Das Istituto per le Opere di Religione, kurz IOR ( „Institut für die religiösen Werke“), allgemein bekannt als die Vatikanbank, ist ein privatrechtliches Finanzinstitut im Besitz des Heiligen Stuhles. Es hat seinen Sitz im Turm Nikolaus V. in unmittelbarer Nähe zum Apostolischen Palast.
Das Institut galt in der Vergangenheit wegen der mangelnden Transparenz seiner Bilanzen sowie zahlreicher anonymer Nummernkonten, die in Verbindung mit Geldwäsche für die Mafia und Steuerhinterziehung gebracht wurden, auch als „ein Offshore-Paradies mitten in Europa“.
Im April 2014 wurden der Auftrag und die Mission des IOR durch Papst Franziskus auch für die Zukunft bestätigt. Er habe einem Vorschlag zur Zukunft des Geldinstituts zugestimmt, der die „Wichtigkeit des Auftrags des IOR für das Wohl der Kirche nochmals bestätigt“, hieß es in dem vatikanischen Statement.domradio.de: Papst hält an Vatikanbank fest, 7. April 2014
Geschichte und Aufgabe des Instituts
mini|Turmfassade des Torre di Niccolò V (erbaut 1473), seit 1942 Sitz der Vatikanbank IOR, im Hintergrund der Apostolische Palast Mit päpstlicher Konstitution vom 11. Februar 1887 ordnete Papst Leo XIII. die Bildung der Commissione ad pias causas () an, die 1908 von Papst Pius X. in Amministrazione per le Opere di Religione (AOR) () umbenannt wurde und deren Statut am 17. März 1941 von Papst Pius XII. angenommen worden ist. Die AOR war zunächst nicht mehr als eine Art Sammel- und Verwaltungsstelle für das päpstliche Restvermögen und die Ausgleichszahlungen, die die junge italienische Monarchie dem Heiligen Stuhl für den Verlust des Staatsterritoriums des Kirchenstaates gewährt hatte. Überdies erhielt der Papst vom italienischen Staat bis zur Unterzeichnung der Lateranverträge 1929 eine jährliche Apanage, die für die damalige Zeit ein Vermögen darstellte. Das alles wollte Leo XIII. zentral verwaltet wissen. Die AOR war keine Bank und trat auch nicht als eine solche in Erscheinung. Bis 1942 war die Existenz dieser Verwaltung, die direkt dem Papst unterstellt war, kaum bekannt.Philipp Charwarth (2010): Kirchengeschichte. Ein Lesebuch, S. 772.
Am 27. Juni 1942 konstituierte Papst Pius XII. per Chirograph (Acta Apostolica Sedis n. 217, 1942) das Istituto per le Opere di Religione (IOR) mit eigenem Rechtsstatus, das damit die „Amministrazione per le Opere di Religione“ absorbierte.
Laut seinen Statuten ist der Zweck des Instituts, „für die Aufrechterhaltung und Administration von beweglichem und unbeweglichem Eigentum zu sorgen, welches dem IOR von physischen oder juristischen Personen übertragen oder anvertraut worden ist und das für religiöse oder wohltätige Werke bestimmt ist.“
Das IOR ist nicht Teil der Römischen Kurie und daher auch nicht Teil der zentralen Administrationsstruktur der römisch-katholischen Kirche.THE ROMAN CURIA, vatican.va Es ist zudem auch keine Zentralbank, die für die Geld- und Währungspolitik der Vatikanstadt zuständig wäre. Diese Funktion wird durch ein Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem vatikanischen Stadtstaat reguliert.Monetary Agreement between the European Union and the Vatican City State (PDF; 38 kB), ec.europa.eu Die Implementierung und Überwachung dieses Abkommens sollte von der Autorità di Informazione Finanziaria (AIF, vatikanische Financial Intelligence Unit) durchgeführt werden, die mit päpstlichem Motu Proprio am 30. Dezember 2010 gegründet worden ist.STATUTO DELL’AUTORITÀ DI INFORMAZIONE FINANZIARIA (AIF), vatican.vaAPOSTOLIC LETTER IN THE FORM OF A “MOTU PROPRIO” OF BENEDICT XVI FOR THE PREVENTION AND COUNTERING OF ILLEGAL ACTIVITIES IN THE AREA OF MONETARY AND FINANCIAL DEALINGS, vatican.va Zudem wurde die Rolle der vatikanischen Güterverwaltung APSA als Zentralbank erneut im Februar 2014 bestätigt: Papst Franziskus begründete per Motu Proprio das Wirtschaftssekretariat als neue zentrale Finanzaufsichtsbehörde des Vatikans.
Die Erträge des IOR stehen dem Papst zur Verfügung. Das Institut erwirtschaftete im Jahr 2012 eine Summe von ca. 55 Millionen Euro. Darüber hinaus vergibt das IOR keine Kredite aus seinen Einlagen und gibt keine Sicherheiten zum Wiederverkauf oder andere Finanzprodukte aus.Vatican bank launches website in effort to increase transparency. In: Catholic Herald, 1. August 2013.
