Wissenschaftliches Schreiben und Veröffentlichen gehört zum Alltag des wissenschaftlichen Arbeitens. Wissenschaftliches Schreiben ist Ziel und Aufgabe des Lernens an Hochschulen, weil wissenschaftliche Debatten überwiegend in schriftlicher Form geführt werden. Es ist ein kompositorischer Vorgang, der bedeutet, Forschungsfragen zu formulieren, Hypothesen zu erarbeiten und zu plausibilisieren, die Forschungsresultate in wissenschaftlichen Publikationen zu veröffentlichen und ihre Relevanz auch für die allgemeine Öffentlichkeit verstehbar zu machen.
Die Geschichte des wissenschaftlichen Schreibens und Veröffentlichens reicht vom Alten China und IndienPurves, A. C.: Composition instruction, in: The international encyclopedia of curriculum, ed. by Arieh Lewy, Pergamon Press, New York, 1991, ISBN 0-08-041379-X, S. 529–532. S. 529 über die Antike bis in die Gegenwart und spiegelt über die Jahrhunderte die jeweils spezifischen theoretischen, fachlichen und ideologischen Ausprägungen einer Zeit wider. Vor allem in standardisierten Veröffentlichungsverfahren sind zum Beispiel Ausschlussfaktoren auch heute nachweisbar.Amber E. Budden, Tom Tregenza, Lonnie W. Aarssen, Julia Koricheva, Roosa Leimu, Christopher J. Lortie: Double-blind review favours increased representation of female authors. (PDF; 194 kB) In: Trends in Ecology and Evolution. Vol. 23, No. 1, 2007, S. 4–6.
In den letzten Jahrzehnten sind neue wissenschaftliche Genres entstanden, vor allem aufgrund von informationstechnischen Änderungen für das Schreiben und Veröffentlichen. Bei Offener Wissenschaft (open research bzw. open science) wächst das wissenschaftliche Schreiben mehr und mehr mit dem Veröffentlichen zusammen. Nicht zuletzt durch die Möglichkeiten des Internets verändert sich das Verhältnis zwischen denjenigen, die Wissenschaft machen, und den WissenschaftsverlagenEinar H. Fredriksson: Foreword. In: Einar H. Fredriksson (Hrsg.): A century of science publishing. A collection of essays. IOS Press u. a., Amsterdam 2001, ISBN 1-58603-148-1, S. vii–viii. (Inhaltsverzeichnis), weil Forschung mehr und mehr selbst publiziert werden kann. Aufgrund des größeren Interesses in der Didaktik sowie wachsender Aufmerksamkeit für die Karriereförderung wird über praktische Aspekte des wissenschaftlichen Schreibens und Publizierens verstärkt informiert und debattiert, wodurch das Thema für verschiedene Gesellschaftsbereiche relevant geworden ist.
Geschichte seit dem 19. Jahrhundert Chronologie Anfang des 19. Jahrhunderts entstand in Deutschland im Zuge der humboldtschen Universitätsreform eine Lehrmethode, die auf dem wissenschaftlichen Schreiben basierte. Sie war als Ergänzung der Lehrmethoden der Vorlesung und der Disputation konzipiert. In der Hochschulorganisation wurden zu diesem Zweck Abteilungen eingeführt, die Seminar genannt wurden und die mit eigenen Seminarbibliotheken verfügten, ausgestattet wurden, in denen Studierende Originalquellen für ihre Studienarbeiten einsehen konnten. 1906 gab die Universität von Chicago erstmals formale Richtlinien heraus, bekannt als The Chicago Manual of Style (16. Ausgabe 2010The Chicago Manual of Style, copyright notice). Seit 1937 wird das A Manual for Writers of Research Papers, Theses, and Dissertations von Kate L. Turabian veröffentlicht, das sich auf das The Chicago Manual of Style bezieht und von dem nach einer Schätzung der University of Chicago Press mehr als 8 Millionen Exemplaren verkauft worden sind. Ab 1946 wurde an deutschsprachigen Hochschulen das Studienfach Rhetorik entwickelt. Den ersten Lehrstuhl in Allgemeiner Rhetorik gab es 1963 an der Universität Tübingen, bekleidet von Walter Jens. Zu Wissenschaftsrhetorik im Speziellen gibt es inzwischen eigene Hochschulveranstaltungen.Etwa an der Ruhr-Universität Bochum, Rhetoric of Science / Wissenschaftsrhetorik 1959 beschreibt der spätere Nobelpreisträger André Lwoff im Bacteriological Review die gängige Praxis, indem er sagt, dass für den Erfolg von Wissenschaft nicht nur die richtigen Ideen und richtigen Experimente nötig seien, um einen Aufsatz daraus zu machen, sondern dass man einen kohärenten Lehrkorpus („a coherent doctrinal corpus“) schaffen müsse „und diesen in Zeitschriften und Lehrbücher hineinzwingen.