Chor. Im instrumentalen Bereich sind unter anderem drei Sinfonien für großes Orchester, zehn Orchestersuiten, Konzerte und Konzertstücke für Violine und Viola angesiedelt. Als Kammermusik verfasste er ein Streichtrio, fünf Streichquartette nebst Variationen über ein dänisches Volkslied für Bläserquintett und Klavier. Für Tasteninstrumente liegen aus seiner Feder Sonaten, Variationen, Charakterstücke und als letzter umfänglicher Zyklus 24 Praeludien und Fugen in allen Dur- und Molltonarten für Orgel vor. Seine Gigue aus dem Jahre 1946 ist dem Akkordeonisten und Dirigenten Rudolf Würthner gewidmet.
Zentraler Leitgedanke Streckes war die Schlichtheit, um ein erklärungsfreies Verstehen zu ermöglichen. An anderen Komponisten beobachtete er, wie deren früher Veränderungsenthusiasmus mit zunehmender Erfahrenheit und Reife in ruhige Bahnen der Tradition gelenkt wurde. Und so bewahrte er selbst die Formen und Stilelemente der europäischen Musikgeschichte, wobei er weitestgehend der Spätromantik verhaftet blieb. Zeugnis davon geben vor allem die folkloristischen Arbeiten, von der reinen Liedersammlung über Volkslied- und Volkstanzbearbeitungen bis hin zu den Orchestersuiten Nr. 4 op. 43, Nr. 7 op. 86 und Nr. 8 op. 89.
In Schlesien erfuhren seine Werke häufiger Aufführungen, nachdem ihm zu seinem 50. Geburtstag Ehrungen der Universität Breslau zuteilgeworden und drei Jahre später der Oberschlesische Musikpreis verliehen worden war. Außerhalb Schlesiens konnte er 1930 bei der Tagung zur Erneuerung der katholischen Kirchenmusik für seine Offertorien Anerkennung erhalten. Das achtstimmige Prooemion (op. 23, Nr. 3) wurde am 18. Juli 1937 bei der Eröffnung des „Hauses der Deutschen Kunst“ in München gesungen. Das 5. Streichquartett (Serenade) führte das Schlesische StreichquartettDas Ensemble bestand aus Franz Schätzer (Violine 1), Georg Olowsen (Violine 2), Fritz Lang (Viola) und Albert Müller-Stahlberg (Violoncello), vgl. die Widmung auf dem Titelblatt der Serenade. Es ist nicht identisch mit dem gleichnamigen polnischen Streichquartett, das 1978 gegründet wurde. an vielen Orten auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Orchestersuiten und die Orgelkompositionen von mehreren westdeutschen Sendeanstalten aufgezeichnet und gesendet.
Auszeichnungen 1918: Mendelssohn-Preis 1943: Musikpreis der Stiftung Oberschlesien 1955: Bundesverdienstkreuz am Bande 1962: Johann-Wenzel-Stamitz-Preis
Werke (Wenn nicht anders angegeben, sind die Kompositionen Manuskript.)
Orchestermusik
Orchestersuite Nr. 2 op. 38 (Ries & Erler) Orchestersuite Nr. 4 Oberschlesische Tanzsuite op. 43 (Ries & Erler) Lustige Ouvertüre op. 44 (Ries & Erler) Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 54 Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 60 Introduktion und Allegro für Streichorchester op. 75 12 Tanzbilder op. 80 (Süddeutscher Musikverlag) Orchestersuite Nr. 5 Ballettsuite op. 84 Orchestersuite Nr. 6 Rheinische Hochzeitsmusik op. 85 Orchestersuite Nr. 7 Oberglogauer Pfeffernulken, Volkstanzsuite nach Tanzmotiven aus dem Kreise Neustadt O/S op. 86 (Ries & Erler) Konzertstück für Violine und Orchester op. 87 (Ries & Erler) Orchestersuite Nr. 8 Silesia op. 89 Orchestersuite Nr. 9 Weihnachten op. 90 Violinkonzert op. 95 Capriccio für Violine und kleines Orchester op. 96a Sinfonische Legende op. 98 Orchestersuite Nr. 10 Weberiade op. 99
Kammermusik
