Als Boreout-Syndrom (von ‚Langeweile‘) bzw. Ausgelangweilt-SeinZeit Online: Wenn Arbeit krank macht: Chronische Unterforderung, (Stand: 10. April 2015) wird ein Zustand ausgesprochener Unterforderung im Arbeitsleben bezeichnet, der bislang eher in den Medien als im wissenschaftlichen Bereich unter dem Aspekt eines Krankheitsbildes diskutiert wird. Boreout wird als paralleles Gegenstück des Burnout-Syndroms charakterisiert,Die Welt: Homepage „Die Welt“ Diagnose Bore-out: Wenn der Job langweilt, bis der Arzt kommt. vom 2. Januar 2012 (Stand: 9. April 2015) das selbst im Burnout münden kann.Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 137
Der Begriff Boreout wurde von Peter Werder und Philippe Rothlin kreiert, definiert und in ihrem 2007 erschienenen Buch Diagnose Boreout zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit präsentiert.Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 13
Symptome Als Symptome des Boreout-Syndroms werden vom Frankfurter Psychotherapeuten Wolfgang Merkle ähnliche wie die des Burnout-Syndroms genannt. Zu ihnen gehören Niedergeschlagenheit, Depressionen, Antriebs- und Schlaflosigkeit, aber auch Tinnitus, Infektionsanfälligkeit, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen und Schwindelgefühle.Kölner Stadt-Anzeiger: BOREOUT-SYNDROM: Wenn Unterforderung im Job krank machtZeit Online: Homepage „Bore-Out: Krank vor Langeweile.“ Vom 26. Juni 2010 (Stand: 9. April 2015)
In ihrer soziologischen Analyse geht die Wiener Soziologin Elisabeth Prammer davon aus, dass Betroffene sich beim Auftreten der Symptomatik einer Handlungsstrategie unterwerfen, die eine Negativspirale provoziert. Bei der Charakterisierung des Phänomens zeigten sich Hinweise auf die Verkettung von Verhaltensweisen, Exithemmungen (siehe unten), innerer Kündigung, Tabuisierung und Kommunikationshemmungen, in die sich die Betroffenen selbst nur schwer einordnen könnten:Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 7
mini|hochkant=1.8|Copingstrategien bei Unterforderung von Arbeitnehmern nach PrammerElisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3, S. 136Aus Angst, sich durch Engagement an den langweiligen Arbeitsplatz zu binden, würde dieses unterlassen. Weil sie Hemmungen hätten, den Arbeitsplatz zu verlassen, blieben Betroffene jedoch im Betrieb und begäben sich stattdessen in die innere Kündigung. Die Auseinandersetzung mit und das Aushalten der unbefriedigenden Situation führe zu weiterem Stress, der lähmend wirke und belaste.Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 120
Betroffene hätten das Gefühl, das Leben ziehe an ihnen vorbei.Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 27 Aus dem Gefühl der Ohnmacht, das der Langeweile gegenübersteht, wenn sie nicht bekämpft werden kann, entstünden Symptome einer Erschöpfungsdepression,Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 31 wie sie Merkle (siehe oben) beschreibt.
Eine Interviewpartnerin bei Prammers qualitativer Sozialforschung beschreibt das Entstehen von Schlafstörungen: die Unterforderung ermüde sie, sodass sie am Feierabend schläfrig sei. Schliefe sie jedoch, könne sie nachts nicht schlafen und wäre morgens unausgeschlafen.Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 129
Das Gefühl, inhaltlich nicht gefordert zu sein, äußere sich bei den Betroffenen als angstvoller Zustand, zu wissen, dass jemand anderes etwas macht, was auch sie könnten. Indem sie ihre Situation selbst als negativ empfänden, grenzten sie sich vom Selbstbild, ein „fauler Mitarbeiter“ zu sein, ab: „Faule Mitarbeiter“ nähmen im Gegensatz zu ihnen die Unterforderung hin und akzeptierten Gehalt und Privilegien als Entschädigung. Problematisch sei für sie ihr im Grunde hohes Verpflichtungsgefühl, Leistung zu erbringen.Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 125
Charakterisierung der Betroffenen In ihrer Forschungsarbeit hat Prammer folgende Merkmale bei den Interviewpartnern beobachtet, aus denen sich eine Disposition zur Entstehung eines Boreout-Syndroms ergibt: Mut, auch in autoritären oder hierarchischen Systemen Kritik zu äußern und entgegenzunehmen sowie die Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Betroffene wollen dadurch Innovation, Vision und Kombination hervorrufen.Elisabeth Prammer: Boreout – Biografien der Unterforderung und Langeweile. Eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3, S. 129. Wunsch, zu begeistern und zu motivieren sowie eigene Lösungen zu entwerfen und gegebenenfalls in Unbekanntes vorzupreschen (Pioniergeist). Ein hohes Arbeitsethos ist die Grundlage des Wunsches, den Arbeitsauftrag zu erfüllen und für die Gesellschaft etwas beizutragen.Elisabeth Prammer: Boreout – Biografien der Unterforderung und Langeweile. Eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3, S. 130. Große Leistungsorientierung und -fähigkeit. Alltägliches wird als Option gesehen, Leistung voranzutreiben. Ehrgeiz, der im Streben nach Effizienz ausgelebt wird und dazu führt, dass Arbeitsschritte rationalisiert