mini|Prachteinband von Alexander von Liezen-Mayer mini|Die fertige Glocke (Illustration von Liezen-Mayer) Das Lied von der Glocke ist ein im Jahr 1799 von Friedrich Schiller veröffentlichtes Gedicht. Es gehörte lange Zeit zum Kanon der deutschen Literatur und ist eines der bekanntesten, am meisten zitierten und parodierten deutschen Gedichte.

Entstehung mini|Münster in Schaffhausen mini|Schillerglocke in Schaffhausen Schiller kam schon als Schüler mit dem Handwerk des Glockengießens in Kontakt, denn Georg Friderich Neubert, der Sohn des Ludwigsburger Glockengießers, war Schillers Schulkamerad auf der Lateinschule, und die Familie Schiller wohnte nur einige Häuser vom Gießhaus entfernt. Es gilt auch als sicher, dass Schiller während seines Aufenthalts in Ludwigsburg 1793/94 die Familie Neubert wieder besuchte.

Wie Schillers Schwägerin Caroline von Wolzogen berichtet, besuchte Friedrich Schiller schon 1788 mehrfach die Glockengießerei Mayer in Rudolstadt An der ehemaligen Gießerei Mayer in Rudolstadt befindet sich eine Tafel mit dem Spruch: Steh Wandrer still; denn hier erstand, dass keine andre möglich werde, gebaut von Schillers Meisterhand, die größte Glockenform der Erde. und schrieb in einem Brief an Christian Gottfried Körner . Dieses Zitat wird allgemein auf „Das Lied von der Glocke“ bezogen, doch erst 1797 scheint das Projekt konkrete Formen angenommen zu haben. Von der ersten Konzeption des Gedichts bis zur Fertigstellung vergingen mehr als zehn Jahre.

Zu Caroline von Wolzogen und Charlotte von Lengefeld sprach Schiller 1787 von einem geplanten „Glockengießerlied“ als von einer Dichtung, von der er besondere Wirkung erwarte. Nachdem Schiller Homers Odyssee und Ilias in deutschen Übertragungen wieder gelesen hatte, strebte er danach, der nationale Epiker seiner Zeit zu werden. Dieses Ideal eines Volkssängers wurde von Schiller selbst in der Rezension der Gedichte Gottfried August Bürgers in der „Allgemeinen Literatur-Zeitung“ von 1790 dahingehend präzisiert, dass .

Die von Schiller selbst genannte Quelle war die 1788 in Brünn erschienene Oeconomische Encyclopädie von Johann Georg Krünitz. Hier fand Schiller die präzise beschriebenen Arbeitsabläufe und Fachbegriffe wie Schwalch, Glockenspeise oder Damm. Ebenso entnahm er diesem Werk das vorangestellte Motto: Dass Glockengeläut Blitze vertreibt, beruht auf einem alten Volksglauben, von dem Krünitz ebenfalls berichtet.

Eine weitere Anregung zur Abfassung des Liedes war die Beschreibung des Gusses des Perseus in Benvenuto Cellinis Autobiographie, deren vorletzte Sendung der Übersetzer Goethe ihm am 1. Februar 1797 für die Zeitschrift Die Horen gesandt hatte. Jetzt entwickelte Schiller einen klaren Plan für Das Lied von der Glocke.

In einem Brief vom 7. Juli 1797 teilt er Goethe mit, er sei .

In einem Brief an Goethe vom 23. Februar 1798 schreibt Schiller, wobei er auf Goethes Aufsatz über Laokoon anspielt: .

Das Gedicht wurde nicht rechtzeitig zum Redaktionsschluss des Musenalmanachs fertig. Schiller schreibt am 22. September 1797 an Goethe: .

Doch auch das Jahr 1798 verging, ohne dass Schiller sein Lied von der Glocke beendete. Erst im September 1799 nahm er das Gedicht wieder auf und schloss es rasch ab. Vermutlich waren die so genannten Meistersprüche zuerst fertig. Der ursprüngliche Name des Gedichts war „Glockengießerlied“. „Das Lied von der Glocke“ hieß es erst seit seinem Erscheinen im Musenalmanach.

Inhalt Schiller verbindet die kundige Darstellung eines handwerklichen Glockengusses mit allgemeiner Anschauung und Kommentierung des Menschenlebens, seiner Möglichkeiten und Gefahren.

