mini|Ein Stein von Hornborga im Gräberfeld Ekornavallen mit Schälchen mini|Schälchenstein mit Münze als Markierung im Garten des Heinrich-Schliemann-Museums in Ankershagen Als Schalensteine, Näpfchensteine oder Schälchensteine, im Volksmund oft Opferstein und ähnlich genannt, werden in der Regel unverlagerte und unbearbeitete Steine genannt, die vermeintlich artifizielle napfförmige Vertiefungen aufweisen. Schalensteine (lat. etymologisch „kleine Tassen-“) oder Schüsselsteine sind weit verbreitet. Ihre Vertiefungen können natürlich entstanden oder von Menschen eingearbeitet worden sein. Ihre oft volkstümliche Deutung ist häufig umstritten.
Entstehung Von Menschen eingearbeitete Schalen sind runde oder ovale, meist mehrere Zentimeter durchmessende Vertiefungen; einzelne Steine weisen zusätzlich Wetzspuren auf.z. B. Vester Tørslev Versuche zeigen, dass mit spitzen Felsstücken in den Fels geschlagene Ausbuchtungen in kurzer Zeit zu glatten Schalen ausgerieben werden können.Franz Neururer: Jahreszeitenberechnung mit Schalensteinen. 2008, S. 5 ff. (Link).
Schalen können auch auf natürlichem Weg entstehen, im Zuge der Verwitterung durch Vergrusung, Auswittern von inhomogenen Bereichen wie Einschlüssen oder Konkretionen, oder löslich als Napfkarren (Kamenitza) oder Tafoni: Die teilweise im Erdreich eingebetteten Großsteine haben eine andere Temperatur als die Luft, sodass sich in natürlichen Vertiefungen Feuchte und Wasser ansammeln kann, und durch Verwitterung oder Ausscheidung von Algen und Moosen eine Mulde ausgearbeitet wird. Stellenweise finden sich sogar Schalen, in denen selbst in Trockenperioden Restwasser steht, was zur Mythenbildung um die Schalensteine beigetragen hat.Otto Milfait: Vergessene Zeugen der Vorzeit. Seltsame Steine aus dem Mühlviertel. 3., verbesserte und erweiterte Auflage. Milfait, Gallneukirchen 2001. Auch Steine mit mechanisch entstandenen Vertiefungen, etwa Kolke oder Gletschermühlen, wie sie im Gebirgsraum öfter vorkommen, können in diese Gruppe gehören (Schalenstein bei Eisgarn in Niederösterreich, Schonacher Schalensteinweg im Schwarzwald), diese Form ist aber auf ganz spezielle Vorkommen beschränkt, und die Herkunft meist gut erkennbar.
Möglich erscheint auch eine Kombination aus beiden Entstehungsarten, insofern natürliche und darum für Hierogramme („heilige Zeichen“) interessante Vertiefungen absichtlich nachgearbeitet wurden, oder sich durch Nutzung ausgeweitet haben.
Namen Vom Volksmund werden sie Blut-, Druiden-, Feen-, Hexen-, Opfer- oder Teufelssteine genannt.
Auf Französisch werden die Eintiefungen als Pierres aux écuellesSalomon Reinach: Terminologie des monuments mégalithiques. In: Revue archéologique. Serie 3, Band 22, 1893, S. 34–48, hier S. 41, . oder pierre à cupules bezeichnet. In Schweden heißen sie skål als Gruppe skålgrop, im Volksmund älvkvarnar (Elfenmühlen). In Dänemark werden sie Skåltegn (Schalenzeichen) im Volksmund auch Æbleskivesten (direkt übersetzt: Apfelscheibenstein); in Italien coppella genannt In Norwegen skålgroper (Schalengrübchen), In Holland napjes (Näpfchen) auf oder Cup-and-Ring Marked Stones
im slowenischen kamenica (von dem der karstwissenschaftliche Ausdruck Kamenitza kommt), im slowakisch/tschechischen kamenice.
Zeitstellung Die Schälchen selbst sind nur schwer datierbar. Der etwa 50.000 Jahre alte Stein unter dem Abri von La Ferrassie, Département Dordogne, der den Schädel eines Neandertaler-Kindes bedeckte, trägt an der Unterseite vier Schalen.
Von Menschen gebohrte Schalensteine kommen bereits ab 10.500 v. Chr. in der anatolischen Tas Tepeler-Kultur vor, sowohl haufenförmig am Rand von Tempeln (Göbekli Tepe) und auf Gipfeln (Karahan Tepe) als auch vereinzelt innerhalb der Tempel und Siedlungen (Göbekli Tepe, Karahan Tepe, Sayburc) und dienten hauptsächlich als Speicher. Mitteleuropäische Schalensteine könnten daher teils auch Begleiterscheinung der sich ab 5.500 v. Chr. entlang der mittleren und oberen Donau ausbreitenden Agrarischen Revolution sein.vgl. Wolfgang Kauer: Wohin Seelen reisen. Inspirative Jenseits-Modelle weltweit und in Petroglyphen. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2024, S. 26–59.
