mini|hochkant|Adolf Schlatter, vor 1907

Adolf (von) Schlatter (* 16. August 1852 in St. Gallen; † 19. Mai 1938 in Tübingen) war ein Schweizer evangelischer Theologe. Er war Professor für Neues Testament und Systematik in Bern, Greifswald, Berlin und Tübingen. Er ist Autor von über 400 Publikationen, mit denen er sich an Wissenschaftler und einfache Gemeindeglieder wendet. Seine Forschungsschwerpunkte lagen in der Entwicklung einer «empirischen Theologie» sowie in der beobachtenden Auslegung des Neuen Testaments für Fachleute und Laien. Er gilt in Fachkreisen als theologisches Original abseits der Hauptströmungen seiner Zeit.Gerrit Hohage: Predigen im Spannungsfeld von Amt und Person. Ein Versuch, Luthers Amts- und Schlatters Personverständnis homiletisch ins Gespräch zu bringen. Neukirchen-Vluyn 2005, S. 158. Vgl. auch Wilfried Härle: Adolf Schlatter. In: W. Härle / H. Wagner: Theologenlexikon. München 1987, S. 209f.; Ulrich Luck: Einführung. In: Adolf Schlatter: Zur Theologie des Neuen Testaments und zur Dogmatik. München 1969, S. 10–21. Obwohl er keine Schulrichtung hervorbrachte, werden etliche seiner Werke in Theologie und Kirche bis heute rezipiert.

Leben Kindheit und Jugend mini|hochkant|Adolf Schlatters Elternhaus in St. Gallen (Schweiz)

Schlatter war Sohn des Kaufmannsehepaars Hektor Stephan und Wilhelmine Schlatter sowie Enkel der gesellschaftlich bedeutenden Pietistin und Ökumenikerin Anna Schlatter-Bernet.Vgl. zu ihr J. Ninck: Anna Schlatter und ihre Kinder. Leipzig, Hamburg 1934; Albrecht Ritschl: Geschichte des Pietismus. Bd. 1: Der Pietismus in der reformierten Kirche. Bonn 1880, S. 541–564. Er wuchs mit sieben Geschwistern, darunter die spätere Schriftstellerin Dora Schlatter, in einem Elternhaus auf, das tief im christlichen Glauben verwurzelt war. Sein Vater hatte sich nach seiner Heirat von der reformierten Landeskirche losgesagt, die ihm theologisch als zu liberal galt, und mit anderen Gläubigen eine evangelische Freikirche gegründet. Seine Mutter war ihrer Kirche treu geblieben. Die damit gegebene Konfessionsverschiedenheit seiner Eltern war für Schlatter und seine Geschwister prägend: Am Gang zur Kirche trennten sich die Wege. Dennoch hielten seine Eltern auch in Glaubensdingen stets fest zusammen und vermittelten ihren Kindern, dass nicht die Kirchenzugehörigkeit und die Theologie, sondern die Person Jesu und der Glaube an ihn das Fundament des Christentums sei. Diese Unterscheidung galt seinen Eltern, aber mehr noch seiner Grossmutter ausdrücklich auch für das Verhältnis zu katholischen Mitchristen. Dem jungen Schlatter war damit neben einer biblischen Frömmigkeit die Erfahrung einer für damalige Verhältnisse unüblichen konfessionellen Weite zuteilgeworden.Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche. Stuttgart 1996, S. 13–16; 25–31. Die Eltern führten ihre Kinder auf zahlreichen Wanderungen durch den Alpenraum an die Schönheit der Natur heran. Die hohe Wertschätzung der Schöpfung, die Schlatter als Theologe unermüdlich betonte, nahm hier ihren Anfang.Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche. Stuttgart 1996, S. 18–23.

In seiner Schulzeit (1858–1869) erwies sich der junge Schlatter als äusserst sprachbegabt und erhielt daher zum Teil privaten Unterricht, unter anderem in Griechisch, Latein und Hebräisch. Sein Lehrer Franz Misteli leitete ihn dabei zu derjenigen akribischen philologischen Beobachtung an, die später zur methodischen Grundlage seiner Theologie wurde. Hinzu kamen erste Berührungen mit der Philosophie Immanuel Kants und Georg Wilhelm Friedrich Hegels sowie ein starkes Engagement in einem kirchlichen Vorläufer des Christlichen Vereins Junger Menschen.Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche. Stuttgart 1996, S. 34–48.

