Maria Concepcion ist eine Kurzgeschichte der amerikanischen Schriftstellerin Katherine Anne Porter, die 1922 in der Zeitschrift The Century Magazine erstveröffentlicht und 1930 in die Sammlung Flowering Judas and Other Stories aufgenommen wurde. Die Geschichte ist seitdem in verschiedenen Sammelbänden publiziert worden. Mit dieser Kurzgeschichte etablierte Porter aus Sicht der Literaturkritik sowie Literaturwissenschaft ihren Ruf als ernst zu nehmende Autorin.Siehe Petra Bridzun: Katherine Anne Porter: Maria Concepcion. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 27. Die Erzählung wurde auch in der online zugänglichen Sammlung Katherine Anne Porter: The Collected Stories. Harcourt, Brace & World, New York 1965, S. 3–21, aufgenommen (vgl. Weblink). Der englische Originaltext wird im Folgenden nach dieser Ausgabe zitiert; die dt. Übersetzung nach der Übertragung von Joachim Uhlmann, veröffentlicht in Blühender Judasbaum und andere Erzählungen im Diogenes Verlag 1964 sowie im Rowohlt Verlag 1966.
Die Erzählung thematisiert das Verhalten und die Rache der anfangs achtzehnjährigen Protagonistin Maria Concepcion nach einer Affäre ihres gleichaltrigen Ehemannes Juan Villegas mit einer Minderjährigen.
Inhalt Auf dem Weg zu Ausgrabungsstätten, an denen Juans Arbeitgeber, der amerikanische Archäologe Givens, nach dem verlorengegangenen Kulturgut der indianischen Vorfahren der Protagonistin sucht, überrascht die schwangere Maria Concepcion ihren Ehemann bei einem heimlichen Treffen mit seiner erst fünfzehn Jahre alten Geliebten Maria Rosa. Mit Mordgedanken im Kopf läuft die Protagonistin verstört davon, um ihre weiteren häuslichen Pflichten zu erfüllen.
Noch am gleichen Tag zieht Juan zusammen mit seiner Geliebten in den Krieg, während die betrogene Maria Concepcion ein Kind zur Welt bringt, das wenige Tage nach der Geburt verstirbt. Die Protagonistin lebt daraufhin während der einjährigen Abwesenheit ihres Ehemannes allein und zieht sich, vom Kummer verzehrt, völlig von der Dorfgemeinschaft zurück. Ihr Leben wird anscheinend einzig ausgefüllt durch ihre unermüdliche Arbeit und ihre regelmäßigen Kirchgänge.
Gemeinsam mit seiner nunmehr schwangeren Geliebten kehrt der Ehemann schließlich aus dem Krieg zurück, wird als Deserteur verhaftet und zum Tode verurteilt. Sein ehemaliger Arbeitgeber Givens kann die Exekution jedoch verhindern und seine Freilassung erreichen.
Nachdem seine Geliebte Maria Rosa in der Zwischenzeit ihr Kind zur Welt gebracht hat, betrinkt sich dessen Vater Juan nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis in einem Freudentaumel mit den anderen Männern im Dorf und kehrt im Alkoholrausch anschließend ungewollt in sein ehemaliges Heim zurück. Die dortige Wiederbegegnung mit seiner Ehefrau endet in einer gewaltsamen Auseinandersetzung.
Als Juan in seinem Rausch einschläft, nutzt Maria Concepcion die Trunkenheit ihres Mannes, um ihre Rachepläne in die Tat umzusetzen, und tötet ihre Rivalin mit zwanzig Messerstichen.
Die Polizei beschuldigt Maria Concepcion in dem nachfolgenden Verhör des Mordes, kann ihr die Tat jedoch nicht nachweisen, da sowohl der Ehemann Juan als auch die übrigen Dorfbewohner sie mit Falschaussagen schützen.
In dem Schlussteil der Erzählung nimmt die Protagonistin das Kind der von ihr getöteten Maria Rosa als ihr eigenes an und stellt ihre häusliche Ehegemeinschaft wieder her, indem sie Juans Rückkehr in ihr gemeinsames Heim zulässt.
Interpretationsansatz Im Zentrum dieser Kurzgeschichte Katherine Anne Porters steht die schmale Gratwanderung, die die Protagonistin zwischen ihrer traditionellen Rolle als Ehefrau und der von ihr angestrebten Emanzipation vollzieht.
