Unter Stricharten versteht man verschiedene Spieltechniken, mit denen bei Streichinstrumenten der Bogen über die Saiten geführt wird. Sie ermöglichen ganz wesentlich die musikalische Gestaltung von Artikulation und Phrasierung. Auch die Klangfarbe und die Tonqualität werden von der Strichart beeinflusst.
Historische Entwicklung Die Theoretiker des 18., mehr noch die des 17. Jahrhunderts haben nur wenige und vergleichsweise unpräzise Beschreibungen von Strichtechniken hinterlassen. Terminologie wie auch die in den Notentexten verwendeten Symbole waren uneinheitlich, die Autoren oft mehr am theoretischen System als an der Wirklichkeitsabbildung interessiert. Erst das 19. Jahrhundert hat mit einer Fülle von pädagogischen und theoretischen Äußerungen zu mehr begrifflicher Stringenz gefunden. Dennoch sind die verwendeten Termini nicht durchgehend eindeutig; Einigkeit besteht jedoch über grundlegende Strichbenennungen.
mini|Obergriff beim Violinbogen. Beim Cellobogen wird der kleine Finger seitlich über dem Perlmuttauge des Frosches aufgesetzt. Das traditionelle Repertoire der Stricharten hat sich also wesentlich für den Bedarf der Musik des 19. Jahrhunderts ausgeprägt. Erst die historisch informierte Aufführungspraxis hat im ausgehenden 20. Jahrhundert in Verbindung mit Instrumenten der Zeit frühere Spieltechniken wiederentdeckt und belebt. Die nachfolgend verwendeten Begrifflichkeiten gelten für die Instrumente der Violinfamilie (Violine, Viola, Violoncello und, mit Einschränkungen, Kontrabass); andere Streichinstrumente, insbesondere Gamben, werden zunächst nicht einbezogen. In jedem Fall wird der Obergriff vorausgesetzt, bei dem die Finger von oben auf der Stange liegen und der Daumen sie von unten stützt. Immer wiederkehrende Grundbegriffe sind: Abstrich (Bogen vom Frosch zur Spitze ziehen), Aufstrich (Bogen von der Spitze Richtung Frosch schieben), Bogenwechsel (Wechsel zwischen Ab- und Aufstrich), auf einen Bogen spielen (Töne ohne Wechsel der Strichrichtung spielen).
Das Werkzeug Bogen: Bei den vorher üblichen Barock-Bögen war die Stange nach außen gebogen und aus relativ weichem Holz gefertigt. Die Folge war eine geringere Spannung der Bogenhaare, sehr sensibles Artikulieren und Sprechen sind die Stärken dieser Bögen. Die im Lauf des 19. Jahrhunderts zunehmende Vorliebe für lange Melodiebögen und das zunehmende Musizieren in größeren Konzertsälen unterstützten die Entwicklung längerer und kräftigerer Bögen, wie sie z. B. François Tourte baute. Die Stange dieser heute meist gebräuchlichen „modernen“ Bögen ist nach innen gekrümmt und besteht aus Pernambukholz, sie ist härter und erlaubt eine höhere Spannung der Bogenhaare.
Systematik der Stricharten Die Stricharten können in zwei Gruppen eingeteilt werden: Die Bogenhaare bleiben an der Saite oder verlassen sie. In beiden Fällen kann bei jedem Ton die Strichrichtung gewechselt oder beibehalten werden.
Die Bogenhaare bleiben an der Saite Mit Bogenwechsel Détaché mini|Johann Sebastian Bach, Seite aus Anna Magdalena Bachs Abschrift der Cellosuiten. Getrennt oder gebunden waren die wichtigsten Stricharten des ausgehenden Barock. Die Bezeichnungen setzen einen zeitgenössischen, in Sachen Aufführungspraxis erfahrenen Spieler voraus. Sie geben oft nur ein generelles Gestaltungsprinzip eines Motivs oder eine Abweichung vom Gängigen an.
„Détaché“ (frz. „abgetrennt“) bedeutet, dass bei jeder neuen Note ein Strichwechsel stattfindet (dh. zwischen Ab- und Aufstrich changiert wird). Im 18. Jahrhundert kann man „détaché“ häufig mit dem (modernen) Ausdruck „non legato“ gleichsetzen. Der Barockbogen fördert diese Klangwirkung.
