mini|Ahmad Mansour (2023)
Ahmad Mansour (levantinisch-arabisch: ; * 2. Juli 1976 in Tira, Israel) ist ein israelisch-deutscher Psychologe und Autor arabisch-palästinensischer Herkunft. Er lebt seit 2004 in Deutschland und hat zusätzlich zur israelischen Staatsbürgerschaft seit 2017 die deutsche Staatsbürgerschaft.Interview auf nw.de vom 30. März 2017, abgerufen am 29. Juni 2017. Er beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung, Unterdrückung im Namen der Ehre und Antisemitismus in der islamischen Gemeinschaft.
Leben Ahmad Mansour wurde 1976 als Sohn arabischer Israelis in der Kleinstadt Tira im Meschulasch geboren. In: ahmad-mansour.com. Er wuchs in einer nichtpraktizierenden muslimischen Familie aufAhmad Mansour: "Ich war einmal ein Islamist" In: Der Tagesspiegel, 23. März 2013. und hat drei Geschwister. Während seiner Schulzeit kam er nach eigener Aussage in seiner Moschee in Kontakt mit einem fundamentalistischen Lehrer. Dieser schenkte ihm Aufmerksamkeit, ein Gefühl der Zugehörigkeit und Sinnstiftung, wodurch er zu einem Islamisten geworden sei. Sein Studium der Psychologie (1996–1999) mit Abschluss als Bachelor in Tel Aviv, bei dem er in Kontakt mit der westlichen Kultur gekommen sei, habe ihm geholfen, sich vom Islamismus zu lösen.
Nachdem er einen Anschlag miterlebt hatte, ging er 2004 nach Deutschland und setzte 2005 sein Psychologiestudium an der Humboldt-Universität zu Berlin fort; 2009 erhielt er sein Diplom. Seit 2015 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für demokratische Kultur in Berlin und als beratender In: Heroes, aufgerufen am 17. Februar 2015. Programme Director bei der European Foundation for Democracy in Brüssel.Ahmad Mansour. Programme Director. Biography. In: European Foundation for Democracy, (englisch), aufgerufen am 17. Februar 2015. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Salafismus, Antisemitismus sowie psychosoziale Fragen und Probleme bei Migranten muslimischer Herkunft. Er war von 2007 bis 2016 Gruppenleiter des Berliner Projekts Heroes, das sich aktiv gegen jede „Unterdrückung im Namen der Ehre“ wendet. Von 2012 bis 2014 war Mansour Teilnehmer an der Deutschen Islamkonferenz. In: Deutsche Islamkonferenz, aufgerufen am 17. Februar 2015.
Seit 2017 sind er und seine Ehefrau Beatrice Geschäftsführer der Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention (Mind Prevention) gGmbH mit Sitz in Berlin, deren Projekte unter anderem vom Bayerischen Integrationsministerium gefördert werden. Im Jahre 2022 war er Mitgründer von PEN Berlin. Im Wahlkampf zur Berliner Abgeordnetenhauswahl 2023 unterstützte er den FDP-Kandidaten Sebastian Czaja in dessen Wahlkampfteam.
Mansour ist ebenso Unterstützer der 2017 gegründeten Europäischen Bürgerinitiative Stop Extremism, die Menschen in Europa vor den Konsequenzen von Extremismus schützen will. 2023 deckte die Zeitschrift Profil auf, dass es sich bei Stop Extremism um eine aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gesteuerte Kampagne gegen die Muslimbruderschaft handelte.
Mansour gehört zu den Initiatoren der Denkfabrik Republik21 und war bis Oktober 2025 Assoziierter des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam unter der Leitung der Ethnologin Susanne Schröter.
Mit seiner deutschen Ehefrau Beatrice veröffentlichte er von 2021 bis 2023 mehr als 30 Folgen des gemeinsamen Podcasts Ein Herz und ein Habibi über ihre binationale und bikulturelle Ehe.
Arbeitsgebiete Unterdrückung im Namen der „Ehre“ Von 2007 bis 2016 war Mansour Gruppenleiter des Heroes-Projekts in Berlin-Neukölln. , aufgerufen am 17. Februar 2015. Das Projekt ist an in Deutschland lebende Jugendliche aus Milieus mit „ehrenkulturellen Strukturen“ gerichtet und soll Gleichberechtigung und Selbstbestimmung fördern. Über seine Erfahrungen bei Heroes und zum Thema Unterdrückung im Namen der Ehre äußert sich Mansour häufig in den Medien.Ahmad Mansour: . In: Die Zeit, 27. Februar 2013.
