mini|hochkant|Colmar Freiherr von der Goltz mini|hochkant|Von der Goltz in der Uniform eines preußischen Generalfeldmarschalls Wilhelm Leopold Colmar Freiherr von der Goltz, auch bekannt als Goltz Pascha (* 12. August 1843 in Adlig Bielkenfeld (Ostpreußen); † 19. April 1916 in Bagdad), war ein preußischer Generalfeldmarschall, osmanischer Armeeoberbefehlshaber, Militärhistoriker und -schriftsteller. Als Schriftsteller verwendete er auch das Pseudonym W. von Dünheim.
Leben mini|hochkant|Colmar von der Goltz (1914) Von der Goltz wuchs auf dem Gut Fabiansfelde bei Preußisch Eylau auf, das sein Vater 1844 nach dem Verkauf des Gutes Bielkenfeld erworben hatte.Horst Schulz: Der Kreis Preussisch Eylau. Geschichte und Dokumentation eines ostpreussischen Landkreises. Kreisgemeinschaft Pr. Eylau, Verden/Aller 1983. 1861 ging Goltz zur Infanterie, 1864 besuchte er die Kriegsakademie in Berlin. 1866 nahm er am Deutschen Krieg gegen Österreich teil und wurde in der Schlacht bei Trautenau schwer an der Schulter verwundet. 1867 wurde Goltz Mitglied im preußischen Generalstab. Im selben Jahr heiratete er die Gutsbesitzerstochter Therese Dorguth, mit der er fünf Kinder hatte, darunter den späteren SS-Gruppenführer Fritz von der Goltz (1873–1945).Jürgen Schaefer: Deutsche Militärhilfe an Südamerika. Militär- und Rüstungsinteressen in Argentinien, Bolivien und Chile vor 1914. Bertelsmann-Universitäts-Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-571-09148-5, S. 86. Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg begann, diente er im Stab von Friedrich Karl Nikolaus von Preußen.
Er schrieb unter anderem ein Buch über die Operationen der 2. Armee in Frankreich.
Den Deutsch-Französischen Krieg erlebte der Generalstabsoffizier an vorderster Front. Als Hauptmann wurde er Lehrer an der Kriegsschule Potsdam, an der er zwischen 1878 und 1883 Kriegsgeschichte lehrte. 1883 veröffentlichte er sein bekanntes Buch Von Roßbach bis Jena und Auerstedt, in dem er durch die Behandlung der preußischen Militärgeschichte indirekt Kritik am Kaiserreich äußerte. Von 1883 bis 1895 reorganisierte er die Osmanische Armee und wurde zum Müschir (Marschall) mit dem Titel „Pascha“ ernannt. 1895 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde am 18. April zum Generalleutnant ernannt und übernahm am 2. Januar 1896 das Kommando der 5. Division in Frankfurt an der Oder. Am 27. Januar 1900 wurde er zum General der Infanterie befördert und übernahm am 27. Januar 1902 die Führung des I. Armee-Korps in Königsberg. Im September 1907 übernahm er die neu geschaffene VI. Armee-Inspektion mit Sitz in Berlin. 1908 folgte die Beförderung zum Generaloberst. Mit Jahresbeginn 1911 wurde er zum Generalfeldmarschall ernannt und war ab dem 5. Dezember 1912 Inspekteur der II. Armee-Inspektion. Auf sein Gesuch hin wurde Goltz am 4. Juli 1913 von dieser Stellung enthoben und in das Verhältnis der Offiziere zur Disposition überführt. Zugleich verblieb er in dem Verhältnis als Chef des Infanterie-Regiments „von Boyen“ (5. Ostpreußisches) Nr. 41 und war in der Dienstaltersliste der General weiterzuführen.
Am 7. Juli 1909 wäre Goltz beinahe Reichskanzler geworden. An diesem Tag beriet sich Kaiser Wilhelm II. mit dem damaligen Chef des Zivilkabinetts Rudolf von Valentini, ob Theobald von Bethmann Hollweg oder von der Goltz Reichskanzler werden sollte. Der Kaiser war sehr geneigt, den General zu ernennen, jedoch war dessen erneute Anwesenheit im Osmanischen Reich ab Mai 1909Nikolaus Brauns: Die deutsch-türkischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg 1914. Magisterarbeit am Institut für Neuere Geschichte der Universität München, Wintersemester 1996/1997, unpaginierte Fassung, Kap. 5.3.2. zu wichtig, um ihn nach Berlin zu holen, so dass schließlich Bethmann Hollweg Kanzler wurde.