Die Goldreserven des IOR, von Bernardino Nogara in den 1930er-Jahren aufgebaut, bestanden laut Angaben der Präfektur für die Ökonomischen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls im Januar 1992 aus 235.765 Feinunzen im damaligen Gegenwert von rund 83 Millionen US-Dollar. Ende 1992 waren es nur noch 139.302 Feinunzen und Ende 1993 hatte das IOR nur noch 47.772 Feinunzen Gold in seinen Büchern. 1994 bezifferte Kardinal Castillo Lara die Einlagen des IOR mit 7 Billionen Lire, was damals rund 4 Milliarden US-Dollar entsprach. Die Nettoeinnahmen betrugen laut Lara im gleichen Jahr rund 70 Milliarden Lire, also rund 40 Millionen US-Dollar. Nach Angaben des damaligen IOR-Präsidenten Angelo Caloia lag das Vermögen des IOR Ende November 1987 bei 7 Milliarden DM (umgerechnet ca. 3,5 Milliarden EUR), das vor allem in ausländischen Wertpapieren angelegt worden sei. Unter anderem nannte Caloia als wichtiges Vermögen des IOR Anteile an fünf Bankhäusern, ohne diese zu nennen.
Am 1. Oktober 2013 veröffentlichte das IOR erstmals in seiner Geschichte seine Jahresbilanz;Fabio Ghelli: Die Vatikanbank lüftet ihren Schleier. In: ZEIT online, 1. Oktober 2013. sie kann auf der (im Juli 2013 gestarteten) IOR-Website heruntergeladen werden. Besagte Jahresbilanz nennt eine Bilanzsumme von knapp 5 Milliarden Euro und ein Eigenkapital in Höhe von 769 Millionen Euro. Als Einlagen und zur Vermögensverwaltung sind dem IOR insgesamt 6,3 Milliarden Euro anvertraut worden., ior.va, 1. Oktober 2013. Die FAZ bezeichnete die Veröffentlichung als .Paul Krainer: Vatikan: Geld und Geheimnis. In: diepresse.com, 30. Juli 2011, abgerufen am 31. Juli 2011.
Im Dezember 2014 machte der Vatikan Ermittlungen gegen Angelo Caloia wegen Veruntreuung von fast 60 Millionen Euro bekannt.Corriere della Sera 6. Dezember 2014: Ior, il Vaticano indaga su Caloia: peculato su operazioni immobiliari Im Januar 2021 verurteilte der Gerichtshof des Vatikanstaates (siehe Gerichtsorganisation (Vatikanstadt)) Caloia und seinen Anwalt wegen Geldwäsche und Unterschlagung von 59 Millionen Euro zu je 8 Jahren und 11 Monaten Haft. 38 Millionen Euro Vermögen der beiden, unter anderem in der Schweiz, wurden beschlagnahmt. Beide Verurteilte kündigten Berufung an. Ob die Verurteilten die Haft antreten müssen, ist auch aufgrund ihres Alters (Caloia 81, Anwalt Liuzzo 97 Jahre) unsicher.
Struktur des IOR
Das IOR besteht laut seinen Statuten von 1990CHIROGRAFO DI GIOVANNI PAOLO II CON IL QUALE VIENE DATA NUOVA CONFIGURAZIONE ALL'«ISTITUTO PER LE OPERE DI RELIGIONE», vatican.va. aus einer fünfteiligen Struktur, welche die Aufsichtskommission der Kardinäle, einen Prälat, einen Aufsichtsrat, ein Direktorat, sowie einen Rechnungsprüferausschuss umfasst.
