Die Geschichte Istanbuls reicht dank jüngster archäologischer Grabungen erheblich weiter zurück, als bisher angenommen wurde. Neben 400.000 Jahre alten Artefakten fanden sich mesolithische, neolithische, kupferzeitliche und jüngst auch eisenzeitlich-hethitische Spuren. Später siedelten hier Thraker.

Als griechische Stadt Byzantion gegründet, stieg die Stadt zu einem bedeutenden Handelszentrum und schließlich unter dem Namen Konstantinopel zur Hauptstadt des oströmisch-byzantinischen Reichs auf. Im Mittelalter war sie die einzige Weltstadt Europas, und nach der osmanischen Eroberung wurde sie wieder zur größten Metropole des Kontinents.

Auch nachdem sie 1923 den Status der Hauptstadt verloren hatte und Pogrome Griechen und Armenier noch in den 1950er Jahren vertrieben hatten, konnte sich die Stadt wieder erholen und ist heute das ökonomische und kulturelle Zentrum der weit über die Türkei hinausreichenden Region, zugleich aber auch Fokus aller wesentlichen gesellschaftlichen Konflikte.

Urgeschichte mini|Artefakte aus Yarımburgaz Mağarası (Başakşehir) im Archäologischen Museum Istanbul

Am Nordrand der Lagune von Küçükçekmece, eines Istanbuler Stadtteils rund 23 km westlich der Innenstadt, fanden sich etwa 1600 steinzeitliche Artefakte in den Höhlen von Yarımburgaz (Yarımburgaz Mağarası)Vangelis Tourloukis: The Early and Middle Pleistocene Archaeological Record of Greece. Current Status and Future Prospects, Amsterdam University Press, Amsterdam 2011, S. 40., deren älteste auf etwa 400.000 Jahre datiert wurden. Wahrscheinlich bewohnte zuerst Homo erectus die Höhle, menschliche Überreste wurden nicht gefunden. Die Höhle wurde überaus lange genutzt. So reichen ihre Funde bis in die Zeit zwischen 6200 und 5500 v. Chr. In den ältesten Schichten fanden sich keine Faustkeile und keine Hinweise auf die Levallois-Technik, stattdessen konnten wenige Chopper und große Mengen kleiner Klingen mit Retuschen geborgen werden.Vangelis Tourloukis: The Early and Middle Pleistocene Archaeological Record of Greece. Current Status and Future Prospects, Amsterdam University Press, Amsterdam 2011, S. 40f. Meist wurde Feuerstein genutzt, aber auch Quarz und Quarzit. Insgesamt ähnelt die archäologische Industrie derjenigen der Höhlen von Rodia und Doumbia in Thessalien und Makedonien. Schon diese Funde weisen auf die große Bedeutung der Region hin, doch wurden bisher nur wenige Untersuchungen angestellt.Vangelis Tourloukis: The Early and Middle Pleistocene Archaeological Record of Greece. Current Status and Future Prospects, Amsterdam University Press, Amsterdam 2011, S. 53.

Die Lagune von Küçükçekmece war bis in historische Zeit ein See, der ansteigende Meeresspiegel nach der letzten Kaltzeit füllte das heutige Marmarameer, so dass aus dem See eine Bucht wurde; diese jedoch sperrte angeschwemmter Sand zum Meer hin ab, so dass eine Lagune entstand. Trotz dieser geologischen Veränderungen blieben die dortigen Lebensbedingungen günstig. An den Ufern der beiden bedeutendsten Zuflüsse Eskinoz und Saslidere fanden sich Überreste mehrerer Siedlungen. Keramikfunde konnten 2007 dem Präkeramischen Neolithikum B zugeordnet werden, womit sie die ersten Funde dieser jüngeren Stufe der akeramischen Epoche der Jungsteinzeit im Raum Istanbul darstellten.Şengül Aydıngün: Istanbul Prehistoric Survey Season 2007, in: Proceedings of the 6th International Congress of the Archaeology of the Ancient Near East: Excavations, surveys and restorations. Reports on recent field archaeology in the Near East, Otto Harrassowitz, 2010, S. 75–84, hier: S. 77. Zudem ließ sich am Westufer des Sees eine Siedlung ausmachen. Die Bewohner der Höhlen kamen offenbar an den See, um dort zu jagen, Felle zu bearbeiten oder Werkzeuge herzustellen. Im Gebiet von Silivri, das noch zu Istanbul gehört, fanden sich zudem Siedlungsspuren in Selimpasa Höyük. Des Weiteren fand sich auf Hinweis von Bewohnern des Ortes Danamandira eine Höhle namens Aylapinari. Dort fanden sich Gebäudereste und neolithische und kupferzeitliche Spuren, wie vermutlich eisenzeitliche Tumuli und aus dem Fels gehauene Reste von Bauwerken sowie Überreste einer großen Siedlung. In einer Höhle beim benachbarten Yaylacik fand man 2007 ebenfalls Keramik.