Die historischen Autoren erwähnen vielfältige Formen des Détaché, unterschieden nach Tonansatz (harter, mittlerer, weicher Konsonant), nach Entwicklung der Töne (an- oder abschwellend) und ihrer klingenden Zeitdauer (ohne oder mit Pause). Am gebräuchlichsten ist das Détaché bei kurzen Noten, aber auch lange Noten ohne darüber gesetzten Legatobogen werden détaché gespielt. Die Strichart wird als „Normalfall“ nicht zwingend eigens bezeichnet, bzw. speziell notiert. Dennoch findet sich teils über dem entsprechenden System die Angabe „détaché“, um deutlich zu machen, dass die Passage eben nicht „in einem Bogen“ gespielt werden soll. Auch kann die Artikulationsart durch einen einfachen Wechsel aus Auf- und Abstrichsymbolen angezeigt werden. In Partituren des späten 19. Jahrhunderts findet sich manchmal auch die Vorschrift „sciolto“ (ital. „abgetrennt“).
Martelé Um die Grundform eines Martelé (franz. „gehämmert“) hervorzubringen, wird der Bogen mit Druck auf die Saite gelegt, so dass bei der plötzlich einsetzenden Streichbewegung bereits der volle Bogendruck da ist. Es entsteht ein leicht perkussiver Tonbeginn. Carl Flesch schrieb: „Klingler vergleicht das im Marteléansatz entstehende Nebengeräusch sehr treffend mit dem Ansatz der Konsonanten g, d, t, k.“Flesch (1929) S. 49. Gemeint ist: Karl Klingler, Die Grundlagen der Geigentechnik, Leipzig 1921 (Angabe nach Flesch S. III). Fleschs Formulierung „Nebengeräusch“ dokumentiert die Schwierigkeit einer klaren Beschreibung des Phänomens. Tatsächlich handelt es sich nicht um ein Nebengeräusch (etwa ein Kratzen), sondern um einen explosiv wirkenden Tonbeginn. Die rhythmische Präzision des Marteléansatzes macht ihn einem Klavieranschlag vergleichbar. Siehe dazu auch weiter unten „konsonantischer Ansatz und Collé“. Ein bekanntes Stück, dessen Anfang von vielen Geigern im Martelé gespielt wird, ist Fritz Kreislers Präludium und Allegrovgl. etwa Aufnahmen von Rafael Druian oder Erick Friedman..
Sautillé Beim Sautillé, das nur in schnellerem Tempo möglich ist, federt die Bogenstange durch ihr Eigengewicht und die Elastizität der Bogenhaare auf und ab, die Haare bleiben aber an der Saite. Dies bewirkt eine Kürzung und „knackige“ Artikulation der Töne. Es wird an der Mitte oder am Schwerpunkt des Bogens gespielt. Bei guter Bogenbeherrschung gelingt ein organischer Übergang von (langsamerem) Spiccato zu (schnellerem) Sautillé.
Ohne Bogenwechsel Legato Beim Legato (ital. „gebunden“) werden mehrere Noten ohne Strichwechsel und ohne Unterbrechung des Strichs aneinandergehängt. Es wird mit einem Bogen („Legato-“ oder „Bindebogen“) bezeichnet, der sämtliche Noten zusammenfasst, die auf einen Strich gespielt werden. Das im 19. Jahrhundert entwickelte Ideal ist die vollkommene Gleichmäßigkeit des Strichs, der allenfalls durch ein (ebenso gleichmäßiges) Crescendo oder Decrescendo variiert wird. Galamian gibt folgendes Beispiel: links|600px
Er bemerkt dazu: „Bei diesen Bindungen [im 3. und 4. Takt] sollte das Gefühl im rechten Arm [der den Bogen führt] das gleiche sein wie bei den ganzen Noten […].“Galamian (1962) S. 75 Der Instrumentalist reagiert nicht auf die metrische Ordnung der einzelnen Töne, er unterscheidet nicht zwischen betonten und unbetonten Noten. Folgende Gestalten sind für den Hörer daher nicht unterscheidbar: links|280px
Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden lange Bögen auch als Phrasierungszeichen eingesetzt. Die scheinbar dadurch entstehenden überlangen Legatolinien sind auf einen einzelnen Strich oft nicht ausführbar. Sie werden daher auf mehrere Striche aufgeteilt, die nach Möglichkeit ohne hörbare Pause aneinandergehängt werden. Die Entscheidungen darüber trifft der Instrumentalist; die Zahl der notwendigen Bogenwechsel hängt von vielen Bedingungen ab wie Dynamik, Klangfarbe usw.
