mini|Martin Mosebach auf der Frankfurter Buchmesse 2022
Martin Mosebach (* 31. Juli 1951 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Schriftsteller, der in den Genres Roman, Film-Drehbuch, Theater, Hörspiel, Opernlibretto, Reportage, Feuilleton und Erzählung tätig ist.
Leben und schriftstellerische Tätigkeit Martin Mosebach wurde in Frankfurt-Sachsenhausen geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre in Königstein im Taunus. Er ist der Sohn einer römisch-katholischen Mutter und eines evangelischen Vaters, der als Arzt und Psychotherapeut praktizierte. Als er fünf Jahre alt war, kehrte die Familie nach Frankfurt in das Westend zurück. Mosebach studierte in Frankfurt am Main und Bonn Rechtswissenschaften. 1979 legte er das Zweite Staatsexamen ab.
Gegen Ende seines Referendariats begann Mosebach erzählerisch zu schreiben und bezeichnet sich daher selbst als „Spätentwickler“.Über Recht und Literatur. Ein Gespräch mit Juli Zeh und Martin Mosebach, geführt von Britta Lange und Hermann Weber, abgedruckt in: Hermann Weber (Hrsg.): Literatur, Recht und Musik. Tagung im Nordkolleg Rendsburg vom 16. bis 18. September 2005. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2007, S. 183–204, hier S. 187, ISBN 978-3-8305-1339-1. Von Golo Mann entdeckt, erhielt er 1980 den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung. Der Schriftsteller Horst Krüger empfahl dem Hoffmann und Campe Verlag schließlich die ungekürzte Veröffentlichung von Mosebachs mehr als tausend Seiten umfassendem Manuskript seines Erstlings Das Bett (1983).Vgl. Martin Mosebach: Kein Jugendwerk. In: Renatus Deckert (Hrsg.): Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007, S. 225–229, hier S. 229, ISBN 978-3-518-45864-8. In dem Werk steht − neben der Frage, wer beichtet und wer nicht − „die Beschreibung einer Geschlechterkonkurrenz und zugleich eines konfessionellen Gegensatzes in der Eroberung des Wortes“Vgl. Lorenz Jäger: Martin Mosebach. In: Hans-Rüdiger Schwab (Hrsg.): Eigensinn und Bindung: katholische deutsche Intellektuelle im 20. Jahrhundert; 39 Porträts. Butzon & Bercker, Kevelaer 2009, S. 697–709, hier S. 698. im Vordergrund. Außerdem macht der Roman den Einfluss der Eltern auf den Autor deutlich.
Seit 1980 lebt Mosebach als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main. Mit seiner Heimatstadt (s. auch Frankfurt am Main in der Literatur) fühlt sich der Autor in einer Art von Hassliebe verbunden, was sich in Feuilletons, Reportagen, Reden, aber auch in Romanen (z. B. Westend, Eine lange Nacht, Der Mond und das Mädchen) und Erzählungen äußert: „Es gehört zu meinem besonderen Verhältnis zu meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main, dass ich sie als eine der verdorbensten und hässlichsten Städte Deutschlands erlebe und in meiner Phantasie und in meinem inneren Bild von der Stadt an sie als eine der schönsten Städte denke, die ich kenne.“Martin Mosebach: Mein Frankfurt. Insel-Verlag, Frankfurt 2002. Der Grund, warum Mosebach seine Romane oft in Frankfurt ansiedelt, ist nach seiner Aussage ein rein praktischer: Weil er die Umgebung kenne, sei die Recherchearbeit bereits geleistet. Häufig lässt er sich jedoch auch von seinen zahlreichen Reisen ins Ausland inspirieren, wie etwa in Die Türkin, dessen Handlungsort Lykien in der Türkei ist. Das Beben wiederum zeichnet das Bild eines von den Engländern abgesetzten Königs in einer ländlichen Gegend in Indien.
Mosebachs Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt im Oktober 2007 mit dem Georg-Büchner-Preis, dem renommiertesten Literaturpreis der deutschen Sprache, und 2013 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Im Jahr 2012/13 war Mosebach Fellow des Internationalen Kollegs Morphomata an der Universität Köln. Sein Œuvre umfasst Filmdrehbücher, Hörspiele und Lyrik. Ferner veröffentlichte er zahlreiche Essays sowie Artikel in Zeitungen und Zeitschriften wie der Süddeutschen Zeitung, Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder der Zeitschrift Sinn und Form.
