mini|Medea auf einem römischen Wandbild des 1. Jahrhunderts aus Herculaneum im Archäologischen Nationalmuseum Neapel Die Kindstötung oder der Infantizid ist ein häufiges Thema der Literatur.

Kindstötung als Tötung des (eigenen) Kindes kann wissentlich und aufgrund niedriger Beweggründe erfolgen (Kindermord) oder unwissentlich bzw. auch unverschuldet (z. B. durch Unfall, Notwehr, Kriegszustand). Ein Problem besonderer Art stellt der Neonatizid dar, also die Neugeborenen-Tötung infolge angeborener Behinderung.Vgl. Bejarano-Alomia 2009

In der Literaturgeschichte gibt es die folgenden Typen des Infantizids: Kindesopfer an eine Gottheit (Isaak, Idomeneus), erfolglose Kindstötung (Ödipus, Moses), Kindstötung nach Ehebruch des Vaters (Medea), Serienmord an Kindern (Herodes), Tötung des Sohnes im kriegerischen Zweikampf (Hildebrand), Kindsmord nach unehelicher Geburt (Gretchen), Abtreibung.Vgl. de Vries 1961

Die Soziobiologie unterscheidet Infantizide im Tierreich je nach Geschlecht des Täters und verfolgten Zwecken.Voland 2009

Die Entwicklung des Infantizid-Motives in der Literaturgeschichte zeigt einen Wandel auf, der von der Selbstverständlichkeit antiker Kindsverstoßung über die tragischen Vater-Sohn-Begegnungen zur Verketzerung der Kindsmörderin reicht. Der Wendepunkt für die christliche Entwicklung des Infantizid-Verständnisses wurde durch die Mission des Christentums in Fulda erreicht. In der Neuzeit ist zunächst das soziale Elend der Kindsmörderin hervorgehoben worden. Hierin liegt das Verdienst Goethes und seiner Zeitgenossen. Schließlich bleibt die Anklage gegen eine Gesundheitspolitik, durch die arme Leute grauenvollen Erlebnissen bei der Abtreibung ausgesetzt sind (Brecht und Degenhard).

Altertum Im antiken Griechenland war es das Recht eines jeden Vaters, ein Kind, das er nicht akzeptieren wollte, zu töten (z. B. auszusetzen oder einem Gott zu opfern).Vgl. Hässler et al. 2008

Mose mini|Wandmalerei aus der Synagoge von Dura Europos, Auffindung des Mose Mose wird – allerdings nicht in der Absicht, ihn zu töten – in den Nil ausgesetzt und durch die Tochter des Pharaos gerettet. Sie bestellt eine hebräische Amme, Moses leibliche Mutter, und nimmt das Kind als ihr eigenes an.

Abraham mini|Rembrandt: Der Engel verhindert die Opferung Isaaks Das Kind als Gottesopfer ist auch aus der Geschichte Abrahams bekannt (). Abraham erhält von Gott den Auftrag, seinen einzigen Sohn Isaak als Menschenopfer darzubringen. In letzter Sekunde erscheint ein Widder, der als Ersatz-Opfer akzeptiert wird. Auf diese Weise zeigt sich die Entwicklung einer neuen Moral: Gott vermeidet die Kindstötung.

Jephtha Im Buch der Richter wird erzählt, wie Jephtha vor einer Schlacht gegen die „Kinder Ammon“ gelobt, er werde denjenigen als Menschenopfer darbringen, der ihm bei Rückkehr ins eigene Heim zuallererst entgegenkommen werde. Die Tochter – einziges Kind des Herrschers – erweist sich als die zu Opfernde. Sie erbittet sich noch zwei Monate Zeit, um zusammen mit ihren Freundinnen ihre Jungfernschaft zu beklagen. Danach wird das grauenvolle Opfer vollzogen.Vgl. Houtman/Klaas2007

Der biblische Mythos wurde von Händel in seinem letzten Oratorium behandelt.vgl. Marx1998

Hesiod mini|links|Hesiod. Detail des Monnus-Mosaiks,3. oder 4. Jh., Rheinisches Landesmuseum Trier In Hesiods "Theogonie" lässt der Titan Chronos seine Kinder töten, weil ihm vorhergesagt wurde, eines der Kinder werde ihn töten und die Herrschaft übernehmen. Zeus überlebt als einziges der Kinder und erfüllt die Prophezeiung.vgl. Frenzel 1992, S. 729.

