mini|Hans-Joachim Marseille (Propagandaaufnahme von 1942)
Hans-Joachim („Jochen“) Walter Rudolf Siegfried Marseille (* 13. Dezember 1919 in Charlottenburg; † 30. September 1942 sieben Kilometer südlich von Sidi Abdel Rahman,Walter A. Musciano: Die berühmten Me-109 und ihre Piloten. ISBN 3-89350-557-1, S. 133.„Sidi el Amam“ lt. Sterbeurkunde, siehe Ägypten) war ein deutscher Jagdflieger im Offiziersrang im Zweiten Weltkrieg. Als „Fliegerass“ mit den meisten Abschüssen auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz wurde er unter dem Namen „Stern von Afrika“ bekannt.
Leben Kinder- und Jugendzeit Hans-Joachim Marseille (privat meist „Jochen“ genannt) stammte väterlicherseits aus einer alten Hugenottenfamilie. Seine Eltern waren Siegfried Georg Martin Marseille und Charlotte Marie Johanna Pauline Gertrud geb. Riemer.
Sein Vater war während des Ersten Weltkriegs Offizier gewesen und wechselte kurz vor der Geburt seines Sohnes in den Polizeidienst. 1935 wurde er als Oberst wieder in das Heer übernommen und bis Juni 1942 als Kommandeur des (zum Wehrkreis X gehörigen) Wehrbezirks Bremen II eingesetzt. Im Jahr 1941 wurde er zum Generalmajor befördert. Er fiel am 29. Januar 1944 im Kampf gegen Partisanen.
Die Ehe von Hans-Joachims Eltern verlief unglücklich und wurde bald nach seiner Geburt geschieden; seine Mutter heiratete darauf wieder, weshalb Hans-Joachim vorübergehend den Zunamen Reuter (nach seinem Stiefvater) trug. Bei ihr und ihrem neuen Mann wuchs Hans-Joachim auf. Als kleines Kind war er körperlich schwächlich und entging bei einer Influenza-Erkrankung nur knapp dem Tode. Der hochbegabte junge Mann galt in der Schule ursprünglich als nachlässig, andererseits gelang es ihm, bereits mit 17 Jahren das Abitur am Prinz-Heinrich-Gymnasium in Berlin-Schöneberg zu absolvieren.
Vor dem Hintergrund der Scheidung hatte er weder zu seinem Vater noch zu seinem Stiefvater ein dauerhaft gutes Verhältnis, wenngleich er zeitweilig mit seinem Vater korrespondierte. Hans-Joachims zwei Jahre ältere Schwester Ingeborg kam 1941 in Wien gewaltsam ums Leben, möglicherweise wurde sie von einem eifersüchtigen Verehrer ermordet. Marseille bekundete, dass dieser Mord und die Trennung seiner Eltern die beiden Ereignisse in seinem Leben waren, die ihm am meisten zusetzten.
Beginn der militärischen Laufbahn Im Jahr 1938 meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe. Während seiner Ausbildung in der Jagdfliegerschule C (FFS C, später FFS C8), die auf dem Flugplatz Wiener Neustadt/West stationiert war, stand er unter dem Kommando von Hauptmann Julius Arigi. Bereits bei seiner Ausbildung zeigte sich sein fliegerisches Talent, jedoch hatte er Probleme mit der Disziplin.
Im August 1940 wurde Marseille nach einer intensiven Vorkriegsausbildung als Oberfähnrich zum Lehrgeschwader 2 an die Kanalküste versetzt, wo er seine erste Feindberührung hatte. Während der Luftschlacht um England gelang ihm gleich an seinem ersten Kampftag, dem 24. August 1940, ein Luftsieg. An seinem zweiten Kampftag schoss er seinen nächsten Gegner ab und erhielt dafür das Eiserne Kreuz 2. Klasse; nach seinem fünften Abschuss, drei Tage später, erhielt er das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Er gelangte zum Jagdgeschwader (JG) 52, wo er aber mit seinem Vorgesetzten, Johannes Steinhoff, nicht zurechtkam. Insgesamt gelangen ihm als Angehörigem des JG 52 sieben Abschüsse, aber er selbst wurde auch viermal abgeschossen. In seiner Zeit an der Kanalküste bekam er zweimal eine Disziplinarstrafe, nämlich einmal drei Tage „gelinden Arrest“ und einmal fünf Tage Stubenarrest.
Im Februar 1941 wurde Marseille auf Betreiben Steinhoffs zum Jagdgeschwader 27 versetzt, und zwar vorerst zur Fliegerschule Döberitz. Von dort ging es dann im April 1941 nach Nordafrika, auf den Flugplatz Gazala.