Streichquartett Nr. 5 A-Dur Serenade op. 50 Streichtrio op. 51a (Bearbeitung der Klavierstücke op. 51 mit neu hinzukomponiertem 4. Satz: Thema und Variationen) Variationen und Fuge über das dänische Volkslied Turnering für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Klavier op 76/1 (Bearbeitung des Klavierwerks) Capriccio für Violine und Klavier op. 96b
Orgelmusik
3 Präludien und Fugen (Es-Dur, es-Moll, e-Moll) op. 52 3 Variationenreihen op. 73: 1. Variationen über das eigene Lied Nicht klagen und zagen; 2. Passacaglia c-Moll; 3. Ciaccona e-Moll Präludium und Fuge cis-Moll op. 97 (Böhm & Sohn) 3 Triosonaten (b-Moll, h-Moll, e-Moll) op. 100 24 Präludien und Fugen op. 101 (Laumann, Dülmen)
Akkordeonmusik
Sonatine F-Dur (Hohner) Sonatine C-Dur 4 Vortragsstücke: Capriccio, Sarabande, Thema und Variationen, Gigue (Hohner)
Klaviermusik
Sonate Des-Dur op. 11 4 kleine Klavierstücke op. 51 3 Klavierstücke op. 62 3 Klavierstücke op. 66 Präludium und Fuge Es-Dur op. 67 Variationen und Fuge über ein eigenes Thema op. 72 Variationen mit Schlussfugen op. 76: 1. über das dänische Volkslied Turnering; 2. über das schwedische Volkslied Jungfru Maria; 3. über das norwegische Volkslied Ich weiß ein kleines Mädel
Chormusik (Auswahl)
4 Adventsoffertorien op. 8, verschollen bis auf: Nr. 4 Ave Maria 7 gemischte Chöre op. 16 (Kistner & Siegel) 3 gemischte Chöre op. 18 (Böhm & Sohn) 3 gemischte Chöre op. 23 (Kistner & Siegel) 8 Mariengesänge op. 24, verschollen bis auf: Maria, Mutter, ich dich grüße (Böhm & Sohn) 3 Männerchöre op. 28 (Kistner & Siegel) 3 gemischte Chöre op. 30 (Böhm & Sohn) Offertorien für die Sonntage nach Pfingsten op. 42, Nr. 1–7 (Schwann, Düsseldorf) (die ungedruckten restlichen sieben Nummern bis auf Nr. 13 und Nr. 14 verloren) 10 geistliche Gesänge für Frauenchor op. 64 (Böhm & Sohn) 5 deutsche Motetten für Frauenchor op. 77 (Böhm & Sohn) 5 Männerchöre op. 78 3 deutsche geistliche Chöre für sechs Stimmen op. 79 (Kistner & Siegel) 3 Eichendorff-Chöre für gemischten Chor op. 82 (Böhm & Sohn) 4 gemischte Chöre op. 88 (Kistner & Siegel) Missa tertia für 2 (oder 4) Singstimmen und Orgel op. 91 4 Männerchöre op. 92 Eichendorff-Tricinien für gleiche Stimmen op. 93 (Böhm & Sohn) Heimat (Max Herrmann-Neiße) für drei- bis sechsstimmigen Frauenchor mit Begleitung ad libitum (Haubrich, Mülheim an der Ruhr) Heimatliche Erde (Hans Niekrawietz) für Frauenchor mit Klavier ad libitum (Böhm & Sohn) Trossinger Tantum ergo (Friedrich Pustet) Anbetung des Jesuskindes (Böhm & Sohn) Weihnachtslegende (Böhm & Sohn) Atme in mir, du heiliger Geist (Böhm & Sohn) Paderborner Tantum ergo (Schwann) Du kannst dein Kreuz nicht wählen (Schwann)
Lieder (Auswahl)
4 Lieder op. 5 5 Weihnachtslieder op. 14 (Kistner & Siegel) 7 Lieder op. 71 8 Lieder mit Klavier oder Akkordeon op. 81 (Hohner) 22 Lieder auf Texte von Richard Schiedel op. 83 7 Lieder op. 94 einzelne Lieder aus folgenden Sammlungen sind erhalten: op. 2, op. 4, op. 13, op. 21, op. 31, op. 47, op. 48, op. 58, op. 65
Verschollene Werke (Auswahl)
Präludium und Fuge für Orgel h-Moll op. 3 Messe für fünfstimmigen Chor a cappella op. 6 Streichquartett Nr. 1 g-Moll op. 7 Vaterländischer Spruch nach Ernst Moritz Arndt und Heinrich von Kleist für Männerchor und großes Orchester op. 9 Streichquartett Nr. 2 h-Moll op. 10 Sinfonietta für Streichorchester B-Dur op. 12 Das Marienleben, Liederzyklus nach Rainer Maria Rilke für Gesang und Klavier op. 17 Streichquartett Nr. 3 d-Moll op. 20