Das Sturmtief Yvette (auch Tamara) war ein Balkantief, das Mitte Mai 2014 zu schweren Überschwemmungen und heftigen Stürmen in Südosteuropa und Ostmitteleuropa führte. Es forderte wohl über 59 Todesopfer, großteils in Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien; hunderttausende Menschen wurden geschädigt. Die Regenmassen, die vom 14. bis zum 19. Mai 2014 fielen, waren die höchsten gemessenen Werte in den 120 Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Einzugsgebiet des Flusses Save. Die Kosten der Flut wurden auf bis zu 3,5 Mrd. Euro allein für Serbien und Bosnien-Herzegowina geschätzt.
Meteorologie mini|Satellitenbild des Tiefs Yvette am 15. Mai 2014 Am 11. Mai 2014 steuerte ein Tief Xena über Dänemark und Ostsee eine Kaltfront gegen die Alpen. Dieses sorgte – pünktlich zu den Eisheiligen – für einen Kälteeinbruch und Schnee bis auf etwa 1000 m im Alpenraum.Kühle und regnerische Maiwoche – Eisheilige bringen kühles Wetter – örtlich auch Bodenfrost, wetter24.de, 12. Mai 2014. In Folge bildete sich über der oberen Adria eine Störung,Prognose für So 11.05.14 12 UTC, met.fu-berlin.de;Wetterlage vom 11. Mai 2014, 18 UTC, ZAMG. die sich Richtung Balkan verlagerte, und dort bis zum 14. Mai ein mächtiges Tief ausbildete, vom DWD Yvette, in Serbien Tamara genannt.Wetterlage vom 13. Mai 2014, 18 UTC, ZAMG;, met.fu-berlin.de;Wetterlage vom 14. Mai 2014, 12 UTC, ZAMG.Blic.rs: Ciklon „Tamara“ 13 – 16. maj 2014., serbianmeteo.com/forum (mit etlichen Wetterkarten). Dieses zog, Vb-Tief-untypisch, nur sehr langsam nordwärts weiter. Dadurch führte es, von einem Höhentiefkern begleitet, über dem zentralen Südosteuropa zu schwerem Dauerregen.
Im Raum Belgrad fielen vom 14. auf 15. Mai in 24 Stunden bis zu 120 Liter Regen je Quadratmeter (120 mm), in Nord- und Ostbosnien in 48 Stunden bis zu 180 Liter pro Quadratmeter, mehr als sonst in drei Monaten Betroffen waren auch Teile Kroatiens und Rumäniens. An der Ostseite des Tiefs, im westlichen Schwarzmeergebiet, kam es besonders am 14. Mai auch zu heftigen Warmfront-Gewittern.
In der Folge erreichten die Starkregen auch den Alpenostrand und die östlichere Alpennordseite, etwa bis 16. Mai fielen 124 Liter in 24 Stunden in Lilienfeld, Niederösterreich. Die Schneefallgrenze sank im Alpenraum auf bis zu 800 m, wodurch dort Überflutungen durch frostgebundenen Niederschlag (in Höhenlagen stellenweise bis 1½ Meter) gemildert wurden. Im Laufe des 16. Mai verlagerten sich die Starkniederschläge auch in den Karpatenraum, wo örtlich ebenfalls bis 130 mm/24 h gemessen wurden.
Weil über Westeuropa ein mächtiges Hoch lag (Steffen), wetterfrosch-erzgebirge.de, Thema des Tages, 14. Mai 2014. kam es in den Außenbereichen des Tiefs zu starken Stürmen, die in Südpolen, Westungarn, Ostösterreich und Slowenien Böen über 100 km/h erreichten, in Höhenlagen Orkanstärke. So meldete der Hirschenstein (Günser Gebirge, 864 m) am 15. Mai abends 169 km/h, der Schöckl (Steirische Randalpen, 1443 m) 139 km/h, die Kredarica (Triglavhütte, Slowenien, 2515 m) am 16. Mai morgens bei −4° 130 km/h,Current weather reports: Friday, 16. Mai 2014 08:00 CEST, meteo.si, abgerufen am 16. Mai 2014 (aktualisierte Inhalte, nicht mehr verfügbar). der Plattensee (Ungarn) am 14. ebenfalls 130 km/h und meterhohen Seegang. Insgesamt blieben die Stürme aber weniger heftig als befürchtet; die Überschwemmungen waren das Hauptproblem.
