Liste der Stolpersteine in Tübingen Südstadt, mit denen der Künstler Gunter Demnig an das Schicksal der Menschen erinnert, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Stolpersteine werden im Regelfall vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz des Opfers verlegt. Die ersten Verlegungen in der Südstadt von Tübingen erfolgten am 25. November 2011.

Die Evangelische Eberhardskirchengemeinde teilte der Verwaltung der Universitätsstadt Tübingen in einem Brief vom 28. Juni 2010 mit, dass der dortige Kirchengemeinderat das Vorhaben unterstützt, Stolpersteine in der Südstadt zu verlegen, insbesondere für Johann Laubinger, Lilli Zapf und die Familie Löwenstein. Da durch die Kirchengemeinde bereits Spenden für das Vorhaben gesammelt worden waren und aus technischer Sicht nichts gegen eine Verlegung der Stolpersteine sprach, überließ die Verwaltung den Initiatoren die Entscheidung über das weitere Vorgehen.Stolpersteine in der Südstadt. Ausschuss für Kultur, Integration und Gleichstellung der Universitätsstadt Tübingen, Fachbereich Kultur, Vorlage 90/2011 vom 23. Februar 2011.

Ab Juli 2018 wurden Stolpersteine in der Tübinger Innenstadt verlegt.

Liste der Steine Die Tabelle ist teilweise sortierbar; die Grundsortierung erfolgt alphabetisch nach dem Straßennamen. Adresse Person(en) Information Verlege­datum Breuningstraße 30 100px 100px Else ZiviPeter Steinle: Pressemitteilung der Evangelischen Landeskirche Württemberg vom 25. November 2011. Eugenie Zivi wurde (* 4. November 1883; gest. 18. Februar 1956) lebte mit ihrem Ehemann Josef Zivi und ihren beiden Töchtern in der Tübinger Breuningstraße 30. 1939 emigrierte die Familie nach Palästina. Ihr Mann war Vorsänger in der jüdischen Gemeinde.

Eine wissenschaftliche Auswertung der Akten im Landesamt für die Wiedergutmachung Tübingen zeigt folgendes:Carmen Matussek: Schikane der “Wiedergutmachung”. Ihre jüngere Tochter Ruth Alexander, geb. Zivi (* 1910) stellte Ende der sechziger Jahre den Restitutionsantrag, denn Eugenie Zivi war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.Geschichtswerkstatt Tübingen (Hrsg.): Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden. Stuttgart 1995, S. 413.

Die Akte ist unvollständig und besteht nur aus wenigen Seiten. Man erfährt, dass Ruth Alexander, geb. Zivi, im Jahr 1958 82 DM Auswanderungskosten für ihre Mutter erhielt.Akte von Frau Zivi (StaS Wü 33 T1 Nr. 6294). Den gleichen Betrag erhielt sie für ihren Vater in einem getrennt gestellten Antrag. Außerdem wurden ihr 1959 16 DM „wegen Schadens durch Zahlung einer Buße“ zugesprochen. „Im März 1934 wurde die Verfolgte wegen angeblicher abfälliger Äußerungen über einen Jungvolkführer in Schutzhaft genommen. Um ihre Haftentlassung zu erwirken, mußte ihr Ehemann Josef Zivi einen sogenannten ‚freiwilligen Beitrag‘ von 80,– RM an das Winterhilfswerk zahlen.“ Der Entschädigung stünde nicht entgegen, dass die Buße vom Ehemann der Verfolgten entrichtet wurde; denn er habe aufgrund seiner ehelichen Unterhaltspflicht die Zahlung offensichtlich an Stelle der Verfolgten geleistet.

Es lagen Ansprüche nach dem BRüG vor, was aber nur aus einem kurzen Vermerk der Oberfinanzdirektion Stuttgart von 1960 hervorgeht: „Hinsichtlich der Entziehung von Edelmetallsachen, des Bankguthabens in Höhe von RM 2.453,30 und des Betrags von RM 500,–, der als ersatzlose Abgabe an die Dt. Golddiskontbank bezahlt wurde, werden auf das Land übergegangene Rückerstattungsansprüche nicht geltend gemacht.“ Josef Zivi Ruth Zivi Christophstraße 1 100px 100px Edwin Spiro (* 10. Mai 1903; gest. 10. März 1943 in Auschwitz) wuchs in der Tübinger Christophstraße auf und wurde nach mehreren Wohnortswechseln in Cannstatt ein erfolgreicher Versicherungsbeamter, der sich ein Auto mit Chauffeur leisten konnte. Er wurde am Samstag, den 21. November 1935, eine Woche, nachdem eine Ausführungsverordnung zum sogenannten „Blutschutzgesetz“ erlassen worden war, durch einen Fellbacher Polizei-Oberkommissar und Polizeiwachtmeister in der Fellbacher August-Brändle-Straße verhaftet. Das Stuttgarter Landgericht verurteilte ihn am 28. Januar 1936 zu sechs Monaten Gefängnis, weil ihm zur Last gelegt wurde, dass er gegen das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verstoßen habe, laut dem „außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“ verboten war.Rainer Redies: Edwin Spiro: Rassenschande in Fellbach. „Der Angeklagte unterhielt seit Herbst 1932 als Volljude ein Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau deutschen Blutes in Fellbach und setzte dieses auch nach Erscheinen des Gesetzes gegen Rassenschändung fort,“ hieß es dazu im Bericht im Schwäbischen Merkur vom 29. Januar 1936.Schwäbischer Merkur. 29. Januar 1936. (Digitalisat)

