mini|Chalifa Haftar (2023)
Chalifa Belqasim Haftar Alferjani (; geboren am 7. November 1943 in Adschdabiya) ist ein mit der libyschen Regierung in Tripolis rivalisierender Militärmachthaber und Defacto-Herrscher über Ostlibyen.https://researchbriefings.files.parliament.uk/documents/CBP-10103/CBP-10103.pdf Der Offizier war während der Herrschaft Muammar al-Gaddafis in den 1980er-Jahren Kommandeur im libysch-tschadischen Grenzkrieg. Nach seiner Gefangennahme 1987 ließ Gaddafi ihn fallen. Er wurde von den USA befreit, siedelte dorthin über, erhielt die amerikanische Staatsbürgerschaft und diente einige Jahre lang der CIA.General Haftar: Ein skrupelloser Machtmensch, SRF, HeuteMorgen, 20. Januar 2020Neuer starker Mann?, Arnold Hottinger, journal21.ch, 26. Dezember 2017 2011 beteiligte er sich am Sturz Gaddafis. Seit Mai 2014 ist er militärischer Befehlshaber der Libysch-nationalen Armee der in Tobruk residierenden libyschen (Gegen-)Regierung des Abgeordnetenrates und steht seit September 2014 im Rang eines Feldmarschalls. Die Regierung unter Ägide Haftars kontrollierte zu dieser Zeit den Großteil Libyens mit Ausnahme der Region Tripolis unter der Government of National Accord (GNA) und insbesondere zahlreiche Ölquellen. Haftar ist eine der Schlüsselfiguren im zweiten Libyschen Bürgerkrieg und erhält militärische Unterstützung verschiedener Länder u. a. durch russische Söldner der „Gruppe Wagner“ und zuvor Söldner um Erik Prince. Im November 2021 kündigte Chalifa Haftar seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl im Dezember 2021 an, bevor sie auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.
Leben Von 1964 bis 1966 studierte er an der Militärakademie in Bengasi. Anschließend wurde er an der Frunse-Militärakademie in der Sowjetunion sowie in Ägypten weiter ausgebildetKhalifa Haftar ist ein schillernder Warlord mit mächtigen Freunden, Ulrich Schmid, NZZ, 29. April 2019.
Am 1. September 1969 beteiligte sich Chalifa Haftar am erfolgreichen Putsch Gaddafis gegen König Idris von Libyen. Anschließend machte er Karriere in der libyschen Armee.Peter Steffe, , tagesschau.de vom 23. Mai 2014. Im Range eines Obersts fungierte Haftar als einer der Kommandeure der libyschen Interventionstruppen im Tschad.Portrait Chalifa Haftar: Aus Virginia nach Bengasi, die tageszeitung vom 18. Mai 2014.
Im Dienst der CIA mini|Chalifa Haftar (2011) Ab Anfang 1987 wurden die libyschen Truppen im Tschad zurückgedrängt.Schwieriges Gelände, Der Spiegel Heft 14/1987 vom 30. März 1987. Während der Kämpfe zwischen libyschen Truppen, tschadischen Rebellen, tschadischen Regierungstruppen und tschadischen Verbündeten (Franzosen, Zairer, US-Amerikaner) geriet Haftar im März 1987 bei der Schlacht um Wadi Dum in Gefangenschaft – wobei nicht vollkommen klar ist, ob er sich ergeben musste oder übergelaufen war. Insgesamt gerieten bis zu 2.000 libysche Soldaten in tschadische Gefangenschaft.Robin Leonard Bidwell: Dictionary of Modern Arab History, S. 111f. ("Libyan intervention in Chad"). Routledge, New York 1998Munzinger-Archiv: Libyen-Chronik 1988 - IH-Zeitarchiv 46/89, Seite 41 Aus diesen libyschen Kriegsgefangenen formten die US-Amerikaner ab 1987 auf tschadischem Gebiet eine Anti-Gaddafi-Truppe unter dem Namen Libysche Nationalarmee (LNA), die als bewaffneter Arm der Nationalen Front für die Rettung Libyens dienen sollte.Bodo Harenberg (Hrsg.): Aktuell '92, Seite 538 (Libyen). Harenberg Lexikon-Verlag. Dortmund 1991Robin Leonard Bidwell: Dictionary of Modern Arab History, S. 299f. ("National Front for the Salvation of Libya"). Routledge, New York 1998 Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, wie viele der libyschen Kriegsgefangenen sich dieser Front angeschlossen hatten. Nach dem Sturz des tschadischen Regimes evakuierten die USA im Dezember 1990 Haftar mit angeblich 350 Mann aus dem TschadMunzinger-Archiv: Libyen-Chronik 1991 - IH-Zeitarchiv 46/93, Seite 68f., im Mai 1991 erhielten diese dann Asyl in den USA. Demgegenüber wurden 250 Kriegsgefangene freigelassen und kehrten nach Libyen zurück. Anderen Angaben zufolge waren (zunächst) nur 220 libysche Söldner in die USA ausgeflogen wordenMunzinger-Archiv: Libyen-Chronik 1990 - IH-Zeitarchiv 46/93, Seite 64Munzinger-Archiv: Tschad-Chronik 1990 - IH-Zeitarchiv 19/91, Seite 39, während zwischen 400 und 500 Kriegsgefangene freigelassen wurden und nach Libyen zurückkehrten.Mario von Baratta (Hrsg.): Fischer Weltalmanach 1992, Seite 178 (Tschad). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1991Neue Zürcher Zeitung vom 7. Dezember 1990: Idriss Déby - Tschads unbekannter HeldMunzinger-Archiv: Zeitgeschehen Dezember 1990 - IH-Zeitarchiv 4/91, Seite 1. Haftar wurde US-Staatsbürger und arbeitete einige Jahre lang für die CIA. In Libyen wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Aus dem US-amerikanischen Exil unterstützte er 1996 einen erfolglosen Umsturzversuch gegen Gaddafi.
