mini|Martin Skowroneck, 2013 mini|Resonanzboden eines zweimanualigen flämischen Cembalos von Martin Skowroneck (1961) (Franz Hermann) Martin Skowroneck (* 21. Dezember 1926 in Berlin-Spandau; † 14. Mai 2014 in Bremen) war ein deutscher Cembalo-, Clavichord- und Flötenbauer und Pionier im Bau moderner Cembali nach historischen Prinzipien.

Leben Skowroneck lebte seit 1934 in Bremen. Er wurde zum Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg eingezogen und floh aus sowjetischer Gefangenschaft.Werner-Jensen: Skowroneck, Martin. 2006, S. 882. Im Jahr 1947 holte er sein Abitur nach und schloss 1950 sein Studium an der Bremer Musikschule mit einem Diplom als Privatmusiklehrer für Flöte und Blockflöte ab. Da er während seines Studiums mit den damals erhältlichen Instrumenten nicht zufrieden war, begann er ab 1949 eigene Blockflöten (anfangs aus Baseballschlägern) zu bauen. Den Blockflötenbau führte er bis in die frühen 1990er Jahre fort. Neben seiner Unterrichtstätigkeit konzertierte Skowroneck, hielt Vorträge und publizierte zum Instrumentenbau.

Im Jahr 1952 erhielt er den Auftrag, ein Clavichord von Merzdorf aus den 1930er Jahren zu restaurieren, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war. Die Arbeit an dem Instrument veranlasste ihn für sich selbst ein Clavichord zu bauen, später auch für andere Liebhaber. Sein erstes Cembalo datiert von 1953.

Skowroneck hatte keine Ausbildung als Instrumentenbauer und erwarb seine Fähigkeit autodidaktisch durch die gründliche Analyse erhaltener Instrumente. Die Innenkonstruktion und Disposition seiner ersten Cembali folgten zwar zuerst oft noch modernen Vorbildern, er entwickelte aber bald ein starkes Interesse für historische Konstruktionsprinzipien, was ihn dazu veranlasste, historische Cembali, beispielsweise im Musikinstrumenten-Museum Berlin, eingehend zu untersuchen.Schott: Skowroneck, Martin (Franz Hermann). 2001, S. 367. Zudem erforschte er historische Zeitdokumente, die Licht auf die Bauweise der alten Instrumente warfen. Skowroneck begann seine Pionierarbeit zeitgleich mit den vergleichbaren US-amerikanischen Instrumentenbauern Frank Hubbard und William Dowd, kannte deren Forschungen aber nicht und erbrachte eine weitgehend unabhängige Leistung. Der Cembaloforscher Edward Kottick beschreibt Skowronecks Arbeit wie folgt:

Skowroneck erwarb sich schnell einen guten Ruf. Für den Concentus Musicus Wien schuf er 1957 ein italienisches Cembalo. Das 1962 für den berühmten Cembalisten Gustav Leonhardt gebaute zweimanualige Cembalo nach Dulcken (Cembalo Nr. 19) diente für zahlreiche Schallplatteneinspielungen und machte Skowroneck weltbekannt.

Skowroneck arbeitete generell alleine und produzierte seine Instrumente ohne Mitarbeiter recht langsam (zwei zweimanualige Cembali pro Jahr), sodass die Nachfrage die Produktionsmenge überstieg. Der Cembalist Ketil Haugsand berichtet von 17 Jahren Wartezeit, die sich aber gelohnt hätten.Interview von Pamela Hickman mit Ketil Haugsand: Harpsichordist Ketil Haugsand (Norway-Germany) talks about his work and early music, abgerufen am 20. Mai 2014.