Form Germanisten unterscheiden im Aufbau des Gedichts zwei Arten von Strophen: Meister- oder Arbeitsstrophen Reflexions- oder Betrachtungsstrophen Anzahl 10 9 Länge 8 Verse unterschiedlich lang Inhalt gesprochen vom Meister zur handwerklichen Arbeit fünf Strophen über die Vorarbeiten bis zum Beginn des Gusses fünf Strophen über die Tätigkeit nach erfolgtem Guss Betrachtungen über das Leben weiterführende Assoziationen Form vierfüßige Trochäenvier Verse mit gekreuzten, vier mit parallelen Reimen unterschiedlich

Motto mini|Motto (Illustration von Ludwig Richter) Die erste, eingerückte Zeile zwischen Titel und erster Strophe ist in Latein und lautet:

Eine für die katholische Pfarrkirche St. Leodegar in Friedingen im Jahr 1670 gegossene Glocke erhielt die deutsch – was sehr selten war – gehaltene Abwehrformel:

Drei für die Hoffnungskirche Berlin-Pankow im Jahr 1913 gegossene Glocken waren vermutlich die letzten Glocken, auf denen das oben genannte Motto angebracht wurde. Auf die drei Glocken mit den Namen „Glaube“, „Liebe“ und „Hoffnung“ wurde das Motto aufgeteilt: Glaube – vivos voco, Hoffnung – mortuos plango, Liebe – fulgura frango. mini|Die Glocke „Glaube“ in der Hoffnungskirche Berlin-Pankow

Blick auf die vorbereitete Form Anfangsverse Anzahl der Verse Strophe / Inhalt Fest gemauert in der Erden Steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muß die Glocke werden. Frisch, Gesellen! seyd zur Hand. Von der Stirne heiß Rinnen muß der Schweiß, Soll das Werk den Meister loben! Doch der Segen kommt von oben. 8 Verse (Vers 1 bis 8) 1. Strophe insgesamt (1. Arbeitsstrophe) Die erste Strophe deutet auf die gemachten Vorarbeiten hin, denen jetzt der eigentliche Guss folgen soll. Die Form aus Lehm befindet sich in der Dammgrube und soll nun mit dem zu schmelzenden Metall gefüllt werden. Beschrieben wird hier das sog. Mantelabhebeverfahren. Da im Verlauf dieses Verfahrens sowohl das Modell als auch die Form zerstört werden, nennt man dieses auch ein Verfahren mit verlorener Form.

Sinngebung der Arbeit Anfangsverse Anzahl der Verse Strophe / Inhalt Zum Werke, das wir ernst bereiten, Geziemt sich wohl ein ernstes Wort; Wenn gute Reden sie begleiten, Dann fließt die Arbeit munter fort. 12 Verse (Vers 9 bis 20) 2. Strophe insgesamt (1. Betrachtungsstrophe) Die erste Betrachtungsstrophe ist als die eigentliche Einleitung des Gedichts anzusehen. Keiner, der eine Arbeit verrichtet, soll die Arbeit gedankenlos ausführen, sondern muss mit dem Herzen bei der Sache sein. Der Jambus verleiht den vier ersten Betrachtungsstrophen einen ruhigen Charakter.

Zubereitung der Glockenspeise Anfangsverse Anzahl der Verse Strophe / Inhalt Nehmet Holz vom Fichtenstamme, Doch recht trocken laßt es seyn, Daß die eingepreßte Flamme Schlage zu dem Schwalch hinein. 8 Verse (Vers 21 bis 28) 3. Strophe insgesamt (2. Arbeitsstrophe) mini|Karl von Schiller Friedrich Schiller war über die tatsächlichen Vorgänge gut informiert. Weil das schnelle Verbrennen mit starker Flamme für die besonderen Verhältnisse im traditionell holzbeheizten Schmelzofen Vorteile hat, verbrennen Glockengießer in der Tat, jedoch nur zum Anheizen des Ofens, Fichtenholz, dieses allerdings nicht vorrangig. Schillers ältester Sohn Karl von Schiller, der Förster war, hat die Vermutung geäußert, seinem Vater sei in der Zeile „Nehmet Holz vom Fichtenstamme …“ ein sachlicher Fehler unterlaufen: . Fichtenholz hat einen hohen Heizwert pro Kilogramm. Es ist sehr harzig und brennt schnell ab. Es gilt in geschlossenen Kaminöfen als gute Wahl zum Anheizen und als Brandförderer, wenn Hartholz im Ofen verbrannt wird. Erfahrungen von offenen Kaminen oder Kaminöfen können nicht auf den Betrieb von Schmelzöfen übertragen werden. Doch unterliegen sowohl Vater als auch Sohn dem gleichen Irrtum. Der Fichtenstamm dient beim Glockenguss einem gänzlich anderen Zweck. Dieser wird, wie Schiller richtig verortet, beim Bereiten der Glockenspeise benötigt, aber vorrangig als Rührwerkzeug für das flüssige Metall. Ein Verfahren, das auch heute noch gängig ist. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Fichtenstämme danach auch den Weg in den Ofen finden.

In dieser Strophe kommt das veraltete Fachwort „Schwalch“ vor, das man heute nur noch aus diesem Gedicht kennt. Schwalch oder Schwalg ist die Öffnung des Schmelzofens, durch die die Flamme über das Metall streicht. Wird das Schürloch geschlossen, wird die Flamme gezwungen, in den Ofen zu ziehen.

