Die grönländische Literatur ist die in grönländischer Sprache verfasste Literatur der in Grönland lebenden Bevölkerung. Sie ist einerseits Ergebnis einer der ältesten überlieferten Erzähltraditionen weltweit und andererseits – infolge der Kolonisierung und kulturellen Bindung Grönlands an Dänemark seit dem 18. Jahrhundert – eine der „jüngsten und kleinsten Ableger“ der nordischen Literaturen.Thisted 1996, S. 343. Zugleich knüpft sie an uralte Erzählformen und Mythen an. So entstand eine Hybridliteratur: Es gibt Grönländer, die in dänischer Sprache und Dänen, die in grönländischer Sprache schreiben.

Mündliche Kultur Die Erzähltraditionen der Polarvölker von Grönland bis zur Tschuktschen-Halbinsel standen über lange Zeit hinweg in einem engen Zusammenhang. Obwohl dieselben Mythen an vielen Orten der Polarregion zu finden sind, gehen doch die Erzähler überall davon aus, dass sie in ihrem eigenen Land entstanden sind. Die Spuren der langen Wanderungen der Inuit vom Norden Kanadas nach Grönland haben sich im Bewusstsein der Bewohner der oft weit voneinander entfernten Siedlungen vor allem Ostgrönlands verwischt, wo sich die Traditionen am besten erhalten haben.Knud Rasmussen: Mythen und Sagen aus Russland. München 2022, S. 6, 21.

Die grönländischen Mythen lassen sich nach Knud Rasmussen unterteilen in Oqalugtuat, alte Mythen aus ferner Vorzeit, die die Inuit aus ihrer Urheimat mitgebracht haben, und Oqaluataat, Epen, die von Menschen handeln, die in einer Zeit lebten, aus der noch lebendige Überlieferungen existieren. Wegen der phantastischen Ausschmückungen auch der letzteren Geschichten unterscheiden sich die beiden Typen nur gering. Stets verknüpft das Erzählen Vergangenheit und Gegenwart.Rasmussen 2022, S. 1 f. mini|Mythos von Kaassassuk, dem Waisenjungen und Bärentöter, aufgezeichnet von Knud Rasmussen, illustriert von Jakob Danielsen Im Mittelpunkt der Oqaluataat stehen oft elternlose oder ausgestoßene Helden, die sich aus Not und Elend herauskämpfen, weite Reisen unternehmen, auf fremde Stämme treffen oder sich bei Wettkämpfen oder Sängerwettbewerben auszeichnen. Oft handelt es sich um Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten wie Kaassassuk.

Die Oqalugtuat handeln von der kosmischen Schöpfung durch den Himmelsgott und allen unter ihm stehenden Naturkräften und -geistern, von den Unterirdischen, vom gefürchteten Mondmann, der über Ebbe und Flut gebietet und Ungehorsame züchtigt, von der Meeresgöttin Imapukua, die die Fangtiere wegen der Sünden der Menschen zurückhält, und von Asiaq, der Gebieterin über Wind und Regen.Rasmussen 2022, S. 17.Grönländische Mythologie in: Pierer’s Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 664 f.

In vielen Geschichten treten Riesen, Zauberpriester und Geisterbeschwörer (Schamanen, Angakkuq; pl.: Angakkuit, dt. meist: Angekoks) sowie ihre Hilfsgeister auf.Evelin Haase: Der Schamanismus der Eskimos (=Acta culturologica, Band 3). Aachen 1987. Ein häufiges Motiv der Erzählungen ist der Schamanenflug, bei der der Geisterbeschwörer gefesselt wird, damit sich seine Seele von der Erde erheben kann, während die Trommel sich von selbst bewegt. Häufig ruft er Asiaq an, damit sie im Frühjahr warmen Wind und Regen schickt und das Eis schmelzen lässt.Rasmussen 2022, S. 17, 35.

Die Alltagserzählungen spiegeln das traditionelle raue Leben der Inuit, wobei beide Welten eng verflochten erscheinen. Wichtig war die Unterhaltungsfunktion der Mythen und Sagen, die farbenreich und mit großer Beredsamkeit und Schauspielkunst in den langen Winternächten vorgetragen werden. Daneben gibt es auch Tierfabeln, humoristische Erzählungen und monotone Einschlafgeschichten.Rasmussen 2022, S. 7.

Durch die schriftliche Fixierung (und erst recht durch die Übersetzung in europäische Sprachen) gingen und gehen jedoch wichtige Merkmale des Gesprochenen bzw. des im monotonen Sprech- und Trommelgesang Mitgeteilten verloren; der schriftliche Ausdruck erfährt gegenüber dem Hörerlebnis einen deutlichen „Stimmungsverlust“, was nur schwer auszugleichen ist.