Die ältesten Schweizer Schalensteine werden ungesichert der Mittelsteinzeit (8000 bis 4500 v. Chr.) und nur bedingt der Jungsteinzeit (4500 bis 1500 v. Chr.) zugeschrieben. Skandinavische Forscher sind der Meinung, dass sie während der gesamten Bronzezeit entstanden.
Einen Anhaltspunkt für eine lokale zeitliche Einordnung bietet das Steinhügelfeld in der Ramm bei Marnitz, Kreis Parchim. Dort befinden sich noch annähernd 200 flache Steinhügel, in denen Keramik der vorrömischen Eisenzeit angetroffen wurde. Innerhalb der Steinhügel gibt es acht große Schalensteine. Ihre Schälchenanzahl schwankte zwischen vier und 30. Ein kleinerer Stein mit sechs Schälchen war als Deckplatte einer jungbronzezeitlichen Urnenbestattung aus Groß Raden, Kr. Sternberg eingesetzt und J. Ritter berichtet über einen Stein mit sieben Schälchen im bronzezeitlichen Hügelgrab von Vietlübbe, Kr. Lübz.
Laut Peter Vilhelm Glob kommen Schälchen am Ende der Steinzeit in Gebrauch, wo sie in den großen Grabkisten auftreten und zusammen mit anderen Elementen die Schwelle zur Bronzezeit kennzeichnen. Dies wird durch den Schalenstein aus Albersdorf (Brutkamp) bestätigt, dessen Schälchen definitiv spätneolithisch (Dolchzeit) oder älter sind.
Anscheinend weisen die ältesten Steine eine verstreute Verteilung der Schälchen auf, die sich in der jüngeren Bronzezeit zu einem dichten Muster zusammenschließen, wo die einzelnen Gruben, auch nach Art der Cup-and-Ring-Markierungen, mittels Rinnen verbunden werden. Weniger als 5 % aller dänischen Dolmen (ca. 4.700) und Ganggräber (ca. 700) aus der Steinzeit haben Schälchen, aber mehr als 30 % der mecklenburgischen Anlagen, wo bis zu 167 Schälchen, im Durchschnitt aber etwa 26 vorkommen. Auch auf den Decksteinen von Steinkisten findet man manchmal Schalengruben, so in Hundhoved (Jütland).
Einordnung Ende des 19. Jahrhunderts ordnete Salomon Reinach Schälchensteine unter die megalithischen Monumente ein.Salomon Reinach: Terminologie des monuments mégalithiques. In: Revue Archéologique. Serie 3, Band 22, 1893, S. 34–48, hier S. 40, . Da sie jedoch bereits seit dem PaläolithikumRobert G. Bednarik: Estimating the age of cupules. In: Roy Querejazu Lewis, Robert G. Bednarik (Hrsg.): Mysterious cup marks. Proceedings of the First International Cupule Conference. (Held in Cochabamba, central Bolivia, from 17 to 23 July 2007) (= BAR. International Series. 2073). Archaeopress, Oxford u. a. 2010, ISBN 978-1-4073-0634-6, S. 5–12, hier S. 5. über das Neolithikum bis in die Eisenzeit auftretenRobert G. Bednarik: Estimating the age of cupules. In: Roy Querejazu Lewis, Robert G. Bednarik (Hrsg.): Mysterious cup marks. Proceedings of the First International Cupule Conference. (Held in Cochabamba, central Bolivia, from 17 to 23 July 2007) (= BAR. International Series. 2073). Archaeopress, Oxford u. a. 2010, ISBN 978-1-4073-0634-6, S. 5–12, hier S. 9. und bis in die Neuzeit angelegt wurden, können sie, sofern sie menschlichen Ursprungs sind, nicht einer einzigen kulturellen Tradition zugeordnet werden.