Afrika Während seines ersten Feindfluges über Libyen konnte er seinen ersten Abschuss in Afrika verzeichnen. In den darauffolgenden Wochen kamen weitere hinzu, doch zog er sich auch hier den Unmut seines unmittelbaren Vorgesetzten Oberleutnant Gerhard Homuth zu, da Marseille sich, sobald er Feindflugzeuge sah, vom Verband löste und den Gegner eigenmächtig angriff. Dies widersprach jeglicher Regel für Luftkämpfe. Seinem Gruppenkommandeur Hauptmann Neumann missfiel dies auch, doch erkannte er das große fliegerische Talent Marseilles.
mini|Nordafrika.-Leutnant Ernst-Wilhelm Reinert (links) und Feldwebel Maximilian Volke (rechts) stehen neben dem Kübelwagen von Hans-Joachim Marseille, dem er den Namen „Otto“ (italienisch für 8) gegeben hatte Im Mai 1941, nachdem Marseille 13 Abschüsse zu verzeichnen hatte, wurde er schließlich zum Leutnant befördert. Kurz darauf musste er nach schweren Treffern im Niemandsland notlanden und erreichte erst nach einem langen Fußmarsch unverletzt die eigenen Linien. Er wirkte in Luftkämpfen immer mehr mit seinen Kameraden zusammen und akzeptierte nunmehr militärische Grundregeln weitestgehend. Zum Rottenführer ernannt, eignete er sich in unzähligen Einsätzen eine beachtliche Trefferpräzision an. Er gehörte zur Gruppe der sogenannten Scharfschützen, das heißt, er versuchte, den Gegner durch geschickte Wahl eines Vorhaltewinkels in der versetzten Bewegung und gegebenenfalls aus der eigenen Bewegung zu treffen, was ihm immer häufiger gelang. Dadurch erzielte er seine späteren Siege mit sehr wenigen Schäden an der eigenen Maschine und einem außergewöhnlich geringen Munitionsverbrauch. Er traf weiterhin besonders häufig die Kabine des Gegners von der schwächer geschützten Seite, was häufig zum Ausfall des gegnerischen Piloten durch Tod oder Verwundung führte. Im Dezember 1941 erhielt er das Deutsche Kreuz in Gold.
mini|Marseille neben einer von ihm abgeschossenen Hurricane im März 1942 mini|Deutsche Kriegsgräberstätte Tobruk, in der Marseille nach einer Umbettung bestattet ist mini|Grab der Familie Reuter-Marseille, Friedhof der Dorfkirche Schöneberg
Am 22. Februar 1942 erzielte Marseille als erfolgreichster Pilot seines Geschwaders den 50. Abschuss, wofür er mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet und zum Oberleutnant befördert wurde. Als Homuth im Mai die gesamte Gruppe übernahm, rückte Marseille zum Staffelkapitän auf. In den folgenden Monaten erzielte er meist zwei bis fünf Feindabschüsse pro Einsatz. Marseille war nicht nur in Deutschland zu einer Berühmtheit geworden, sondern auch bei seinen Gegnern.
Im Juni 1942 erhielt Marseille als zweiter Pilot seines Jagdgeschwaders nach 75 Luftsiegen das Eichenlaub zum Ritterkreuz. Er war zu diesem Zeitpunkt der 97. Soldat, der diese Auszeichnung erhielt. Am 17. Juni verkündete das Jagdgeschwader 27 den 100. Abschuss durch Marseille. Er war damit der erste Jagdflieger, der diese Marke gegen westalliierte Piloten erreicht hatte. Die darauf folgende Verleihung der Schwerter zum Ritterkreuz mit Eichenlaub fand direkt in Berlin statt. Bis dahin war diese hohe Auszeichnung erst an 12 Soldaten verliehen worden.
Nachdem er nach der Verleihung zu seinem Geschwader zurückgekehrt war, fand Marseille eine völlig andere Situation vor: Die Luftwaffe war in Afrika in die Defensive zurückgedrängt worden. Die deutschen Piloten standen einem sechsfach überlegenen Gegner gegenüber, was die Verluste des Geschwaders ansteigen ließ. Nachdem er am 2. September seinen 126. Abschuss verbuchen konnte, wurden ihm die Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern von Adolf Hitler persönlich verliehen. Er war damit erst der vierte Träger dieser Auszeichnung. In den folgenden Tagen kamen weitere Luftsiege hinzu, und er wurde zum fünften Mal im Wehrmachtbericht erwähnt. Am 24. September 1942 wurde er schließlich mit 22 Jahren zum bis dahin jüngsten Hauptmann der Luftwaffe befördert.
