Iʿdschāz () ist ein Terminus technicus der islamischen Theologie, der die sprachliche und inhaltliche Unnachahmlichkeit und Unübertrefflichkeit des Korans bezeichnet. Das Iʿdschāz-Konzept, das bereits im Koran selbst angelegt ist, ist eng mit dem islamischen Verständnis von Mohammeds Prophetentum verbunden, als dessen Hauptbeweis die Wunderhaftigkeit des Korans gilt. Der Glaube an den Iʿdschāz des Korans stellt konfessionsübergreifend eines der wichtigsten Dogmen des Islams dar und bestimmt in entscheidender Weise die ästhetische Rezeption dieses Buchs durch die Muslime.Vgl. dazu Kermani 233-314.
Der arabische Begriff iʿǧāz ist Infinitiv des Kausativstammes des arabischen Verbs ʿaǧaza, das im Grundstamm die Bedeutung von „unfähig sein, nicht im Stande sein“ hat. Auf den Koran bezogen, meint dieser Begriff das „Unfähigmachen“ der Gegner des Propheten, sich der „Herausforderung“ (taḥaddī) zum Wettstreit zu stellen und ein „Gegenstück“ (muʿāraḍa) zum Koran hervorzubringen, das ihm sprachlich ebenbürtig ist.Vgl. dazu auch Neuwirth 1983, 170.
Das Iʿdschāz-Konzept hat sich im 9. Jahrhundert in Kreisen der Muʿtazila herausgebildet und wurde um die Wende zum 11. Jahrhundert zum Gegenstand lebhafter theologischer und literaturtheoretischer Diskussionen. In der Moderne ist das Iʿdschāz-Konzept über den sprachlichen Bereich hinaus auf verschiedene andere Bereiche ausgedehnt worden. Noch nicht geklärt ist, wer den Begriff erstmals terminologisch verwendete. Der früheste gesicherte Beleg entstammt einem Werk des zaiditischen Imams al-Qāsim ibn Ibrāhīm (gest. 860), der der Muʿtazila nahestand.Vgl. Martin 533
Die arabische Iʿdschāz-Literatur Die ersten monographischen Abhandlungen zum Iʿdschāz des Korans verfassten um die Wende zum 10. Jahrhundert die beiden Muʿtaziliten Muhammad ibn ʿUmar al-Bāhilī (gest. 913) und Muhammad ibn Zaid al-Wāsitī (gest. 918).Vgl. Ess TuG IV 612 Beide Werke sind jedoch verloren.Vgl. Ess TuG IV 610. Nach Ibn an-Nadīm hatte die Schrift von al-Wāsitī den Titel: „Der Iʿdschāz des Koran in seiner Komposition und Abfassung“ (Iʿǧāz al-qurʾān fī naẓmi-hī wa-taʾlīfi-hī). Die frühesten erhaltenen Monographien zum Thema sind: der Traktat der „Feinheiten über den Iʿdschāz des Koran“ (an-Nukat fī Iʿǧāz al-Qurʾān) von ʿAlī ibn ʿĪsā ar-Rummānī (gest. 994), der zur ichschīdhitischen Schule der Muʿtazila gehörte.Vgl. Martin 533b-534a. Er wurde 1992 von Andrew Rippin und Jan Knappert ins Englische übersetzt.Vgl. ihre Textsammlung Textual sources for the study of Islam. Chicago : University of Chicago Press, 1992. S. 49–59. die „Darlegung vom Iʿdschāz des Koran“ (Bayān fī iʿǧāz al-Qurʾān) von dem Traditionarier und Juristen Abū Sulaimān al-Chattābī (931–998), die von Claude-France Audebert ins Französische übersetzt wurde, und die erheblich umfangreichere systematische Abhandlung „Der Iʿdschāz des Korans“ (Iʿǧāz al-Qurʾān) von dem aschʿaritischen Qādī Abū Bakr Muhammad al-Bāqillānī (gest. 1013), die von Gustav Edmund von Grunebaum ausschnittweise ins Englische übersetzt wurde.
