mini|350px|Schloss Fachsenfeld aus östlicher Sicht vom Schlosspark aus gesehen
Schloss Fachsenfeld ist ein im 16. Jahrhundert errichtetes Renaissance-Schloss im Aalener Stadtbezirk Fachsenfeld im Ostalbkreis, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im klassizistischen Stil italienischer Landhäuser umgebaut und erweitert wurde. Zum Schloss gehört ein 7,8 Hektar großer Landschaftsgarten.
Geschichte
Mittelalterliche Anfänge 1230 wurde mit Heinrich von Fachsenfeld erstmals ein staufischer Gefolgsmann dieses Namens urkundlich erwähnt. In nachstaufischer Zeit stand Fachsenfeld zunächst unter der Herrschaft der Grafen von Oettingen, bevor es 1401 an das Haus Woellwarth-Laubach gelangte.Konrad A. Theiss: Kunst- und Kulturdenkmale im Ostalbkreis. Aalen 2000, ISBN 3-8062-1542-1, S. 33–37.Max Miller (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Band 6: Baden-Württemberg (= Kröners Taschenausgabe. Band 276). Kröner, Stuttgart 1965, , S. 169–170. Georg Sigmund von Woellwarth († 1556) ließ dort 1540 ein größeres Gebäude errichten, das wohl auch schon über einen größeren Garten verfügte.Alois Schubert: Hans Sigmund von Woellwarth (1546-1622). Versuch eines Lebensbildes. In: Aalener Jahrbuch 1992, S. 23–68, auf aalen.de.
Renaissanceschloss mini|hochkant|Epitaph von Hans Sigmund von Woellwarth Sein Sohn Hans Sigmund von Woellwarth (1546–1622) ließ dort um 1567 ein Renaissanceschloss bauen.Beschreibung des Oberamts Aalen. Herausgegeben von dem Königlich statistisch-topographischen Bureau, Müller, Stuttgart, 1854, S. 244 (Online). Nachdem er 1569 in seiner Herrschaft die Reformation eingeführt hatte, stiftete er 1591 die Fachsenfelder Pfarrkirche, eine der ältesten evangelischen Kirchen des Landes. An der nördlichen Langhauswand dieser Chorturmkirche nach mittelalterlichem Vorbild befindet sich sein Epitaph.
Im Dreißigjährigen Krieg verlor Kaspar von Woellwarth das Schloss 1634 an den Hoch- und Deutschmeister Johann Kaspar von Stadion, erhielt es jedoch vier Jahre später zurück. An Weihnachten 1699 brannte das Schloss nieder. Bis 1710 wurde es aus finanziellen Gründen nur in vereinfachter Form wieder aufgebaut.
Übergang an die Familien Varnbüler und Koenig mini|hochkant|Carl von Ebersberg: Wilhelm von Koenig-Warthausen (Öl, 1838) im Herrenzimmer von Schloss Fachsenfeld1813 ging der Besitz von Heinrich Wilhelm von Woellwarth auf seinen Schwiegersohn Karl von Varnbüler über, den späteren württembergischen Finanzminister, der mit Friederike von Woellwarth, der einzigen Tochter des letzten Fachsenfelder Schlossherrn aus der Familie Woellwarth, verheiratet war.
Dessen Tochter Sofie Ernestine von Varnbüler heiratete 1826 den Stuttgarter Justizrat Wilhelm von Koenig, der das Schloss im folgenden Jahr von seinem Schwiegervater erwarb. Nachdem Wilhelm im Jahre 1829 zusammen mit seinem jüngeren Bruder Friedrich August Karl von Koenig (1800–1889) auch noch das deutlich größere Renaissanceschloss Warthausen bei Biberach gekauft hatte,Gabriele von Koenig-Warthausen: Schloßgut Warthausen seit 150 Jahren im Besitz der Freiherren von Koenig-Warthausen. In: BC-Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach, 2. Jahrgang, Heft 1, 22. Juni 1979, S. 26–31, auf gfh-biberach.de. führte er den Namen „von Koenig-Warthausen“. Das Schloss Warthausen befand sich bis 1985 im Besitz der von Friedrich August Karl begründeten Seitenlinie der Freiherren Koenig von und zu Warthausen.
Klassizistische Umgestaltung mit englischem Landschaftsgarten
Zu Beginn der folgenden knapp 170 Jahre, in denen das Schloss Fachsenfeld den Freiherren von Koenig gehörte, wurde das inzwischen instandsetzungsbedürftige Renaissanceschloss in ein klassizistisches Schloss umgestaltet und um einen englischen Landschaftsgarten erweitert. Die Familie nannte sich ab der nächsten Generation im Unterschied zur Warthausener Seitenlinie „von Koenig-Fachsenfeld“. Über vier Generationen blieb das Schloss in ihrem Besitz, bis es Ende des 20. Jahrhunderts an eine Stiftung überging und heute der Öffentlichkeit zugänglich ist.