Islam und Islamismus Mansour plädiert für eine innere Reform des Islams, der auch in seinen unauffälligen, demokratiekonformen Erscheinungen einen Nährboden für die Radikalisierung von Jugendlichen bilde.Jörg Lau: Warum nur Muslime den Salafismus besiegen können. In: Die Zeit, 29. Mai 2012.Michèle Binswanger: . In: Tages-Anzeiger, 17. September 2014 (Interview). Es müsse eine innerislamische Debatte um Glaubensinhalte und Selbstverständnis eines zeitgemäßen Islam initiiert werden, die allerdings bislang vermieden werde. Die islamischen Verbände distanzierten sich zwar von der Gewalt, eine Beteiligung an Präventivprogrammen scheitere an dem Unwillen, „eigene Inhalte infrage und sich den eigenen Problemen (zu) stellen.“ Es fehlten so die geistlichen Vorbilder, die für einen unzweideutig demokratischen Islam stehen. Grundlage einer effektiven Prävention sei darüber hinaus die Arbeit mit den Familien gefährdeter Jugendlicher. Eine patriarchal-konservative Familienstruktur begünstige mit Angstpädagogik, Sexual- und Kritikunterdrückung, einem stereotypen Frauen- und Männerbild, dass junge Menschen von radikalen Gruppierungen vereinnahmt werden können. Ebenso fördere die hier tradierte Fixierung auf eine vermeintliche Opferrolle von islamischen Gläubigen in der westlichen Welt und dem entsprechenden Feindbild den Zugriff radikaler Islamisten.Parvin Sadigh: Die Inhalte des IS sind im Mainstream-Islam angelegt. In: Die Zeit, 5. September 2014 (Interview).
Als Islamismus-Experte wird er in Deutschland zu Seminaren und Workshops für Pädagogen und Sozialarbeiter eingeladen.Bundesstadt Bonn – Stabsstelle Integration: . 24. Januar 2013.Frank Vallender: Salafismus in Bonn Radikale Prediger werben junge Leute. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 2. Oktober 2013. Seit 2013 arbeitete er auch bei Hayat (Eigenschreibweise: HAYAT, heute: Beratungsstelle „Leben“ des Vereins „Grüner Vogel e. V.“), einer Berliner Beratungsstelle gegen Radikalisierung. Hayat richtet sich an alle, die sich um eine eventuelle islamistische Radikalisierung von Angehörigen oder Bekannten Sorgen machen.Ahmad Mansour: In: ahmad-mansour.com. Mansour kann sich in den Medien häufig über den politisch-religiösen Radikalisierungsprozess äußern, so etwa über die Anziehungskraft des syrischen Bürgerkriegs auf radikale Jugendliche oder mit seinen Erfahrungen als Berater bei Hayat.Mama, ich kämpfe jetzt für Allah. In: Die Zeit, 7. November 2013.
Mansour hält die verstärkte Religiosität unter muslimischen Jugendlichen für ein soziokulturelles Phänomen, das teilweise mit einer Jugendkultur zu vergleichen sei. Mit dem Begriff „Generation Allah“ spricht er von einer aktuellen jugendlichen Tendenz, die Identität aus der Religion zu schöpfen.Julian Windisch: In: Das Arte Magazin, 5. Mai 2015. Abgerufen am 22. Juni 2015. Bei der Radikalisierung von Jugendlichen spielt laut Mansour die Tabuisierung von Sexualität eine Schlüsselrolle.Unterdrückte Sexualität spielt Schlüsselrolle bei Radikalisierung. Deutschlandfunk, 13. August 2016 (Interview). Zudem tritt Mansour für Kopftuchverbote für Kinder, Lehrerinnen und Richterinnen ein, da das Kopftuch seiner Auffassung nach einen Aspekt dieser sexuellen Tabuisierung darstelle.Clemens Neuhold: »Sie befördern antimuslimischen Rassismus« profil, 29. November 2022 (Interview mit Ahmad Mansour und Farid Hafez).
Mansour war Sprecher des 2015 gegründeten Muslimischen Forums Deutschland.Muslimisches Forum Deutschland: Gründungserklärung.
Als Mitglied der Praktikerteams beriet Mansour den CDU-Spitzenkandidaten Christian Baldauf zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz 2021. Zusammen mit Serap Güler steht er dem Netzwerk Integration und Chancen der CDU vor.dpa, Oliver Georgi: Abteilung für supertolle Ideen / CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann will aus dem Konrad-Adenauer-Haus eine moderne Denkfabrik machen. Kann ihm das gelingen? In Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. Oktober 2025, Seite 2 Aufgrund seines Engagements gegen Islamismus lebt er unter ständigem Polizeischutz.