Vb-Tiefs führen oft zu schweren Hochwässern der Donau. Weil Yvette aber sehr langsam flussaufwärts ziehend abregnete, konnten sich die Niederschläge im Einzugsgebiet nicht zu einem Flutberg kumulieren, und die Pegelstände der Donau blieben von Wien bis Rumänien im Rahmen. Siehe auch:
Abschätzung der Jährlichkeit Schwere Starkregenereignisse am Balkan sind zu dieser Jahreszeit keine Seltenheit. In Serbien hatte es schon im späteren April (Balkantiefs QuendolinPrognose für So 20.04.14 12 UTC, met.fu-berlin.de;Prognose für Sa 19.04.14 12 UTC, met.fu-berlin.de;Wetterlage vom 19. April 2014, 12 UTC, ZAMG. und Rajni, met.fu-berlin.de;Prognose für Sa 19.04.14 12 UTC, met.fu-berlin.de;Wetterlage vom 23. April 2014, 12 UTC, ZAMG.) schwere Sturzfluten gegeben.Notstand in Požega; Starke Überschwemmungen im Westen Serbiens, Stimme Russlands, ruvr.ru, 19. April 2014;, Jutarnji.hr, 20. April 2014; Nije im Bilo Spasa: Tragedija Šokirala Srbiju – Golemi vodeni val odnio trogodišnju curicu i jednomjesečnu bebu, Jutarnji.hr, 23. April 2014. Auch kam es im Jahr zuvor genau zu derselben Zeit wie Yvette in Kroatien und Bosnien (Front eines Baltikumtiefs Yago) zu intensivem kurzem Starkregen., met.fu-berlin.de;, met.fu-berlin.de;Wetterlage vom 11. Mai 2013, 12 UTC, ZAMG.Osijek HR 28 l/m² in 10 Ninuten, stärkerer Platzregen als Rekord 1907; auch Tuzla BIH betroffen; Schwere Überschwemmungen in Kroatien und Bosnien, Orf.at, 12. Mai 2013. Die singulären Frühlings-Kalteinbrüche Mitteleuropas – Wende Mitt-/Spätfrühling im April, Eisheilige im Mai – führen häufig zu Regenereignissen in Südosteuropa. Die Kombination des Höhentiefs und der bodennahen Zyklone mit dessen langsamen Ziehen führte aber in ihrem Zentrum zu außergewöhnlich langanhaltenden schweren Regenfällen: Messwerte wie die im bosnischen Tuzla verzeichneten über 150 l/m² in 48 h waren die größten Regenmengen, die seit 1892, also 120 Jahren, erfasst wurden. Im Einzugsgebiet der Save war das Ereignis die schlimmste und höchste je verzeichnete Flut.chr-khr.org: , International Commission for the Hydrology of the Rhine basin, 21. Mai 2014
Die Stauniederschläge in den Ostalpen hingegen, charakteristische Folge einer Vb-Zugbahn, treten alle paar Jahre in dieser Intensität auf. Eine Besonderheit waren jedoch die Windstärken – Nordoststürme im Alpen–Donau-Raum sind vergleichsweise selten.
Verlauf und Folgen mini|Überflutungen an der Save in Kroatien und Bosnien auf einer Landsat 8 Aufnahme vom 22. Mai 2014 Während im Osten Mitteleuropas durch die schnell durchziehenden lokalen Sturzfluten und die baulichen und organisatorischen Wasserschutzmaßnahmen der letzten Jahre die Situation relativ schnell in den Griff bekommen wurde, war die Lage am Balkan wesentlich dramatischer. Hier kam es auch zu zahlreichen schweren Erdrutschungen und an den Unterläufen der Flüsse in der Ebene zu umfangreichen länger stehenden Überflutungen. Auch die Seuchengefahr ist durch die folgende Heisswetterphase über Europa prekär.
Bosnien und Herzegowina mini|Bosna in Zenica BIH, 15. Mai In Bosnien und Herzegowina trafen nach mehrtägigem Dauerregen ab 14. Mai die Wassermassen besonders die Flussgebiete Zentral-, Nord- und Ostbosniens.„Ohne Strom, sauberes Wasser“ – So schildert Leserreporterin Hochwasser in Bosnien, Sanja Daco Kljestan, Fotostrecke auf heute.at Schwer getroffen von Überschwemmungen oder Schlammlawinen wurde die Sava (etwa Brčko) mit Sana (Prijedor, Ključ), Vrbas (Banja Luka, Čelinac), Ukrina (Derventa), Bosna (Doboj, Maglaj, Zavidovići), Drina (Bijeljina, Janja, Zvornik), aber auch Orte wie Tuzla, Živinice, Vareš, Zenica, Travnik und Sarajevo, und zahlreiche weitere Orte. Verkehrssperrungen, Strom- und Trinkwasserausfälle gab es in der ganzen Region. Im Bergland fiel ein halber Meter Schnee.
In Bosnien kamen wohl zwanzig Menschen ums Leben. Für zahlreiche Regionen wurde der Katastrophenalarm ausgerufen. Ein Viertel der Einwohner des Landes war nach dem Wochenende ohne Trinkwasser, mehr als 100.000 Häuser zerstört oder schwer beschädigt, insgesamt mussten wohl 700.000 bis 900.000 Menschen zumindest zeitweise ihre Häuser verlassen. An über 2000 Stellen drohen Erdrutsche oder sind schon abgegangen.