Die Gießgrube befindet sich dicht neben dem Gießofen. Im Gießofen wird zunächst das Kupfer aufgeschmolzen. Sobald dieses flüssig ist, wird das schon bei 232 Grad schmelzende Zinn hinzugegeben.

Zeugnis vom Wechsel des Schicksals Anfangsverse Anzahl der Verse Strophe / Inhalt Was in des Dammes tiefer Grube Die Hand mit Feuers Hilfe baut, Hoch auf des Thurmes Glockenstube Da wird es von uns zeugen laut. 12 Verse (Vers 29 bis 40) 4. Strophe insgesamt (2. Betrachtungsstrophe) Die zweite Betrachtung bezeichnet das Thema des Ganzen näher. Die in der Tiefe der Dammgrube entstandene Glocke wird oben in der Glockenstube das Lob des Meisters verkünden. Sie wird viele Geschlechter überdauern und jeden Wechsel im menschlichen Leben begleiten.

Verflüssigung des Metalls Anfangsverse Anzahl der Verse Strophe / Inhalt Weiße Blasen seh’ ich springen, Wohl! die Massen sind im Fluß. Laßt’s mit Aschensalz durchdringen, Das befördert schnell den Guß. 8 Verse (Vers 41 bis 48) 5. Strophe insgesamt (3. Arbeitsstrophe) Ist die sogenannte Glockenspeise (drei Teile Kupfer, ein Teil Zinn) in Fluss, bildet sich auf der Oberfläche ein weißlicher Schaum, in dem unreine Beimischungen abgesondert werden. Diese Schaumbildung wird durch den Zusatz von Pottasche noch beschleunigt.

Von der Taufglocke bis zur ersten Liebe mini|Illustration von Hans Kaufmann: „Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe“ Anfangsverse Anzahl der Verse Strophe / Inhalt Denn mit der Freude Feyerklange Begrüßt sie das geliebte Kind Auf seines Lebens erstem Gange, Den es in Schlafes Arm beginnt; 31 Verse (Vers 49 bis 79) 6. Strophe insgesamt (3. Betrachtungsstrophe) Die dritte Betrachtung beginnt mit der Schilderung der Kindheit. Feierlich begrüßt die Glocke das Kind zur Taufe. Das Schicksal des jungen Menschen ist jedoch ungewiss. Seine Mutter wacht über seine ersten Lebensjahre. Aber dann sondert der Knabe sich von den Mädchen ab und zieht hinaus in die Welt. Bei seiner Rückkehr verliebt er sich in das herangewachsene Mädchen und erlebt die vergängliche „schöne Zeit der jungen Liebe“.

Prüfung des Metallgemischs Anfangsverse Anzahl der Verse Strophe / Inhalt Wie sich schon die Pfeifen bräunen! Dieses Stäbchen tauch’ ich ein, Sehn wir’s überglast erscheinen Wird’s zum Gusse zeitig seyn. 8 Verse (Vers 80 bis 87) 7. Strophe insgesamt (4. Arbeitsstrophe) Am Ofen befinden sich die „Wind-Pfeifen“, Zuglöcher, die sich öffnen und verschließen lassen. Nachdem das Metall zwölf Stunden im Ofen ist, werden die Pfeifen gelb, und es ist Zeit für den Guss. Doch zuvor wird mit einem Stäbchen, das in das flüssige Metall getaucht wird, eine Probe gemacht. Erscheint das Stäbchen wie mit einer Glasur überzogen, hat sich das sprödere Kupfer mit dem weicheren Zinn vereinigt.

Hochzeitsglocke und Rollenverteilung mini|„Lieblich in der Bräute Locken“ Anfangsverse Anzahl der Verse Strophe / Inhalt Denn wo das Strenge mit dem Zarten, Wo Starkes sich und Mildes paarten, Da giebt es einen guten Klang. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, Ob sich das Herz zum Herzen findet! Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. 59 Verse (Vers 88 bis 146) 8. Strophe insgesamt (4. Betrachtungsstrophe) Diese Strophe schließt übergangslos an die vorhergehende Arbeitsstrophe an, die mit den folgenden Versen endet: Ob das Spröde mit dem Weichen Sich vereint zum guten Zeichen. In der vierten Betrachtung lädt die Glocke zur Hochzeitsfeier ein, mit der das erste Liebesglück abschließt, um dem Familienleben Platz zu machen. Weiter heißt es in dieser Strophe, in der ein traditionelles Familienbild geschildert wird, dass der Mann „hinaus ins feindliche Leben“ müsse, während drinnen im Haus „die züchtige Hausfrau“ walte.

Beginn des Gusses Anfangsverse Anzahl der Verse Strophe / Inhalt Wohl! Nun kann der Guß beginnen, Schön gezacket ist der Bruch. Doch, bevor wir’s lassen rinnen,