Antisemitismus Ahmad Mansour ist bekannt für seine Arbeit gegen islamischen Antisemitismus. Als er in Tel Aviv studierte, arbeitete er an verschiedenen Projekten für das friedliche Zusammenleben zwischen Arabern und Juden mit. Nach dem Überfall auf Rabbiner Daniel Alter in Berlin im August 2012 plädierte Mansour bei der Bundeszentrale für politische BildungAhmad Mansour: Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Wir brauchen mehr Aufklärung! In: Bundeszentrale für politische Bildung, 13. November 2012. sowie bei der Plenarsitzung der Deutschen Islamkonferenz 2013 für mehr Aufklärung über muslimischen Antisemitismus. In: Deutsche Islamkonferenz, 22. Mai 2013. 2013 war er Mitproduzent und Kommentator in der ARD-Reportage Antisemitismus heute: wie judenfeindlich ist Deutschland?Jo Goll, Ahmad Mansour und Kirsten Esch: die story. Antisemitismus heute: wie judenfeindlich ist Deutschland? In: ARD, rbb, 28. Oktober 2013. In einem Interview im Juli 2014 beklagte er, dass in vielen muslimischen Familien Kindern antisemitischer Hass und Verschwörungstheorien vermittelt würden.Antonie Rietzschel: „Der Hass ist völlig außer Kontrolle.“ In: Süddeutsche.de, 23. Juli 2014, Interview mit Mansour.
2021 und 2022 wirkte Mansour neben Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und seiner Frau Beatrice Mansour in einer Expertenkommission mit, die durch die Süddeutsche Zeitung erhobene Antisemitismus-Vorwürfe gegen Mitarbeiter der Deutschen Welle untersuchte. In der Folge entließ die Deutsche Welle mehrere Mitarbeiter der arabischen Redaktion, von denen einige später erfolgreich Rechtsmittel gegen ihre Entlassung beim Arbeitsgericht einlegten.
Kontroversen Ahmad Mansour arbeitete ab 2009 bei der Islamismus-Beratungsstelle Hayat. Im Rahmen ihrer Deradikalisierungsarbeit arbeitete Hayat 2014 u. a. mit dem salafistischen Imam Abu Adam alias Hesham Shashaa zusammen. Mit Steuergeldern wurden Jugendliche zur Deradikalisierung zu dem mit vier Frauen und 15 Kindern in Spanien lebenden Imam, der von 2017 bis 2020 im Gefängnis saß, geschickt. Die spanischen Behörden warfen Abu Adam vor, Mitglied des IS zu sein und IS-Terroristen Geld und falsche Papiere besorgt zu haben. 2020 wurde er freigesprochen. Mansour sprach sich grundsätzlich gegen eine solche Kooperation aus und arbeitete selbst nicht mit Abu Adam zusammen.
Ein Bericht des Journalisten James Jackson im britischen Onlinemagazin Hyphen unterstellte Mansour im Juni 2023 Manipulationen seines Lebenslaufs. Ihm wurden eine übertriebene Darstellung der Lebensgeschichte als Islamismus-Aussteiger und falsche Angaben zu Bildungsabschlüssen unterstellt. Mansour wies diese Vorwürfe zurück und kündigte rechtliche Schritte an. Im Juli 2023 unterzeichnete die Redaktion von Hyphen eine Unterlassungserklärung, mit der sie sich auf eine öffentliche Korrektur von insgesamt fünf Abschnitten des Berichtes verpflichtete.
Kritik Die Herausgeberin der Blätter für deutsche und internationale Politik, Katajun Amirpur, kritisierte Mansour im Januar 2015 dafür, dass er behaupte, .Katajun Amirpur: – Der fatale Gleichklang von Kriegern und Kritikern. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. Heft 1/2015, S. 49–55, abgerufen am 1. Februar 2018.
2020 bezeichnete die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth Mansour als „oberflächlich religiös Gebildeten“, seine Kritik zeuge häufig von einem mangelnden Wissen über den historisch gewachsenen Islam. Dies führe dazu, dass er vermeintliche Missstände als charakteristisch für den Islam darstelle und dabei moderne Neuerungen verabsolutiere, die im Kontext der Anpassung an den säkularen Westen zu Verwerfungen geführt hätten.