mini|Punk bei einer Diskussion am Alexanderplatz 1990 in szenetypischer, an der Taille abgeschnittener und bemalter „Thälmannjacke“ Punk in der DDR (auch Ostpunk) gab es seit Anfang der 1980er Jahre. Zentren der Punkkultur in der DDR waren Berlin, Dresden, Erfurt, Halle und Leipzig. Diese Kulturszene war zunächst staatlicher Verfolgung ausgesetzt und agierte stellenweise im Underground. Während viele Punks bis zum Ende der DDR verfolgt wurden, entspannte sich die Lage für Punkbands und Jungpunks ab etwa 1986, als vermehrt Tonträger der sogenannten anderen Bands veröffentlicht wurden.
Geschichte Anfangsphase (1977–1980) Nachdem der Punk in Großbritannien ab etwa 1976 modern geworden war und recht schnell in der Bundesrepublik Deutschland Anhänger gefunden hatte, wurden Berichte in den Medien Westeuropas, insbesondere im Rundfunk auf Mittelwelle auch in der DDR wahrgenommen. Damit wurde die Punkmusik über den RIAS und die BBC, insbesondere die Sendung von John Peel, auch in der DDR bekannt. Bis etwa 1980 fanden sich in den Großstädten, vor allem in Ost-Berlin, vereinzelt Punker-Cliquen zusammen, die zusammen Musik hörten, Bier tranken und diskutierten. Von Beginn an erregten sie den Argwohn der Gesellschaft und wurden als Schläger wahrgenommen. Dementsprechend kam es im Umfeld von Gaststätten und Diskotheken immer wieder zu Schlägereien mit anderen Jugendkulturen, wie den Rockern und Hooligans, aber auch mit normalen Bürgern. Unter den Punks entstand dadurch ein Ehrenkodex im Stil der drei Musketiere: „Einer für alle, alle für einen!“. Wurde ein Punk verprügelt, mobilisierte man so viele Leute wie möglich und „nahm den Laden auseinander“. Zu den Feindbildern der Punks zählten in der Anfangszeit vor allem die Hippies beziehungsweise ihre Nachfolger, die sogenannten Blueser beziehungsweise „Kunden“. Mit den Punks tauchten auch die ersten Skinheads in den Großstädten auf. Wie die Punks tanzten sie zu Ska und 2-tone und gehörten fest zur Punk-Clique dazu. Beim West-Berliner Label Exil-System erschien 1980 die Single VEB Heimat des Elektronikprojekts Weltklang, die vom Magazin Sounds als aus der DDR geschmuggelte Platte von Undergroundmusikern gelobt wurde. Die Geschichte basierte auf einer fiktiven Bandbiographie des Labelbetreibers Thomas Voburka.
Aufbruchphase und staatliche Verfolgung (1980–1986) Von 1980 bis 1983 wuchs die Punkszene um ein Vielfaches an, verbreitete sich auch im restlichen Gebiet der DDR und entwickelte selbst in Kleinstädten eine auch für Unbeteiligte wahrnehmbare Agilität.Vgl. beispielsweise zur Szene in der Stadt Weimar: Axel Stefek: 1979–1989. Schrille Mischung aus Party und Provokation: Punk. In: Weimar unangepasst. Widerständiges Verhalten 1950–1989. Weimar 2014, S. 73–78. Die Schlägereien gingen zurück, dafür wurde die Szene sehr viel elitärer. Missliebige Punks wurden geschnitten oder ausgeschlossen. Mit der Vergrößerung ging auch eine erste staatliche Verfolgungswelle einher, die von der Abteilung K1 der Deutschen Volkspolizei geleitet wurde. K1 war die politische Abteilung und stand im Dienste des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Die ersten Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) unterwanderten die Bewegung, auf andere Punks wurde über Verhaftungen, Arbeitsentzug und Hausdurchsuchungen massiver Druck ausgeübt. Etwa 250 Punks in Berlin wurden als kriminell eingestuft, hatten Gaststättenverbot und durften nur noch die Arbeitswege benutzen. Viele Punks übernahmen unter dem Repressionsdruck Symbole anderer verfolgter Gruppen, wie beispielsweise den Judenstern.
1981 wechselten die Kompetenzen vom K1 endgültig ins Ministerium für Staatssicherheit. Gleichzeitig berichteten die Medien der DDR über diese aus ihrer Sicht entartete und dekadente Subkultur in der westlichen Welt. Die Punks, die mittlerweile landesweit agierten, knüpften Kontakte zu Punks im benachbarten Ausland, wie in Polen und der Tschechoslowakei. Dennoch gelang es dem MfS, die erste Punkbewegung bis etwa 1983 zu zerschlagen. Jedoch formierten sich die Punks immer wieder neu. Aus der kleinen Szene, die aber stark zusammenhielt, wurde so eine eher lose agierende Bewegung, die sich mehr über Äußerlichkeiten definierte.