werden. Eine Neigung zu Überengagement ergibt eine zusätzliche Disposition zum Boreout. Starke Orientierung an Werten hält davon ab, „sich zu verbiegen“. Wenn der Betroffene sich in seiner Tätigkeit mit dem Unternehmen nicht identifizieren kann, lehnt er sie ab. Arbeit in einer Organisation, die Macht ausübt, wird abgelehnt. Respekt vor anderen muss immer wieder erarbeitet werden und ist nicht durch Funktion oder Stellung in der Hierarchie naturgegeben. Weder politische Zugehörigkeit oder Herkunft, sondern ausschließlich Leistung ist relevant. Hierarchie wird in ihrer Funktion akzeptiert, Effizienz und Organisation zu verbessern. Fehler können im Arbeitsalltag passieren und müssen nicht versteckt werden. Die Sozialisation geschah in einer Zeit mit hoher Anforderung an Flexibilität, woraus gelernt wurde, mit Unsicherheiten umzugehen. Eigene Grenzen dessen, was man ertragen kann, sind bekannt, wobei Betroffene sich hohen Ansprüchen der Gesellschaft ausgesetzt sehen.Elisabeth Prammer: Boreout – Biografien der Unterforderung und Langeweile. Eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3, S. 131. Die Arbeitsbedingungen sind Betroffenen wichtig (Work-Life-Balance). Arbeitslosigkeit oder langzeitige Arbeitssuche ist als stark negative Erfahrung bekannt. Wegen des Geschlechts sehen sich Betroffene direkt oder potenziell (am Arbeitsmarkt) diskriminiert. Fachfremde Tätigkeiten werden aus mangelnder Fähigkeit sich abzugrenzen übernommen. Es besteht Angst, sich aus Versehen mit der unbefriedigenden Situation abzufinden, und gleichzeitig das Gefühl, aus Loyalität an das Unternehmen „gefesselt“ zu sein. Die Bereitschaft ist da, um die Arbeit zu kämpfen. Aufgrund von Expertentum und angeeignetem Spezialwissen besteht geringe Flexibilität am Arbeitsmarkt, was in der Regel zu einer vollständigen Neuorientierung als Lösungsweg führt.Elisabeth Prammer: Boreout – Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3, S. 132.
Ursachen Prammer beschreibt einen komplexen Mechanismus, der zur Entstehung eines Boreout führen kann: Dabei bestimmt in der heutigen Gesellschaft Erwerbsarbeit auch die Selbstdefinition. Der moderne Arbeitnehmer sei darauf trainiert, jeden Moment des beruflichen und privaten Lebens zur Leistung zu nutzen, kenne keinen Leerlauf und dürfe diesen auch gar nicht kennen. Während Stress und Überlastung kommuniziert würden und technische Möglichkeiten durch die Verkürzung von Kommunikationswegen diesen Effekt noch verstärkten, entstünde bei Nichtleistung ein subjektives Gefühl der Leere. Leerlauf gelte nicht mehr als „Muße“, sondern als Produktionsverlust, der negativ empfunden wird. Dabei gelte als wertvolles Mitglied der Gesellschaft eines, das seinen Beitrag leistet. Die Anforderung zur Leistungserfüllung und die zunehmenden technischen Möglichkeiten, die Arbeiten verkürzen, könnten in Verbindung mit unveränderten Arbeitsstrukturen (geringer technischer Einsatz, gleichbleibende Arbeitskonzepte) für arbeitswillige Arbeitnehmer zu einer widersprüchlichen Situation führen, die zum Boreout führe:Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 9
Je mehr er leiste, desto mehr Leerlauf könne er dabei feststellen. Der Umgang damit könne darin bestehen, dass er entweder darauf hinweise oder – wenn dies nicht zum Erfolg führe – den Betrieb verlasse: formell (durch Austritt oder TodElisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 41) oder informell, durch aktiv ausagierte oder passive innere Kündigung.Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 10
Als zentrale Ursache für die Entstehung dieses Mechanismus nennt Prammer eine mangelnde Übereinstimmung der Person mit dem Arbeitsplatz („Person-Job-Mismatch“), wobei immer eine qualitative Unterforderung, die sich wiederum aus verschiedenen Gründen zusammensetzen könne, den Tenor bilde.:Elisabeth Prammer: Boreout - Biografien der Unterforderung und Langeweile : eine soziologische Analyse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00502-3. S. 123 Ein immobiler Arbeitsmarkt drängt Menschen aus Angst vor Erwerbslosigkeit in die falschen Berufe Stereotype Behandlung von Mitarbeitern führt dazu, dass diese zu qualifikationsfremden Tätigkeiten herangezogen werden, die auch ihren Interessen nicht entsprechen Mangelnde Selbstverantwortung der Betroffenen bei der Berufswahl
Zeitwahrnehmung Relevant sei nach Prammer dabei vor allem auch das Konzept der „Zeit“: Da die Möglichkeit, Zeit zu nutzen, vom Ort und der Situation abhängt, in der ein Mensch sich befindet, wird fortschreitendes Alter zum Problem, wenn ein Arbeitnehmer das Gefühl hat, seine Zeit (immer sinnloser) in seinen Arbeitgeber investiert zu haben, die nun verloren ist.
Im Gegensatz zum Burnout-Syndrom entstehe ein Boreout durch unterforderungsbedingten Stress, sagt Merkle entsprechend. Der sogenannte „Unterstress“ entstehe durch zu wenige und falsche Aufgaben am Arbeitsplatz. Außerdem spiele die Diskrepanz zwischen Fähigkeiten und Anforderungen eine weitere Rolle bei der Entstehung von Stress.