mini|Arno Votteler, 2013 Arno Votteler (* 25. Mai 1929 in Freudenstadt; † 28. Februar 2020) war ein deutscher Industriedesigner und Innenarchitekt. Als Möbeldesigner entwickelte er zahlreiche Büro-, Sitz- und Objektmöbel, die meist als Serien- und Systemmöbel produziert wurden. Von 1976 bis 1994 wirkte er als Hochschullehrer an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Im Jahr 1980 gründete er das international anerkannte Institut für Innenarchitektur und Möbeldesign (heute Weissenhof-Institut). Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des 1959 ins Leben gerufenen Verbands Deutscher Industrie-Designer (VDID).
Leben und Werk Arno (Christoph) Vottelers Eltern besaßen einen holzverarbeitenden Betrieb, in dem er „schon als Kind unter Schreinern und Drechslern in Berührung mit dem Werkstoff Holz [kommt] – mit seiner Sinnlichkeit, mit seiner Härte, mit seiner Wandelbarkeit, mit seinem Geruch“.#Höger 1994, S. 16.
Ausbildung Nach Volksschule und Oberrealschule (1936–1948) besuchte Arno Votteler bis 1950 die Fachklasse Innenarchitektur an der Staatlichen Kunsthandwerkschule Bonndorf. Im Jahr 1950 trat er als Volontär in das Einrichtungshaus Dietler in Freiburg im Breisgau ein und legte 1951 die Facharbeiterprüfung ab. 1952 wurde er als Designer in der Sitzmöbelfabrik Walter Knoll in Herrenberg angestellt.
Durch Walter Knoll kam er mit dem Deutschen Werkbund in Kontakt und lernte seinen späteren Lehrer, den Bauhaus-Schüler Herbert Hirche kennen. Mit Hirche besuchte er die Darmstädter Gespräche, wo er auch Robert Gutmann kennenlernte, für den er von 1956 bis 1961 als freier Mitarbeiter arbeitete. 1953 nahm er mit Knoll zusammen an der Eröffnung der Ulmer Hochschule für Gestaltung teil.#Edelmann 2008, S. 41, #Votteler 1999.1.2, S. 2.
Von 1954 bis 1956 studierte er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart Innenarchitektur und Möbeldesign bei Herbert Hirche und Herta-Maria Witzemann.
Familie Arno Votteler heiratete 1957 in Stuttgart die Innenarchitektin Dori Votteler geb. Rader (1931–1997). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor:
Matthias Votteler (* 1958). Er ist Designer wie sein Vater. Im Jahr 1996 begründeten Vater und Sohn zusammen das Büro Votteler+Votteler mit Sitz in Stuttgart und Hannover.
Juliane Votteler (* 1960). Sie ist Schauspieldramaturgin und von 2007 bis Juli 2017 Intendantin des Theaters Augsburg.Theater Augsburg: Juliane Votteler im Augsburgwiki.
Designtätigkeit Im Jahr 1952 trat Arno Votteler in die Sitzmöbelfabrik Walter Knoll in Herrenberg ein. Bei Knoll hat er „Möbel gezeichnet, konstruiert, als Modellbauer gearbeitet und alles gemacht, was damit zusammenhing, richtige Fabrikarbeit“.#Edelmann 2008, S. 41. Von 1956 bis 1961 arbeitete er in London und Stuttgart als freier Mitarbeiter im Büro von Robert Gutmann, der Partner des international tätigen Designerbüros Design Research Unit war.#Edelmann 2008, S. 109. Englische Wikipedia: Design Research Unit. Im Rahmen seiner Tätigkeit als freier Designer arbeitete er ab Mitte der 1950er Jahre mit den Firmen Albert Stoll Giroflex in Koblenz/Aargau in der Schweiz, Hans Mäder in Dornstetten, Planmöbel Eggersmann in Espelkamp, Gruco Küchen in Lauf bei Nürnberg, Martin Stoll in Waldshut-Tiengen, Bisterfeld+Weiss in Kirchheim unter Teck und Alex Linder in Frickenhausen zusammen. Heute arbeitet das Büro Votteler+Votteler von Arno Votteler und seinem Sohn Matthias Votteler vorwiegend für die Hersteller Gumpo Büromöbel in Dingolfing und Interstuhl Büromöbel in Meßstetten-Tieringen.#Votteler 1990.1, S. 109.
Walter Knoll (1952–1956) 1952 trat Arno Votteler in die Sitzmöbelfabrik Walter Knoll in Herrenberg ein. Während der bis 1956 dauernden Zusammenarbeit wurden fünf von Arno Votteleres Entwürfen in die Serienproduktion übernommen, darunter der leichte Polstersessel 333 M und eine Sitzbank, „die dem neuen Lebensgefühl des Nachkriegsdeutschland entsprechen sollten“.#Votteler 1999.1, S. 14. Der Schalenstuhl 350 mit federnder Sperrholzschale wurde ein großer Erfolg und in vielen Ländern zum Patent angemeldet.#Votteler 1990.1, S. 106–107, 109, 124, #Votteler 1999.1, S. 13–23.