Ab 1981 traten viele Punks der Friedensbewegung Schwerter zu Pflugscharen bei, wobei sie rein vom Äußeren militanter auftraten. Dadurch verschwand die Opposition zur Hippie-Bewegung aus der Ideologie der Punkszene. Die evangelische Kirche bot zahlreichen Punkbands Auftrittsmöglichkeiten. Gleichzeitig bauten einige Punks die Bewegung Kirche von unten maßgeblich mit auf. Zwischen 1983 und 1985 kam es zu einigen Hausbesetzungen in der Lychener, Schliemann- und Dunckerstraße durch Aktivisten der Punkszene, der Umwelt- und der Friedensbewegung. Um den Vorurteilen der Bevölkerung zu begegnen, kam es an geschichtsträchtigen Daten zu Kranzniederlegungen, so beispielsweise am 10. Juli 1983 am Gedenkstein von Erich Mühsam, einem Anarchisten, der an diesem Datum 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde.Horschig: In der DDR hat es nie Punks gegeben, 1999, S. 36 1983 verließ ein großer Teil der Skinheads die Punkbewegung und ging in eine rechtsextreme Richtung.Horschig: In der DDR hat es nie Punks gegeben. 1999, S. 22 Während einige Punks also begannen, politisch aktiv zu werden, versuchten andere, sich komplett aus der Gesellschaft zurückzuziehen, flüchteten in Alkoholismus oder neigten zu autoaggressivem Verhalten.Horschig: In der DDR hat es nie Punks gegeben. 1999, S. 24 ff.
Über die Westkontakte des alternativen Schriftstellers und Inoffiziellen Mitarbeiters des MfS Sascha Anderson erschien 1983 beim westdeutschen Label Aggressive Rockproduktionen die Split-Veröffentlichung DDR von unten der Bands Zwitschermaschine und Schleim-Keim, die als erstes Punkalbum der DDR gilt. Wegen der ungesetzlichen Verbindungsaufnahme und ihrer ordnungswidrigen Texte hatte die Veröffentlichung rechtliche Konsequenzen für die Band Schleim-Keim, während Zwitschermaschine wegen der IM-Tätigkeit von Anderson verschont blieb.
Zwischen 1983 und 1986 hatte die Repression des Staates einen Höhepunkt erreicht. Führungsfiguren und Aktivisten kamen in Haft oder wurden zur Ausreise genötigt. Auslöser war die Blues-Messe in der Christuskirche (Halle) am 30. April 1983, bei der auch einige Punkbands wie Namenlos, planlos und Unerwünscht auftraten. IMs hatten vorher die Stimmung angeheizt, und beim Auftritt von Namenlos wurde die Gruppe mit Steinen und Flaschen beworfen. Es kam zu Auseinandersetzungen, die nur durch das Eingreifen eines Bluesmusikers beendet werden konnten.Horschig: In der DDR hat es nie Punks gegeben 1999, S. 39 Waren es gegen Anfang des Jahres noch etwa 900 offiziell geführte Punks DDR-weit (etwa 400 davon in Berlin), so stieg doch gerade in dieser weiteren Verfolgungswelle die Zahl an Punks an. Dies führte dazu, dass die staatlichen Ermittlungen zwar intensiviert wurden, gleichzeitig aber auch eine Entspannung, vor allem für die jungen Punks, erreicht wurde. Gerade diese konnten als IM gewonnen werden und erhielten Zuwendung in Form von Geldmitteln oder Schallplatten aus dem Westen. Besonders im Musikbereich konnten zentrale Führungsfiguren als IM oder als „Inoffizielle Kriminalpolizeiliche Mitarbeiter für operative Aufgaben“ (IKMO) gewonnen werden. Fast jede Punkband wurde so unterwandert.
1986 wurde in Westberlin eine weitere DDR-Punk-Langspielplatte veröffentlicht: Unter Mithilfe eines ehemaligen Mitglieds der Weimarer Band „Der Rest“ wurden dort 500 Exemplare der LP „panem et circenses“ hergestellt. Obwohl dies der Band zu DDR-weiter Popularität verhalf, verstärkten sich die Repressionen durch die staatlichen Organe nicht, was als Zeichen für das Ausklingen der Phase der starken Verfolgung gedeutet werden kann.
