Die belarussische Literatur, seltener weißrussische Literatur oder belarusische LiteraturDuden-Sprachratgeber ist die Literatur der belarussisch sprechenden Bevölkerung im heutigen Belarus sowie in historischer Zeit auch in Teilen Polens und Litauens. Das Belarussische ist aus der ruthenischen Sprache hervorgegangen, nahm aber auch immer wieder Einflüsse aus dem Polnischen auf und wirkte seinerseits auf das Kirchenslawische. Eine belarussische Identität und Standardsprache bildete sich jedoch erst im späten 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts im Spannungsbereich zwischen russischen, polnischen und litauischen Macht- und Kulturinteressen. Nicht wenige Intellektuelle sahen sich weiterhin in einer westlichen, auf das alte Großlitauische Reich zurückgehenden Tradition.
Im Folgenden werden die weißruthenische (westliche altruthenische) und die belarussische Literatur im Zusammenhang behandelt.
Frühe Geschichte In weißruthenischer Volkssprache blieben zahlreiche Lieder, Gedichte, Rätsel und Märchen lange Zeit erhalten. Auch geringe Spuren der slawischen Heldendichtung finden sich hierin.Karskij 1926, S. 1–95 Mit der Ausbreitung des Großfürstentum Litauens auf das heutige Gebiet von Belarus wurde seit Ende des 14. Jahrhunderts das Ruthenische zur Kanzleisprache. Damit begann die Trennung der weißruthenischen von der russischen Literatur.
Die Zeit der Übersetzungen Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden im Großfürstentum Litauen erste Chroniken in der weißruthenischen Volkssprache. Der Reformator und Humanist Francysk Skaryna (Francisk Skorina, ca. 1490–1551) druckte zuerst in Prag, dann 1517–1519 in Wilna Bibelübersetzungen in einem noch an die kirchenslawische Sprache angelehnten unreinen Früh- oder Alt-Weißruthenisch. Die damals in Litauen siedelnden Tataren nutzten ebenfalls die weißruthenische Sprache, schrieben aber die Übersetzungen moslemischer Texte mit arabischen Buchstaben (Kitab). Wassil Zjapinsky (Vasilij Tjapinskij, ca. 1540–1604) übersetzte das Neue Testament,Faksilime mit dt. Übersetzung und Kommentare Paderborn 2005. Szymon Budny (1530–1593) übersetzte und druckte den calvinistischen Katechismus (Katichizis) ins Weißruthenische und zog sich damit die Feindschaft der Orthodoxen zu. Für diese Übersetzungen wurden also verschiedene Alphabete nebeneinander verwendet.Karskij 1926, S. 96–102 Daneben finden sich Anfänge einer Versdichtung in Form einer Chronologie der Heldentaten des Fürsten Krzysztof Mikołaj Radziwiłł (1581) durch Andrej Rymscha (ca. 1550–1599). mini|hochkant|Titelseite der Bibel von Francysk Skaryna
Die Polonisierung der belarussischen Sprache Durch die Union mit Litauen 1386 und 1569 kamen viele belarussisch- (und ukrainisch-) sprachige orthodoxe Christen unter die Herrschaft der polnischen Könige. Der Vizekanzler des Großfürstentums Leŭ Sapieha gab 1588 einen umfassenden Rechtskodex in weißruthenischer Sprache heraus (sog. Hoch- oder Mittelruthenisch). 1596 wurde die kirchliche Union beschlossen, wonach die orthodoxe Kirche im Großfürstentum dem Papst unterstellt wurde. Das führte dazu, dass Latein bzw. Polnisch Gelehrtensprachen blieben, während das Belarussische, die Sprache der Bevölkerungsmehrheit im Großfürstentum Litauen, zunehmend polonisiert und barockisiert wurde, u. a. durch den Mönch Simjaon von Polack, der im 17. Jahrhundert gelehrte und panegyrische Gedichtsammlungen herausgab, einige Dramen verfasste und diese literarischen Formen auch in Moskau bekannt machte. Schon im 17. Jahrhundert war Minsk weitgehend katholisch geworden, womit der Einfluss des Polnischen und die Verbreitung der lateinischen Schrift immer stärker wurde. 1697 wurde die weißruthenische Kanzleisprache per Dekret abgeschafft. Die Volksdichtung, die mit vielen kultischen Liedern (z. B. Hochzeits-, Frühlings-, Erntelieder), Beschwörungsformeln, Märchen und Rätseln in der Frühzeit bedeutsamer war als die Kunstdichtung, der aber epische Großformen fehlten, überlebte bis ins 19. Jahrhundert.Weißrussische Literatur, in: Der Literatur-Brockhaus. Bd. 3, Mannheim 1988.Randow 2006, S. 400 ff.Karskij 1926, S. 1–95. Bis zur Herausbildung des Standard-Belarussischen bzw. -Ukrainischen gegen Ende des 19. Jahrhunderts spricht man meist von spätruthenischer Sprache.