Entgegen der Hoffnung seiner Eltern lehnte er das Theologiestudium zunächst aus der Angst heraus, dass dieses seinen Glauben zerstören könne, ab. Als seine älteste Schwester Lydia diese Entscheidung in Frage stellte, wurde ihm schlagartig klar, «dass ich mir dann, wenn ich mich feig dem Studium entziehe, den Glauben nicht rette, sondern ihn eben damit preisgegeben habe». Daraufhin wagte er das Studium als Glaubensschritt: «Denen, die mich nach dem Tag meiner Bekehrung fragen, bin ich geneigt, zu antworten, daß mein Entschluß, Theologie zu studieren, meine Bekehrung war.»Adolf Schlatter: Rückblick auf meine Lebensarbeit. Stuttgart 21977, S. 36f.

Studium, Pfarramt, Familie mini|hochkant|Adolf und Susanna Schlatter, geb. Schoop als junge Eheleute kurz nach ihrer Hochzeit 1878 Adolf Schlatter studierte ab 1871 zunächst in Basel Evangelische Theologie.Schlatter war Mitglied des Schwizerhüsli Basel, sowie der Wingolfsverbindungen in Greifswald, Berlin und Tübingen: in W. Betzler (Hrsg.): Gesamtverzeichnis des Wingolfs, Lichtenberg 1991. Hier durchlebte er eine vor allem durch die Beschäftigung mit Baruch de Spinoza ausgelöste krisenhafte Zeit des Suchens, aber auch wesentliche Erkenntnisse durch die Vorlesungen im Fach Philosophie durch Karl Steffensen (1816–1888), der ihn darauf stiess, dass alle Gedanken (auch die «reine Vernunft») Produkte ihrer Geschichte seien.Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche. Stuttgart 1996, S. 63.

Seine Tübinger Semester (1873–1874) standen unter dem Eindruck von Johann Tobias Beck, dessen Verbindung von persönlich-existentiellem Glauben und wissenschaftlicher Forschung bei Schlatter einen so tiefen Eindruck hinterliess, dass er sich später als «Nachfolger Becks» beschreiben konnte.Adolf Schlatter: Rückblick auf meine Lebensarbeit. Stuttgart 21977, S. 45f.; vgl. Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche. Stuttgart 1996, S. 66–77. Sein Examen legte er 1875 in Basel mit der Bestnote ab.

Einem kurzen Pfarrvikariat in Kilchberg (1875) folgte ein Diakonat in Neumünster/Zürichsee (1875–1876), dessen prägendstes Ereignis die intensive Beschäftigung mit dem katholischen Systematiker und Philosophen Franz von Baader war.

Zu der Zeit, in der er in Kesswil ein Pfarramt innehielt (1877–1880), heiratete er Susanna Schoop. Seine Ehe war ausgesprochen glücklich.Vgl. die Zusammenstellung der Anmerkungen in Schlatters persönlichen Briefen bei Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche. Stuttgart 1996, S. 123f.; 196ff; 284ff, 440ff. Das Ehepaar bekam fünf Kinder.

Die Publikation eines Aufsatzes über die «Christologie der Bergpredigt» (1879) machte die Evangelische Gesellschaft Bern auf den Kesswiler Pfarrer aufmerksam. Sie suchte gerade einen «positiv» (also nicht theologisch liberal) gesinnten Kandidaten für eine Lehrtätigkeit an der Berner theologischen Fakultät. Aufgrund ihrer Anfrage habilitierte sich Schlatter an der Universität Bern in nur vier Wochen mit einem 200 Druckseiten starken Werk über Johannes den Täufer.Das Werk war lange verschollen, wurde aber von Walter Michaelis wiederentdeckt und postum veröffentlicht: Walter Michaelis: Aus Adolf Schlatters Berner Zeit. Zu seinem hundertsten Geburtstag 16. August 1952. Bern 1952; vgl. zum Ganzen Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche, Stuttgart 1996, S. 66–77.

