mini|F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda im September 1921 Babylon Revisited (deutsche Erstübersetzung unter dem Titel Wiedersehen mit Babylon von Walter Schürenberg, 1954) ist eine im Dezember 1930 entstandene Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald, die am 21. Februar 1931 in der Saturday Evening Post erstveröffentlicht und 1935 in die vierte und letzte zu Lebzeiten des Autors erschienene Sammlung Taps at Reveille aufgenommen wurde.Horst Kruse: F. Scott Fitzgerald · Babylon Revisited. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 225. Die Geschichte ist seitdem in zahlreichen Anthologien neu publiziert worden.In Deutschland leicht zugänglich ist die Veröffentlichung des Originaltextes in der von Ferdinand Schunck hrsg. Kurzgeschichtensammlung Modern American Short Stories, Phillipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1987, ISBN 978-3-15-009216-3, S. 35–70. Textstellen werden nach dieser Ausgabe zitiert. Die deutsche Erstübersetzung von Walter Schürenberg wurde in der Sammlung F. Scott Fitzgerald - Die besten Stories im Lothar Blanvalet Verlag, Berlin 1954, veröffentlicht. 2012 erschien unter dem gleichen Titel eine Neuübersetzung der Erzählung von Bettina Abarbanell in dem von Silvia Zanovello hrsg. Sammelband: Wiedersehen mit Babylon : Erzählungen / F. Scott Fitzgerald im Diogenes Verlag, Zürich, ISBN 978-3-257-24183-9.
In der Erzählung wird der Protagonist Charlie Wales mit den Fehlern seines ausschweifenden, verantwortungslosen Lebens in den Roaring Twenties konfrontiert, die sich auch durch spätere Reue und Umorientierung in der Lebensführung nicht mehr ungeschehen machen lassen. Wales muss am Ende akzeptieren, dass sich seine Illusion von einer glücklichen Zukunft gemeinsam mit seiner kleinen Tochter nicht erfüllen wird und er als Folge seines unbedachten Handelns in der Vergangenheit nunmehr die dauerhafte Trennung von ihr hinnehmen muss.Vgl. Horst Kruse: F. Scott Fitzgerald · Babylon Revisited. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 229. Siehe auch Ferdinand Schunck: F. Scott Fitzgerald: Babylon Revisited. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 44
Inhalt mini|Paris um 1930, Gemälde von Korowin Die äußere Handlung der Geschichte erscheint im Vergleich zu anderen Erzählungen oder Romanen Fitzgeralds vergleichsweise einfach. Wie viele andere Erzählungen oder Romane der als Lost Generation bezeichneten Autorengruppe spielt Babylon Revisited in Europa, nämlich im Paris des Jahres 1930. Der fünfunddreißigjährige Amerikaner Charles Wales kehrt dorthin zurück, nachdem er die Stadt anderthalb Jahre zuvor am Tiefpunkt seines Lebens verlassen hat, um jetzt seine neunjährige Tochter Honoria zu sich zurückzuholen.
Durch Börsenspekulationen war er in den 20er Jahren zu plötzlichem Reichtum gelangt, hatte mit seiner Ehefrau Helen die USA verlassen und in Paris ein ausschweifendes, genusssüchtiges und verantwortungsloses Leben geführt, das nach dem Börsencrash mit dem Verlust seines Vermögens und dem Tod seiner Frau endete. Aus Eifersucht sperrte er Helen eines Nachts aus. Nur spärlich bekleidet suchte diese in jener kalten Winternacht Zuflucht bei ihrer Schwester Marion Peters, erkrankte als Folge ihrer Unterkühlung an einer Lungenentzündung und verstarb nach der Rückkehr nach Vermont an einer anschließenden Herzerkrankung.
Dem letzten Wunsch seiner Frau entsprechend, willigte der damals mittellose Charles Wales, der aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit in ein Sanatorium eingewiesen worden war, in eine Übertragung der Vormundschaft für Honoria auf seine Schwägerin Marion Peters ein.