Polstersessel 333 M, 1952 Sperrholz-Schalenstuhl 350, 1953 Ruhesessel 368, 1956}
Albert Stoll Giroflex (1956–1966) Robert Gutmann vermittelte Arno Votteler an den Schweizer Möbelfabrikanten Albert Stoll, für den er von 1956 bis 1966 die Produktentwicklung der Giroflex-Serie betreute. Votteler optimierte die Fertigung der bisherigen Bürodrehstühle aus Massivbuche, indem er die Holzverbindungen durch dünne Stahlrohrteile ersetzte. Basierend auf dem Bürosessel mit Sitz- und Rückenkissen (siehe Abbildung), entstand eine Kollektion mit vier neuen Polsterserien, „die als Sensation gefeiert und entsprechend gut verkauft wurden“.#Votteler 1999.1, S. 29–35.
Bürostuhlserie Holson, 1956–1960 Bürosessel mit Sitz-und Rückenkissen, 1961
Hans Mäder (1959–1975) Von 1959 bis 1975 arbeitete Arno Votteler mit der Möbelfabrik Hans Mäder in Dornstetten zusammen. Er entwarf für Mäder das beliebig ausbaubare Schrank- und Trennwandsystem M 90 Premon mit dünnen Füllungen, die von Aluminiumprofilen gehalten wurden. Außerdem entstand ein Kastenmöbelprogramm mit speziellen Drehbeschlägen und Griffen und ein zerlegbares, robustes Kindermöbelprogramm mit farbigen Sitz- und Tischplatten.#Votteler 1994, S. 32–33.
Planmöbel Eggersmann (1962–1978) Von 1962 bis 1978 arbeitete Arno Votteler für Planmöbel Eggersmann in Espelkamp als Hausdesigner. Mit dem Büromöbelsystem Studie 60 präsentierte Votteler einen minimalistisch reduzierten Schreibtisch mit grazil wirkenden und doch stabilen Füßen. 1968 entwickelte er das Büromöbelprogramm Design 90, ein raumbildendes System mit Rückwänden und verkettbaren Arbeitsplätzen, das zur Ausstattung von Arbeitsräumen in Klein- und Mittelbetrieben vorgesehen war. Im Hinblick auf die aktuelle ergonomische Forschung und neue Vorschriften und Normen für Bildschirmarbeitsplätze entwarf Votteler 1978 die Schreibtischserie Concept.#Votteler 1994, S. 28–31.
Schreibtisch Studie 60 (1962) und Schreibtisch Concept (1978) Planmöbel Eggersmann
Gruco Küchen (1974–1977) Für die Firma Gruco Küchen in Lauf bei Nürnberg entwickelte Arno Votteler von 1974 bis 1977 das Küchensystem Funktiona, das sich durch Maßreduktion der Bauteile auszeichnete und zum ersten Mal in der Serienherstellung die bisher ungenutzte „rote Zone“ zwischen Arbeitsplatte und Hängeschränken als Funktionsrückwand zur Aufnahme der häufig benutzten Arbeitsgeräte umfunktionierte.#Votteler 1994, S. 44–45.
Martin Stoll (1977–1986) Im Jahr 1977 begann die Zusammenarbeit mit dem Büromöbelhersteller Martin Stoll in Waldshut-Tiengen. Votteler war bis 1986 für die gesamte Modellentwicklung verantwortlich. Er entwickelte die Bürostuhlserien S, C, D und H. Für die Serie S entwickelte er eine neuartige Sitz-Neigemechanik, die „aktive Beckenstütze“. Der Bürostuhl D wurde in einen kombinierten Sitz- und Steharbeitsplatz integriert, ein gesundheitsfreundlicher Gegenentwurf zu reinen Sitzarbeitsplätzen.#Votteler 1990.1, S. 196, #Votteler 1999.1, S. 33–47.
Bürostuhlserie S, 1977 Bürostuhlserie C, 1982 Bürostuhlserie H, 1983 Sitz-/Steharbeitsplatz, 1984
Bisterfeld+Weiss (1974–1995) Im Jahr 1974 gründeten die beiden Vertriebsleute Jürgen Bisterfeld und Jürgen Weiss ein Unternehmen zum Vertrieb hochwertiger Objektmöbel aus Holz. Kernstück der ersten Kollektion wurde der Stapelstuhl S 01 mit einer geschlitzten Rückenlehne, der noch heute als Klassiker gilt. Später entstanden der Stapelstuhl Arno mit federnder Sperrholzschale und ein zusammenschiebbares mobiles Home-Office.#Votteler 1994, S. 54–64, #Geberzahn 2008, S. 22–25.