“Zitiert bei Ludwik Fleck: „Krise in der Wissenschaft. Zu einer freien und menschlichen Wissenschaft“ (1960), in: Ludwik Fleck: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse. Hrsg. und kommentiert von Sylwia Werner und Claus Zittel. Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-29553-3, S. 466–474. Ab 1972 entwickelte Donald E. Knuth das nicht-proprietäre Satzprogramm LaTeX, das heute in naturwissenschaftlich-technischen Fachgebieten Standard ist. 1999 kommen Georg Rückriem und Joachim Stary bei ihrer Sichtung von deutschsprachiger Fachliteratur zu dem Ergebnis, dass Schreibschwierigkeiten und -blockaden zwar schon länger Gegenstand wissenschaftlicher Forschung seien, es aber ihres Wissens „kein gründliches Buch zu deren Entstehung“ gebe.Georg Rückriem, Joachim Stary: Wissenschaftliches Schreiben: einige (teils annotierte) Literaturhinweise für Studierende. In: Wolf-Dieter Narr, Joachim Stary (Hrsg.): Lust und Last des wissenschaftlichen Schreibens. Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer geben Studierenden Tips. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-518-29037-1, S. 261–277. 2001 schlossen sich Wissenschaftler zur Budapest Open Access Initiative (BOAI) zusammen, um das Ziel des freien Zugangs zu begutachteter wissenschaftlicher Literatur im Web, Open Access, zu verwirklichen. 2003 wurde daraufhin von Wissenschaftsinstitutionen und -verbänden die Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen unterzeichnet. Seit 2011 erscheint das Journal of Academic Writing als Zeitschrift des Verbandes European Association for the Teaching of Academic Writing (EATAW), der auch Konferenzen zu Schreibforschung sponsert, die es seit 2001 gibt.Dan Wu: Introducing writing across the curriculum into China. Feasibility and adaptation. Springer, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-33095-7, S. 1
Deutsch als Wissenschaftssprache Im frühen 19. Jahrhundert begannen sich in Deutschland die ersten wissenschaftlichen Fachgesellschaften zu etablieren und wissenschaftliche Zeitschriften erschienen statt auf Latein zunehmend in deutscher Sprache.Peter Watson: The German genius. Europe's third renaissance, the second scientific revolution, and the twentieth century, , Simon & Schuster, London 2011, ISBN 978-1-4165-2615-5, S. 829 und Introduction. Auch international wurde Deutsch, neben Französisch und Englisch, zu einer wichtigen Wissenschaftssprache.Ulrich Ammon: Über Deutsch als Wissenschaftssprache. Juni 2010. Aktuell ist Deutsch als internationale Wissenschaftssprache vor allem noch in geisteswissenschaftlichen Fächern zu finden. An erster Stelle gilt das für die Germanistik und andere Philologien, aber auch für philosophische, religionswissenschaftliche und einige sprachwissenschaftlichen Arbeiten.
Von Deutsch zu Englisch als internationaler Wissenschaftssprache Infolge der Verfolgungen und Vertreibungen von deutschsprachigen Wissenschaftlern in der Zeit des Nationalsozialismus, die in englischsprachige Länder gingen, verlagerte sich die Wissensproduktion und die internationale Wissenschaftskommunikation auf Englisch. In den Jahren nach 1945 wurde dieser Wandel auch zu einer Herausforderung bei Wissenschaftsverlagen, die bis dahin Publikationen nur in deutscher Sprache vermarktet hatten.Ekkehardt Hundt: German Post-WWII Developments and Changes in der Language of Science. In: Einar H. Fredriksson (Hrsg.): A century of science publishing. A collection of essays. IOS Press u. a., Amsterdam, 2001, ISBN 1-58603-148-1, S. 97–108. (Inhaltsverzeichnis)
Schreiben in der Praxis Wissenschaftliches Schreiben findet meist allein statt und muss möglichst kontinuierlich geübt werden, wenn es wirkungsvolles Schreiben sein soll.Gert Ueding: Rhetorik des Schreibens. Eine Einführung. 4. Auflage. Beltz Athenäum, Weinheim 1996, ISBN 3-89547-102-X, S. 17. Darüber hinaus gibt es innerhalb und außerhalb von Hochschulen vermehrt Schreibseminare oder Schreibwerkstätten.