Obwohl seine Schwägerin ihn nach wie vor für das Unglück und den Tod ihrer Schwester Helen verantwortlich hält, gelingt es ihm nicht zuletzt aufgrund der verständnisvollen Haltung seines Schwagers Lincoln Peters, die Rückübertragung des Sorgerechts an ihn zu vereinbaren. Trotz ihrer Abneigung gegen ihn räumt Marion Peters schließlich ein, dass Charles ein neuer Mensch geworden zu sein scheint, der vom Alkoholismus geheilt ist, einen neuen Wohnsitz hat, in Prag einen bürgerlichen Beruf ausübt und in geordneten Verhältnissen lebt. Widerwillig stimmt sie daher seinem Vorhaben zu, Honoria wieder zu sich zu nehmen.
Genau zu dem Zeitpunkt, als Charles Wales seine Tochter abholen will, tauchen jedoch zwei betrunkene alte Freunde aus seiner wilden Vergangenheit auf, die einen Nervenzusammenbruch Marions verursachen und den Plan einer Zusammenführung von Vater und Tochter vereiteln, sodass er am Ende allein abreisen muss. In der Hoffnung, seine Tochter dennoch irgendwann in der Zukunft zurückgewinnen zu können, bleibt er seiner neuen Lebensführung treu und ist sich sicher, dass seine Frau Helen ihn nicht so einsam hätte sehen wollen.
Interpretationsansatz Mit ihrer einfachen Strukturierung auf der Ebene des äußeren Handlungsablaufs, der Beschränkung auf wenige Schauplätze, der zeitlichen Komprimierung auf drei Tage und der Gliederung in fünf Abschnitte erinnert Babylon Revisited an die Aktstruktur der klassischen Tragödie mit einem sorgfältigen Spannungsaufbau, Höhepunkt, Wende und Katastrophe.Vgl. Horst Kruse: F. Scott Fitzgerald · Babylon Revisited. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 227. Siehe auch Ferdinand Schunck: F. Scott Fitzgerald: Babylon Revisited. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 46. Schunck weist auch darauf hin, dass die äußere Handlungskurve von Babylon Revisited zugleich derjenigen einer Nouvelle entspricht mit ihrer Aufgipfelung an einem kritischen Wendepunkt.
Nach der Logik des äußeren Handlungsaufbaus erscheint der für den Protagonisten unerwartete Auftritt der betrunkenen Freunde aus der Vergangenheit zunächst als ein unglücklicher Zufall, der das Scheitern seines Vorhabens als unverdientes bzw. tragisches Schicksal erscheinen lässt. Wichtiger als das äußere ist jedoch das innere Geschehen mit der schrittweisen kritischen Aufdeckung der Vergangenheit von Charles Wales, das die scheinbar zufällige Wende im fünften Teil rechtfertigt.
Die Schauplätze der äußeren Handlung kennzeichnen in ihrer Reihenfolge – Bar, Straße, Wohnung des Schwagers und wiederum die Bar der Anfangsszene – lediglich die unterschiedlichen Stadien einer im Wesentlichen analytischen Erzählung, die zum Einblick in die Psyche des Protagonisten führt. Nach seiner bereits zuvor erfolgten körperlichen Ernüchterung wird diese in einem Erkenntnisschock gleichsam durch die geistige Ernüchterung vervollständigt. Bereits die umfangreiche Liste der ubi sunt-Fragen in der Eingangsszene und die als „strange and portentious“ (S. 35 f., dt.: „seltsam und unheimlich“) beschriebene Stille in der Bar deuten darauf hin, dass die Gegenwart durch ein vergangenes Geschehen vorherbestimmt ist. Mit der Anspielung auf die Erwartungen der Hauptfigur in dieser Vorausdeutung wird die Aufmerksamkeit des Lesers gleichzeitig bereits zu Beginn auf die Vergangenheit gelenkt: Dem stetigen Voranschreiten der äußeren Handlung entspricht die zunehmende Enthüllung der Vergangenheit.