Portato Seit dem 18. Jahrhundert wird zunehmend die Notierung von Staccatopunkten unter einen Bogen als Zeichen für das Portato (ital. getragen) oder Louré, verstanden; bei Wiederholung gleicher Töne spricht man auch vom „Bogenvibrato“. Alternativ dazu existiert die Notierung mit waagerechten Tenuto-Strichen statt Punkten. Die Noten werden breit gespielt, der Ansatz ist weich; ihm folgt eine Anschwellung des Tons.
Staccato Das heute unter Streichern übliche Wortverständnis von „Staccato“ hat sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts gebildet. Gemeint ist eine Folge von Marteléansätzen in derselben Strichrichtung. Das Staccato kann kürzer oder auch breiter sein und sich somit dem Portato annähern. Es wird je nach Strichrichtung in das gebräuchliche Aufstrichstaccato und das selten zu sehende Abstrichstaccato unterschieden. Der Bogen bleibt hauptsächlich an der Saite. Verlässt er beim Spielen zwischen den Tönen die Saite, heißt es „fliegendes“ Staccato.
Die Bogenhaare verlassen die Saite Mit Bogenwechsel Spiccato Im 18. Jahrhundert waren die Bezeichnungen „staccato“ und „spiccato“ (beides ital. „losgelöst“) gleichbedeutend. Gemeint war unabhängig von der bogentechnischen Ausführung eine deutliche Kürzung des Tons und eine daraus resultierende Pause vor dem nächsten. Eine Unterscheidung zwischen den Zeichen Punkt, Strich oder Keil – Strich und Keil als schärferes, Punkt als weicheres Staccato – entwickelte sich erst von der Jahrhundertmitte an; konsequent vollzogen war sie nicht vor dem 19. Jahrhundert.
Heute bedeutet „spiccato“ eine Kürzung der Note, die durch Entfernung des Bogens von der Saite zustande kommt. In Folgen von Spiccatonoten verlässt der Bogen mit dem Ende einer Note die Saite und erreicht sie wieder beim Beginn der folgenden. „Spiccato“ tritt in der heute üblichen Terminologie für das Phänomen ein, das bei anderen Instrumenten „staccato“ heißt; während „staccato“ in der Streicherpraxis seine Bedeutung vollständig gewandelt hat. Wird also für eine Streicherstelle von einem Nichtstreicher – einem Komponisten, Dirigenten, Kammermusikpartner – „staccato“ vorgeschlagen, so kann der Spieler des Streichinstruments das Wort für sich in die Strichausführung „spiccato“ übersetzen und die Noten bogentechnisch entsprechend ausführen. Im Wesentlichen werden zwei Spiccatotechniken gelehrt.
„Springendes“ Spiccato
Ausgangspunkt dieser Technik ist das selbständige Zurückspringen des auf die Saite prallenden Bogens. Dieses Aufprallen und Zurückspringen wird mit Ab- und Aufstrich des Bogens verbunden, das den Ton hervorbringt. Obertonstruktur, Charakter und Geschwindigkeit der Töne lassen sich steuern durch Veränderung der Strichstelle (Spiel näher am Frosch oder weiter in der Bogenmitte), Länge von Ab- und Aufstrich und „Kantung“ des Bogens (Drehung um die Bogenstange, so dass mehr oder weniger Haare die Saite berühren). Das springende Spiccato ermöglicht eine elegante Tongebung.
„Aufgehobenes“ Spiccato
Das aufgehobene Spiccato geht von Einzeltönen aus, bei denen durch die Energie des Tonansatzes der Bogen vom Arm von der Saite weggetragen wird. Der Bogen fällt nicht von selbst wieder zurück; jeder Ton wird kontrolliert von neuem angesetzt. Das selbstständige Hochspringen des Bogens ist weitgehend unerwünscht; es wird verhindert durch eine sehr flache, horizontal dominierte Bogenführung. Diese Technik ist durch ihre weitergehende Kontrolle geeignet, auch komplexe rhythmische Gestalten darzustellen.
Eine Passage wie die folgende gelingt gut mit aufgehobenem Spiccato, auch Otakar Ševč%C3%ADk empfiehlt dies, z. B. in den 40 Variationen op. 3. links|600px|Georg Philipp Telemann, „Pariser Quartett“ TWV 43: D1, 1. Satz Takt 80–81
Die drei gebundenen Noten werden mit dem Bogen an der Saite im Abstrich gespielt, der vierte Ton artikuliert mit einem kurzen liegenden Aufstrich angebunden, dann wird der Bogen abgehoben und schnell und flach in der Luft an den Ausgangspunkt zurückgeführt.
Ohne Bogenwechsel Spiccato auf einen Bogen