Daneben wurde die Iʿdschāz-Lehre in den Handbüchern zum Kalām behandelt. Der muʿtazilitische Theologe ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad (gest. 1025) erörterte das Iʿdschāz-Dogma zum Beispiel ausführlich im 16. Teil seiner „Summa über die Themen des Einheitsbekenntnisses und der Gerechtigkeit“ (al-Muġnī fī abwāb at-tauḥīd wa-l-ʿadl) im Zusammenhang mit den Beweisen für das Prophetentum.Vgl. dazu die Aufsätze von Rahman, Larkin und Belhadj. Und der andalusische Zahirit Ibn Hazm (gest. 1064) widmete ihm in seinem doxographischen Werk „Die Unterscheidung hinsichtlich der Religionsgemeinschaften“ (al-Faṣl fī l-milal) einen eigenen Abschnitt, in dem er insgesamt fünf Fragen problematisierte und anhand ihrer seine eigene Position zum Iʿdschāz entwickelte.Vgl. Ibn-Ḥazm: al-Faṣl fi-l-milal wa-l-ahwāʾ wa-n-niḥal. Ed. Muḥammad Ibrāhīm Naṣr; ʿAbd-ar-Raḥmān ʿUmaira. 5 Bde. Beirut: Dār al-ǧīl, 1985. Bd. III, S. 25–33 sowie die Zusammenfassung bei Schreiner 668-670.
Eines der angesehensten Iʿdschāz-Werke der späteren Zeit ist das „Buch über die Beweise des Iʿdschāz des Koran“ (Kitāb Dalāʾil Iʿǧāz al-Qurʾān) des aschʿaritischen Literaturtheoretikers ʿAbd al-Qāhir al-Dschurdschānī (gest. 1078).Vgl. dazu die Studien von Weisweiler und Kermani. Wie Margaret Larkin gezeigt hat, handelt es sich auf theologischer Ebene um eine Widerlegung der Ansichten ʿAbd al-Dschabbārs zum Iʿdschāz. Navid Kermani, der das Buch in seiner Dissertation mit der Abhandlung al-Bāqillānīs verglichen hat, kommt darin zu dem Schluss, dass es al-Dschurdschānī anders als al-Bāqillāni nicht um eine Grundlegung, sondern um eine „Sublimierung“ und Vertiefung des Iʿdschāz-Konzepts gegangen sei.Vgl. Kermani 291f.
Auch bei den ismailitischen Schiiten hat man sich mit dem Iʿdschāz befasst. So verfasste der jemenitische Dāʿī as-Sultān al-Chattāb (gest. 1138), der nach dem Tod des fatimidischen Kalifen al-Āmir den zweithöchsten Rang innerhalb der Daʿwa der Mustaʿlī-Taiyibiten innehatte, einen eigenen Traktat zum Iʿdschāz, der von Ismail K. Poonawala ediert wurde.
Darüber hinaus wird der Iʿdchāz auch in philosophischen Werken behandelt wie der „Entscheidenden Abhandlung über den Zusammenhang zwischen Scharia und Philosophie“ (Faṣl al-maqāl fīmā baina š-šarīʿa wa-l-ḥikma min al-ittiṣāl) von Ibn Ruschd (gest. 1198).Vgl. L. Gauthier: La théorie d'Ibn Rochd (Averroès) sur les rapports de la religion et de la philosophie. Paris 1909. S. 125. Hier online einsehbar.
Die bekanntesten arabischen Werke zum Iʿdschāz aus moderner Zeit sind das 1922 publizierte Buch „Der Iʿdschāz des Korans und die prophetische Rhetorik“ (Iʿǧāz al-Qurʾān wa-l-balāġa an-nabawīya) des arabischen Dichters Mustafā Sādiq ar-Rāfiʿī sowie die 1971 erschienene Abhandlung „Der bildersprachliche Iʿdschāz des Korans und die Fragen Ibn al-Azraqs“ (al-Iʿǧāz al-bayānī li-l-Qurʾān: wa-Masāʾil Ibn-al-Azraq) der ägyptischen Literaturwissenschaftlerin ʿĀʾischa bint ʿAbd ar-Rahmān.