mini|Eine von Marseille 1942 geflogene Messerschmitt Bf 109 F-4/Trop (W.Nr. 8673) der 3./JG 27 Am 30. September 1942 kehrte die Staffel von einem Einsatz zurück, als Marseilles Maschine, eine Messerschmitt Bf 109 G-2, wegen eines technischen Defektes Feuer fing. Da die Scheiben der Kabine mit Öl verschmiert waren, wurde er von seinen Kameraden dirigiert, um sich auf von Deutschland kontrolliertes Territorium zu retten. Als schließlich jedoch ein Absprung erforderlich war, drehte er das Flugzeug mit einer halben Rolle in Rückenlage, um nicht Gefahr zu laufen, vom Leitwerk getroffen zu werden. Wegen der starken Rauchentwicklung bemerkte Marseille, während er sich von den Anschnallgurten befreite, allerdings nicht, dass die Maschine in den Sturzflug übergegangen war, so dass er beim Absprung trotz seiner Vorsichtsmaßnahmen vom Leitwerk getroffen wurde. Er war entweder sofort tot oder verlor zumindest das Bewusstsein; zum Ziehen der Reißleine des Fallschirms kam Marseille nicht mehr. Hans-Joachim Marseille wurde anschließend mit militärischen Ehren in Derna beerdigt.
Nach dem Krieg wurde Marseilles Leichnam exhumiert, nach Tobruk in die Deutsche Kriegsgräberstätte Tobruk überführt und dort beigesetzt.SA’s remarkable black war heroes. In: Sunday Independent. Independent Online, 19. Juni 2016, abgerufen am 1. August 2021 (englisch).
Hans-Joachim Marseille erzielte bis zu seinem Tod 158 Luftsiege in 388 Einsätzen. Mit vier Ausnahmen handelte es sich bei seinen Opfern um Jagdflugzeuge. Damit gingen über zehn Prozent aller Abschüsse der deutschen Luftwaffe in Nordafrika auf sein Konto. Alle seine Erfolge erzielte Marseille mit einem einzigen Flugzeugtyp, einer Messerschmitt Bf 109 in verschiedenen Versionen, wobei eine gelbe 14 als Rumpfmarkierung sein „Markenzeichen“ war.
Verhältnis zum NS-Staat Hans-Joachim Marseille galt als freiheitsliebend bis zur Disziplinlosigkeit und zeigte sich wenig an Politik interessiert. Sein Geschwaderkommodore Bernhard Woldenga teilte (nach Aussage seines Großneffen, des CDU-Politikers Christian von Boetticher) mit, Marseille sei ein klar erkennbarer Gegner von Führerkult und Rassenhass gewesen. Tatsächlich pflegte Marseille mit einem kriegsgefangenen schwarzen Korporal aus Südafrika, Mathew P. Letulu (genannt „Matthias“), eine enge Freundschaft und stellte ihn unter seinen persönlichen Schutz; dies wurde auch nach Marseilles Tod von seinen Geschwaderkameraden ernst genommen, so dass Letulu von der Rassenpolitik der Nazis unbehelligt blieb; er nahm 1984 am Traditionstreffen des JG 27 teil und war dabei Ehrengast der Bundesregierung.
Die Verleihung von Auszeichnungen, deretwegen er den Kriegsschauplatz verlassen musste, war Marseille lästig. Als er im Zusammenhang mit der Verleihung der Schwerter zum Ritterkreuz gemeinsam mit hochrangigen Vertretern des NS-Regimes, darunter Hitler, Bormann, Göring und Goebbels im Haus von Willy Messerschmitt eingeladen war, gab er zunächst sein Können als Klassik-Pianist zum Besten, provozierte dann aber Hitler mit amerikanischer Jazz-Musik, die laut NS-Ideologie als entartet galt. Dem Vernehmen nach verließ Hitler daraufhin indigniert den Raum, während Magda Goebbels amüsiert reagierte; der damalige Reichsjugendführer Artur Axmann zeigte sich indes über das Ganze sichtlich schockiert.
Persönliches Marseille, dem zahlreiche Verhältnisse mit verschiedenen Frauen nachgesagt wurden, lernte im März 1942 die einige Jahre ältere Musiklehrerin und Sängerin Hanne-Lies Küpper kennen, mit der er sich kurz danach verlobte; die beiden planten, Weihnachten 1942 zu heiraten.
Rückblickende Bewertungen der Person Marseilles Fliegerische Vorgesetzte