mini|hochkant|Isaac von Sinclair Der Rhein ist eine Hymne von Friedrich Hölderlin. Sie zählt zu seinen „Vaterländischen Gesängen“ und ist unter diesen einer der bekanntesten.Philipsen 2002, S. 352. Der Begriff „Vaterländische Gesänge“ geht auf einen Brief Hölderlins an den Frankfurter Verleger Friedrich Wilmans vom Dezember 1803 zurück, in dem er von der Durchsicht „einiger Nachtgesänge“ berichtet und fortfährt:Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 436. „Übrigens sind Liebeslieder immer müder Flug […]; ein anders ist das hohe und reine Frohloken vaterländischer Gesänge.“ Schon kurz zuvor hatte er Wilmans „einzelne größere lyrische Gedichte“ angekündigt, „so daß jedes besonders gedrukt wird weil der Inhalt unmittelbar das Vaterland angehn soll oder die Zeit“.Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 435.
Entstehung und Überlieferung Von Anfang Januar 1796 bis Ende September 1798 war Hölderlin Hofmeister, Hauslehrer, für den Sohn des Kaufmanns Jakob Friedrich Gontard-Borkenstein (1764–1843) und dessen Frau Susette in Frankfurt am Main. Susette wurde Hölderlins Diotima. Nach dem Bruch mit Gontard lebte Hölderlin zunächst im nahen Homburg, ab Mitte Juni 1800 in Nürtingen, wo Mutter und Schwester wohnten, und Stuttgart. Von Januar bis April 1801 war er Hofmeister bei dem Leinenfabrikanten Anton von Gonzenbach (1748–1819) in Hauptwil in der Schweiz. Dort hat er das Gedicht Der Rhein konzipiert, hat es aber wohl erst im Sommer 1801, zurück in Nürtingen, fertiggestellt, bevor er im Dezember zu einer weiteren Hofmeisterstelle – seiner letzten – in Bordeaux aufbrach.
Drei Autographen sind überliefert. Ein Einzelblatt (zwei beschriebene Seiten), das in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt wird und über sie elektronisch verfügbar ist,siehe Literatur. „H1“ nach der von Friedrich Beissner, Adolf Beck und Ute Oelmann (* 1949) herausgegebenen historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe der Werke Hölderlins,siehe Literatur. enthält einen Entwurf der Verse 1–31 und 105–122. Zwei Blätter (vier beschriebene Seiten), „H2“ nach der Stuttgarter Ausgabe, die im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt werden, enthalten die Verse 46–95 und 180–121. Fünf Blätter (zehn beschriebene Seiten), „H3“ nach der Stuttgarter Ausgabe, ebenfalls in der Württembergischen Landesbibliothek und über sie elektronisch verfügbar, enthalten das ganze Gedicht unmittelbar im Anschluss an die letzte Strophe des Gedichts Die Wanderung. In „H3“ hat Hölderlin nachträglich Änderungen eingetragen. Das Blatt „H1“ ist in das Konvolut „H3“ eingeklebt.
Gedruckt wurde Der Rhein erstmals 1808 im Musenalmanach für das Jahr 1808, herausgegeben von Leo Freiherrn von Seckendorf. Die Druckvorlage ist nicht erhalten; sie ist nicht identisch mit Hölderlins Reinschrift „H3“.Schmidt 1992, S. 855.
In diesem Artikel wird Hölderlin, wenn nicht anders angegeben, nach der Stuttgarter Ausgabe zitiert. Deren Herausgeber legten den Druck im Musenalmanach zugrunde, emendierten ihn aber vielfach unter Benutzung der Autographen mit dem Ziel, Hölderlins verlorene Druckvorlage wiederzugewinnen. So druckte der Musenalmanach Vers 68 „Im eigenen Zaume lachend,“, die Stuttgarter Ausgabe druckt gemäß „H3“ „Im eigenen Zahne, lachend“. Die „Leseausgaben“ von Jochen Schmidt und Michael Knaupp bieten wieder etwas andere Texte.
Der auffälligste Unterschied zwischen den Autographen und dem Erstdruck betrifft die Widmung. Sie fehlt in „H1“ und „H2“, lautet „An Vater Heinze“ – gemeint ist der vierundzwanzig Jahre ältere Wilhelm Heinse – in „H3“ und „An Isaak von Sinclair“ – den fünf Jahre jüngeren Isaac von Sinclair – im Musenalmanach. Man nimmt an, dass Hölderlin die Widmung änderte, nachdem Heinse am 22. Juni 1803 gestorben war. Die Umwidmung zog Änderungen in der zehnten, elften und fünfzehnten Strophe des Gedichts nach sich (siehe dort).
