Der Nationalpark Calanques () ist einer von elf Nationalparks von Frankreich. Der Park liegt am Mittelmeer zwischen den Städten Marseille und La Ciotat, wobei die dazwischen liegende Kleinstadt Cassis nicht dem Park angehört. Knapp ein Fünftel der Fläche des Nationalparks (85 Quadratkilometer) ist terrestrisch und vier Fünftel (435 Quadratkilometer) sind maritim, d. h. sie liegen im südlich angrenzenden Mittelmeer. Der Park erstreckt sich über mehrere Küstenmassive aus Kalkstein- und Konglomerat-Klippen, Buchten (Calanque genannt) sowie kleinen Inseln mit relativ unberührten Ökosystemen und einer artenreichen Flora und Fauna. Zum Schutz des einzigartigen Ökosystems müssen im Nationalpark industrielle Altlasten aus dem 19. und 20. Jahrhundert trotz erster großer Erfolge weiter entsorgt und eingedämmt werden. Weiter strebt die Parkverwaltung eine Verringerung der Umweltbelastung des Meeres mit Industrie- und Zivilisationsabwässern unter geltenden Normen an.
Beschreibung des Massif des Calanques→ siehe Hauptartikel Calanques
Lagebedingtes Merkmal des Nationalparks Um die einzigartige Natur des Küstenstreifens der Calanques zu schützen, wurde im Jahre 2012 der Nationalpark Calanques (Parc National des Calanques) gegründet. Im Westen des Parks reichen die Vororte von Marseille bis in die schroffe Küstenlandschaft hinein. Diese bildet eine ökologisch wertvolle Zone, die sich bis La Ciotat hinzieht. Ein Naturschutzgebiet in direkter Nachbarschaft zu einer Großstadt zu gründen, ist eine Herausforderung für alle Beteiligten: die Parkverwaltung, die angrenzenden Gemeinden, die Politik, aber auch für den Wirtschaftsstandort und die betroffenen Bürger. Mit dem Nationalpark soll die einzigartige terrestrische und maritime Tier- und Pflanzenwelt geschützt werden, gleichzeitig sollen die Calanques aber auch als Erholungsgebiet für Anwohner und Touristen zur Verfügung stehen.
Die drei Zonen des Parks mini|links|Der Nationalparks Calanques (mit maritimen Teil) Das Kerngebiet ist das Herzstück des Parks. Es ist sein am stärksten geschützter Teil, für den besondere Vorschriften gelten. Neben dem terrestrischen Kerngebiet verfügt der Nationalpark Calanques auch über ein marines Kerngebiet, das 84 % der gesamten Fläche des Kerngebiets ausmacht. Das terrestrische Herzstück des Parks bildet das rund 20 Kilometer lange Massif des Calanques zwischen Marseille und Cassis, das nördlich davon liegende Massif de Saint-Cyr sowie das weiter südöstlich von Cassis gelegene Massif de Cap Canaille bis hin zum Cap de l' Aigle bei La Ciotat. Dazu kommen die Inseln des Frioul-Archipels und des Riou-Archipels sowie die Île Verte.
Das terrestrische Beitrittsgebiet umgibt das Kerngebiet, in welchem sich die Gemeinden freiwillig dazu verpflichten, seine ökologische und nachhaltige Entwicklung zu fördern, worin sie vom Nationalpark unterstützt werden. Im Nationalpark Calanques haben sich die Gemeinden Marseille, Cassis und La Penne-sur-Huveaune dafür entschieden, sich diesem Gebiet anzuschließen. Sie bilden somit das Beitrittsgebiet des Nationalparks, das durch den Erlass der Präfektur vom 19. September 2012 bestätigt wurde.
Für das maritime Beitrittsgebiet gelten ebenfalls die Leitlinien der nachhaltigen Entwicklung, die Gemeinden haben sich jedoch noch nicht verpflichtet, ihm beizutreten.
Eine Karte auf der Internet-Seite des Parks zeigt die verschiedenen Schutzzonen.Karte der Schutzzonen des Nationalparks
Die Aufgaben des Parks Der Nationalpark des Calanques ist eine öffentliche Einrichtung. Das Kerngebiet des Parks sowie das terrestrische und maritime Beitrittsgebiet werden durch diese geschützt und verwaltet. In Zusammenarbeit mit den Akteuren des Gebiets setzt die Einrichtung die Charta des Nationalparks um und schreibt sie fort. Hierbei handelt es sich um ein gemeinsames Gebietsprojekt, dessen Hauptziele darin bestehen
den Schutz des natürlichen, landschaftlichen und kulturellen Erbes zu gewährleisten, den Charakter der Orte und insbesondere ihre Ruhe zu bewahren, was der Tierwelt, aber auch den Bewohnern, Nutzern und Besuchern zugutekommt, zum Wissen beizutragen, um den großen Herausforderungen des Mittelmeerraums (an Land und im Meer in einem stadtnahen Kontext) gerecht zu werden, die Besucher im Parkgebiet anzuleiten und das Wissen über den Reichtum und die Anfälligkeit des Land- und Meereserbes weiterzugeben, die menschlichen Aktivitäten im Nationalpark zu kontrollieren und die Einhaltung der Vorschriften durchzusetzen, zur nachhaltigen Entwicklung und zum Bekanntheitsgrad des Gebiets beizutragen.