Aufsichtskommission der Kardinäle Die vom Papst für einen Zeitraum von fünf Jahren ernannte Aufsichtskommission der Kardinäle (Commissione Cardinalizia di Vigilanza) besteht aus sechs Kardinälen. Sie ernennt den fünfköpfigen Aufsichtsrat und auf Empfehlung des Aufsichtsrats auch den Generaldirektor und den Vize-Generaldirektor. Sie ist zuständig für die Überprüfung größerer Geschäftsprozesse und Strategien, welche ihr vom Präsidenten des Aufsichtsrates präsentiert werden, und trifft sich mindestens dreimal pro Jahr.press.vatican.va, 28. April 2014: Comunicato della Commissione Cardinalizia di vigilanza dell’Istituto per le Opere di Religione (IOR) Im Januar 2014 berief Papst Franziskus vier neue Mitglieder in die damals noch fünfköpfige Aufsichtskommission der Kardinäle. Einzig Kardinal Jean-Louis Tauran gehörte auch schon dem vorherigen Kardinalskommission-Kollegium an. Im März 2014 wählten die Mitglieder den Kurienkardinal Santos Abril y Castelló zu ihrem Präsidenten. Im Januar 2015 wurde mittels eines Rescriptum ex audentia des Papstes die Anzahl der Mitglieder der Kommission auf sechs Kardinäle erhöht und der kroatische Kardinal Josip Bozanić als weiteres Mitglied nominiert.IOR: Rescriptum ex audientia Ss.mi on the modification to the IOR Statute, 22. Januar 2015 (Zugriff: 21. April 2015), PDF Durch Taurans Tod im Juli 2018 ging die Mitgliederzahl wieder auf fünf zurück. Am 10. Oktober 2020 hat Papst Franziskus die Kommission teilweise neu besetzt:
Kardinal Giuseppe Petrocchi (Präsident) Kardinal Luis Antonio Tagle Kardinal Konrad Krajewski Kardinal Ángel Fernández Artime SDB
Prälat Der Prälat wird von der Aufsichtskommission der Kardinäle unter Zustimmung des Papstes berufen. Er fungiert als Sekretär bei den Treffen der Kardinäle und nimmt an den Sitzungen des Aufsichtsrats teil, insofern stellt er ein Verbindungsglied zwischen den beiden Gremien dar. Im Juni 2014 ernannte Papst Franziskus Monsignor Ricca zum Prälaten. Dieser war bis dato unter anderem Verwaltungsdirektor des vatikanischen Gästehauses Santa Martha, in welchem auch Papst Franziskus wohnt.
Monsignore Battista Salvatore Ricca, ad interimNeuer Prälat für Vatikanbank IOR. In: de.radiovaticana.va, 15. Juni 2013.
Aufsichtsrat Der Aufsichtsrat kommt vier- bis sechsmal pro Jahr zusammen. Er legt die Strategie des IOR fest und stellt die operative Beaufsichtigung sicher. Das Mandat der aktuellen Mitglieder läuft 2015 aus. Präsident des Aufsichtsrats war von Februar 2013 bis Juli 2014 Ernst von Freyberg. Unter seiner Präsidentschaft wurde eine Transparenz- und Compliance-Offensive sowie eine „Null-Toleranz-Politik“ gegen Finanzkriminalität jedweder Art initiiert und implementiert. Die vier weiteren Mitglieder waren bereits vor v.Freybergs Berufung Aufsichtsratsmitglieder. Am 9. Juli 2014 wurde Jean-Baptiste Douville de Franssu als neuer Präsident vorgestellt.handelsblatt.com, 9. Juli 2014: Franzose neuer Bankchef am Heiligen Stuhl Mauricio Larraín und Carlo Salvatori wurden im September 2014 als weitere Mitglieder des IOR-Aufsichtsrates ernannt.IOR Board of Superintendence complete Im Zuge des päpstlichen Rescriptum ex audentia im Januar 2015 wurde Alfred Xuereb als nicht-stimmberechtigter Sekretär berufen.
François Pauly (Präsident) Javier Marín Romano (Vize-Präsident) Georg Freiherr von Boeselager Bernard Brenninkmeijer Sheila Marie L. Uriarte-Tan Elizabeth McCaul
Generaldirektion Gian Franco Mammì (Direktor)
Rechnungsprüferausschuss Die drei Revisoren werden vom Aufsichtsrat für eine maximale Dauer von drei Jahren ernannt. Als Nachfolger von Massimo Spina wurde Mario M. Busso im Oktober 2014 zum Präsidenten des Rechnungsprüferausschusses ad interim nominiert.IOR: IOR Board of Superintendence appointed Mario M. Busso as President of the Board of Auditors ad interim, 17. Oktober 2014 (Zugriff: 21. April 2015)
Mario M. Busso (Präsident ad interim) Rodolfo Molinuevo Orue Pierluigi Bernasconi
Päpstliche Kommission Am 24. Juni 2013 berief Papst Franziskus zudem per Chirograph eine Päpstliche Kommission zur Berichterstattung über das IOR ein, die Vorschläge zur Beschaffenheit des IOR erarbeiten und dem Papst direkt berichten soll. Diese fünfköpfige Kommission besteht unter anderem aus der Harvard Jura-Professorin und ehemaligen US-Botschafterin Mary Ann Glendon.Chirograph von Papst Franziskus, Osservatore Romano online. In: en.radiovaticana.va, 26. Juni 2013 (englisch). Ziel der sogenannten CRIOR Kommission (Pontificia Commissione Referente sullo IOR) sei eine „bessere Harmonisierung“ des IOR „mit dem universalen Auftrag des Apostolischen Stuhls“, so die Begründung im vatikanischen Dokument.domradio.de: Papst will Vatikanbank IOR reformieren, 26. Juni 2013 Am 24. Mai 2014 wurde bekannt gegeben, dass die Arbeiten der Kommission beendet seien und diese nicht mehr für weitere Treffen zusammenkommen werde.
Kardinal Raffaele Farina (Präsident) Kardinal Jean-Louis Tauran (†)