Der Autor erzählt zwar formal in der dritten Person, die Erzählperspektive ist jedoch personal strikt auf die Wahrnehmung des Protagonisten beschränkt. Die dargestellte Wirklichkeit spiegelt damit die Erlebnis- und Erinnerungsabfolge des Protagonisten; in den nahezu gleichmäßig auf die fünf Abschnitte verteilten Rückwendungen wird Charles Wales‘ Konfrontation mit den Verfehlungen seiner Vergangenheit zum eigentlichen Thema dieser Kurzgeschichte: Die Hoffnungen wie auch Rückschläge in seiner gegenwärtigen Mission sind, ohne dass der Protagonist sich dessen bewusst wird, genau jene Faktoren, die die Abfolge seiner Erinnerungen und die Intensität seiner Konfrontation mit den offensichtlich verdrängten Verfehlungen seiner jüngsten Vergangenheit prägen.
Charles Wales‘ Gegenspieler, vor allem Marion Peters, sind ungeachtet ihrer individuellen Charakterisierung und Bedeutung für den äußeren Handlungsablauf letztendlich nur Figuren, die den Prozess der Selbsterkenntnis des Protagonisten bestimmen und jene Erfahrungen wieder in sein Bewusstsein holen, die er in seiner neuen Rolle als reumütig Bekehrter für immer verbannt oder abgetan glaubte.
In der dargestellten Wirklichkeit der Erzählung ist allerdings eine auktoriale Distanz erkennbar, nämlich in der Tragödienstruktur, der dramatischen Ironie und dem subtilen Netz von Metaphern, die den Leser zum Zeugen einer inneren Handlung macht, deren Ausdeutung er selber zu leisten hat.Vgl. zu diesem Analyseansatz soweit Horst Kruse: F. Scott Fitzgerald · Babylon Revisited. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 227 f. und S. 230 zur dramatischen Ironie. Siehe ebenso Ferdinand Schunck: F. Scott Fitzgerald: Babylon Revisited. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 46 f. Vgl. zur Erzählsituation und insbesondere zur symbolischen Metaphorik auch John V. Hagopian: Fitzgerald, F. Scott - Babylon Revisited. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a. M. 1971, S. 61 ff.
Die Namen der alten Freunde in Charles Wales‘ ubi sunt-Fragen in dem szenisch-dialogischen Anfangsteil der Erzählung verweisen auf deren zweifelhafte Lebensführung; so deutet beispielsweise die spezifische Sprachebene des „Snow Bird“ (S. 35, dt.: „Schneevogel“) auf das Drogenmilieu der Heroin- oder Kokainkonsumenten.Vgl. im Einzelnen John V. Hagopian: Fitzgerald, F. Scott - Babylon Revisited. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a. M. 1971, S. 62 f. und Ferdinand Schunck: F. Scott Fitzgerald: Babylon Revisited. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 47.
Die alten Freunde haben nach Auskunft des Barkeepers aber allesamt Geld, Gesundheit oder den Verstand verloren, während Charlie Wales sich demgegenüber als neue Person präsentiert, die – geläutert und zur Verantwortung gereift sowie von Alkohol- und Drogenabhängigkeit geheilt – nunmehr in bürgerlich-geordneten Verhältnissen lebt. Auf dem Hintergrund dieser neu gewonnenen Identität wie auch Integrität („Charles J. Wales of Prague“, S. 47) erliegt Wales der Illusion, seine bisherigen Verfehlungen ungeschehen machen zu können; wie der Protagonist in The Great Gatsby hofft er auf eine „second chance“.Horst Kruse: F. Scott Fitzgerald · Babylon Revisited. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 228.
mini|Die Hure Babylon, Darstellung in der Ottheinrich-Bibel um 1530–32, Offenbarung 17, 1-18