Die Erreichung dieser Ziele beruht vor allem auf Managementmaßnahmen. Diese betreffen beispielsweise die Gestaltung und Pflege der Umwelt, die Erarbeitung und Durchsetzung spezifischer Vorschriften, welche die Nutzung des Parks einschränken, sowie die Sensibilisierung der Besucher.
Sozio-ökologischer Ansatz der Entwicklung des Nationalparks Der Nationalpark Calanques umfasst Land- und Meeresgebiete und steht in engem Kontakt mit einer großen, urbanen Mittelmeermetropole. Die verschiedenen Räume des Nationalparks werden als Teil eines einzigen Ganzen behandelt, in dem Biodiversität und Gesellschaft in einem sozio-ökologischen System interagieren.
Angesichts der Vielseitigkeit der Landschaften, der Vielfalt von Fauna und Flora sowie der Vielzahl schützenswerter, aber auch gefährdender historischer Relikte wurde eine Strategie entwickelt, welche eine Priorisierung der Aufgaben des Nationalparks und deren Umsetzung vorgibt. Diese Strategie wurde in einem Dokument niedergelegt, das die Forschung zu den wichtigsten Wissensfragen im Gebiet des Nationalparks lenkt. Die wissenschaftliche Strategie wurde im wissenschaftlichen Rat und in Workshops mit der Arbeitsgemeinschaft des Nationalparks entwickelt. Sie äußert sich konkret in einer Reihe von multidisziplinären Studien, die vor Ort durchgeführt werden. Diese Studien ergänzen sich gegenseitig und sind mit den Managementzielen des Gebiets verknüpft.
Durch den sozio-ökologischen Ansatz berücksichtigt die wissenschaftliche Strategie sowohl die Werte des natürlichen und kulturellen Erbes als auch die menschlichen Aktivitäten im Parkgebiet und deren Auswirkungen auf die Ökosysteme. Sie identifiziert Abhängigkeiten zwischen biologischem und kulturellem Erbe sowie gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren. Sie ermöglicht letztendlich, die Entwicklungspolitik des Nationalparks und seiner Nachbargebiete durch Objektivität, Distanz und Unabhängigkeit zu lenken.
Zutrittsbeschränkungen Für den Nationalpark Calanques sind spezifische Zutrittsbeschränkungen erlassen. Wegen Brandgefahr kann der Zutritt zum Park vom 1. Juni bis zum 30. September reglementiert werden. Je nach Wetterlage kann diese Periode per Erlass der Präfektur variieren. Die Brandgefahr ist abhängig von der Temperatur, den Niederschlägen, der Windstärke, der Feuchtigkeit der Vegetation und der Sonneneinstrahlung und wird von der Präfektur auf der Grundlage der Wettervorhersagen festgelegt. Aktuelle Beschränkungen werden im Internet veröffentlicht.Karte der Zugangsbeschränkungen zu den Waldmassiven und exponierten Gebieten in Bouches-du-Rhône
Die Route-Gaston-Rébuffat von der D559, die sogenannte Route de la Gineste über das Col de Gardiole Richtung Calanque d'En-Vau sowie die Route-du-Cap-Croisette sind definitiv für den Verkehr geschlossen. Die Route des Crêtes auf das Massif du Cap Canaille kann zwischen dem 1. Juni und dem 30. September bei Brandgefahr geschlossen werden. Die Straßen zu den Calanques von Sormiou, Morgiou und Callelongue sind an folgenden Tagen von 7:00 bis 19:00 Uhr für den motorisierten Verkehr gesperrt:
während der französischen Osterferien, im Mai an allen Wochenenden (Samstag und Sonntag), Feiertagen (1. Mai, 8. Mai) sowie den Brückentagen an Himmelfahrt und Pfingsten, täglich vom 3. Juni bis einschließlich 1. Oktober.
Geologie und die Entstehung der Calanques Die Geologie des Parks und die Entstehung der Calamques sind im Hauptartikel Calanques unter Entstehung der Calanques beschrieben.