Mosebach veröffentlichte u. a. im Hanser Verlag, im Wiener Karolinger Verlag des Verlegers Peter Weiß, im Rowohlt Verlag und beim dtv.
Büchnerpreis-Verleihung 2007 Im Jahr 2007 erhielt Martin Mosebach den Georg-Büchner-Preis durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Zur Begründung führte die Akademie aus: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, 27. Oktober 2007.
Über das „große Erzähltalent“ schrieb Hubert Spiegel in der FAZ: , und bezeichnete ihn als „genuinen Erzähler und […] Essayisten von ungewöhnlicher stilistischer und intellektueller Brillanz.“Hubert Spiegel: Wahrheiten aus dem Palast der Fiktion: Martin Mosebach erhält den Georg-Büchner-Preis, FAZ vom 8. Juni 2007. Zugleich charakterisierte er ihn als „Büchner-Preisträger, dessen Möglichkeiten ebensowenig erschöpft sind, wie seine Verdienste bestritten werden können.“ Ulrich Greiner sprach von Mosebachs „Durchdringende[m] Blick auf das Hässliche“;Ulrich Greiner, in: Die Zeit, 8. Juni 2007: Durchdringender Blick auf das Hässliche Uwe Wittstock wies auf die jahrzehntelange Einigkeit unter Germanisten und Literaturkritikern hin, dass der Gesellschaftsroman heute passé sei, und nannte die Preisverleihung an Mosebach ein Uwe Wittstock in: Die Welt, 7. Juni 2007: „Martin Mosebuch, der Meister alter Formen“
Bei der Büchnerpreisverleihung am 28. Oktober 2007 porträtierte der deutsch-iranische Schriftstellerkollege und Laudator Navid Kermani Martin Mosebach als „singuläre katholische Stimme“ in einer „vom protestantischen Bildungsroman“ dominierten deutschen Literatur und als „großen Romancier, dessen Zugriff auf die Welt des krankgeschrumpften Bürgertums“ den Geist von Cervantes atme. – dies treffe auch auf Mosebachs Romanfiguren zu.NZZ: Antipoden in Darmstadt 29. Oktober 2007.
In seiner Dankesrede Ultima ratio regis anlässlich der Verleihung dieses Preises verglich Mosebach eine Rede von Heinrich Himmler von 1943 mit einer des Jakobiners Saint-Just aus Georg Büchners Drama Dantons Tod gegen Ende der Französischen Revolution. Besonders dieser Vergleich wurde in den deutschen Medien kontrovers diskutiert. Von Teilen der Presse wurde der Vorwurf einer Relativierung des Nationalsozialismus erhoben. Der Historiker Heinrich August Winkler bezeichnete den Vergleich als Geschichtsklitterung und Abwendung von den Zielen der Aufklärung und Demokratie.Pamphlet gegen Aufklärung. Historiker kritisiert Martin Mosebachs Büchner-Preis-Rede. Gespräch von Kathrin Fischer mit Heinrich August Winkler. In: Kultur heute; Deutschlandfunk vom 30. Oktober 2007: „Für ihn ist das Entscheidende, glaube ich, das Zitat ‚Es lebe der König‘ von Lucile Desmoulins, damals ausgesprochen als ein Ausdruck des äußersten Protestes. Und ich glaube, dahinter verbirgt sich die eigentliche Botschaft der Rede, die Aufklärung und die Französische Revolution markieren einen Irrweg. Die Zeit davor war die gute Zeit. Und dieser Standpunkt ist schlichtweg reaktionär. Ich würde von Geschichtsklitterung, denn das Ancien Régime, gegen das sich die Französische Revolution auflehnte, hat die Menschenrechte mit Füßen getreten. Und deswegen denke ich, ist dieses Geschichtsbild, wenn es denn der Rede zugrunde liegen sollte, etwas, mit dem man sich sehr kritisch auseinandersetzen muss.“
Selbstbeschreibung und Kritik „Die weiträumige Welt, die dieser Schriftsteller bewohnt, hat ihn zu einem freien und witzigen Zeitgenossen gemacht“, schreibt Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung. Seine Romane „bewegen sich wie selbstverständlich zwischen Frankfurt, Indien, Anatolien, Ägypten, Marokko. Dabei bewähren sie eine weltreligiöse Musikalität, die das beste Gegengift zu den heutigen Kulturkämpfen darstellt.“ Mosebachs Schreiben sei nicht funktionalistisch-hierarchisch, es habe etwas breit Hingelagertes, üppig Malerisches, wie holländische Landschaften oder Hintergründe bei Tizian.