Daneben findet man Lehraussagen zum Iʿdschāz in zahllosen anderen Werken moderner islamischer Gelehrter. Yusuf al-Qaradawi behandelte das Thema zum Beispiel sehr ausführlich in seinem Buch „Die Bildung des islamischen Missionars“ (Ṯaqāfat ad-dāʿiya), weil seiner Meinung nach jeder Dāʿī über Grundkenntnisse des Iʿdschāz verfügen sollte.Vgl. Yūsuf ʿAbd Allāh al-Qaraḍāwī: Ṯaqāfat ad-dāʿiya. Beirut: Muʾassasat ar-Risāla 1978. S. 14–16.
Der altarabische Hintergrund und die „Verse der Herausforderung“ Kulturgeschichtlicher Hintergrund des Iʿdschāz-Konzeptes ist die altarabische Praxis des Dichterwettbewerbs. Al-Bāqillānī verweist in seinem Iʿdschāz-Werk auf die Versuche vorislamischer arabischer Dichter auf dem Markt von ʿUkāz, ein sprachlich ebenbürtiges Gegenstück zu dem berühmten Muʿallaqa-Gedicht von Imruʾ al-Qais zu verfassen.Vgl. Martin 529a. Man nahm an, dass Mohammed diejenigen seiner Gegner in Mekka, die ihm vorwarfen, die Worte des Korans erfunden zu haben, auf analoge Weise zu einem Dichterwettstreit herausgefordert hatte, die betreffenden Personen jedoch nicht imstande waren, dem Koran etwas Ebenbürtiges entgegenzusetzen. Diese Vorstellung stützt sich auf eine Anzahl von Koranversen, die als die „Verse der Herausforderung“ (āyāt at-taḥaddī) bezeichnet werden.Vgl. dazu Radscheit 1996. Sie werden hier nach der Chronologie Nöldekes in der Übersetzung von Hartmut Bobzin zitiert. In Sure 52:33f werden erstmals diejenigen, die Mohammed vorwarfen, die Worte des Korans zu erfinden, aufgefordert, etwas Ebenbürtiges vorzubringen: „Oder sagen sie: ‚Er hat es sich nur ausgedacht?‘ Nein, sie sind nicht gläubig. So sollen sie doch kommen mit einer Rede gleicher Art (bi-ḥadīṯin miṯli-hī), wenn sie die Wahrheit sprechen“. In Sure 11:13 wird das, was die Gegner vorbringen sollen, konkretisiert: „Oder sie sagen: ‚Er hat es sich nur ausgedacht (iftarā-hu)!‘ Sprich: Bringt doch zehn selbsterdachte Suren von seiner Art herbei! Und ruft an Gottes statt an, wen ihr vermögt – wenn ihr die Wahrheit sagt!“ Sure 10:38: „Oder sie sprechen: ‚Er hat sie (d. h. die Lesung = den Koran) frei erfunden!‘ Sprich: So bringt doch eine Sure gleicher Art herbei, und ruft die an, welche ihr an Gottes statt anrufen könntet – wenn ihr die Wahrheit sagt!“ Die Aussagen von Sure 11:13 und Sure 10:38 werden in der Koranexegese gewöhnlich in der Weise in Relation gesetzt, dass Gott durch Mohammed dessen Gegner zunächst aufforderte, zehn gleiche Suren beizubringen, dann aber, nachdem diese erste Herausforderung (zehn Suren) ohne Erwiderung blieb, seine Forderung auf eine Sure senkte, die Gegenseite aber auch darauf nichts vorbringen konnte.Vgl. Grotzfeld 159 und Neuwirth 172. In Sure 17:88, die im Zusammenhang mit dem Iʿdschāz besonders häufig genannt wird, wird der Gedanke, dass die Gegner Mohammeds übermenschliche Wesen zu Hilfe rufen könnten, noch weiter ausgeführt: „Sprich: Wenn Mensch und Dschinn sich darin träfen, etwas beizubringen, was dieser Lesung (d. h. dem Koran) gleichkommt, sie könnten nichts beibringen, was ihr gleichkommt, auch wenn sie einander Helfer wären.