Lajos mini|links|Gustave Moreaus Gemälde Ödipus und die Sphinx im Metropolitan Museum of Art, New York 1864 Laios, König von Theben hatte die Weissagung erhalten, dass ein Sohn, den er mit seiner Ehefrau Iokaste zeuge, ihn töten und seine (Laios) Gattin heiraten werde. Kurz nachdem Iokaste den Ödipus gebärt, lässt Laios diesem – einer späten Version dieser Sage nach – die Füße durchbohren (‚Ödipous‘ heißt griechisch „geschwollener Fuß“) und beauftragt einen Hirten, das Kind auszusetzen. Durch einen Zufall oder weil der Hirte Mitleid mit dem Knaben hat und ihn übergibt, gelangt Ödipus zum kinderlosen Königspaar in Sikyon oder Korinth, das ihn wie einen leiblichen Sohn aufzieht. Mittlerweile erwachsen begegnet er zwischen Delphi und der Daulis an einer Weggabelung seinem (ihm unbekannten) Vater, gerät mit diesem in Streit und tötet ihn. Später kommt er nach Theben, besiegt die Sphinx und erhält als Belohnung das Königtum sowie die verwitwete Iokaste als Ehefrau, ohne zu wissen, dass Iokaste seine leibliche Mutter ist.Vgl. Roßbach 2005

Medea Iason raubt das goldene Vlies aus Kolchis, wobei ihm die Tochter des Königs Aietes von Kolchis Medea hilft. Iason und Medea werden ein Paar und bekommen zwei Kinder. Als aber Iason sich trennen will, um die Tochter des korinthischen Königs zu ehelichen, beschenkt Medea ihre Rivalin mit einem vergifteten Kleid und bringt beide Kinder um. Daraufhin flieht sie in dem Sonnenwagen ihres Großvaters Helios (Sonnengott). Iason stirbt im Alter unter den Trümmern seines Schiffes.Vgl. Lütkehaus 2007

Idomeneus Nach antiker Sage ist Idomeneus, König von Kreta, auf der Rückkehr von Troja in einen Sturm geraten, der alle seine Begleitschiffe dahingerafft hat. Er schwört dem Meeresgott Poseidon, er werde den ersten seiner Untertanen, der ihm zu Hause begegnen würde, als Dank für seine Rettung zum Opfer bringen. In Kreta gelandet, begegnet er zuerst seinem Sohn. Jedoch wird das Menschenopfer schließlich vermieden, indem sich mehrere Mitglieder der Familie anbieten, anstelle des Königssohnes als Menschenopfer zu dienen. Poseidon lässt daraufhin alle Beteiligten überleben.Paul Weizsäcker: Idomeneus 1). In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 2,1, Leipzig 1894, Sp. 106–108. Die detaillierte Erzählung ist überliefert durch Pseudoappolodor vgl. Appollodor: Bibliotheke des Apollodor 3,3,1 Vgl. auch die Abschnitte über Mozarts Oper und Schimmelpfennig.

Herodes Nach Auskunft des Matthäus-Evangeliums (Mt. 2, 16 ff) ließ Herodes alle Kinder im Alter unter zwei Jahren töten, weil ihm geweissagt worden war, es sei ein Kindlein geboren, das die Herrschaft übernehmen werde. Es zeigt sich die moralische Bewertung des Christentums: Ermordung von Kindern gilt als schwerstes Unrecht. Diese neue Moral ist gegenüber antiken Auffassungen Anstoß-erregend und hat sich erst im christlichen Mittelalter auf dem Europäischen Kontinent allmählich durchgesetzt.Vgl. Ernst Baltrusch: Herodes. König im Heiligen Land. C. H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63738-4

Mittelalter Hildebrand mini|Erstes Blatt des Hildebrandsliedes

Vorgeschichte Karl der Große war in jüngeren Jahren aus christlicher Sicht ein Mörder und Ehebrecher. Er hatte vermutlich mit seiner Schwester Inzest verübt. Wahrscheinlich wurde das Kind aus dieser Beziehung einem Vasallen untergeschoben.Vgl. Klein 1985 Er hatte mehrere Frauen abgeschoben, um andere Ehebeziehungen einzugehen. Er hat sehr wahrscheinlich die Kinder seines Bruders Karlmann ermorden lassen. Auch Rolands Tod dürfte durch Karls Flucht vor den Basken verursacht sein. Schließlich hat er Völkermord an Tausenden von Sachsen zu verantworten.Vgl. Fried 2014

Andererseits hatte das Kloster Fulda Karl die sogenannten Privilegien zu verdanken. Man hielt das Kloster für berechtigt, vom Volk 10 % des Einkommens einzuziehen, weil Karl dieses Recht an das Kloster abgetreten haben soll (gefälschte Privilegien-Schenkung).