Skowronecks war ein Pionier auf dem Gebiet des historisch orientierten Baus besaiteter Tasteninstrumente. Seine Arbeit blieb jedoch nicht ohne Widerspruch, da Deutschland damals das Zentrum der beherrschenden Industrie fabrikmäßig gebauter, ahistorischer Cembali war, die eine weite Verbreitung erfuhren.Zur ausführlichen Diskussion siehe die letzten beiden Kapitel von Kottick: A History of the Harpsichord. Skowroneck begründete seinen Ansatz im Cembalobau in Publikationen.Beispielsweise in Skowroneck: Das Cembalo von Christian Zell. 1974. Seine Worte stießen jedoch weitgehend auf taube Ohren.Kottick: A History of the Harpsichord, S. 521. Dass die Zahl von Nachbauten historischer Instrumente für die Aufführung Alter Musik in Deutschland dennoch anstieg, ist dem Einfluss von Skowroneck und Gleichgesinnten wie Klaus Ahrend und Rainer Schütze zu verdanken.Igor Kipnis (Hrsg.): Harpsichord and Clavichord. An Encyclopedia. Routledge, New York 2007, ISBN 0-415-93765-5, S. 224.

Im Juli 2012 baute der 85-jährige Skowroneck immer noch Cembali.Interview von Pamela Hickman mit Skowronecks Sohn Tilman: Tilman Skowroneck in Israel, abgerufen am 20. Mai 2014. Martin Skowroneck starb am 14. Mai 2014 in Bremen im Alter von 87 Jahren.Tilman Skowroneck: Martin Skowroneck 1926-2014, abgerufen am 20. Mai 2014. Skowroneck lebte mit seiner Frau Susanne (1930–2016) in Bremen. Sein Sohn Tilman Skowroneck (* 1959) ist Cembalist, Fortepianist und Musikwissenschaftler.

Werke mini|Cembalo von Martin Skowroneck (1976) nach Christian Zell (1728). Untergestell von R. J. Regier (Freeport, Maine) nach dem Original mini|Dekoration eines franko-flämischen zweimanualigen Cembalos von Martin Skowroneck (1982)

Martin Skowroneck schuf Cembali, Clavichorde, Spinette und Virginale nach englischen, italienischen, frühen (Ruckers) und späten flämischen (Dulcken), französischen und deutschen Modellen. Eine größere Anzahl ein- und zweimanualiger deutscher Cembali folgt Modellen von Christian Zell und Michael Mietke oder sind Hybridmodelle. Seine frühen französischen Instrumente orientieren sich an Jean-Antoine Vaudry, die späteren Cembali umfassen fünf Oktaven. Hinzu kommen einige Bentside-Spinette nach englischen Vorbildern und eine große Zahl von Clavichorden nach verschiedenen Modellen.

Zunächst baute er noch nicht konsequent nach historischen Vorbildern, wandte sich ab 1957 aber von der modernen Rastenbauweise ab und fertigte nur noch Instrumente mit Kastenkorpus.Werner-Jensen: Skowroneck, Martin. 2006, S. 883. Einige verwendete Materialien wie Eberborsten und Vogelfedern wurden von einigen als archaisch betrachtet.Eberborsten werden als Federn für die Zungen der Springer verwendet, damit die Zunge nach dem Anreißen der Saite wieder an ihren Platz zurückkehrt; siehe Kottick: The Harpsichord Owner's Guide. 1992, S. 103. Rabenfedern wurden früher als Plektren verwendet. 1991 begann er mit dem Bau von insgesamt drei Hammerflügeln;Ludger Rémy: , abgerufen am 21. Mai 2014.Tilman Skowroneck: Beethoven the Pianist. 2010, S. 140, Anm. 56. den Bau von Blockflöten und Traversflöten setzte er bis in seine späten Lebensjahre fort. Zudem restaurierte Skowroneck alte Instrumente, wie beispielsweise das weltberühmte Hamburger Zell-Cembalo von 1728,Skowroneck: Das Cembalo von Christian Zell. 1974. und stellte ihre Spielbarkeit wieder her.