Bis 2011 waren im Süden Thrakiens nur drei Stätten aus der Zeit um 8500 BP bekannt, nämlich Hoca Çeşme, Hamaylitarla und Kaynarca. Doch in diesem Jahr wurden paläolithische Funde, etwa bei Üçdutlar bekannt, die bis ins Paläolithikum zurückweisen, auf der Gallipoli-Halbinsel fand sich eine 2,5 ha große, vorneolithische Siedlung.Özbek.

In Fikirtepe bei Kadıköy konnten in den 1950er Jahren nur Notgrabungen durchgeführt werden, die jedoch die Anwesenheit von Fischern und Jägern anhand ihrer ovalen und rechteckigen Häuser aus Lehmgeflecht belegten, sowie anhand ritzverzierter Keramik. Die Stätte gab der Fikirtepe-Kultur mit den Hauptfundorten Fikirtepe, Pendik, Ihpinar (bei İznik, 5200 bis 4800 v. Chr.) und Mentese, den Namen.Ivan Gatsov: Prehistoric Chipped Stone Assemblages from Eastern Thrace and the South Marmara Region 7th-5th mill. B.C. John and Erica Hedges, Oxford 2009, S. 13. Die spätneolithische Keramik von Fikirtepe fand weite Verbreitung, westwärts bis nach Thessalien.Christian Marek, Peter Frei: Geschichte Kleinasiens in der Antike, Beck, München 2010, S. 82.

Funde aus dem Neolithikum nahe dem heutigen Stadtteil Kadıköy – früher Kalchedon – und aus der Bronzezeit im Stadtteil Sultanahmet belegen, dass auch die Ufer des Bosporus schon sehr früh besiedelt waren. Allerdings lag der Meeresspiegel um 8–9000 cal BP 6 m tiefer als heute. Daher kann bestenfalls die Unterwasserarchäologie noch Erkenntnisse zu den küstennahen Siedlungen liefern. Um 6800 bis 7000 cal BP stieg der Meeresspiegel stark an, so dass der Lykos verschwand und nur noch eine Bucht an seiner Mündung bestand. Nach etwa 3000 cal BP erreichte die Küste etwa den heutigen Verlauf.Oya Algana, M. Namık Yalçın, Mehmet Özdoğan, Yücel Yılmaz, Erol Sarı, Elmas Kırcı-Elmas, İsak Yılmaz, Özlem Bulkan, Demet Ongan, Cem Gazioğlu, Atike Nazik, Mehmet Ali Polat, Engin Meriç: Holocene coastal change in the ancient harbor of Yenikapı–İstanbul and its impact on cultural history, in: Quaternary Research 76,1 (2011) 30–45.

2008 entdeckte man in 6 m Tiefe beim Bau des Schnellzugsystems Marmaray im ehemaligen Hafen von Yenikapı steinerne Hausfundamente. Die Ausgräber fanden vier Gräber mit Skeletten und Opfergaben, die auf die Zeit zwischen 6400 und 6200 v. Chr. datiert werden konnten.

Die ältesten Spuren im Gebiet der Istanbuler Kernstadt stammen aus der späten Kupferzeit, also aus der Zeit zwischen 4500 und 3500 v. Chr. Schon in den 1920er Jahren und 1942 war man bei Arbeiten am Hippodrom auf Scherben gestoßen, doch erst 1987 konnte ihr Alter bestimmt werden.Beleg ?.

2013 wurden an der Lagune von Küçükçekmece im Westen der Stadt aus Eisen hergestellte Figurinen gefunden. Diese wurden von der Ausgräberin Şengül Aydıngün auf das 17. bis 15. Jahrhundert v. Chr. datiert. Damit stammen sie aus früh-hethitischer Zeit und stellen zugleich die ersten Hinweise auf die Anwesenheit von Hethitern in Europa dar. Die Frauenfigurine ist 5,4 cm hoch und wiegt 14 g, die Männerfigurine ist 6,1 cm hoch und wiegt 11 g. Hinzu kamen Funde aus Bitumen, Keramik und Zinn, die ebenfalls auf Nordmesopotamien hinweisen, und die um 1800 v. Chr. entstanden. Damit ist die bisher bestehende zeitliche Lücke in der Erforschung der Istanbuler Urgeschichte erheblich verkleinert worden. Weitere Funde stammen vom anderen Ende dieser Lücke: 301 Gefäße heiliges Wasser (Unguentarium) sowie Parfüm- und Pomadenflaschen, die aus dem 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. stammen.Unearthed Hittite artifacts in Istanbul break new ground, in: Daily News, 5. Dezember 2013.

