mini|Gina von Reininghaus (1903) Virginia „Gina“ Laura Antonia Gräfin Conrad von Hötzendorf (* 27. Februar 1879 in Triest, Österreich-Ungarn, geborene Agujari, geschiedene von Reininghaus, adoptierte Agujari-Kárász; † 24. November 1961 in Semmering)Peter Broucek: Ein General im Zwielicht: Die Erinnerungen Edmund Glaises von Horstenau. Hermann Böhlaus Nachf., Graz 1980, S. 279. war eine Wohltäterin für Kriegsversehrte, Übersetzerin sowie langjährige Geliebte und dann zweite Ehefrau von Franz Conrad von Hötzendorf, dem Chef des Generalstabs von Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg.

Ihre Beziehung zu Conrad von Hötzendorf sorgte damals für Aufsehen und wird heute als bedeutsam für das Handeln Conrads, insbesondere für sein Drängen auf einen Krieg, eingeschätzt. Die rechtliche Konstruktion, durch die ihre Ehe mit Franz Conrad von Hötzendorf ermöglicht wurde, wurde in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bei der Eherechtsdebatte in Österreich thematisiert. Ihre Aufzeichnungen über Conrad sind eine wichtige Quelle für Historiker, wurden jedoch im österreichischen Ständestaat verboten und führten 1935 zur Verabschiedung des „Traditionsschutzgesetzes“.

Leben Herkunft und erste Ehe Virginia Agujari wurde 1879 in Triest als Tochter des italienischen Porträtmalers Tito Agujari geboren. Am 21. Jänner 1896, im Alter von 16 Jahren, heiratete sie in Graz den wohlhabenden steirischen Industriellen Johann (Hans) Edler von Reininghaus aus der Bierbrauerfamilie Reininghaus. Ende 1896 gebar sie ihren ersten Sohn Peter Reininghaus, der 1920 die Brauerei übernahm. Mit 20 Jahren war sie dreifache Mutter, darunter auch Johanna (genannt „Hansi“) von Reininghaus (1899–1960), welche 1927 den belgischen Bankier Henri Lambert (1887–1933) heiratete. Bis 1906 bekamen Johann von Reininghaus und seine Frau Gina noch drei weitere Kinder. Im Winter 1902/1903 übersiedelte das Paar von Graz nach Wien, wo die „geistreiche, liebenswürdige Frau“ sich in kurzer Zeit in der Gesellschaft beliebt machte. Sport und Salon. Illustrirte Zeitschrift für die vornehme Welt. Wien/Budapest, 28. März 1903, S. 8.

Affäre mit Franz Conrad von Hötzendorf Im Jänner 1907 wurde Gina von Reininghaus bei einem Diner im Wiener Haus des Barons Victor von Kalchberg, Präsident des österreichischen Lloyd in Triest, dem damals 54-jährigen Witwer Franz Conrad von Hötzendorf vorgestellt, dem sie schon sieben Jahre zuvor bei einem Empfang in Triest aufgefallen war. Conrad, der wenige Wochen zuvor zum Generalstabschef der Österreich-Ungarischen Streitkräfte ernannt worden war, besuchte sie daraufhin zumindest wöchentlich in ihrem Haus in der Operngasse 8 in Wien. Als er ihr im März 1907 einen Heiratsantrag machte, wies ihn Gina von Reininghaus zunächst ab, vor allem wegen ihrer Kinder.

Doch Conrad besuchte Gina von Reininghaus weiterhin und erwies sich für sie als „treuster Freund und Beschützer“. Er legte von 1907 bis 1915 ein „Tagebuch meiner Leiden“ an, das aus mehr als 3000 schwärmerischen Briefen an sie bestand, die er nie abschickte und von denen sie erst nach seinem Tod erfuhr. So schrieb er zum Beispiel, nur sie könne ihn vor dem Abgrund der Verzweiflung retten, sein Schicksal liege in ihren Händen.Christopher Clark: Die Schlafwandler, Deutsche Verlags-Anstalt 2013, ISBN 978-3-421-04359-7, S. 147 Manche seiner Briefe an von Reininghaus werden von Historikern häufig zitiert, so der Brief vom 28. Juni 1914, in dem Conrad in Bezug auf den bevorstehenden Krieg schrieb: „Es wird ein aussichtsloser Kampf werden, dennoch muß er geführt werden, da eine so alte Monarchie und eine so glorreiche Armee nicht ruhmlos untergehen können.“Günther Kronenbitter: „Krieg im Frieden“. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906–1914. Oldenbourg, München 2003, S. 462.