Privatdozent in Bern mini|Das Hauptgebäude der Universität Bern (1909)

Im Jahr 1880 wurde Adolf Schlatter Privatdozent an der Universität BernVgl. zum Ganzen Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche. Stuttgart 1996, S. 143–224.; zur selben Zeit war er Religionslehrer an der Lerberschule. Er war zu Beginn der Lehrtätigkeit nahezu auf sich allein gestellt, da das Kollegium (mit Ausnahme des ihm gleichgesinnten Samuel Oettli) ihm, der auf Betreiben des zur Fakultät in Opposition stehenden «Kirchlichen Vereins» angestellt worden war, das Gespräch verweigerte. So suchte er einen möglichst breit angelegten Zugang zur akademischen Theologie. Seine frühen VorlesungenFast alle sind in Form handschriftlicher Manuskripte erhalten. Vgl. zum Folgenden Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche. Stuttgart 1996, S. 164–175. umfassen sowohl alt- als auch neutestamentliche Themen,Hier behandelte er «Israel als Gottes Volk», die Genesis, alle Evangelien sowie die grossen Briefe (insbesondere den Jakobusbrief, dem er immer viel abgewinnen konnte – im Gegensatz zum Beispiel zu Luther, der ihn als «strohene Epistel» bezeichnet hatte.) Kirchen- und DogmengeschichteHier las Schlatter unter anderem «Geschichte der speculativen Theologie seit Cartesius» (aus ihr wurde später sein Buch Die philosophische Arbeit seit Cartesius), «Rechtfertigungslehre nach ihrer Bewegung in der Geschichte der Kirche» sowie «Symbolik» Systematische TheologieIn seiner Vorlesung «Wesen und Quellen der Gotteserkenntnis» bot Schlatter seinen Ansatz einer «empirischen Theologie» auf der Grundlage einer theologisch und philosophisch verantworteten Erkenntnistheorie dar; in seinem Alterswerk Das christliche Dogma fand sie ihre ausgereifte Form. sowie Philosophie.Hier referierte Schlatter über die Philosophie Franz von Baaders, die er selbst als seine «Liebhaberei» betrachtete. Im Zuge seiner Forschung grenzte er sich sowohl gegenüber der «liberalen Theologie» als auch gegen den naiven Biblizismus ab, der sich mit einem rein wörtlichen, ungeschichtlichen Verständnis biblischer Texte begnügt. Diese Lehrjahre bildeten die kreativste Phase in Schlatters Leben, in der er den Grundstein sowohl für die später oft bewunderte Breite als auch für die Eigentümlichkeiten seines theologischen Schaffens legte. Anlässlich eines Preisausschreibens legte er 1885 ein etwa 600 Seiten starkes Werk mit dem Titel «Der Glaube im Neuen Testament» vor, das bis in unsere Gegenwart in der theologischen Fachwelt hohes Ansehen geniesst.Peter Stuhlmacher bezeichnete Schlatters Untersuchung im Vorwort zu der 1982 in der 6. Auflage gedruckten Ausgabe als «in ihrer systematischen Geschlossenheit und historischen Präzision […] bis heute unübertroffen»: Peter Stuhlmacher: Zum Nachdruck von Adolf Schlatters ‚Der Glaube im Neuen Testament‘ (Einführung in die 6. Auflage), Stuttgart 1982, S. VIII. Mit dieser Studie gelang ihm der wissenschaftliche Durchbruch, der 1888 zu seiner Ernennung zum ausserordentlichen Professor durch die Universität Bern führte – die damit die Abwanderung ihres Kollegen aber nicht mehr verhindern konnte.

Professor für Neues Testament in Greifswald mini|hochkant|Adolf Schlatter (1888) mini|Gedenktafel für Adolf Schlatter in der Bahnhofstraße 46/47 in Greifswald

1888 folgte Schlatter einem Ruf an die Universität Greifswald auf den Lehrstuhl für Neues Testament.Vgl. hierzu Werner Neuer: Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche. Stuttgart 1996, S. 225–300. Zum prägenden Element in dieser Zeit wurde seine Freundschaft mit Hermann Cremer und dem dortigen Luthertum, das er als Reformierter zwar schätzen lernte, mit dem er sich später allerdings auch kritisch auseinandersetzte.Vgl. dazu die Studie von H.-M. Rieger: Adolf Schlatters Rechtfertigungslehre und die Möglichkeiten ökumenischer Verständigung. Stuttgart 2000. Beide verstanden sich aufgrund des gemeinsamen Glaubens an Jesus Christus als Schrifttheologen, die sich eine Erneuerung der Theologie von der Vertiefung in die biblischen Schriften (hier besonders in deren Begrifflichkeiten) erhofften.