1911 gründete von der Goltz den Jungdeutschland-Bund, als Dachorganisation überwiegend rechtsgerichteter Jugendverbände. Das praktische Ziel, die Jugend durch Sport und Geländespiele auf einen möglichen Krieg vorzubereiten, fand auch in den Turn- und Sportvereinen Zustimmung. Die Kommunen wurden durch von der Goltz und sein Netzwerk motiviert, Sportplätze auszubauen. Hierdurch wurden die Leibesübungen großflächiger, als sie es für Gerätturnen bis dahin waren.Arnd Krüger: Gesinnungsbildung durch Turnunterricht oder „Pro patria est dum ludere videmur“. In: Reinhard Dithmar, Jörg Willer (Hrsg.): Schule zwischen Kaiserreich und Faschismus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1981, ISBN 3-534-08537-X, S. 102–122. Im selben Jahr wurde er in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen.
Nach ihm wurde das „v. d. Goltz – Querfeldein, Großes Trakehner Jagdrennen“ des preußischen Hauptgestüts Trakehnen benannt, das seinerzeit eines der schwersten Querfeldein-Pferderennen der Welt war.
Reorganisation des osmanischen Heeres 1883 wurde von der Goltz nach Istanbul zur deutschen Militärmission im Osmanischen Reich versetzt und startete zunächst einen Ausbildungsdienst an der Generalstabsschule.Klaus Wolf: Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz In: Die Schlacht von Gallipoli 1915. Die deutsche Beteiligung. Anders als in der Umstrukturierung des osmanischen Heeres, bei der die Deutschen nur begrenzte Einflussmöglichkeiten und Erfolge hattenJoseph Pomiankowski: Der Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches. Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Weltkrieges. Amalthea, Wien 1928, S. 32 (Digitalisat)., gelang es von der Goltz durch seine Tätigkeit als Militärreformer in kurzer Zeit, für Deutschland eine Monopolstellung für die Rüstungsimporte in das Osmanische Reich zu erwirken. Diese Geschäfte waren im Osmanischen Reich durch Schmiergeld leicht beeinflussbar und so nutzte von der Goltz, der gemeinsam mit dem Großwesir und dem Finanzminister in einer Kommission zur Geldbeschaffung für die Rüstung tätig war, die ihm zur Verfügung stehende Summe von 30.000 MarkAlan Palmer: Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches. Heyne, München 1994 (englisches Original: London 1992), S. 319. für das nötige Bakschisch. Er selbst hingegen bereicherte sich bei seiner Tätigkeit nicht. Als der Waffenfabrikant Ludwig Loewe ihm eine Aktienübertragung anbot, antwortet er: „Sie haben es gut gemeint, aber ein preußischer Offizier nimmt keine Trinkgelder!“. Seine Verdienste fanden ihre Anerkennung durch die Ernennung zum kaiserlich osmanischen Marschall und die Verleihung des Titels „Pascha“.Goltz-Pascha, Colmar Freiherr von der Biographie veröffentlicht von Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Von besonderer Bedeutung wurde sein Wirken, als er den Sultan überzeugen konnte, türkische Offiziere zur Ausbildung nach Preußen zu senden. Dies förderte nachhaltig die Bildung eines prodeutschen Kerns im osmanischen Militär, welches seine Verbindung zu den Deutschen auch nach der jungtürkischen Revolution bis heute nicht verlor.Otto Liman von Sanders: Fünf Jahre Türkei. Scherl, Berlin 1920, S. 247 (Digitalisat).
Rückkehr nach Deutschland In preußische Dienste zurückgekehrt, übernahm Colmar von der Goltz 1896 als Generalleutnant das Kommando der 5. Division in Frankfurt/Oder. Nach Berufung zum Chef des Ingenieurkorps und Generalinspekteur der Festungen gelang es ihm, durch einen modernen Ausbau des Grenzbefestigungssystems vor allem auch die strategisch wichtige ostpreußische Grenzsperre zu schaffen, die 1914/15 einen entscheidenden Anteil an der erfolgreiche Abwehr der russischen Offensiven in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen hatte.
1907 wurde er zum Armeeinspekteur der sogenannten „6. Inspektion“, zuständig für das Königsberger, Danziger und Posener Armeekorps, berufen und 1911 zum Generalfeldmarschall ernannt. Zugleich erhielt er für seine kriegswissenschaftlichen Beiträge auch den Orden Pour le mérite für Kunst und Wissenschaft.