Stapelstuhl S 01, 1985 Schichtholz-Schalenstuhl Arno, 1990 Home-Office, 1995
Alex Linder (1987–1992) In Zusammenarbeit mit dem Bankeinrichter Alex Linder in Frickenhausen entwickelte Arno Votteler von 1987 bis 1992 die Organisationsmöbelserie Tricon mit einem modernen Kundenservicearbeitsplatz, der an die Stelle der bisherigen Bankschalter im „Front office“ treten sollte. Füße und Tischplatten wurden durch als Gebrauchsmuster angemeldete Knoten verbunden, die mit Aussparungen für Kabelkanäle versehen waren.#Votteler 1994, S. 50–53.
Organisationsmöbelserie Tricon: Kundenservicearbeitsplatz und Knoten, 1988
Gumpo-Idea (seit 1997) Mitte der 1990er Jahre begann die Zusammenarbeit mit dem Büromöbelhersteller Gumpo-Idea. Aus ihr gingen einige wegweisende Büroeinrichtungsprogramme hervor:#Geberzahn 2008, S. 26–29.
1997: das Schreibtischsystem conto 2000: das Schranksystem archiva 2000: das Raum-in-Raum-System „Raum 21“ mit neuartiger Steck- und Knotenverbindung. 2006: das Schreibtischsystem pinatec mit patentierter Klappmechanik
Interstuhl (seit 2002) In den Jahren 2002 bis 2005 entwickelte das Büro Votteler+Votteler den Drehstuhl Sputnik für die Büromöbelfirma Interstuhl, ein kostengünstiger Arbeitsstuhl aus Kunststoff mit vielfältigen Verstellmöglichkeiten und in die Sitzschale integrierter Mechanik.#Geberzahn 2008, S. 30–33.
Schreibtischsystem conto von Gumpo-Idea, elektrisch höhenverstellbarer Sitz-/Steharbeitsplatz, 1996Raum-in-Raum-System „Raum 21“ von Gumpo-Idea, 2000Drehstuhl Sputnik von Interstuhl, 2005
Die Zusammenarbeit mit Gumpo-Idea und Interstuhl hält bis heute an (2015).
mini|hochkant|Erster deutscher Farbfernseher, Blaupunkt, 1969 Auftragsforschung und Beratung Neben seiner Lehr- und Designtätigkeit übernahm Arno Votteler auch Forschungs- und Beratungsaufträge für namhafte Firmen:
Bosch-Blaupunkt (1966–1975) Von 1966 bis 1975 beriet Arno Votteler die Firma Bosch-Blaupunkt in Hildesheim in Designfragen. Sein Büro entwarf unter anderem das Design des ersten deutschen Farbfernsehers (1969) und einen Raumteiler mit integriertem Fernseher (1970).#Votteler 1994, S. 38–39.
Blohm+Voss (1966–1968) Im Rahmen der Entwicklung einer Schiffskabine für die Hamburger Schiffswerft Blohm + Voss entstand von 1966 bis 1968 das patentierte Ausbausystem M 1000. Das raumschließende, schraubenlos montierbare System, das baukastenartig zusammengesetzt werden konnte, ersetzte die bisherige handwerkliche Einzelfertigung. Das System wurde ab 1967 erstmals in den Schiffen der Baureihe Typ Pioneer und 1970 in dem damals weltgrößten Containerschiff Sydney Express eingesetzt.#Votteler 1994, S. 34–37.
In dem Wikipedia-Artikel über den Typ Pioneer wird in dem Abschnitt Geschichte eine Kurzdarstellung des Ausbausystems M 1000 wiedergegeben: „Weniger auffällig [als das Gleichteilesystem], aber weitaus fortschrittlicher war das von der Werft in Zusammenarbeit mit Arno Votteler von der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig neuentwickelte "Einrichtungssystem M 1000" mit genormten Komponenten für den Innenausbau des Deckshauses. Dieses machte es möglich, die Teile für den Innenausbau an Land vorzufertigen und anschließend als anschlußfertige Bausteine in ein modulares Stahlskelettsystem einzufügen.“Blohm+Voss: mini|hochkant|Deckshaus des Frachtschiffs Pioneer, 1967
BASF (1969–1971) In den Jahren 1969 bis 1971 übernahm Arno Votteler den Forschungsauftrag „Wohnen 80“ für die BASF in Ludwigshafen. Dazu gehörten Design und Realisierung von Einrichtungsmodellen aus multimobilen Elementen, die den wechselnden Ansprüchen und Bedürfnissen der Bewohner angepasst werden konnten, sowie die Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen über das zukünftige Wohnverhalten durch ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern.#Votteler 1971, #Votteler 1994, S. 40–45, #Geberzahn 2008, S. 16–17. mini|hochkant|„Wohnen 80“freistehende Küche mini|hochkant| „Wohnen 80“Arbeitsplatz „Denkerglocke“
mini|hochkant=0.7|Musterkabine für das Kreuzfahrtschiff Europa von Hapag-Lloyd, 1980 Hapag-Lloyd (1980)