mini|Gedenktafel an Gustav Petri in der Gustav-Petri-Straße in Wernigerode Gustav Petri (* 3. Juni 1888 in Gießen. Abgerufen am 1. Juni 2014.; † 12. April 1945 vermutlich bei Drei Annen Hohne auf: hausgeschichte-wernigerode.de, abgerufen am 30. Mai. 2014.) war ein Oberst der Wehrmacht, der sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs weigerte, die Stadt Wernigerode gegen die Alliierten in die Kampfzone einzubeziehen und gegen die anrückende US-Armee zu verteidigen. Dadurch konnte Wernigerode am 11. April 1945 kampflos übergeben werden. Hierfür wurde Petri von Offizieren des Oberkommandos der 11. Armee unter Beteiligung der SS wegen Gehorsamsverweigerung erschossen. Er wird heute als „Retter von Wernigerode“ bezeichnet.

Leben Gustav Petris Eltern waren der Tabakhändler Carl Petri (1854–1912) und dessen Ehefrau Johanna (1861–1923), geborene Scheffler. Er hatte einen Bruder und zwei Schwestern.

Am 30. April 1919 heiratete Petri Henriette „Henny“ Hettler (1892–1972). Mit ihr hatte er drei Söhne, zwei davon fielen im Zweiten Weltkrieg. Der jüngste Sohn starb im März 2014.

Petri besuchte von 1894 bis 1897 die Vorschule eines Gymnasiums, anschließend das Gymnasium, das er mit dem Abschluss der Mittleren Reife verließ. Danach absolvierte er eine Ausbildung zum Kaufmann in Herford. Als er seine Lehrzeit abgeschlossen hatte, wurde er bis zum März 1908 als Filialleiter seines Ausbildungsbetriebs in Hannover eingesetzt.

Anschließend diente er als Einjährig-Freiwilliger im Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm“ (2. Großherzoglich Hessisches) Nr. 116 in Gießen, wo er als Unteroffizier und Offiziersanwärter zur Reserve entlassen wurde. Von 1909 bis 1910 arbeitete er in Koblenz. Da sein Vater schwer erkrankte, übernahm er im Alter von 22 Jahren den elterlichen Tabakgroßhandel. Von 1911 bis 1913 nahm er an verschiedenen mehrwöchigen Übungen seines Infanterieregiments teil.

Erster Weltkrieg Als der Erste Weltkrieg 1914 ausbrach, kämpfte er als Zugführer in Frankreich und wurde im Oktober 1914 zum Leutnant der Reserve befördert. Am 22. August wurde er durch einen Gewehrschuss im Mundbereich schwer verletzt und musste nach Genesung dauerhaft ein künstliches Gebiss tragen. Gegen Ende 1914 erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse. Ab Februar 1915 nahm er an den Kämpfen an der Ostfront teil. Während eines Gefechts wurde er am Arm schwer verletzt und war erst nach fünf Monaten wieder kriegsverwendungsfähig. Petri wurde mit der Hessischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. In Rumänien erhielt er zwei Kopfschüsse, blieb aber bei der kämpfenden Truppe. In dieser Zeit wurde er mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse und dem Krieger-Ehrenzeichen in Eisen ausgezeichnet. Bevor er zum Bataillonskommandeur ernannt wurde, erhielt er das Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern. 1918 wurde er wieder an der Westfront eingesetzt und erhielt das Verwundetenabzeichen in Gold für fünffache Verwundungen. Nach der Kriegsniederlage erfolgte am 31. Dezember 1918 Petris Entlassung im Rang eines Leutnants und er übernahm wieder den väterlichen Tabakgroßhandel.Peter Lehmann: geachtet – geleugnet – geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode. (= Harz-Forschungen. Band 29). hrsg. v. Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde e. V. Lukas-Verlag, Berlin / Wernigerode 2013, ISBN 978-3-86732-173-0, S. 15–22.

Zwischen den Weltkriegen Die Niederlage empfand Petri als demütigend, doch wollte er – wie viele andere auch – weiterhin Soldat sein. Er betätigte sich bei den Vereinigten Vaterländischen Verbänden Deutschlands (VVVD) und gründete 1925 in Gießen die örtliche Gruppe des Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten. Als aus dem Stahlhelm 1931 SA-Reserven gebildet wurden, führte Petri eine Standarte. Im Mai 1934 wurde er als Obersturmbannführer, was dem Rang eines Oberstleutnants entspricht, und Führer eines Reserve-Sturmbanns in die SA übernommen. In dieser Zeit nahm er an Reichsheer-Übungen und einem Bataillonsführer-Lehrgang teil. Eine Mitgliedschaft an der nationalsozialistischen Bewegung schloss er für sich aus,Peter Lehmann: geachtet – geleugnet – geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode. 2013, S. 24. er trat von der Führung seiner Einheit zurück und verließ die SA. 1936 verkaufte er den Tabakgroßhandel und trat am 1. Juli als Hauptmann in die Wehrmacht ein, zunächst bei der Wehrwirtschaftsstelle in Kassel und dann im Stab des Landwehrkommandeurs in Darmstadt. 1937 zog die gesamte Familie nach Darmstadt.Peter Lehmann: geachtet – geleugnet – geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode. 2013, S. 23–25.