In dieser Situation musste eine Verbrämung des Unrechts erfolgen. Der Kriegsentbrannte (hilti = Kampf, brant = entbrannt) wurde als unschuldig schuldiger Kriegsheld aufgewertet. Ob diese Verbrämung nun schon zu Lebzeiten des Herrschers erfolgte oder erst zur Regierungszeit Ludwigs des Frommen, ist unklar. Allerdings hängt die Pflege der Landessprache eng mit dem Lebenswerk des Rhabanus Maurus zusammen, der von 820 bis 840 (?) Abt im Fuldaer Kloster war. In diese Zeit wird auch die einzige erhaltene Handschrift des Hildebrandsliedes datiert.

Handlung Hiltibraht, ein Vasall Dietrichs von Bern, ist aus seinem Königreich Verona („Bern“) vertrieben worden und hat sich den Truppen des Hunnenkönigs Attila angeschlossen. Er kommt als Heerführer der Hunnen vor die Tore Veronas, wo jetzt Hadubrand – Sohn des verschollenen Hiltibraht – regiert. Um die zahllosen Tötungen der Krieger zu vermeiden, soll ein Zweikampf der Anführer entscheiden. Hiltibraht erkennt den eigenen Sohn und erklärt ihm, dass er im Begriff sei, den eigenen Vater zu bekämpfen. Hatubrant (= für das Schwert entbrannt) antwortet, er durchschaue die Täuschungsabsicht des fremden Kriegers. Sein Vater sei seit Jahren tot, er verlange den Zweikampf. Unschuldig schuldig besiegt der Vater den Sohn und tötet damit den eigenen Nachkommen.Vgl. Broszinski 2004

Interpretation Nachdem sich gezeigt hat, dass für die einzige erhaltene Handschrift von zwei Schreibern des Klosters zu Fulda eine Vorlage benutzt wurde,vgl. De Boor 1964, S. 65–71 ff. ist über das Original des Hildebrandsliedes viel gerätselt worden. Sicher ist, dass die einzige Handschrift, aus der wir dieses wunderbare althochdeutsche Lied kennen, auf zwei Buchdeckeln einer lateinischen Schrift des Klosters zu Fulda notiert wurde. Die Schreiber haben wichtige Textteile übergangen und den Ausgang des Kampfes zwischen Vater und Sohn – aus Platzgründen – nicht mehr (oder an unbekanntem Ort) aufgeschrieben.

Als entscheidender Unterschied gegenüber der griechischen Antike lässt sich konstatieren, dass jetzt der Vater obsiegt – nicht wie bei Sophokles der Sohn Ödipus. Das Karolingische Epos verherrlicht den tragischen Kindstöter, um Karl, dem mörderischen Herrscher der Christen, ein Denkmal zu setzen. Die außerhalb des Christentums unproblematische Kindstötung wird – bahnbrechend für das christliche Mittelalter – als großes Unheil ("wewurt skihit" = schmerzliches Unheil ereignet sich) dargestellt.

In der Zeit der Christianisierung des Fränkischen Reiches wird der große Karl mit einem Mythos geschmückt, der seine zahllosen Verbrechen glorifiziert.

Rolandslied 200px|mini|Roland stürmt den Tempel Mahomets. Abbildung aus der Heidelberger Liederhandschrift (Cod. Pal. germ. 112, P, fol. 57v), Ende 12. Jh. Roland ist der Neffe (oder uneheliche Sohn) Karls des Großen. Nach der Sage führt Roland die Nachhut, als Karl auf dem Rückweg von Saragossa nach Franken ist. Angeblich haben Intrigen bewirkt, dass Roland in einen Hinterhalt gerät und mitsamt allen seinen Mannen vernichtet wird. Er soll darauf verzichtet haben, Karl zur Hilfe zu rufen, um nicht das ganze Heer in den Hinterhalt zu locken. Schließlich soll Karl den Überfall auf Roland siegreich gerächt haben. Aufgrund historischer Funde war Karl keineswegs siegreich. Er dürfte mit knapper Not über die Pyrenäen entkommen sein.Vgl. Fried 2014

Das französische Rolandslied behandelt in den ersten zwei (von fünf) Teilen Rolands tragisches Ende.

Der Regensburger Pfaffe Konrad hat um 1150 das französische Rolandslied ins Mittelhochdeutsche übertragen. Auch hier kommt es zu einer Verbrämung des Sohnesopfers Karls des Großen. Die karolingische Selbstverständlichkeit des Sohnes-Opfers wird als Heldentod des treuen Vasallen ausgeschmückt. Indirekt wird dokumentiert, dass die heidnische Selbstverständlichkeit des Infantizids überformt ist.Haase 2013

Das jüngere Hildebrandslied