Hydrologie Der Wasserhaushalt des Nationalparks ist im Hauptartikel Calanques unter Hydrologie beschrieben.
Klima Im Nationalpark herrscht ein gemäßigtes Mittelmeerklima mit heißen und trockenen Sommern (Csa nach der Klassifikation von Köppen-Geiger). Als Beispiel für das Klima in Küstennähe liegt in der Calanque de Port-Miou, über das Jahr gemittelt, die Durchschnittstemperatur bei 15,1 °C und die Niederschlagsmenge bei 439,2 mm. Die Auswirkung der geringen Niederschlagsmenge an den Küsten auf die Pflanzenwelt wird noch verstärkt durch die selbst in den kalten Jahreszeiten hohen Verdunstungsraten. Im Winter sind Kälteperioden selten und die Hitze des Sommers wird durch die Reflexion des Lichts an den weißen Felsen noch intensiver. Im Landesinneren, etwa 5 km weiter nördlich der Calanque de Port-Miou, an der Wetterstation von Méteo-France in Carnoux-en-Provence, ist die jährliche Durchschnittstemperatur mit 15,0 °C praktisch identisch, der jährliche Niederschlag mit 632,4 mm aber deutlich höher als an der Küste. Dieser Trend wird an der Messstelle „Cassis“ bestätigt, die westlich der Stadt auf der Hochebene des Massif des Calanques liegt. Für die Periode 1981 bis 2010 wurden hier Durchschnittswerte von 622 mm Niederschlag und eine Lufttemperatur von 15,1 °C gemessen.
Geschichte Die Geschichte der Calanques ist eng mit der Geschichte Marseilles verbunden: siehe → Hauptartikel Marseille.
Urgeschichte mini|Wildpferde in der Cosquer-Höhle Die Anwesenheit von Menschen an der heutigen Küste von Marseille, von der Altsteinzeit vor etwa 400.000 Jahren bis zur Jungsteinzeit vor etwa 4000 Jahren, ist gesichert. Die Grotte des Trémies zeigt die ältesten menschlichen Spuren in den Calanques, die der Kultur des Neandertalers zugeordnet werden, nämlich eine vor-moustériensche Feuerstelle (wahrscheinlich vor 300.000 Jahren) mit Siedlungsspuren, Feuerstein und Werkzeugen, die in kleinen Splittern geschliffen wurden.
In der Cosquer-Höhle befinden sich 27.000 Jahre alte negative Handabdrücke. Spätere Malereien und Skulpturen sowie einige Werkzeuge (Lampe) sind etwa 18.000 Jahre alt (Solutréen). Vor etwa 9000 Jahren wurde der Höhleneingang nach der Würm-Kaltzeit durch den Anstieg des Meeresspiegels des Mittelmeers unzugänglich.
Weiteres prähistorisches Erbe der Calanques stammt aus der Jungsteinzeit, d. h. aus der Zeit zwischen 6000 und 1800 v. Chr. Im Massif de Marseilleveyre konzentrieren sich zahlreiche Stätten, die in dieser frühen Zeit besiedelt waren und bereits im 19. Jahrhundert erforscht wurden. Die Grotte Rolland war die erste Höhle, die 1805 ausgegraben wurde. Man hoffte, nach damaliger Vorstellung, dort Überreste von Menschen zu finden, die vor der Sintflut lebten. Hier wurde auch der Begriff der Vorgeschichte geboren. Jacques Boucher de Perthes, ein Gelehrter der damaligen Zeit, entdeckte hier Spuren früher menschlicher Besiedlung.
Auch bei La Ciotat ist die menschliche Besiedlung mindestens seit dem späten Neolithikum archäologisch belegt, also für ein Alter zwischen 3000 und 2000 v. Chr. Unter den Felsabbrüchen des Cap Canaille zeugen Spuren in der Höhle von Elianac von einer langen Besiedlung von der Jungsteinzeit bis zur Bronzezeit mit Funden von Feuerstein, Pfeilspitzen, Keramik, Feuerstellen, Menschen- und Tierknochen.
Eine Karte auf der Internet-Seite des Parks zeigt die Lage von prähistorischen Fundstätten.Karte prähistorischer Fundstätten im Park
Antike Vor der Ankunft der Phokäer wurde die Region vom Stamm der Segobrige (in Latein Segobrigii) aus dem Volk der Ligurer besiedelt. Ruinen belegen ihre Anwesenheit im 1. Jahrtausend v. Chr. am Rande des Nationalparks, z. B. durch das Oppidum Baou Redoun und Baou de Saint-Marcel. Archäologische Funde belegen auch, dass die Insel Riou von ligurischen und etruskischen Seefahrern besucht wurde.