Wilhelm von Koenig-Warthausen mini|Ökonomiegebäude aus dem Jahr 1837 im Norden des Schlosses Zwischen 1829 und 1831 ließ Wilhelm von Koenig-Warthausen (1793–1879) das notleidende Hauptgebäude instand setzen. Ab 1837 entstand anstelle der bisherigen Scheune das heutige Ökonomiegebäude. Nach 1839 baute er unter Verwendung der alten Grundmauern das heutige Schloss im schlichten klassizistischen Stil italienischer Landhäuser und vergrößerte es durch Anbauten.
Mittels eines zweistöckigen Anbaus an Süd- und Westseite erhielt das Schloss einen Gartensaal (1839), Jagdzimmer, Speisezimmer (beide 1844) und schließlich den Hauptsaal (1846), den Wilhelms Enkel Franz von Koenig sechzig Jahre später zur Bibliothek im Jugendstil umbauen lassen sollte. Auf das Dach wurde ein Belvedere gebaut, eine Aussichtsterrasse mit Blick auf den Schlosspark. 1859 war der Ausbau außen wie innen vollendet.Dagmar Zimdars [Hrsg.]: Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Baden-Württemberg I. Deutscher Kunstverlag, Berlin und München, 1993, ISBN 3-422-03024-7, S. 224.
mini|Schlossteich mit einer 1851 gepflanzten Blutbuche rechts im Bild Gleichzeitig wurde das östlich angrenzende Gelände vom königlich-württembergischen Oberhofgärtner Johann Wilhelm Bosch in einen englischen Landschaftsgarten verwandelt. Zum gärtnerisch-landwirtschaftlichen Experimentieren entstanden eine Streuobstwiese und ein Kartoffelfeld. Der Erholung dienten Sitzeinheiten und ein kleiner Teich. Das Gelände für den neuen Park wurde damals durch Zukäufe von 4,6 auf 7,8 Hektar vergrößert.
Ferdinand von Koenig-Fachsenfeld Bereits Wilhelm von Koenig-Warthausen betätigte sich als leidenschaftlicher Sammler von Porzellan, Gemälden, Grafiken und Büchern. Sein Sohn Ferdinand Freiherr von Koenig-Fachsenfeld (1834–1900), der im Alter von dreißig Jahren im Rang eines Rittmeisters aus der österreichischen Kaiserlichen und Königlichen Armee ausschied, lebte anschließend als Privatier auf Schloss Fachsenfeld. Er führte die Sammlertradition der Familie fort, widmete sich jedoch besonders der Jagd. Auf ihn geht die bis heute im Jagdzimmer des Schlosses erhaltene Geweihsammlung zurück.
Franz von Koenig-Fachsenfeld Nach Ferdinands Tod übernahm dessen Sohn Franz Freiherr von Koenig-Fachsenfeld (1866–1918) das Schloss. Der promovierte Jurist im württembergischen Staatsdienst ließ 1905 und 1907 im ehemaligen großen Saal eine Bibliothek im Jugendstil einrichten. Darüber hinaus begründete er eine Sammlung schwäbischer Impressionisten, darunter Werke von Hermann Pleuer. 1916 wurde das Schloss auf seine Initiative hin an das Elektrizitätsnetz angeschlossen; daran erinnert noch heute ein historischer Stromkasten.Koenig-Fachsenfeld, Franz von. auf leo-bw.de.
Reinhard von Koenig-Fachsenfeld mini|Grabmal von Reinhard von Koenig-Fachsenfeld und seiner Schwester Olga auf dem Friedhof der Evangelischen Kirche Fachsenfeld Reinhard Freiherr von Koenig-Fachsenfeld (1899–1992), der Sohn von Franz und Urenkel von Wilhelm von Koenig-Warthausen, verfolgte mit großem Interesse die technischen Innovationen der Luft- und Fahrzeugtechnik und begann bereits in den 1920er Jahren mit eigenen ingenieurtechnischen Experimenten. Sein zentrales Anliegen bestand darin, aerodynamische Erkenntnisse aus der Luftfahrt auf den Automobilbau zu übertragen. Zunächst selbst begeisterter Rennfahrer, entwickelte Reinhard von Koenig-Fachsenfeld seit Mitte der 1920er Jahre strömungsgünstige Karosserien, unter anderem für Manfred von Brauchitsch. Mit dem von Koenig-Fachsenfeld umgebauten Mercedes-Benz SSKL gewann von Brauchitsch 1932 das ADAC-Rennen auf der AVUS in Berlin. Damit begann der internationale Erfolg der aerodynamisch optimierten „Silberpfeile“.