Einen Satz aus Heinses 1787 erschienenen Roman Ardinghello hatte Hölderlin 1791 als Motto über sein Gedicht Hymne an die Göttin der Harmonie gesetzt.Stuttgarter Ausgabe Band 1, 1, S. 130. Er kannte auch Heinses 1795 bis 1796 erschienenen dreibändigen Musikroman Hildegard von Hohenthal. Im Juli 1796 stieß Heinse zu Susette Gontard, Susettes Kindern und Hölderlin, als sie vor den im Ersten Koalitionskrieg heranziehenden französischen Truppen von Frankfurt nach Kassel und Bad Driburg geflohen waren. Bis Ende September 1796 konnte Hölderlin Heinse täglich sehen und sprechen. Heinse hat Hölderlin in seinem Pantheismus bestärkt, dazu in seiner Begeisterung für den „Vater Aether“,Brod und Wein Vers 65, Stuttgarter Ausgabe Band 2, 1, S. 92. seiner Hoffnung auf eine neue Harmonie zwischen Göttern und Menschen und seinem Dichten in freien Rhythmen. Hölderlin hat ihm auch die Elegie Brod und Wein gewidmet.Stuttgarter Ausgabe Band 2, 1, S. 90. In dem Hymnenentwurf Der Vatikan hat er ihn „mein ehrlich Meister“ genannt.Stuttgarter Ausgabe Band 2, 1, S. 252 und Band 2, 2, S. 890. Heinse hat Hölderlins musiktheoretisches, poetologisches und vaterlandsbezogenes Denken erheblich beeinflusst.Gaier 2002, S. 89.
Hölderlin und Isaac von Sinclair hatten sich 1793 in Tübingen kennengelernt. Im März 1795 wurden sie in Jena Freunde. Sie trafen sich in Vorlesungen Johann Gottlieb Fichtes und bewohnten zeitweise gemeinsam ein Gartenhaus vor den Toren der Stadt. An seine Schwester schrieb Hölderlin 1797 von „Sinklär, einem ganz vorzüglichen jungen Manne, der mein Freund ist, im gründlichsten Sinne des Worts“.Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 238–239. Beide strebten eine demokratische Verfassung an, doch war Sinclair anders als Hölderlin kämpferisch, aktivistischBeck und Raabe 1970, S. 381. und unterhielt direkte Verbindungen zu umsturzwilligen Kreisen. Ab 1796 stand er im Dienst des Landgrafen Friedrichs V. von Hessen-Homburg. Auf seinen Rat übersiedelte Hölderlin im September 1798, als er Frankfurt verlassen musste, nach Homburg. Ein weiteres Mal half Sinclair ihm nach der Rückkehr aus Bordeaux 1802. Im Januar 1803 überreichte Sinclair dem Landgrafen die Widmungshandschrift von Hölderlins Hymne Patmos / Dem Landgrafen von Homburg.Stuttgarter Ausgabe Band 2, 1, S. 165. Mitte 1804 schließlich holte er Hölderlin nach Homburg, wo er ihm eine Anstellung als Hofbibliothekar verschaffte, die er selbst finanzierte. Ihre Beziehung endete 1806, einerseits wegen Hölderlins psychischer Krankheit, andererseits weil Sinclair durch die Mediatisierung der Landgrafschaft Hessen-Homburg seine Anstellung verloren hatte. Hölderlin hat ihm auch die um 1800 in zwei Fassungen entstandene Ode An Eduard gewidmet, deren erster Entwurf „Bundestreue. An Sinklair“ überschrieben ist.Stuttgarter Ausgabe Band 2, 2, S. 462.
Text und Interpretation Von Hölderlins Stromgedichten – Der Main, Der Nekar, Der Ister, Der gefesselte Strom – ist Der Rhein das größte. Es ist in einem freien Rhythmus komponiert und besteht aus fünfzehn Strophen zu je 14 bis 16 Versen, bis auf die letzte Strophe mit 12 Versen, die aber in ihrer ersten Fassung im Manuskript „H2“ ebenfalls 14 Verse umfasste. Den Strophen wird von der Forschung eine Struktur in fünf „Triaden“ zu je drei Strophen übergeordnet. Die Triadenform war Hölderlin von seiner Beschäftigung mit Pindar bekannt. Er legte sie zum Beispiel auch der Elegie Brod und Wein zugrunde.
Im Manuskript „H1“ hat Hölderlin dem Gedicht eine Bemerkung vorgeschaltet:Schmidt 1992, S. 856. „Das Gesetz dieses Gesanges ist, daß die zwei ersten Partien der Form [nach] durch Progreß u Regreß entgegengesetzt, aber dem Stoff nach gleich, die 2 folgenden der Form nach gleich dem Stoff nach entgegengesetzt sind die letzte aber mit durchgängiger Metapher alles ausgleicht.“ Die Bemerkung wurde nicht in den Musenalmanach übernommen.