Zweiter Weltkrieg Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war Petri beim Stab der Armee-Reserve der 1. Armee in der Nähe von Herxheim bei Landau/Pfalz, 25 Kilometer von der französischen Grenze entfernt, eingesetzt. Am 1. Oktober 1939 wurde er zum Major befördert. Am 30. Juni 1940 erhielt er die Spange zum Eisernen Kreuz II. Klasse. Nach dem Waffenstillstand von Compiègne wurde die 246. Infanterie-Division, deren Stab Petri angehörte, beurlaubt und erst Anfang 1941 wieder neu aufgestellt. Mit dieser Division wurde er als Bataillonskommandeur des Regimentes 404 ein Jahr lang als Besatzungssoldat in Südwestfrankreich eingesetzt. Am 1. September 1941 wurde Petri offiziell zur aktiven Truppe der Offiziere überführt. Nach dem Weihnachtsurlaub kam es zur Verlegung der 246. Infanterie-Division an die Ostfront kurz vor Moskau. Petri wurde am 11. Februar 1942 als Bataillonskommandeur abgelöst und in den Stab seiner Division versetzt. Am 1. März 1942 erfolgte seine Beförderung zum Oberstleutnant. In einer Kesselschlacht wurde er leicht verwundet. Eine Verletzung am 16. April 1942 an der linken Gesäßhälfte war schwerwiegender, so dass er sich in seiner Heimat im Lazarett behandeln lassen musste, wo er bis Ende Juni blieb. Nach der Rückkehr an die Ostfront war er kurze Zeit als Kommandant in Bely tätig und wurde schließlich in die Führerreserve versetzt. Ende September 1942 wurde er in Frankreich sieben Wochen lang in die Aufgaben eines Feldkommandanten eingearbeitet und übte diese Funktion kurze Zeit beim X. Armeekorps an der Ostfront aus. Zum Jahreswechsel 1942/1943 wurde Gustav Petri dem Militärbefehlshaber Frankreich unterstellt und als Feldkommandant der Feldkommandantur 638 in Beauvais zur Verwaltung des Département Oise eingesetzt. Nach der Landung der Westalliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie begann der Rückzug von Wehrmacht und Militärverwaltung. Petri wurde am 1. Juli 1944 zum Oberst befördert. Am 30. August 1944 löste er die Feldkommandantur auf. Er verkleinerte seine Mannschaft von rund 100 Offizieren, Mannschaften und Mitarbeitern auf etwa 25 und stellte sich den zurückziehenden kämpfenden Armeen zur Verfügung. Petris Einsatz erfolgte jetzt als Kommandant des rückwärtigen Armeegebiets (Korück). Seine Einheit wurde im Laufe des Rückzuges immer weiter personell ausgedünnt. Über Belgien und Luxemburg kam er an den Niederrhein. Zum Jahreswechsel 1944/45 nahm er an der Ardennenoffensive teil. Nach deren Scheitern war Petri in der Eifel im rückwärtigen Dienst tätig und kam schließlich über den Rhein nach Hessen. Da seine Einheit nicht im Ruhrkessel von den Alliierten eingeschlossen wurde, entkam er in den Harz und wurde dort dem Oberkommando der neu aufgestellten 11. Armee als Korück unterstellt. Am Abend des 8. April 1945 erreichte er Wernigerode.Peter Lehmann: geachtet – geleugnet – geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode. 2013, S. 25–60.

Befehlsverweigerung Wernigerode war im April 1945 eine Stadt, in der mit „rund 24.000 Einwohnern noch weitere 21.000 Flüchtlinge, Umsiedler und Verwundete in den 28 Lazaretten, dazu Fremdarbeiter und Gefangene [lebten]“.Dokumentation über Oberst Gustav Petri: Stadtarchiv Wernigerode, 2013. Abgerufen am 31. Mai 2014. Er bezog sein Quartier mit einem kleinen Stab im „Haus Sonneneck“ im Mühlental und seine weiteren Mitarbeiter im „Stadtgarten“, dem Sitz des örtlichen Kampfkommandanten. Seine Aufgabe bestand vor allem darin, das rückwärtige Gebiet der 11. Armee im Harz abzusichern. Deswegen nahm er zuerst Kontakt mit den örtlichen Behörden auf. Der Bürgermeister von Wernigerode, Ulrich von Fresenius, setzte sich im Gespräch mit Petri dafür ein, dass die Stadt aus der Hauptkampflinie herausgehalten werde. Darüber zu entscheiden, war aber Aufgabe der Kampfkommandanten, die in dieser Zeit täglich wechselten. Als Oberst Petri in der Nacht vom 10. auf den 11. April von seinem Vorgesetzten im Armeeoberkommando, Oberst Hans Linemann, telefonisch zum Kampfkommandanten ernannt wurde, um Wernigerode gegen die angreifende US-Armee zu verteidigen, verweigerte er den Befehl.Werner Weber : Bericht über die letzten Kriegstage im Mühlental von Wernigerode. auf Kollektives Gedächtnis, 2003. Hierfür wurde er tags darauf bei Drei Annen Hohne in der Nähe von Elbingerode erschossen. Das Oberkommando der 11. Armee verheimlichte Petris Erschießung gegenüber seiner Einheit; auch der Ort seiner Bestattung blieb ungenannt.

Mit seiner Befehlsverweigerung verhinderte er am 11. April 1945 die Zerstörung der Stadt und den Tod zahlreicher Menschen kurz vor Kriegsende. Die 9. US-Armee konnte Wernigerode „fast kampflos“ besetzen.Peter Lehmann: geachtet – geleugnet – geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode. 2013, S. 135.www.wernigerode-in-jahreszahlen.de

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