Das 19. Jahrhundert: Zurückdrängung des polnischen Einflusses und Beginn einer nationalen Romantik Nach den Teilungen Polens schrieben immer mehr Landadlige im von Russland annektierten Teil Weißrutheniens in russischer Sprache. Der polnischstämmige Adel war zwar überzeugt davon, dass das weißruthenische Volk ein polnischer Volksstamm sei, doch wurden die Grundlagen für eine selbstbewusste Nationalbewegung gerade von der polonisierten Oberschicht gelegt. Der polnische romantische Dichter Jan Czeczot (1796–1847) interessierte sich für die belarussische Volksdichtung und Folklore; er schrieb einige Gedichte in vormodernem Belarussisch. Erste romantische Werke auf Basis der Volksdialekte stammen von Wikenzi Rawinski (1786–ca. 1855) und Jan Barschtscheuski (1797–1851), der in beiden Sprachen Gedichte schrieb und eine Sammlung von lokalen Legenden und Schauergeschichten (Szlachcic Zawalnia, 1846) veröffentlichte, die er in einer Rahmenhandlung von einem Adligen erzählen lässt. Winzent Dunin-Marzinkewitsch (1808–1884) lässt in seinen romantischen Verserzählungen und Bühnendichtungen vor allem Bauern Weißruthenisch, die Gebildeten aber Polnisch sprechen. Alexander Rypinski (1809–1886) gilt als Begründer der belarussischen Ballade und bedeutender Übersetzer. Nach dem polnischen Novemberaufstand 1830, an dem er sich auch beteiligte, ging der polnisch-litauische Einfluss in Belarus immer mehr zurück; der polnische Adel wurde vertrieben, der belarussische Kleinadel und die orthodoxe Kirche erstarkten. mini|hochkant|Winzent Dunin-Marzinkewitsch (1863). In seinem Dorftheater spielten auch Bauern mit. Das Weißruthenische erfuhr in der Folgezeit eine größere Verbreitung, der Begriff „Belarus“ wurde allgemein gebräuchlich. Doch nach dem letzten erfolglosen polnischen Aufstand, dem Januaraufstand von 1863, setzte eine massive Russifizierungspolitik ein. Der Begriff „Belarus“ wurde getilgt, weißruthenische Druckerzeugnisse wurden 1867 verboten.Weißrussische Literatur, 1988.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich Philologen systematisch mit der weißruthenischen Sprache, den zahlreichen Märchen und Sagen des Bauernvolks und seiner Folklore, was nicht verboten werden konnte. Die schöpferische Ausformung einer belarussischen Schriftsprache begann mit den Gedichten und realistischen Epen von Franzischak Bahuschewitsch (1840–1900), die das ärmliche und sorgenvolle Leben der Bauern behandelten. Damit wurde die rein phonetische Wiedergabe lokaler Dialekte überwunden. 1905 wurde das zaristische Druckverbot aufgehoben; der Begriff „belarussisch“ begann sich als Bezeichnung der Sprache durchzusetzen. In diesem Jahr konnte Janka Kupala (1882–1942) das erste Gedicht in belarussischer Sprache drucken; er verfasste auch Erzählungen und Dramen.
Die belarussische Minderheit im österreichischen Teil Polens konnte sich nach dem Ende der Germanisierungspolitik unter der seit 1867 bestehenden weitreichenden Autonomie Galiziens mit der Gleichberechtigung aller Nationalitäten wesentlich besser entfalten. In Lemberg und Krakau wurden Texte in belarussischer Sprache gedruckt und verlegt. Die Jagiellonen-Universität als bedeutendes Zentrum der Slawistik wurde zum Ort der Pflege belarussischer Sprache und Literatur. Auch im preußischen Teil des annektierten Polens – weitgehend identisch mit der Provinz Posen – waren alle Sprachen zunächst gleichberechtigt, allerdings befanden sie sich nach der Reichsgründung 1871 in einer Minderheitsposition gegenüber dem Deutschen und sahen sich Germanisierungsbestrebungen ausgesetzt.