Reinhard von Koenig-Fachsenfeld gründete 1982 als letzter Nachkomme seiner Linie die „Stiftung Schloss Fachsenfeld“ als gemeinnützige Stiftung. Diese hat den Auftrag, das Schloss und den Park zu erhalten und für die Bevölkerung zu öffnen. Zudem soll sie Schloss Fachsenfeld als überregional bedeutsamen Kulturstandort etablieren sowie die Verbindung zur Kunst, Wissenschaft, Technik und Natur fördern.Kulturauftrag auf schloss-fachsenfeld.de.
Mit dem Tod Reinhards im Jahre 1992 endete die Ära der Freiherren von Koenig-Fachsenfeld. Seit 1999 ist das Schloss für die Öffentlichkeit zugänglich.
Ausstattung
Schloss und Nebengebäude mini|Großes Speisezimmer mini|DKW-Weltrekordwagen Baujahr 1931 mini|Taubenvoliere aus dem Jahr 1827 mit Pfauentauben, Skulptur von Karl Ulrich Nuss im Vordergrund Im Schloss, dessen Inneres individuell oder im Rahmen von Führungen besichtigt werden kann, befinden sich vollständig erhaltene und renovierte Zimmer in ihrer historischen Möblierung. Im Erdgeschoss informieren Tafeln über die einzelnen Räume: Herrenzimmer mit Porträts von Wilhelm von Koenig-Warthausen (um 1838) und seiner Ehefrau Sofie Ernestine (um 1828) an der Stirnwand. Terrassenzimmer, das morgens als Frühstückszimmer und nachmittags als Spielzimmer genutzt wurde. Kleines Speisezimmer mit Mobiliar und Speiseservice aus dem Jahr 1864 im Stil des Historismus. Gartensaal („Goldener Salon“), der größte Raum des Schlosses, mit Porträts von Ferdinand von Koenig-Fachsenfeld und seiner Ehefrau Anna (um 1868) an der Stirnseite sowie Eichenmobiliar aus dem Jahr 1875 im Stil des Historismus. Der Raum dient heute als repräsentativer Trauraum. Jagdzimmer, das Ferdinand von Koenig-Fachsenfeld mit Gewehrschrank und Jagdtrophäen ausstatten ließ. Großes Speisezimmer, das bei Gästebesuchen genutzt wurde. Der Tisch wurde mit einem 122-teiligen Speiseservice aus englischem Porzellan aus dem Jahr 1875 gedeckt. An der Wand stehen „Ulmer Schränke“ aus dem 17. Jahrhundert. Jugendstil-Bibliothek, die 1903 von Franz von Koenig-Fachsenfeld eingerichtet wurde. Tische und Stühle entwarf er selbst. Sie gilt laut Informationstafel als die originalste Jugendstil-Bibliothek in Deutschland. Küche, der älteste Raum des Schlosses mit einem Steinfußboden aus dem 17. Jahrhundert, die bis 1992 genutzt wurde. Dauerausstellung zur Fahrzeugaerodynamik mit Filmvorführraum sowie einem Raum mit zwei Oldtimern, die von Reinhard von Koenig-Fachsenfeld konstruiert wurden. Eines davon ist ein Rennwagen auf Basis des DKW F 1 mit aerodynamischer Karosserie aus Aluminium, der im November 1931 mit einer Spitzengeschwindigkeit von 140 km/h auf der Rennbahn Montlhéry bei Paris vier Weltrekorde erreichte und 2020 als Leihgabe im Museum für sächsische Fahrzeuge in Chemnitz ausgestellt war. Das andere ist ein ebenfalls aerodynamisch gestalteter Doppelrumpfwagen aus Aluminium, dessen Konstruktionsprinzip 1941 patentiert wurde.
Das erste Obergeschoss des Schlosses wird für regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen genutzt. Im zweiten Obergeschoss, das von außen an den kleineren Fenstern zu erkennen ist, befinden sich zahlreiche weitere original möblierte Schlaf- und Wohnräume sowie ein Bad; anders als im Erdgeschoss sind sie nicht mit Informationstafeln versehen. Darüber liegt der Dachboden mit dem Aufgang zum Belvedere.
Nördlich vom Schloss befindet sich das Ökonomiegebäude von 1837, das von der Stiftung restauriert wurde und heute als Kultur- und Veranstaltungsraum dient.
Östlich vom Schloss befindet sich eine aus dem Jahr 1827 stammende, in ihrer ursprünglichen Form erhaltene Voliere, in der heute noch Pfauentauben gehalten werden.
Schlosspark mini|Sichtachse nach Osten durch den Schlosspark mit Skulpturen von Karl Ulrich Nuss im Vordergrund und Burg Niederalfingen im Hintergrund