Christliche Mission und frühe grönländische Literatur Die christliche Indoktrination durch die dänische lutherische Kirche und die Herrnhuter Mission in Grönland (1731–1900) mit dem Verbot des Trommelgesangs, unfairem Handel, Zwangsehen, körperlichen Strafen sowie in neuerer Zeit Alkoholismus und Zwangsumsiedlungen löschten das traditionelle Wissen der Inuit fast aus.Heinz Israel: Kulturwandel grönländischer Eskimo im 18. Jahrhundert. Wandlungen in Gesellschaft und Wirtschaft unter dem Einfluß der Herrnhuter Brüdermission (=Abhandlungen und Berichte des Staatlichen Museums für Völkerkunde Dresden, Bd. 29). Akademie-Verlag, Berlin 1969. Den Trommelgesang, der häufig mit Tanz verbunden war und beim Sängerstreit zur Konfliktbeilegung oder von Schamanen gepflegt wurde, ersetzte man durch Psalmengesang.Langsames Tauwetter in ewigem Eis in Neue Zürcher Zeitung, 3. September 2005.

Eine grönländische Schriftsprache existiert in standardisierter Form seit etwa 150 Jahren. Poul Egede, der Sohn des lutheranischen Missionars und erbitterten Gegners des Trommelgesangs Hans Egede, Bischof von Grönland von 1740 bis 1747, entwickelte Mitte des 18. Jahrhunderts eine Bibel für Grönländer in einer dänisch-grönländischen Mischsprache – ein frühes Beispiel für die künstliche Hybridisierung von Sprache und Literatur. Egede gab 1741 den Band Det gamle Grønlands nye Perlustration eller Naturel-Historie („Gründliche Untersuchung oder Naturgeschichte des alten Grönland“) heraus, das eine wichtige Quelle aus der Missionszeit darstellt.Hans Egede auf denstoredanske.lex.dk (dänisch) Es folgten Egedes grönländisch-dänisch-lateinisches Wörterbuch von 1750 und ein Grammatik von 1760.Thisted 1996, S. 343.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine rein grönländische Schriftsprache für Bibel- und Psalmenübersetzungen entwickelt. Das Neue Testament wurde zuerst von Konrad Kleinschmidt ins Grönländische übersetzt. Sein Sohn, der Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine Samuel Kleinschmidt, respektierte weitgehend das traditionelle Lebensumfeld der Grönländer und ließ 1851 die erste Grammatik der grönländischen Sprache in Berlin drucken. Der von ihm angestoßenen Standardisierung der Sprache, die im Prinzip bis zur Reform 1973 Gültigkeit behielt, liegt der zentrale Dialekt von Westgrönland zugrunde.Samuel Kleinschmidt auf denstoredanske.lex.dk Diese Fixierung verhindert allerdings bis zur heutigen Zeit, dass sich Grönländer aus Nord- oder Ostgrönland mit ihren stark abweichenden Dialekten in der Schriftsprache profilieren konnten.Thisted 1996, S. 343

mini|hochkant|Rasmus Berthelsen Für die grönländische Bildungsgeschichte wichtig war das 1945 in Godthåb, dem heutigen Nuuk gegründete Lehrerseminar Grønlands Seminarium. Auch der erste Verlag mit Druckerei entstand dort 1857; er wurde entscheidend für die Begründung einer schriftlichen Tradition.Thisted 1996, S. 343. Atuagagdliutit, die erste Zeitung (anfänglich nur ein Blatt pro Monat umfassend, später aber auch mit Abdruck europäischer Klassiker) erschien 1861. Eigentlich handelte es sich um ein Jahrbuch, denn alle zwölf Blätter wurden wegen der Transportschwierigkeiten gleichzeitig ausgeliefert. Auch einfache Menschen trugen mit Berichten aus ihrem Alltag zur Gestaltung der Zeitung bei, so der Jäger Johannes Ungâralak (1840–1886), der bei Kap Farvel lebte.Thisted 1896, S. 343. Seine Erzählungen Berichte wurden 1955 von Frederik Nielsen herausgegeben. Rasmus Berthelsen (1827–1901), Redakteur von Atuagagdliutit, verfasste als Erster Kirchenlieder in grönländischer Sprache und grönländischem Rhythmus mit ständigen Variationen und sich steigernder Intensität, also ähnlich wie beim Trommelgesang.Rasmus Berthelsen auf denstoredansk.lex.dkThisted 1996, S. 343 f.