Neben diesen vielseitigen Tätigkeiten wirkte von der Goltz während mehrerer Reisen in das Osmanische Reich zwischen 1908 und 1910 auf Wunsch des Kaisers weiter als militärischer Berater an der Reorganisation des osmanischen Heeres mit. Am 1. Januar 1911 wurde er zum Generalfeldmarschall befördert und erhielt am 4. Juli 1913 den erbetenen Abschied, nachdem er noch am 16. Juni 1913 die ehrenvolle Ernennung zum Chef des Infanterie-Regiments von Boyen (5. ostpreußisches) Nr. 41 erhalten hatte.
Erster Weltkrieg Befehlshaber Da er bei Ausbruch des Weltkriegs schon über siebzig war, erhielt er zu seinem größten Bedauern kein Frontkommando mehr, sondern war vom 23. August bis 28. November 1914 Generalgouverneur für das „Kaiserlich deutsche Generalgouvernement Belgien“. Da er mit den erhaltenen Befehlen bezüglich der Behandlung der Zivilbevölkerung in Belgien nicht einverstanden war, bat er schon bald um Abberufung von seinem Posten und wurde infolge des Vorschlages des Botschafters Freiherr von Wangenheim wieder in das Osmanische Reich berufen. Dort sollte er – so hoffte der Botschafter – den Leiter der Militärmission – Liman von Sanders – ablösen, da dieser betreffs der Operationen stets einen strikt militärischen Standpunkt vertreten hatte und sich nicht den eher politisch motivierten Plänen der Botschaft und des Militärattachés beugte.Joseph Pomiankowski: Der Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches. Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Weltkrieges. Amalthea, Wien 1928, S. 100 f. Obwohl eine solche Ablösung von der türkischen Seite grundsätzlich abgelehnt wurde, blieben die Vereinbarungen betreffs Entsendung des Generalfeldmarschalls mit den Osmanen bestehen und von der Goltz traf am 12. Dezember 1914 im Osmanischen Reich ein, wo er zunächst als militärischer Berater des Sultans Mehmed V.Otto Liman von Sanders: Fünf Jahre Türkei. Scherl, Berlin 1920, S. 66. eingesetzt wurde. Nachdem Ende März 1915 Liman von Sanders den Oberbefehl über die zur Verteidigung der Dardanellen neu formierte 5. Armee erhielt, übernahm von der Goltz von ihm den Oberbefehl über die 1. Armee in Istanbul.Otto Liman von Sanders: Fünf Jahre Türkei. Scherl, Berlin 1920, S. 77. Seit Oktober 1915 führte von der Goltz den Oberbefehl über die 6. osmanische Armee, um die bis dahin in Persien unvereinbar scheinenden türkischen und deutschen Operationen zu koordinieren.Joseph Pomiankowski: Der Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches. Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Weltkrieges. Amalthea, Wien 1928, S. 152 f. Im Dezember 1915 traf er in Bagdad ein und verhalf der 6. Armee zum Sieg über die eingeschlossenen britischen Truppen in der Belagerung von Kut.Joseph Pomiankowski: Der Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches. Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Weltkrieges. Amalthea, Wien 1928, S. 153 f.
Von der Goltz übertrug Arthur Bopp die selbständige Leitung der Operationen in Persien. Aufgabe Bopps war es, „die Kräfte Persiens im Sinne der Zentralmächte und des Osmanischen Reichs zu verwerten und die Freiheit und Unabhängigkeit Persiens sicherzustellen. … Eine persische Erhebung vorzubereiten und die Einleitung für die Aufstellung einer persischen Armee zu treffen …“.Colmar Freiherr von der Goltz: Denkwürdigkeiten, bearbeitet und herausgegeben von Friedrich von der Goltz und Wolfgang Foerster, Berlin 1929, S. 418 f. Mit erheblichen Geldmitteln wurde im Frühjahr 1915 eine Etappenlinie quer durch den Iran bis nach Afghanistan aufgebaut, indem an den wichtigsten Punkten diplomatische Nachrichtenoffiziere als deutsche Konsuln eingesetzt wurden. Die Mehrzahl der an der Spitze der persischen Gendarmerie stehenden schwedischen Offiziere trat insgeheim in deutsche Dienste.
Beteiligung am Völkermord an den Armeniern