Entgegen gelegentlicher Forderungen nach sorgfältigen originalgetreuen Reproduktionen von historischen Originalen waren Skowronecks Instrumente originelle Neuinterpretationen gemäß historischen Bauprinzipien. Er baute keine Instrumente in Serie, sondern nur Unikate, deren Bauweise er durch unkonventionelle Ideen ständig weiterentwickelte. Skowroneck beschrieb seine Philosophie wie folgt:

Sein Artikel The Harpsichord of Nicholas Lefebvre 1755 (2002) dokumentiert ein ungewöhnliches Projekt, das durch Gustav Leonhardt angestoßen wurde, der fragte, ob man ein neues Cembalo so alt erscheinen lassen könne, dass es der Prüfung durch Experten standhalten würde. Der Artikel dokumentiert die raffinierten Arbeitsschritte, um ein möglichst „authentisches“ modernes Cembalo hervorzubringen; Skowroneck „restaurierte“ sogar sein eigenes Werk. Wie der Titel anzeigt, bekannte der Täter seine Tat, um eine mögliche Fälschungsabsicht zu vermeiden. Im Jahr 2003 veröffentlichte er sein Buch Cembalobau (Harpsichord Construction, bilingualer Text auf Deutsch und Englisch), ein Kompendium der Erkenntnisse, die er sich über viele Jahre als Cembalobauer erworben hatte.

Schriften Cembalobau. Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Werkstattpraxis. PPVMedien, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-932275-58-6. Das Cembalo von Christian Zell, Hamburg 1728, und seine Restaurierung. In: Organ Yearbook. Band 5, 1974, S. 79–87. The Harpsichord of Nicholas Lefebvre 1755. The Story of a Forgery without Intent to Defraud. In: The Galpin Society Journal. Vol. 55, April 2002, S. 4–14, 161. Irrwege und Stolpersteine. Von den Schwierigkeiten beim Nachbau historischer Tasteninstrumente. In: Instrumentenbau. Kopie oder Nachbau? 1992, ISBN 3-89512-056-1, S. 81–86. Musikalische Aspekte des Cembaloklanges. In: Das Musikinstrument. 7, 1971. Nachdenken über das Kopieren historischer Saitenclaviere. In: Monika Lustig (Hrsg.): Das mitteldeutsche Cembalo. 2003, ISBN 3-89512-124-X, S. 119–126. Praktische Überlegungen und Beobachtungen zur Frage der Saitenstärke von frühen Hammerflügeln. In: Friedemann Hellwig (Hrsg.): Studia organologica. Hans Schneider, Tutzing 1987, S. 437–443. Probleme des Cembalobaus aus historischer Sicht. In: Hi Fi Stereophonie. 9, 1968, S. 700–711; 10, 1968, S. 781–784; 11, 1968, 875–878. Ein Ruckers-Geheimnis? Versuch eine noch offene Frage zu beantworten. In: Colloquium Ruckers klavecimbels en copieën. Hubert Bédard, A. de Ceuleneer u. a. Ruckers Genootschap, Antwerpen 1977. Zu welchem Zweck und Ziel, mit welcher Absicht werden historische Musikinstrumente restauriert? In: Museum Vleeshuis, Ruckers Genootschap (Hrsg.): Colloquium „Restauratieproblemen van Antwerpse klavecimbels.“ Frits Knuf, Antwerpen 1971, S. 28 ff.

Literatur Frank Hubbard: Three Centuries of Harpsichord Making. Harvard University Press, Cambridge 1965. Edward Kottick: The Harpsichord Owner's Guide. A Manual for Buyers and Owners. UNC Press Books, 1992. Edward Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington 2003. Howard Schott: Skowroneck, Martin (Franz Hermann). In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Band 17. Macmillan, London 1980, ISBN 0-333-23111-2, S. 367. Howard Schott, Martin Elste: Harpsichord. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. 2. Auflage. Oxford University Press, 2001. Tilman Skowroneck: Beethoven the Pianist. Cambridge University Press, Cambridge 2010. Arnold Werner-Jensen: Skowroneck, Martin. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenteil. Band 15. Bärenreiter, Kassel 2006, ISBN 978-3-7618-1135-1, S. 882–883.

Weblinks Obituary for Gustav Leonhardt. In: The Economist vom 28. Januar 2012, abgerufen am 21. Mai 2014.

Anmerkungen

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