Mosebach hat sich in seinem Essayband Schöne Literatur (2006) selbst als Reaktionär bezeichnet, ein Wort, das in Deutschland nur missverstanden werden könne, so Jens Jessen in Die Zeit, „weil sich unweigerlich die Assoziation zu Imperialismus, Nationalismus, Rassismus einstellt. Aber in den romanischen Ländern, namentlich in der iberischen Welt, kennt man den Begriff auch im Sinne einer humanen Reaktion“. Die beste Definition für Reaktionär stamme von dem kolumbianischen Philosophen Gómez Dávila, den Mosebach nicht zufällig bewundere: „Das Wesen des Reaktionärs, sagt Gómez Dávila, sei Sympathie für die verlorene Sache. Das kann man eins zu eins auf Mosebach übertragen. Denn Mosebach kann natürlich kein Konservativer sein; denn er sieht, so weit sein Auge blickt, in dieser Gesellschaft nichts, was sich zu konservieren lohnte. Er sieht aber überall und überscharf das Verlorene. Da das Verlorene aber nun einmal verloren ist und Mosebach kein Putschist ist, der das Verlorene zurückbomben möchte, weil ebendieses Bomben und Zurückbomben für ihn ein Kennzeichen der Moderne ist, bleibt ihm nur die literarische Sympathie für den Verlust.“ Der Begriff wurde von prominenten Stimmen wie Harald Schmidt oder dem konservativen Publizisten Jan Fleischhauer übernommen. Die Kritik, die laut wurde, bezog sich vielfach auf sein Buch Häresie der Formlosigkeit, in dem er die Liturgiereform infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils beklagte und eine Rückkehr zur Tridentinischen Messe forderte.
In einem Interview mit dem Deutschlandradio sagte die Literaturkritikerin Sigrid Löffler, Mosebach schreibe „in einem sehr verschmuckten und gespreizten Prunkstil“ mit „affektierten Vokabeln und ihren verzopften Phrasen aus der bürgerlichen Mottenkiste des 19. Jahrhunderts“. Er stürze beim Schreiben ständig ins Lächerliche ab und habe den Georg-Büchner-Preis 2007 nicht für sein Werk, sondern wegen seiner reaktionären Gesinnung bekommen.Deutschlandradio Kultur: „Das hat etwas Perverses“, 5. Oktober 2007. Die Preisvergabe hatte sie bereits in einem Artikel in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift Literaturen kritisiert.Sigrid Löffler: Cicero, 7. Juli 2009 (Abgerufen am 2. September 2012) Die Kritik Löfflers wurde von Michael Klonovsky zurückgewiesen. Klonovsky warf Löffler im Focus vor, Mosebach nicht nach seiner Qualität als Schriftsteller, sondern ausschließlich nach seiner Gesinnung zu beurteilen.Michael Klonovsky: Pfui aufs Einstecktuch!, Focus vom 15. Oktober 2007.
Bernd Melichar beschrieb Mosebach in einer Rezension in die Kleine Zeitung als einen präzisen Wortmaler. In seinem Roman „Die Richtige“ skizziere Mosebach mit bedächtiger Eleganz ein Beziehungsgeflecht aus Hingabe, Hohn, Neid, Zynismus, Kalkül und zuverlässiger Illoyalität. Das Wort „vorzüglich“ käme dem Leser in den Sinn, wenn er Mosebach lese. Seine Bücher seien oft im Bürgertum angesiedelt, seine Roman-Menschen Mängelexemplare der luxuriösen Sorte – durch und durch mangelhaft.
Dramatische Werke, Mitarbeit