Im gleichen Jahr 1861 veröffentlichte der Missionar Carl Janssen (1813–1884) die erste Weltgeschichte in grönländischer Sprache (Silamiut ingerdlausiánik, „Der Fortschritt der Menschheit“, Nachdruck 2012). Als Lehrbuchautor verwendete er als erster die Kleinschmidtsche Rechtschreibung.Carl Janssen auf biografiskleksikon.lex.dk Das erste umfassende Wörterbuch erschien 1871, doch die Alphabetisierung vollzog sich nur sehr langsam. Zu den ersten Schriftstücken, die die Druckerei in Godthåb verließen, gehörte die Aufforderung, die alten Sagen zu sammeln und einzusenden, obwohl die Mission alles getan hatte, um diese Zeugnisse aus heidnischer Zeit zu vernichten.Thisted 1996, S. 343. Mündliche Erzählungen waren zuvor bereits von dem Missionar Peder Kragh 1823–1828 in Nordwestgrönland gesammelt.Glauser u. a. 2006, S. 463. Die noch zirkulierenden Erzählungen und die Aufzeichnungen alter Erzählungen und ihre Illustrationen durch den schriftkundigen Maler Aron von Kangeq (1822–1869) von der Westküste wurden von dem Amtmann Hinrich Johannes Rink 1858–1868 gesammelt und publiziert.Glauser u. a. 2006, S. 463 f. Rink war so weitsichtig zu erkennen, dass diese Erinnerungen an die Vergangenheit später eine große Bedeutung für eine gemeinsame Zukunft des Volkes haben würden.Thisted 1996, S. 343. Der Erzähler Jens Kreutzmann (1828–1899) war ebenfalls mit der Schriftsprache vertraut und vermittelte Erzählungen, die bis heute nicht ins Deutsche übersetzt wurden.

mini|hochkant|Harald Moltke (Landschaftsmaler), Knud Rasmussen, Ludvig Mylius-Erichsen und Alfred Bertelsen, vier der fünf Teilnehmer einer „Literarischen Expedition“ (1902–1904) zur Erkundung der Sagen und Mythen Nordwestgrönlands Dem Jäger und Erzähler Jakob Danielsen (1888–1938), der sich autodidaktisch zum Maler fortbildete, gelang es in seinen Bildern, die zudem mit ausführlichen Erklärungen versehen waren, die Stimmung und Dramatik der Sagen sowie die Mimik und Gestik der Erzähler, die ihre Helden imitierten und dabei das Publikum einbezogen, zu vermitteln.

Von 1900 bis 1920 sammelte der im Norden Grönlands aufgewachsene, mit der Sprache der Inuit gut vertraute Däne Knud Rasmussen Gesänge, Mythen und Sagen vor allem im Distrikt von Kap York und im zentralen Westgrönland, aber auch (mit Hilfe des Kenners und Illustrators der Geschichten Kârale Andreassen) in Angmagssalik, wobei die dänische Fassung viele ästhetische Eigentümlichkeiten der originalen Versionen bewahrte.Glauser u. a. 2006, S. 464.Knud Rasmussen: Myter og Sagn fra Grønland, Bd. I-III, 1921–1925; dt. Fassung von Bd. I: Knud Rasmussen: Mythen und Sagen aus Grönland. Mit über 30 Original-Illustrationen des Inuit Kârale. Anaconda, München 2022 (enthält ca. 65 Schöpfungsmythen, Tierfabeln, epische Sagen, Zaubergeschichten, Gesänge aus Ostgrönland und Nachwort von Rasmussen zur Mythologie der Inuit).

Das frühe 20. Jahrhundert Der Beginn des 20. Jahrhunderts war eine Zeit des intellektuellen Aufbruchs und der Identitätsfindung, in der eine einheimische Bildungselite von Lehrern und Pastoren begann, Europa zu bereisen und sich schriftstellerisch zu betätigen.Volquardsen 2011. Die 1907 gegründete Vereinigung Pegatigiinniat versuchte, über die inzwischen erstarrten Formen der christlichen Frömmigkeit hinaus ein geistig-gesellschaftliche Erweckungsbewegung mit belehrender Tendenz im Sinne des dänischen Theologen Grundtvig anzustoßen. Sie öffnete damit den Raum für die Entstehung individueller Genres wie dem Roman oder der Novelle.Thisted 1996, S. 344. Bildungsstätte der grönländischen Elite war damals das 1845 gegründeten Lehrerseminar in Godthåb.