Deutung Häufige Deutungen der menschlichen Herstellung und Nutzung der Schalen lassen sich untergliedern in: praktische Einsatzzwecke wie: Mörser, Feuerbohrstellen, Öllampen, Pechsteine; Spalten von Steinblöcken mittels aufquellender Holzkeile, die in eine Lochreihe getrieben wurden kultisch-symbolische Zwecke wie: Fruchtbarkeitssymbole, Kalender, Sternbilddarstellungen, Karten oder Wegweiser und Wegzeichen
Am häufigsten findet sich in der Fachliteratur eine Deutung als Opfergefäße. Die deutsch-norwegische Archäologin D. Stramm wies darauf hin, dass sich in Norwegen (Kvikne in Østerdalen) Schälchensteine finden, die durch den Abbau von Steinmaterial für Gefäße und Gebrauchsgegenstände entstanden. Nach D. Stramms Deutung ist die primäre Nutzung der Schälchen als Materialentnahme anzusprechen, wobei sie einer Nachnutzung als Opferschälchen durch spätere Kulturen ebenfalls nicht widerspricht. Der schweizerische Geologe W. A. Mohler war Zeuge, wie in einem verfallenen Hindutempel Opferwasser in derartige Schalen gegossen wurde, in die Blüten und Blätter gestreut waren. Nach anderen Berichten waren Schalensteine Naturaltäre, auf denen verschiedenen Gottheiten, die mit Fruchtbarkeitskulten in Verbindung standen, Nahrungsmittel, Blumen oder Räucherpflanzen dargeboten wurden. Gelegentlich sind Schalensteine mit Rutschsteinen vergesellschaftet (Beispiele in Südtirol), für die ein Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsritualen tradiert wird. Felsen an exponierten Lagen könnten als Kalender zur exakten Einteilung der Jahreszeiten verwendet werden. Nach erfolgter Positionsmessung der Sonne mit Hilfe eines schattenwerfenden Stabes könnten Sonnwenden über die am Felsen angebrachten Schalen errechnet und vorhergesagt werden.Franz Neururer: Jahreszeitenberechnung mit Schalensteinen. 2008, S. 7 ff. (Link). Eine Studie des Schweizer Archäologen Urs SchweglerUrs Schwegler: Schalen- und Zeichensteine der Schweiz. Verlag Schweizerische Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte. Basel 1992, S. 34 verneint die astronomische Deutung der Schalen- und Zeichensteine, insbesondere im Alpenraum, und widerspricht der verbreiteten Meinung eines Sonnenkultes oder angeblicher Kraftorte.
Verbreitung und regionale Unterschiede Europa Schalensteine sind auf allen Kontinenten verbreitet und finden sich in ganz Europa auf erratischen Blöcken und anstehenden Felsen, aber auch auf Hausschwellen, Kirchenmauern und Megalithen. Die Schalen sind häufig durch Rinnen verbunden und treten oft mit Gravuren geometrischer Form (Kreise, Kreuze) auf. Sie wurden einzeln oder in Gruppen auf Gesteinsoberflächen angebracht und sind die am häufigsten vorkommenden Petroglyphen.
Deutschland Mecklenburg Schalensteine kommen relativ häufig auf Deck-, Einfassungs- oder Tragsteinen von Megalithanlagen vor. Ein Drittel aller mecklenburgischen Megalithanlagen haben (mindestens) einen mit Schalen versehenen Stein; 17 haben mehr als 30. Auf den Tragsteinen befinden sie sich in der Regel auf den oberen Flächen neben den Decksteinen. Die Anlagen von Mankmoos (167 Schälchen), Qualitz (127) und Serrahn (107) haben mit Abstand die meisten Schälchen in Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem werden Wächtersteine bevorzugt (Großsteingrab Stuer 3, Kreis Röbel (49) Großdolmen von Dwasieden (40 Schälchen)). Die meisten Schälchen müssen bei Bohrvorgängen entstanden sein. An einigen war die Spur des Bohrstockes ähnlich gut zu erkennen wie bei Felsgesteinäxten mit unvollendeter Vollbohrung. In keinem Falle gab es sichere Hinweise auf eingepickte Schälchen. In weichem Gestein finden sich die größten und tiefsten Schälchen (Deckplatte aus Kalkstein beim Urdolmen von Basedow, Kreis Malchin). Die Schälchen auf den Blöcken der mecklenburgischen Megalithgräber können nicht mit den Erbauern der Anlagen, den Leuten der Trichterbecherkultur in Verbindung gebracht werden. Schälchen im Inneren von Megalithanlagen sind selten (Naschendorf) und stammen von bronzezeitlichen Nachnutzungen.
Schleswig-Holstein Die Dokumentation der Schalensteine in Schleswig-Holstein des Archäologischen Landesamtes erfasst rund 500 Schalensteine. Findlinge mit Schälchen wurden in Schleswig-Holstein überwiegend im Östlichen Hügelland und im Kreis Herzogtum Lauenburg mit dem seit langer Zeit forstwirtschaftlich genutzten Sachsenwald gefunden. In der Geest und der Hohen Geest kommen ebenfalls Schalensteine vor, während in der Marsch und dem Wattenmeer keine bekannt sind.
Niedersachsen Der Schalenstein von Wiershausen einem Ortsteil von Hann. Münden liegt in Niedersachsen. Der Schalenstein von Drethem liegt bei Hitzacker. In Niedersachsen gibt es 39 Schalen-, Rillen- und Sonnensteine.
Österreich und Norditalien mini|links|Heiliger Stein von Mitterretzbach (Weinviertel) Weinviertel