In Çarşıkapı fand man das wohl älteste Gefäß, das in der Stadt hergestellt wurde; es stammte aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. Wahrscheinlich besaßen die Thraker hier eine Siedlung namens LygosPlinius nat. 4, 18., die von griechischen Kolonisten übernommen wurde. Eine Weinkanne aus dem frühen 6. Jahrhundert steht vielleicht schon in Zusammenhang mit der griechischen Siedlung des 7. Jahrhunderts. Schon beim Bau der Eisenbahn 1871 sowie 1925 wurden Überreste von Lygos entdeckt.

Griechen (ab 7. Jahrhundert v. Chr.)

Kolonie der griechischen Stadt Megara Bereits für die Griechen war diese Meerenge von entscheidender Bedeutung. Hier fuhren die Schiffe entlang, die Athen und andere Poleis mit Getreide aus dem Schwarzmeergebiet versorgten. Zur Sicherung dieses strategisch wichtigen Punktes, der gleichzeitig Schlüsselstelle der Landverbindung von Europa nach Asien sowie des Seewegs von der Ägäis ins Schwarze Meer ist, wurde von megarischen Siedlern um 685 v. Chr. die erste Kolonie auf der asiatischen Seite des Bosporus gegründet: Kalchedon (griechisch: Καλχηδών), an der Stelle des heutigen Kadıköy.

In der bereits von Thrakern besiedelten Gegend auf der europäischen Seite kam es um 660 v. Chr. zu einer zweiten Stadtgründung durch Megarer, zusammen mit Kolonisten aus Argos und Korinth. Der thrakische Name der neuen Siedlung, Byzantion (griech.: Βυζάντιον), wurde später als Stadt des legendären Anführers, Byzas aus Megara, gedeutet. Die Neugründung, deren Gebiet etwa dem des Topkapi-Serail im heutigen Istanbuler Stadtteil Eminönü entsprach, lag auf der östlichen Spitze einer nördlich an das Goldene Horn und südlich an das Marmarameer angrenzenden Halbinsel. Da dieser Ort sehr viel geeigneter für eine Stadtgründung war, galt Kalchedon von da an als „Stadt der Blinden“, weil ihre Bewohner den hässlicheren Platz einem schöneren vorgezogenen hatten. Der Legende nach erhielt Byzas vom Orakel von Delphi die Antwort, er solle sich gegenüber der „Stadt der Blinden“ ansiedeln.

Zwischen Griechen und dem Perserreich (512 bis 336 v. Chr.) Aufgrund ihrer Lage waren die beiden Städte von nahezu allen Kriegen betroffen, die sich in den folgenden Jahrhunderten im griechisch-kleinasiatischen Raum abspielten. 512 v. Chr. eroberte der Perserkönig Dareios I. die Stadt. Während des Ionischen Aufstands wurden beide Städte von den Persern belagert und eingenommen, woraufhin Teile der Bevölkerung auf andere griechische Schwarzmeerkolonien wie das gleichfalls von Megara gegründete Mesembria auswichen. Nach den (aus persischer Sicht) erfolglosen Feldzügen gegen Griechenland wurde Byzantion oligarchisch. 478 v. Chr. wurde es vom Spartaner Pausanias eingenommen.Siehe Thukydides 1, 94. Dieser herrschte dort zwei Jahre, wurde dann aber von der Bevölkerung vertrieben. Seit 476 hatte Byzantion eine Demokratie als Regierungsform.

Sowohl Kalchedon als auch Byzantion waren Mitglieder im Attisch-Delischen Seebund, letzteres dabei mit sehr hohem Tribut. 411 v. Chr. traten beide nach einem Konflikt mit Samos zum Peloponnesischen Bund über, doch schon 409 wurden beide Städte durch Alkibiades für den Attisch-Delischen Seebund zurückerobert. Ab 387 stand Kalchedon unter persischer Oberherrschaft, 357 wurde es jedoch von Byzantion aus von den Persern befreit. Im Jahr darauf trat Byzantion aus dem mittlerweile geschwächten attischen Seebund aus.

Makedonen, Seleukiden, Römer 340/339 v. Chr. belagerte der Makedonenkönig Philipp II. Byzantion vergeblich; er errichtete für seine Truppen eine erste Brücke über das Goldene Horn.

Nachdem Alexander der Große, der an der Spitze seiner makedonischen Truppen das Perserreich erobert hatte, 323 v. Chr. gestorben war, zerfiel sein Reich in einem zähen Machtkampf. Kalchedon wurde 315 v. Chr. durch Zipoites belagert, der von 328 bis 280 v. Chr. Herrscher von Bithynien war, jedoch löste Antigonos Monophthalmos die Belagerung auf, der als einer der wichtigsten Diadochen die Königskrone für das gesamte Alexanderreich forderte. 302/301 war die Belagerung erfolgreich, auf Vermittlung von Byzantion kam es zum Frieden. 281 v. Chr. traten beide Städte in die antiseleukidische Allianz ein.