Aufstand gegen Gaddafi mini|Das von Haftar verwendete Wappen Libyens Er kehrte 2011 nach Libyen zurück und unterstützte den Aufstand gegen Gaddafi. Dort kommandierte er die Bodentruppen in der Kyrenaika. Nach dem Oberkommandierenden Abd al-Fattah Yunis und dem Generalstabschef galt er als der dritte Mann in der Hierarchie der Rebellen. Nach Yunis' Ermordung und dem Sturz Gaddafis im arabischen Frühling sollte Chalifa Haftar 2011 als Oberkommandant die Streitkräfte seines Landes neu organisieren. Diese Aufgabe wurde ihm aber nach kurzer Zeit entzogen.Chaos in Libyen: Abtrünniger General lässt Parlament stürmen, Spiegel Online vom 19. Mai 2014. Die von ihm kontrollierten Sintan-Brigaden wendeten sich gegen islamistische Tendenzen. Am 18. Mai 2014 griffen Einheiten der Brigaden das Parlament an und besetzten es, zogen sich dann aber in von ihnen kontrollierte Gebiete um den Flughafen von Tripolis zurück. Zur gleichen Zeit lief eine zwei Tage zuvor gestartete Operation der Milizen Haftars gegen islamistische Gruppen in Bengasi.Abtrünniger Ex-Militär säubert Libyen auf eigene Faust, Focus vom 19. Mai 2014. Regierung, Parlament und Armee Libyens warfen Haftar in einer gemeinsamen Erklärung einen Putschversuch vor.Libysche Regierung wirft früherem General Haftar Putschversuch vor, Die Welt vom 19. Mai 2014. Der Kommandeur der Spezialkräfte der libyschen Armee und die Truppen auf dem Luftwaffenstützpunkt in Tobruk schlossen sich Haftar am 19. Mai 2014 an. Revolte in Bengasi und Tripolis: Libyen steht vor neuem Bürgerkrieg, Spiegel Online vom 20. Mai 2014.
Bürgerkrieg mini|Territoriale Aufteilung Libyens mit Stand April 2026 (blau: Tripoli-Regierung/Präsidentenrat, rot: Tobruk-Regierung/Abgeordnetenrat bzw. Haftars Armee, grün: Milizen/Stämme) Am 2. März 2015 berief ihn das (ost-)libysche Repräsentantenhaus in Tobruk zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte Libyens.International anerkanntes Parlament ernennt Armeechef, Neue Zürcher Zeitung, 2. März 2015 Laut Artikel 8 der Zusatzbestimmungen zum Libyschen Politischen Abkommen, das am 17. Dezember 2015 in Skhirat (Marokko) unterzeichnet wurde und sofort in Kraft trat, ging der militärische Oberbefehl auf den durch das Abkommen geschaffenen Präsidialrat über; die Position des Oberbefehlshabers musste neu besetzt werden. Die Umsetzung dieser Bestimmung ist in Libyen weiterhin umstritten, nachdem das Repräsentantenhaus am 25. Januar 2016 dem Politischen Abkommen nur mit einem Vorbehalt gegen Artikel 8 zustimmte. Russland wünschte für Haftar eine führende Rolle in Libyen und wollte ihm Waffen liefern, sobald die Sanktionen aufgehoben würden.Russland schickt offenbar Spezialkräfte Richtung Libyen, Die Zeit, 14. März 2017Christina Hebel und Christoph Sydow: Libyscher General Haftar: Putins Wüstenfuchs. In: Der Spiegel, 20. März 2017. Zuletzt abgerufen am 19. Januar 2020. Auf politischer Seite wandte sich die östliche „Zentralbank“ schon 2015 an Russland und erhielt aus dessen Druckereien innerhalb dreier Jahre 9,7 Milliarden Libysche Dinar.Ulrich Schmid: General Haftars russische Geldpresse auf Seite 2 in der NZZ vom 24. November 2018 Auf dem Rückweg von einem Militäreinsatz in Syrien ankerte ein russischer Verband um den Flugzeugträger Admiral Kusnezow vor der ostlibyschen Küste. Dort wurde Haftar an Bord der Admiral Kusnezow genommen, wo er eine Videokonferenz mit dem russischen Verteidigungsminister Sergei Kuschugetowitsch Schoigu abhielt.Russischer Flugzeugträger auf dem