Zum wissenschaftlichen Schreiben gehören Techniken wie das Zitieren und das Bibliografieren und kreative Techniken zur Unterstützung des Schreibprozesses. Die Genres und Formate, in denen geschrieben wird, sind je nach Fachgebiet in ihrer Häufigkeit verschieden. Außerdem wird unterschieden, ob es sich eher um das Aufschreiben andernorts erzeugter Daten handelt oder ob das Schreiben selbst als wissenschaftliches Arbeiten angesehen wird.
Eine weit verbreitete Software für das Schreiben und Layouten ist das 1972 entstandene LaTeX, ein freies Satzprogramm (ein nicht-proprietäres Schreibwerkzeug), das sich für umfangreiche und komplexe Texte eignet, die strengen typographischen Ansprüchen genügen müssen. Bei diesem Programm werden die zu formatierenden Passagen, Überschriften, Literaturverzeichnisse, Fußnoten, mathematische Formeln etc. mit Befehlen textuell ergänzt, woraus das Programm anschließend das gewünschte Layout für die Publikation erstellt.
Wissenschaftlicher Stil Pierre Bourdieu zählt zum wissenschaftlichen Stil, dass man alternative Positionen Revue passieren lässt, um sich davon abzusetzen.Pierre Bourdieu: Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen. Wagenbach, Berlin 1989, ISBN 3-8031-5120-1, S. 8. Oder man stellt bezüglich Forschungsstand oder Reflexion in einem bestimmten Zweig des eigenen Faches ein Defizit fest, um sich selbst als diejenige Person darzustellen, die Abhilfe schafft, wie der Historiker Valentin Groebner es formuliert.Valentin Groebner: Historische Anthropologie diesseits und jenseits der Wissenschaftsrhetorik: Ein Ort, irgendwo? In: Historische Anthropologie. Band 10, Heft 2 (August 2002), S. 303–304.
Wissenschaftliche Textproduktion basiert auf umfassender Informationsgewinnung und ist in der Regel Teil eines umfassenderen Erkenntnisprozesses, so Otto Kruse. Als Voraussetzung für das wissenschaftliche Schreiben benötigt man aus seiner Sicht vor allem eine besondere Wissensbasis, muss die linguistischen Konventionen kennen und sich bewusst sein, dass man für spezielle kommunikative Zusammenhänge schreibt.Otto Kruse: Wissenschaftliche Textkomposition. In: Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium. 8. Auflage. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-593-36659-2, Kap. 4. Wissenschaftlicher Stil zeichnet sich ferner dadurch aus, dass Erkenntnisse sachlich begründet werden und das Geschriebene von der Struktur her transparent ist. Im Gegensatz dazu wollen zum Beispiel Besprechungen von Neuerscheinungen in der Presse nicht nur informativ, sondern auch unterhaltend sein und sind in einem feuilletonistischen Stil geschrieben.Janine Hauthal: Die Rezension als Einstieg ins wissenschaftliche Schreiben und Publizieren. In: Ansgar Nünning, Roy Sommer (Hrsg.): Handbuch Promotion. Forschung – Förderung – Finanzierung. Metzler, Stuttgart / Weimar 2007, ISBN 978-3-476-02011-6, S. 206.
Für Hartmut von Hentig bedeutet Wissenschaft vor allem Freigabe und Ent-Eignung von Wissen. Wer wissenschaftlich schreibe, wolle nicht nur Erkenntnisse wiedergeben, sondern sie erklären und zur Wirkung bringen. Das solle allerdings nicht dazu führen, Belehrung oder Überredung dadurch zu „tarnen“, dass man fremdsprachliche Begriffe verwende, komplizierte Gedankengänge einsetzte und Autoritäten zitiere. Denn wissenschaftliche Prosa sei dann gut, wenn sie „vor allem einfach und darum deutlich ist.“
mini|Ergebnisse der PISA-2009-Studie im Fach Naturwissenschaften