Deutungen haben Martin Heidegger in einer im Wintersemester 1934/1935 gehaltenen Vorlesung in Freiburg im Breisgau, Walter Hof (* 1911), Wolfgang Binder, Bernhard Böschenstein, Jochen Schmidt und Ulrich Gaier (* 1935) gegeben. Nicht selten widersprechen sich die Interpreten. So setzen die meisten die fünf „Partien“ von Hölderlins Vorbemerkung mit den fünf Triaden gleich, für Ulrich Gaier dagegen sind die fünf „Partien“ die Strophen „1 und 2“, „3 und 4“, „5“, „6“ und „7 bis 15“. Grundsätzlich wird angenommen, dass Der Rhein drei Bilder gelingenden Lebens und seiner Bedingungen entwirft: in den Strophen 1 bis 9 das Bild des Stromes, in den Strophen 10 bis 13 das Bild des im Einklang mit der Natur lebenden Dichters, im gedruckten Gedicht Jean-Jacques Rousseaus, und in den Strophen 14 bis 15 das Bild des Weisen, des Philosophen, im gedruckten Gedicht des Sokrates und Sinclairs. Hinter den Bildern stehen Hölderlins Pantheismus und seine Geschichtsphilosophie, nach der ein liebendes Miteinander der göttlichen All-Natur und der Menschen zuerst südöstlich von Mitteleuropa verwirklicht war, vor allem im antiken Griechenland, während die Gegenwart eine Zeit der Götterferne sei, und nach der schließlich im Abendland, vor allem in Deutschland, Hölderlin sagt gern in „Hesperien“,Das Wort leitet sich von den Hesperiden ab, die in ihrem Garten im fernsten Westen einen Baum mit goldenen Äpfeln bewachten. Hölderlin meinte damit etwa in Brod und Wein Vers 150 – „Siehe! wir sind es, wir, Frucht von Hesperien ists!“ – das außergriechische Abendland, besonders Deutschland. Griechenland bezeichnete für ihn den vergangenen, Hesperien den künftigen Göttertag des Abendlandes. Stuttgarter Ausgabe Band 2, 2, S. 619–620. ein neuer Göttertag kommen kann. mini|hochkant|Handschrift H3: Die Wanderung Vers 103–117 und Der Rhein Vers 1–7 Der Rhein An Isaak von Sinclair
Im dunkeln Efeu sass ich, an der Pforte Des Waldes, eben da der goldene Mittag, Den Quell besuchend, herunterkam Von Treppen des Alpengebirgs, 5Das mir die göttlich gebaute, Die Burg der Himmlischen heisst Nach alter Meinung, wo aber Geheim noch manches entschieden Zu Menschen gelanget; von da 10Vernahm ich ohn Vermuhten Ein Schicksal, denn noch kaum War mir im warmen Schatten Sich manches beredend, die Seele Italia zugeschweift 15Und fern hin an die Küsten Morea’s.
Feierlich, in hohem Ton, hebt das Gedicht an. Der Dichter sitzt „Im dunkeln Efeu“, umgeben von einer Pflanze der Götter, von der es in Patmos heißt:Stuttgarter Ausgabe Band 2, 1, S. 166. „Und Zeug unsterblichen Lebens / An unzugangbaren Wänden / Uralt der Epheu wächst“. Es ist die Stunde, da „der goldene Mittag / Den Quell besuchend, herunterkam“, traditionell die Zeit der Inspiration.Schmidt 1992, S. 859. Die Alpen, die „göttlichgebaute, / Die Burg der Himmlischen“, erlebte Hölderlin wieder – er war schon 1791 in der Schweiz gewesen – in Hauptwil, von wo er im Februar 1801 an seine Schwester schrieb:Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 414. „Du würdest auch so betroffen, wie ich, vor diesen glänzenden, ewigen Gebirgen stehn, und wenn der Gott der Macht einen Thron hat auf der Erde, so ist es über diesen herrlichen Gipfeln.“ Seine Gedanken schweifen „Italia zu“ und „fern hin an die Küsten Moreas“, der Peloponnes. Nach Süden und Osten zu schweifen also die Gedanken, dahin, wo es in der Antike gab, was die abendländische, hesperische Menschheit wieder gewinnen muss: die Einheit der göttlichen gesehenen Natur und der Menschen. Die Einleitungsstrophe handelt noch nicht ausdrücklich vom Rhein. „Sie hält sich in verbergender Vieldeutigkeit“.Böschenstein 1968, S. 36. Da aber trifft den Dichter „ohn Vermuthen / Ein Schiksaal“, die Kernvision seines Gedichts; es ist das Schicksal des Rheins, des auf Erden gefangenen Göttersohnes. mini|hochkant|Handschrift H3: Der Rhein Vers 8–31 Jezt aber, drinn im Gebirg, Tief unter den silbernen Gipeln, Und unter fröhlichem Grün, Wo die Wälder schauernd zu ihm, 20Und der Felsen Häupter übereinander Hinabschaun, taglang, dort Im kältesten Abgrund hört’ Ich um Erlösung jammern Den Jüngling, es hörten ihn, wie er tobt’, 25Und die Mutter Erd’ anklagt’, Und den Donnerer, der ihn gezeuget, Erbarmend die Eltern, doch Die Sterblichen flohn von dem Ort, Denn furchtbar war, da lichtlos er