Die belarussische Wiedergeburt 1905–1930 mini|hochkant|Maksim Harezki (1937) Die belarussischen Nationalisten und die ersten Prosaautoren versammelten sich um die 1905 in Wilna, dem damaligen intellektuellen Zentrum der belarussischen Intelligenz, und gründeten die Zeitschrift Nascha Niwa (1905–1915). Eine wichtige Figur dieser Bewegung war der früh verstorbene Lyriker, Prosaist und Übersetzer Maksim Bahdanowitsch (1891–1917), der Belarus schon 1896 verlassen und lange in Russland gelebt hatte. Außer durch seinen Gedichtband Вянок (dt. „Der Kranz“)Siehe auch Maksim Bahdanovič: Weissruthenische Heimat-Lyrik. Übers. Eugen Frh. von Engelhardt. Hildesheim 1949. wurde er durch Nachdichtungen europäischer Lyrik (u. a. von Heinrich Heine und Paul Verlaine) sowie antiker Oden bekannt. mini|Maksim-Bahdanowitsch-Museum in Jaroslawl, Russland (1992) mini|hochkant|Janka Kupala In der Vorkriegszeit entstand eine Aufbruchstimmung, die auch von Krieg und Revolution sowie der Abtrennung der westlichen Landesteile und der Stadt Wilna, welche an Polen fielen, nur kurz unterbrochen wurde. Der Romancier Maksim Harezki publizierte 1919, also in einer Zeit, als der Kampf um die Unabhängigkeit noch nicht entschieden war, den Schlüsselroman der belarussischen Wiedergeburtsbewegung mit dem Titel Zwei Seelen, der zunächst als Fortsetzungsgeschichte erschien. Der Held, vermeintlich Sohn eines Gutsbesitzers, der jedoch von seiner Amme mit ihrem eigenen Sohn vertauscht worden war, ist hin- und hergerissen zwischen Adel und Bauern, zwischen den Bolschewisten und den ebenso fanatischen Wiedergeburts-Aktivisten, während sein Ziehbruder den Bolschewiken folgt.Eine deutsche Übersetzung erschien 2014. Lerke von Saalfeld: Schlüsselwerk der weißrussischen Literatur. Deutschlandfunk, 21. November 2014. Branislau Taraschkewitsch verfasste 1918 eine Grammatik, die zur Grundlage der Standardisierung der in etwa 20 Dialekten verbreiteten Sprache beitrug. 1920 erhielt das Minsker Theater den Status eines staatlichen Theaters. Erstmals wurde der freie Vers in belarussischer Sprache erprobt. Die Literatur konnte sich in der Weißrussischen Sowjetrepublik auch nach ihrem 1922 erfolgten Anschluss an die Sowjetunion bis 1932 weitgehend frei entfalten. Man kann sogar von einer „Belarussifizierung“ der Kultur sprechen, die allerdings dort an Grenzen stieß, wo junge aufgerückte Staatsfunktionäre nur Russisch sprachen.
Auch andere Minderheitssprachen wie Jiddisch oder Lettisch wurden gefördert. So wurde 1926 das staatliche jüdische Theater in Minsk gegründet. Für die Buchproduktion in verschiedenen Sprachen wurden Quoten festgesetzt, die die Minderheiten begünstigten.Dietrich Beyrau, Rainer Lindner (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Weißrusslands. Göttingen 2001, S. 456. Die künstlerische Einbildungskraft kannte angesichts dieser Befreiung keine Grenzen mehr, nährte allerdings auch Illusionen. Wichtigste Repräsentanten dieser Phase waren der Lyriker und Theaterautor Janka Kupala (1882–1942), ein Vertreter der nationalen „Wiedergeburt“, der Lyriker und Epiker Jakub Kolas (1882–1956) sowie Jan Skryhan (1905–1992). Auch mit Blick auf die antibolschewistisch-nationalistische belarussische Opposition in Polen erfuhr die Kultur jedoch bald eine Wende. Kupala war seit 1930 massiven Repressionen ausgesetzt und schrieb nur noch konformistische Gedichte und Artikel. Auch Kolas wurde überwacht und musste Selbstkritik üben. Sein wichtigstes Poem Nowaja Sjamlja („Die Neue Erde“, 1911–1923), das oft mit Puschkins Eugen Onegin verglichen wird, hatte die für Belarus zweifellos zentrale Bodenbesitzfrage in eine „Enzyklopädie des Volkslebens“ transformiert.Dietrich Beyrau, Rainer Lindner (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Weißrusslands. Göttingen 2001, S. 478. Der Held Michal, ein Forstaufseher, ist zwar von der Idee des Besitzes eigenen Grund und Bodens mit einem Häuschen besessen, aber diese „Neue Erde“ wird poetisiert und mythisch übersteigert. Skryhan, der zeitweise den Futuristen nahestand, wurde nach Inhaftierung und Verbannung erst 1954 rehabilitiert.
1932–1939: Sprachkämpfe und Gleichschaltung der Literatur