“ In Sure 2:23f erscheint erneut die Aufforderung zur Nachahmung, diesmal aber versehen mit Androhung schwerer Strafe für den Fall des Scheiterns: „Wenn ihr im Zweifel darüber seid, was wir auf unseren Knecht herabgesandt, dann bringt doch eine Sure gleicher Art herbei, und ruft an Gottes statt eure Zeugen an, wenn ihr die Wahrheit sagt! Doch wenn ihr es nicht tut – und ihr werdet es nicht tun –, so hütet euch vor dem Höllenfeuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind: Für die Ungläubigen ist es vorbereitet.“ Im Zusammenhang mit den genannten Tahaddī-Versen wird überliefert, dass heidnische Zeitgenossen Mohammeds wie al-Walīd ibn al-Mughīra die sprachliche Exzellenz des Korans bewundernd anerkannten, obwohl sie Mohammed feindlich gegenüberstanden.Vgl. Rahman 415 und Martin 528b. Auch altarabische Dichter, die noch zu Lebzeiten Mohammeds zum Islam konvertierten, wie Kaʿb ibn Zuhair, Labīd ibn Rabīʿa und Hassān ibn Thābit werden als Zeugen für den Iʿdschāz herangezogen.Vgl. Kermani 293.
Theologen wie ʿAbd al-Dschabbār waren zwar überzeugt, dass schon zu Lebzeiten Mohammeds der Gegenprophet Musailima eine Nachahmung des Korans verfasst hatte, doch widerlegte ihrer Auffassung nach diese Nachahmung nicht die Lehre vom Iʿdschāz, weil sie zu schwach und mängelbehaftet war, um als ebenbürtiges Gegenstück auf den Koran gelten zu können.Vgl. Rahman 415.
Historische Gründe für die Herausbildung der Iʿdschāz-Lehre Angelika Neuwirth nennt sieben historische Faktoren, die zur Herausbildung der Iʿdschāz-Lehre geführt haben: 1) die besondere Rolle des Korans im Leben der Glaubensgemeinde und die mit ihr verknüpften spirituellen und ästhetischen Erfahrungen; 2) die Notwendigkeit der Erläuterung der tahaddī-Verse in der Koranexegese; 3) die Entstehung der Theorie der „Beweise für das Prophetentum“ (dalāʾil an-nubūwa) in der islamischen Theologie; 4) der theologische Streit um die Natur des Korans (erschaffen oder unerschaffen?); 5) die polemische Auseinandersetzung mit Juden und Christen, innerhalb derer es zu beweisen galt, dass Mohammed ein würdiger Abschluss der Prophetengeschichte ist; 6) der arabische Nationalstolz und die Auseinandersetzung mit der persischen Schuʿūbīya-Bewegung; 7. das literaturtheoretische Interesse im Zusammenhang mit dem Aufkommen einer „modernen“ Poesie zu Beginn der Abbasidenzeit.Vgl. Neuwirth 172-175. Heinz Grotzfeld führte als zusätzlichen Faktor noch den Vorteil der größeren Deutbarkeit einer als poetisch erkannten Sprache an, die nun für metaphorische Deutungen im Sinne des Madschāz interpretierbar wurde.Vgl. Grotzfeld 71 und Kermani 246.
Unterschiede in der Iʿdschāz-Lehre
Die Sarfa-Theorie und ihre Gegner