Im Mai 1907 räumte Gina von Reininghaus ihm gegenüber ein, dass sie ihren Ehemann nicht mehr liebe. Spätestens Ende 1908 gingen die beiden eine Liebesbeziehung ein. Hans von Reininghaus duldete das, denn er hatte sich selbst Freiheiten in der Ehe eingeräumt und sah auch die Möglichkeit, Zutritt zu höheren gesellschaftlichen Kreisen zu bekommen, wenn er mit seiner Frau die gleichen Bälle und Diners besuchte wie Conrad. Die Affäre soll nach Meinung einiger Historiker für das konservative österreichische Kaiserhaus mit ein Grund gewesen sein, Conrad Ende 1911 zu entlassen.Gunther E. Rothenberg: The Army of Francis Joseph. Purdue University Press, West Lafayette 1976, S. 164. Dadurch hatte er aber die Möglichkeit, die Beziehung zu Gina von Reininghaus noch zu intensivieren, wurde aber trotzdem Ende 1912 wieder als Chef des Generalstabs eingesetzt. Selbst als man in den Wochen vor Beginn des Ersten Weltkriegs, während der Julikrise, Conrad demonstrativ noch einmal auf Urlaub schickte, um die Öffentlichkeit über den Ernst der Lage zu täuschen, wählte er als Aufenthaltsort das Klammschlössel unweit von Innichen, das Heim von Richard von Stern und dessen Frau Maria, die Gina von Reininghaus’ engste Freundin war, um dort mit seiner Geliebten zusammen zu sein.Peter Broucek: Ein General im Zwielicht. Die Erinnerungen Edmund Glaises von Horstenau. Böhlau, Graz 1980, S. 280.

Nach Kriegsbeginn war es Gina von Reininghaus geraume Zeit kaum möglich, Conrad zu sehen. Weihnachten 1914 war das erste Weihnachten seit 1907, das sie getrennt verbrachten. Dass Conrad selbst während jener Kriegsmonate jede Nacht geraume Zeit damit verbrachte, Briefe an sie zu verfassen, gab Anlass zu Spekulationen über seine mentale Verfassung. Maximilian von Hoen, Kommandant des k.u.k. Kriegspressequartiers, hielt seine Beziehung zu Gina von Reininghaus für ein Anzeichen von Senilität und hätte seinen Rücktritt für angebracht gehalten. Selbst jemand wie Josef Redlich, der Conrad jahrelang unterstützt hatte, fand es verwunderlich, dass er sich sogar während des Krieges dermaßen viel Zeit für private Korrespondenz nahm. Doch im Jänner 1915 genehmigte Kriegsminister Alexander von Krobatin, dass Gina von Reininghaus für vier Tage zu Conrad ins Hauptquartier des Alliierten Oberkommandos in Teschen reisen durfte. In Wien sorgte das für Aufsehen. Laut Josef Redlich machten Gerüchte die Runde, dass Wilhelm II. persönlich interveniert habe, um diesen Besuch zu ermöglichen.Lawrence Sondhaus: Franz Conrad von Hötzendorf: Architect of the Apocalypse. Humanities Press, Boston 2000. S. 158–170.

Scheidung von Hans von Reininghaus Mit Kriegsbeginn hatte sich das gesellschaftliche Leben in Wien verändert, wodurch Hans von Reininghaus nicht mehr im gleichen Ausmaß wie früher von der Beziehung seiner Frau profitierte. Und als nach dem Besuch seiner Frau bei Conrad von Hötzendorf im Hauptquartier in Teschen der Klatsch in Wien weiter zunahm, informierte Hans von Reininghaus Anfang März 1915 seine Frau – unmittelbar vor einem Besuch ihres Geliebten bei ihr in Wien –, dass er die Scheidung wolle. Auch die gemeinsamen Kinder, die sich um das Glück ihrer Mutter sorgten, waren damit einverstanden. Außerdem starb Conrad von Hötzendorfs tiefgläubige Mutter, der eine Heirat ihres Sohnes mit einer geschiedenen Frau ein Dorn im Auge gewesen wäre, 1915 in ihrem neunzigsten Lebensjahr.