In der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurde Edwin Spiro erneut verhaftet und ins KZ Welzheim verschleppt, wo er bis 31. Januar gefangen gehalten wurde. Am 20. Februar 1942 wurde er zum dritten Mal verhaftet und im KZ Welzheim gefangen gehalten, bis er am 2. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert wurde, wo er am 10. März 1943 umgebracht wurde. Im Rahmen der sogenannten Wiedergutmachung hat die Bundesrepublik Deutschland seiner Frau 3900 DM für erlittene Freiheitsentziehung und 3540 DM für Schaden im beruflichen Fortkommen ausgezahlt. Elfriede Spiro (* 21. April 1894 in Bad Dürkheim; für tot erklärt am 23. Januar 1943 in Auschwitz) besuchte in Tübingen die Höhere Töchterschule. Nach dem Tod ihrer Mutter führte sie den Haushalt ihres Vaters, Ludwig Spiro, bis dieser am 23. März 1941 starb. Am 20. August 1942 wurde sie in Tübingen verhaftet und in das Sammellager auf dem Stuttgarter Killesberg verschleppt. Von dort aus wurde sie zwei Tage später nach Theresienstadt deportiert. 1943 kam sie nach Auschwitz, wo sie vermutlich gleich nach ihrer Ankunft umgebracht wurde.Andrea Hoffmann: Es wurde uns jetzt zur Gewissheit? Die Todesanzeige für Hans Spiro. In: Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden. (= Beiträge zur Tübinger Geschichte. Band 8). Hrsg. von der Geschichtswerkstatt Tübingen. Tübingen 1995, S. 397–400. Zitiert in . Hans Spiro (* 15. Juli 1898 in Landau in der Pfalz; gest. 19. März 1943 im KZ Auschwitz) wurde mit seiner Schwester Elfriede Spiro in der Stuttgarter Stiftskirche evangelisch getauft, als sein Vater, Ludwig Spiro, zum evangelischen Glauben konvertierte. Er begann in Tübingen eine Lehre als Bankkaufmann, die er während des Ersten Weltkriegs unterbrechen musste. 1916 wurde er an die Westfront eingezogen. Nachdem er schwer verwundet worden war, kam er zur Passzentrale im französischen Lille, wurde aber in den letzten Kriegsmonaten noch einmal an die Front eingezogen. Nach dem Krieg schloss er seine Bankausbildung ab und arbeitete erst als Bankangestellter in Tübingen, später als Prokurist.

1923 heiratete er in Bochum die Christin Klara Teckemeyer und bekam mit ihr die Tochter Liselotte. Nachdem er 1936 Berufsverbot erhielt, arbeitete er illegal als Buchhalter bei der Straßenbaufirma Wilhelm Hahn in Tübingen, als Reklamefachmann in Reutlingen und als Werbefachmann beim Reutlinger Generalanzeiger. Während der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wurde Hans Spiro festgenommen und nach Dachau verschleppt, wo er etwa einen Monat festgehalten wurde. Mitte Dezember 1938 kehrte er kurzgeschoren und abgemagert aus Dachau nach Tübingen zurück. Im November 1939 wurde Hans Spiro erneut verhaftet und zuerst in Tübingen, dann in Stuttgart ins Gefängnis gebracht, aus dem er wieder frei kam. Am 4. Dezember 1942 wurde Spiro zum dritten Mal verhaftet und ins KZ Welzheim verschleppt. Von dort wurde er am 27. Januar 1943 weiter nach Auschwitz deportiert, wo er am 19. März 1943 umgebracht wurde. Lieselotte Spiro (* 1924) war eine Tochter von Ludwig Spiro. Im Sommer 1939 wurde sie mit einem Kindertransport der Jüdischen Kultusgemeinde Stuttgart nach Südengland in Sicherheit gebracht, wo sie in Bournemouth auf ein Internat ging. Sie verbrachte den Rest ihres Lebens in England. Dr. Ludwig Spiro studierte in Tübingen und München und wurde 1897 zum Doktor der Philosophie promoviert. Als Gymnasialprofessor unterrichtete er zuerst in Tübingen, später in Schwäbisch Gmünd Latein und Französisch. Er konvertierte am 6. Januar 1902 in Stuttgart zum evangelischen Glauben, aber seine Frau Jertha (gest. 1929) behielt ihr Leben lang ihren jüdischen Glauben bei. Er war der Vater von Hans und Elfriede Spiro

Ludwig Spiro war ein renommierter Goethe-Forscher und besaß eine überregional bekannte Goethe-Bibliothek. Im Jahr 1939 schloss ihn die Weimarer Goethe-Gesellschaft, der er seit Studententagen angehörte, aus. Als letzter Gasthörer wurde ihm, nachdem es schon keine immatrikulierten jüdischen Studenten mehr in Tübingen gab, nach dem Sommersemester 1940 auch das Betreten der Tübinger Universität untersagt. Sein Tod nach langer Krankheit am 23. März 1941 ersparte ihm die Deportation. Sofort nach seinem Tod wurde seine Wohnung versiegelt und seine umfangreiche Bibliothek versteigert. Christophstraße 15 100px 100px Emil Löwenstein Karoline Löwenstein Fürststraße 7 100px 100px Fanny Erlanger Dr. Helmut Erlanger (* 9. Juli 1908 in Buchau am Federsee; † 9. Januar 1982 in San Francisco) studierte Rechtswissenschaft und promovierte 1932 in Tübingen. Er arbeitete als Referendar am Tübinger Landgericht. Erlanger wurde Leiter der sozialistischen Jugendorganisation »Rote Falken« und agierte im republikanischen »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«. Als antifaschistischer Redner der SPD stand er im politischen Konflikt mit den Nationalsozialisten. Er wurde Ende März 1933 verhaftet und bis zum 7. August im KZ Heuberg auf der Schwäbischen Alb gefangen gehalten. Er verlor seine Stelle im Justizdienst und blieb nach seiner Freilassung unter Polizeiaufsicht.