Rückweg aus dem Mittelmeer, der Standard, 17. Januar 2017 2017 reiste der General einige Male nach Moskau, wo er neben Schoigu auch den Außenminister Sergei Wiktorowitsch Lawrow traf.Ulrich Schmid: Moskau bricht eine Lanze für Haftar Neben Russland und Saudi-Arabien gelten vor allem Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate, beide entschiedene Gegner aller Spielarten des Islamismus, als engste Verbündete Haftars, welche ihn mit Waffen und Streitkräften unterstützen. So unterhalten die Vereinigten Arabischen Emirate einen Luftstützpunkt in Ostlibyen mit AT-802-Flugzeugen sowie chinesischen Chengdu-Wing-Loong-Drohnen.U.S.-Made Airplanes Deployed in Libya's Civil War, in Defiance of U.N. Time Magazine 9. Mai 2017 Von Haftar ist keine Zusammenarbeit mit Islamisten zu erwarten. Auch Frankreich gilt als indirekter Unterstützer Haftars. Die Franzosen erwarteten von ihm eine wirksame Bekämpfung der Dschihadisten des IS, welche Haftar auch leistete. In Libyen wie auch international wurde diese Unterstützung immer wieder kritisiert. Möglich wäre, dass er damit auch die Unterstützung der USA gewänne.«Haftar verkörpert die Hoffnung auf ein souveränes Libyen». In: NZZ, 19. September 2017.
Im Juli 2017 gab Haftar bekannt, die islamistische Miliz Ansar al-Scharia besiegt und Bengasi erobert zu haben.Ulrich Schmid: Haftar feiert Eroberung Benghasis. Der Warlord im Osten Libyens verkündet einen Sieg über die Islamisten. In: Neue Zürcher Zeitung vom 7. Juli 2017, S. 7. Im September waren nur noch einzelne Straßenzüge vom IS kontrolliert. Deren Rückeroberung ist wegen versteckter Sprengsätze gefährlich. Die Polizei, die für zwei Jahre nicht zu sehen gewesen war, zeigt wieder Präsenz.Wiedergeburt von Benghasi: Wo die Terrormiliz IS vor wenigen Wochen noch herrschte, NZZ, 18. September 2017
Im August 2017 drohte er der italienischen Marine, deren Kriegsschiffe zu bombardieren, nachdem die italienischen Streitkräfte begonnen hatten, zugunsten as-Sarradschs zu intervenieren und in Tripolis und Misrata Stützpunkte zu errichten. As-Sarradschs Regierung wird von den Milizen aus Misrata sowie von den Muslimbrüdern, der Türkei und Katar unterstützt.Haftar instructs bombing Italian warships requested-by Fayez al Sarraj, al Alarabya 3. August 2017
Die militärischen Organisationen Haftars ersetzen zivile Strukturen in den von ihm kontrollierten Gebieten durch Militärs.Krieg in Libyen: Der Warlord rüstet zum Marsch auf Tripolis, NZZ, 4. Oktober 2017 Zugleich werden seinen Truppen Massenhinrichtungen vorgeworfen.Massengrab in Libyen entdeckt Faz. Gleichzeitig wurden seine Truppen immer wieder Opfer von Massakern durch die Streitkräfte as-Sarradschs.Rival Libyan Regimes Are Busy Slaughtering Each Other
Anfang November 2017 wurden Haftars in Tripolitanien operierende Streitkräfte in al-ʿAzīzīyaUsama Juwaili and Zintani forces takes Aziziya, Libya Herald 9.11.2017 eingekesselt und zerschlagen. Ermöglicht wurde dies durch ein Überlaufen ihrer Verbündeten, wie Usama al-Dschuwaili-Einheiten. Diese vereinigten sich mit den aus Tripolis ausströmenden Truppen as-Sarradschs.Haftars ehemalige Mitstreiter richten Waffen gegen ihn Sputnik News, 23. November 2017
Ende 2017 kam es wieder zu einer Annäherung zwischen Haftar und as-Sarradsch. Ihre beiden Lager stimmten zu, eine gemeinsame Armee zu bilden, welche das Land befrieden, das Milizenwesen beenden und Neuwahlen Ende 2018 ermöglichen soll.Can Cairo talks succeed in uniting Libya’s divided armed forces?