Doch es existierte ein weiteres Hindernis für eine Ehe zwischen Gina von Reininghaus und Conrad: Nach damaligem österreichischem Recht war eine Scheidung und Wiederverheiratung für Katholiken nicht möglich. Als Ausweg kam ein Wechsel der Staatsbürgerschaft und der Religion in Frage, weil es in Ungarn liberalere Ehegesetze gab. Für Conrad war das keine Option – als Atheist wollte er nicht zum Protestantismus wechseln, und als Ungar wäre er vom Kaiser kaum als Stabschef akzeptiert worden. Daher ließ sich Gina von Reininghaus am 25. August 1915 über Vermittlung von Conrads Vertrautem, dem Rechnungshof-Vizepräsidenten Paul Schulz, vom k.u.k. Feldmarschall-Leutnant Ernst Kárász adoptieren, erhielt so die ungarische Staatsbürgerschaft und konvertierte zum Protestantismus. Nachdem der königlich-ungarische Gerichtshof am 2. Oktober 1915 die Auflösung ihrer ersten Ehe ausgesprochen hatte, war sie nach ungarischem Recht zu einer Wiederverheiratung berechtigt.Ulrike Harmat: Ehe auf Widerruf? Der Konflikt um das Eherecht in Österreich 1918–1938, (= Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 121). Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1999, ISBN 978-3-465-03034-8, S. 147–152.

Da ihr erster Ehemann österreichischer Staatsbürger war, war umstritten, ob Gina von Reininghaus nach österreichischem Recht eine zweite Heirat mit einem Österreicher möglich war. Doch ein entsprechendes Ansuchen von Franz Conrad wurde von den österreichischen Behörden positiv beschieden. Der Fall in Österreich.

Zweite Ehe Die Ehe von Gina und Franz Conrad von Hötzendorf wurde am 19. Oktober 1915 in einer schlichten Zeremonie in der protestantischen Dorotheerkirche in Wien geschlossen. Gina Conrad von Hötzendorf wich während des gesamten Krieges, abgesehen von kurzen Besuchen in Wien und Graz, nicht von der Seite ihres Ehemannes. Einige meinten, dass sie sich in Teschen wie eine Königin verhalten und das Alliierte Oberkommando als Conrads Hof angesehen habe.Dieter Hackl: Der Offensivgeist des Conrad von Hötzendorf. Diplomarbeit, Wien 2009, S. 15. PDF Andererseits wurde sie als „sehr sympathische Frau“ beschrieben, „ganz italienischer Typus, sehr gut angezogen, mit sehr guten und ruhigen Manieren und in jeder Hinsicht Dame der besseren Gesellschaftskreise“, „künstlerisch und besonders musikalisch veranlagt, an Luxus und an teure Sachen gewohnt.“ Bis in höchste Kreise war man unsicher, wie man ihr nach der Wiederverheiratung begegnen sollte. Selbst der nominelle Armeeoberkommandant Erzherzog Friedrich von Österreich wollte nicht selber entscheiden, ob er Gina als Ehefrau Franz Conrads gesellschaftlich anzuerkennen hatte, sondern er bat den Feldmarschallleutnant Johann Herbert Graf Herberstein, diesbezüglich in Wien bei Kaiser Franz Joseph persönlich nachzufragen. Der wollte dem Paar nichts in den Weg legen.Elisabeth Kovacs: Untergang oder Rettung der Donaumonarchie. Politische Dokumente zu Kaiser und König Karl I. (IV.). Böhlau, Wien 2004, S. 143–144. Hingegen erklärte die spätere Kaiserin Zita, sie kenne keine Baronin Conrad, sondern nur eine Frau von Reininghaus.Peter Broucek: Ein General im Zwielicht. Die Erinnerungen Edmund Glaises von Horstenau. Böhlau, Graz 1980, S. 342. Paul Schulz meinte 1916, dass sich Gina Conrad „in alles eingemischt habe, vor allem habe sie auch für die italienische Offensive sich sehr bemüht“.Anton Mayr-Harting: Der Untergang. Österreich-Ungarn 1848–1922. Amalthea, Wien 1988, S. 775. Aufgrund ihrer italienischen Herkunft tauchten dann sogar Gerüchte auf, die ihrem Einfluss eine Rolle bei den Niederlagen Österreichs an der Front gegen Italien im Jahr 1916 zuschrieben.Lawrence Sondhaus: Franz Conrad von Hötzendorf. Architect of the Apocalypse. Humanities Press, Boston 2000, S. 187–188. Während des Krieges stand Gina Conrad Benefizveranstaltungen für Kriegsversehrte vor; sie war Vorsitzende der „Conrad-von-Hötzendorf-Stiftung für Kriegsblinde“.Conrad von Hötzendorf-Stiftung für Kriegsblinde. In: Deutsches Volksblatt, Wien, 8. Juni 1916, S. 3. In dieser Funktion wurde ihr 1917 auch eine Walzerkomposition gewidmet.Luis Kunz: Mondnacht an der Olsa. Walzer für Piano. Ihrer Exzellenz der Frau Baronin Gina Conrad von Hötzendorf ehrerbietigst gewidmet. Teschen, Sigmund Stuks, 1917.