Zwischen Repression und Freiheit (1986–1990) Ab 1986 wurde zumindest die Punkmusik von staatlicher Seite aus geduldet. Der DJ Lutz Schramm von DT64 präsentierte ab dem 27. März 1986 eine „Untergrund“-Musiksendung, die über verschiedene Bands des Punkspektrums berichtete. Der Name für diese Gruppen lautete „Die anderen Bands“. 1987 wurden Konzerte im Rundfunk mitgeschnitten, und ein Jahr später wurde der Sampler Kleeblatt Nr. 23 – Die anderen Bands auf dem staatlichen Label Amiga veröffentlicht. Vertreten waren unter anderem Feeling B und Sandow. Auch begannen Medien wie die Zeitschrift Unterhaltungskunst, über DDR-Punkbands zu berichten. 1988 erschien außerdem der Dokumentarfilm flüstern & SCHREIEN – Ein Rockreport, der positiv über die Punkszene berichtete. Auch die Freie Deutsche Jugend veranstaltete von da an Punkkonzerte. Im Oktober 1988 wurden die Bands Die Skeptiker und Sandow Preisträger der IX. Werkstattwoche Jugendtanzmusik.Rauhut: Rock in der DDR. 2002, S. 125 Bei einem Konzert der Band Sandow im Herbst 1988 bei einer von der FDJ organisierten Veranstaltung in Suhl führten sie ihren Titel Born in the G.D.R. auf, den das Jugendradio DT64 aufnahm und im Programm brachte.taz.de, Gunnar Leue: „Ich rate immer zur Stadtflucht“, 29. Juli 2018, abgerufen am 17. April 2023www.mdr.de, Simon Bernard: „Wie "Born in the GDR" in der DDR zum Hit wurde – neun spannende Fakten über die Punkband Sandow“, 6. Dezember 2022, abgerufen am 17. April 2023
Viele Punks, die noch unter der staatlichen Verfolgung litten, verballhornten die akzeptierten Jugendlichen und Musikgruppen als „FDJ-Punks“ und lehnten die neue Bewegung ab.
Unterdessen ging die Verfolgung der radikalen Punks allerdings weiter. Das MfS versuchte auch weiterhin, bekannte politische Punks auszuschalten und die als Anführer angesehenen Punks zu bespitzeln und zu unterwandern. Zu großen Auseinandersetzungen mit der Skinhead-Subkultur kam es am 17. Oktober 1987 auf einem Punkkonzert, das in der Zionskirche organisiert wurde. Rund 30 alkoholisierte Skinheads stürmten ein Konzert der Bands Die Firma und Element of Crime. Nachdem sie faschistische Parolen gebrüllt hatten, prügelten die Skinheads auf Besucher und Passanten ein. Die informierte Volkspolizei griff nicht ein. Erst in den nachfolgenden Tagen wurden 22 Skinheads und vier Punks verhaftetRauhut: Rock in der DDR. 2002, S. 199 f. (siehe Überfall auf die Zionskirche).
Gegen Ende der DDR war die Zahl an Punks gering und betrug nach MfS-Zahlen nur noch 599. Die Szene in Berlin war nur noch klein, der Schwerpunkt hatte sich nach Potsdam verlagert.
Nach der Wende Nach der Wende lösten sich viele Punkgruppen auf. Der Bedarf an DDR-Punk war zunächst einmal gedeckt. Die Musikindustrie versuchte, die eigenen Westbands zu vermarkten und zeigte wenig Interesse an den ostdeutschen Musikgruppen. Erst nach und nach wuchs das Interesse an Bands wie Schleim-Keim, Die Skeptiker und Fuckin’ Faces.Rauhut: Rock in der DDR. 2002, S. 136 Zudem setzte sich in den neuen Bundesländern die rechtsextreme Szene durch, die etwa 2.000 organisierte Neonazis umfasste. Diese verdrängten die mittlerweile klein gewordene Punkszene, viele Punks wandten sich von linken Ideen ab und suchten Zulauf in der sich stark ausbreitenden rechten Skinhead-Jugendkultur. Diese war bereits zu DDR-Zeiten auf etwa 1.000 angewachsen.
Ideologie Die Punkszene in der DDR war wesentlich vom Fremdbild der Punks in den westlichen Ländern geprägt. Gerade, da kaum szeneinterne Schriften wie Fanzines im Umlauf waren, orientierte man sich am Bild der damaligen Westmedien – wie Bravo und Der Spiegel–, die auf dem Schwarzmarkt verfügbar waren. Sie übernahmen daher die Stilelemente, ohne den gesellschaftlichen Hintergrund, aus dem sich der Punk entwickelt hatte, zu kennen.