Zahlreiche Länder entsendeten Hilfskräfte. Für Bosnien-Herzegowina war die Lage bezüglich Wiederherstellung besonders problematisch, weil es anders als seine Nachbarländer weder EU-Mitglied noch Beitrittskandidat ist, und daher auch keine finanzielle Unterstützung aus dem EU-Solidaritätsfonds (EUSF) zu erwarten hat: Hier müsste auf diverse Strukturfonds-Mittel zurückgegriffen werden, die weniger schnell verfügbar sind.Berlakovich: Europa muss den Flutopfern am Balkan helfen – Laut Kommissar Hahn können betroffene Staaten mit Hilfe aus EU-Fonds rechnen, Presseaussendung ÖVP Parlamentsklub, OTS0294, 20. Mai 2014. Ein besonderes Problem waren auch die Landminen der Balkankriege: zahlreiche Markierungen von noch ungeräumten Gebieten wurden zerstört, ein Teil der Minen wurde durch Murgang und Hochwasser verfrachtet.
Kroatien Auch in Kroatien riefen mehrere Regionen wegen Hochwassers den Notstand aus. In Vukovar-Srijem (Ostslawonien) zwischen Sava und Donau waren besonders Štitar, Bošnjaci, Drenovci, Vrbanja und Gunja betroffen. In Folge waren die Zustände in der ganzen Gespanschaft Brod-Posavina entlang der Sava, um Slavonski Brod besonders kritisch.
In Rajeva Sela ertrank ein Mensch.
Serbien mini|Donau–Save-Zusammenfluss in Belgrad am Morgen des 17. Mai In Serbien kam es im Zentralraum zu umfangreichen Überflutungen nach Dauerregen. Zeitweise waren über 100.000 Haushalte ohne Strom. Alle wichtigen Verkehrsverbindungen in den Süden waren unterbrochen. Besonders kritisch war die Lage beispielsweise auch in Čačak, Valjevo, Kosjerić und Loznica in den Zentraldinariden und dann besonders in Obrenovac und Svilajnac nahe Belgrad. Rund um Belgrad mussten Zehntausende Menschen evakuiert werden, zahlreiche Orte waren auf Straßen nicht mehr erreichbar. Neben dem Sava-Gebiet hinaus war der Raum von Belgrad bis Kostolac und südlich in das Morava–Mlava-Gebiet betroffen.
In Serbien kam es zu mindestens 17 Todesopfern, davon alleine bisher 12 in Obrenovac. Im ganzen Land wurde der Notstand ausgerufen, die EU-Kommission, Russland und andere Länder schon am 15. Mai um Hilfe ersucht. Am 17. Mai setzten sich über die EU angeforderte freiwilligen Mannschaften der österreichischen Feuerwehren aus den Bundesländern Salzburg, Oberösterreich und Kärnten in Bewegung. Auch aus Kroatien treffen Mannschaften im Katastrophengebiet ein.Österr. Feuerwehren im Hochwasser-Einsatz in Serbien und Bosnien-Herzegowina vom 22. Mai 2014, abgerufen am 25. Mai 2014.
Rumänien Rumänien war besonders am 14. Mai von Gewitter, Sturm und Schlagregen, in den Folgetagen von Dauerregen betroffen. Überflutungen gab es besonders in den Kreisen Olt, Vâlcea und Mehedinți in der Walachei im Südwesten und Vrancea in der Moldauregion. In Timișoara im Banat kam es zu Überschwemmungen durch Unwetter. In weiten Teilen des Landes wurden Sturm- und Hagelschäden gemeldet. In der Walachei – in der Oltenia regnete es nach den ersten Wolkenbrüchen 67 mm/24 h – waren beispielsweise Dârvari, Gemeni und Nicolae Balcescu am Topolog isoliert. In Buzău musste nach Erdrutsch ein Kloster evakuiert werden, mehrere Familien auch in Pietrari und in Telega (Kreis Prahova). In der Moldaugegend waren Jitia, Vintileasca und Plopu von der Außenwelt abgeschnitten, auch Lămotești, Răstoaca und Gura Caliței wurden verwüstet.
Rumänien meldete eine tödlich verunglückte Person in Vrancea.
Slowenien In Slowenien führte hauptsächlich der Sturm am 14. und 15. Mai zu Schadenereignissen. In Rače-Fram, Lenart und Šentilj (Podravska) fiel für etwa 6000 Haushalte zeitweilig der Strom aus. Es kam auch zu Gebäudeschäden und Windwurf.
Ungarn Auch Ungarn hatte vornehmlich Sturmereignisse zu verzeichnen. 10.000e Menschen waren von Stromausfällen betroffen, besonders in Westungarn (Dél-Dunántúl, Észak-Dunántúl), davon allein 3000 in Zala, aber auch im Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén im Nordosten oder in Bacs-Kiskun, Csongrád und Békéscsaba im Süden. Zu Windwurf kam es besonders im Komitat Somogy, Gebäudeschäden gab es in Budapest und Debrecen. Am Südufer des Balaton kam es zu einer schweren Sturmflut.
Österreich