Die Eingangspassagen der Erzählungen zeigen Maria Concepcion als eine zufriedene und selbstbewusste sowie aufrechte Frau, die aufgrund ihres Geschäftssinns und ihres Pflichtbewusstseins („careful sense of duty“, S. 6) bei den Dorfbewohnern hohes Ansehen genießt („good reputation with the neighbors“, S. 4). Sie scheint in völligem Einklang mit sich und ihrer Umwelt zu leben („entirely contended“, S. 3, dt.: „völlig zufrieden“); ihre Religiosität stellt sie ebenso offen zur Schau wie ihren Stolz („energetic religious woman ... proud“, S. 4, dt.: „energische religiöse Frau ... stolz“). Aus Sicht ihrer Mitmenschen verleiht ihr stolzes Auftreten ihr ein beinahe königliches, erhabenes Wesen („royalty in exile“, S. 7, dt.: „Königin im Exil“). Sie ist diejenige, die entscheidend zum Lebensunterhalt des Ehepaares beiträgt und gleichermaßen die kirchliche Eheschließung organisiert und finanziert hat (S. 4).
Der anfängliche Eindruck einer jungen emanzipierten Frau, die ihren Platz im Leben und in der Ehe gefunden hat, erweist sich jedoch für den Leser im weiteren Verlauf der Erzählung in dieser Form als nicht zutreffend. In einem Gespräch Juans mit Given wird deutlich, dass die Ehe der beiden schon vor der Affäre mit Maria Rosa nicht glücklich gewesen sein kann: obwohl sie eine pflichtbewusste Ehe- und Hausfrau ist, kann Maria Concepcion sich ihrem Mann gegenüber nicht behaupten; dieser nimmt sie nicht als eigenständige Persönlichkeit wahr und zeigt ihr ebenso wenig gebührenden Respekt, was sich vor allem in seinen zahlreichen Seitensprüngen und Eskapaden spiegelt (S. 7). Juans betont kontrastive Beschreibung seiner Ehefrau und seiner Geliebten erhärtet den Verdacht, dass der ehelichen Beziehung jegliche Erotik fehlt und er seine sinnlich-sexuelle Erfüllung allein bei Maria Rosa findet: „You know how she used to keep those clean little bees in their hives. She is like their honey to me“ (S. 12, dt.: „Sie kennen doch die sauberen kleinen Bienen, die sie in den Stöcken gehalten hat. Sie ist für mich wie der Honig dieser Bienen“).Vgl. zu diesem Deutungsansatz soweit Petra Bridzun: Katherine Anne Porter: Maria Concepcion. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 28f.
Als kokette Imkerin, deren äußerliches Erscheinungsbild bereits auf ihre sinnlichen Eigenschaften schließen lässt, wird sie in der Schilderung des erotischen Spiels in Lupes Garten als Inbegriff der Verführung dargestellt; sie wirkt auf Juan ebenso aufreizend und bezaubernd wie das Summen ihrer Bienen. Im Gegensatz zu Maria Concepcion gibt sich ihre Gegenspielerin Juan völlig hin und stellt mit ihm vollkommene körperliche Harmonie her (S. 5); wie Juan gegenüber Givens erklärt, gesteht er Maria Concepcion zwar durchaus ihren rechtmäßigen Status als Ehefrau zu; sexuelle Bestätigung und sinnliche Erfüllung findet er jedoch ausschließlich in der Beziehung zu Maria Rosa.
Während der einjährigen Abwesenheit Juans lebt Maria Concepcion ein asketisches Leben, in dem sie eine Läuterung erfährt. Durch ihre unermüdliche Arbeit, ihre Ansammlung von Ersparnissen und ihre vertiefte Hinwendung zur Religion stellt sie den Dorfbewohnern und sich selbst gegenüber ihre finanzielle wie auch emotionale Unabhängigkeit von ihrem Ehemann Juan unter Beweis. Ebenso überdenkt sie in dieser Zeit nach dem Tod ihres neugeborenen Kindes, die für sie sehr schmerzhaft ist, ihre eigene Rolle als Ehefrau und die damit verknüpften Rechte, Pflichten und Bedürfnisse.
Als Juan schließlich aus dem Krieg zurückkehrt, findet er eine veränderte Ehefrau vor, die sich fortan seiner Gewalt beharrlich widersetzt und ihre bisherige passive Rolle als betrogene und gedemütigte Ehefrau aufgibt; sie ist nun bereit, die lang gehegten Rachepläne ihrer Rivalin gegenüber zu verwirklichen. Die zwanzig Messerstiche bei der Ausführung der Mordtat zeigen dabei die Intensität ihres vorangegangenen Leidens.
Durch die Ermordung ihrer Rivalin erscheint Maria Concepcion ihrem Ehemann von nun an in einem völlig anderen Licht; aus der für ihn zuvor bedeutungslosen Ehefrau wird ein mysteriöses, wertvolles Wesen, das ihm überlegen ist und nichts mehr gemeinsam hat mit der Frau, die er zuvor kannte (S. 14); aus seiner bisherigen respektlosen Ignoranz ihrer Persönlichkeit und ihrer Bedürfnisse wird die Anerkennung ihrer Besonderheit und Einzigartigkeit; erst jetzt akzeptiert er sie als zu sich gehörig (S. 16).Vgl. Petra Bridzun: Katherine Anne Porter: Maria Concepcion. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 29 f.
Diese veränderte Wahrnehmung führt zu einer Neuausrichtung der Machtverhältnisse in der ehelichen Beziehung; fortan hat Maria Concepcion die Zügel in der Hand. Zwar glaubt Juan zunächst, seine Überlegenheit wiedererlangt zu haben, indem er für kurze Zeit die Rolle des Beschützers spielt und versucht, seine Frau vor einer Verhaftung durch die Polizei zu bewahren. Die Polizisten lassen jedoch erst von Maria Concepcion ab, als auch diese in einer inszenierten Selbstdarstellung wiederum die klassische Rolle einer Ehefrau einnimmt, die die erotischen Eskapaden ihres Gatten hinnimmt und sich auf ihren angestammten Platz am Herd zurückzieht.
Als das Paar dann nach dem Ende des Verhörs in das gemeinsame Heim zurückkehrt, sinkt Juan, der noch von der vorherigen Inszenierung seiner Virilität völlig erschöpft ist, in sich zusammen (S. 20). Voller Unmut und Bitterkeit („bitterness“, S. 20) muss er nun die Neuordnung seines Lebens und der ehelichen Beziehung erkennen und nimmt gleichsam rituell von seiner bisherigen selbstsüchtigen, männlichen Dominanz Abschied, indem er sich seiner „heavy finery“ (S. 21, dt.: „seines schwerer Putzes“, ) entledigt. Sein früheres Frauenbild ist ins Wanken geraten, was in ihm ein Gefühl der Entfremdung und gespenstischen Unwirklichkeit auslöst („unreal ... ghostly“, S. 21).Vgl. Petra Bridzun: Katherine Anne Porter: Maria Concepcion. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 30 ff.
Gleichsam wie in einer Kreuzigungsszene sinkt er mit von sich gestreckten Armen auf den Boden; sein Verlangen nach Schlaf deutet symbolisch auf seinen Todeswunsch hin; er hat das Gefühl, dass sein bisheriges Leben vorüber ist. Mit seiner Geliebten ist auch die Erotik in seinem Leben ausgelöscht; in überkommt das Gefühl, selber in ein Grab hinabzusteigen (S. 20). An die Stelle seines alten Lebens als Frauenheld „Don Juan“, wie es bezeichnenderweise in seinem Namen anklingt, tritt nun die Erfüllung seiner ehelichen Pflichten als Vater und Ernährer der Familie, was in ihm ein Gefühl von Bitterkeit und Melancholie auslöst, das in seiner Selbstaufgabe gipfelt (S 20 f.). Allerdings erlischt zugleich seine Begeisterung für Maria Concepcion; ihr Triumph am Ende der Kurzgeschichte bleibt derart nicht ohne jegliche Schattenseiten.Siehe auch Petra Bridzun: Katherine Anne Porter: Maria Concepcion. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 31
Beziehung der Geschlechter Die Unterschiede in der Charakterisierung von Juan und Maria Concepcion lassen deutlich erkennen, dass in dieser Erzählung Katherine Anne Porters die Frauengestalten insgesamt positiver dargestellt werden.