Gone Girl – Das perfekte Opfer (engl. „Gone Girl“) ist ein Thriller von Gillian Flynn aus dem Jahr 2012. Der Roman wurde in den Vereinigten Staaten von der Crown Publishing Group veröffentlicht und kam innerhalb kurzer Zeit auf die Bestseller-Liste der New York Times.
Im Zentrum des Romans steht das Beziehungsdrama eines Ehepaars. Nach einer Aussage der Autorin ist das Hauptmotiv der Geschichte die Erforschung der Psychologie und Dynamik einer langjährigen Beziehung.
Inhalt Nachdem Nick und Amy Dunne von ihren Arbeitgebern im Zusammenhang mit der Krise der Printmedien entlassen werden, beginnt es in ihrer Ehe zu kriseln. Als Nicks Mutter im Sterben liegt, verlässt das Paar New York City und zieht zu ihr in die Provinz nach North Carthage, Missouri. Dort eröffnet Nick mit den letzten finanziellen Mitteln aus einem Treuhandkonto seiner Frau eine Bar, die er gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester Margo führt. Die Erlöse aus der Bar bieten den drei Mitgliedern der Familie Dunne ein Auskommen, doch verändert sich die Beziehung zwischen Nick und Amy. Die Ehe wird zusehends dysfunktional. Amy vermisst ihr Leben in New York und hat Probleme, sich mit dem Leben in der Kleinstadt zu arrangieren.
An ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy spurlos. Aus verschiedenen Gründen wird Nick zum Hauptverdächtigen: Er hat ein schwaches Alibi, nutzte ihr Geld, um seine Bar zu finanzieren, hat Kreditkartenschulden, ist der Begünstigte einer auf Amy laufenden Lebensversicherung und erscheint bei der eingeleiteten Suchaktion vor der Kamera als auffallend emotionslos. Die Polizei findet darüber hinaus auf seinem PC verdächtige Hinweise. Außerdem erhält Nick merkwürdige Anrufe.
Im ersten Teil des Romans wird der Leser über die tatsächlichen Taten und Motive der beiden Protagonisten im Unklaren gelassen: Erzählt wird aus der Ich-Perspektive, abwechselnd aus der Sichtweise von Nick und Amy. Während Nicks Erzählung im Präsens stattfindet, erfährt man von Amy aus ihren Tagebucheinträgen im Präteritum. Die beiden Geschichten weichen in ihrer Wahrnehmung stark voneinander ab. So ist Amys Darstellung ihrer Ehe wesentlich positiver als bei ihrem Mann und Nick selbst erscheint aus Amys Sicht weitaus aggressiver, als er sich selbst darstellt.
Im zweiten Teil des Romans stellt sich heraus, dass Nick eine Affäre hat und Amy noch am Leben ist und sich versteckt. Sie plant, Nick zu benutzen, indem sie ihren Tod vortäuscht. Ihr Tagebuch ist eine Fälschung und soll Nick in den Fokus der polizeilichen Ermittlungen rücken. Amy geht das Geld aus und sie wird zudem von Gästen in dem Motel, in dem sie sich versteckt, ausgeraubt. In ihrer Not sucht sie ihren Ex-Freund Desi Collings auf, bei dem sie eine Zeitlang wohnen kann. Amy fühlt sich bei Desi wie gefangen, zumal er ihr auch noch sexuelle Avancen macht. Amy tötet Desi und kehrt zu Nick zurück, wobei sie ihm erzählt, dass sie entführt wurde. Nick bekommt heraus, dass sie eine Mörderin ist, bleibt jedoch bei ihr, da sie sein Kind erwartet.
Das Buch endet mit weiteren Tagebuchaufzeichnungen von Amy, als sie kurz vor der Geburt ihres Sohnes steht, und sie von ihrer Entführung und Gefangenschaft berichtet. Nick schreibt seine eigenen Memoiren, in denen er von den manipulativen Fähigkeiten und den mörderischen Absichten seiner Frau berichtet. Er löscht diese aber, als Amy ihn von ihrer Schwangerschaft in Kenntnis setzt.
Motive Die Motive in Gone Girl sind Unehrlichkeit, die Heimtücke der Medien und die durch die Wirtschaftskrise in den USA hervorgerufenen Katastrophen. Die Hauptfiguren belügen einander und damit auch den Leser über ihre Affären und Handlungen. Flynn sagte, sie habe das Buch geschrieben, um Unehrlichkeit und Lügen innerhalb einer „Ehe“ zu zeigen.
Auch die Rolle der Medien steht im Fokus. Nick erscheint schuldig – er wird in den Medien vorverurteilt, noch bevor ein Gerichtsprozess beginnen kann. Flynn als ehemalige Mitarbeiterin von Entertainment Weekly hatte bei ihrer täglichen Arbeit eigene Erfahrungen damit gemacht, wie die Medien nahezu jeden Aspekt im Leben einer verschwundenen Person infiltrieren können. Amys Ehemann wird als Hauptverdächtiger Opfer einer Medienhetze"raving tabloid-TV Fury" – sozusagen als Rache aller Frauen, denen Unrecht angetan wurde.
Hier sind Parallelen zur Vorgehensweise der US-Fernsehmoderatorin Nancy Grace zu erkennen. Der Autor Jeff Giles hob hervor, dass der Roman stark mit den Erwartungen der Leser spielt – Erwartungen, die von den Medien geprägt werden.
Für die New York Daily News ist das Hauptanliegen des Romans die Kritik an der schnellen Vorverurteilung eines Menschen durch die Medien.
Der San Francisco Chronicle kommentierte:
Flynn wollte den gesamtgesellschaftlichen Bankrott in Folge der Finanzkrise ab 2007 spürbar machen. Nicht nur, dass die beiden Protagonisten ihr Auskommen verloren haben, sie ziehen in eine Kleinstadt, die geprägt wird von unverkäuflichen Häusern und gescheiterten Unternehmen. Gegenüber der Huffington Post sagte sie:
Der Roman ist so etwas wie das Psychogramm einer Ehe, die nicht von Liebe, sondern von Neurosen und Egomanie bestimmt wird. Am Ende stellt sich die Geschichte als das perfekte Verbrechen heraus.Lovely Books, Buchkritik
Gillian Flynn und ihre Figuren Die beiden Hauptfiguren des Romans Nick und Amy geben sich als typische DINKs: schön, attraktiv und erfolgreich. Sie leben in der Großstadt New York, sind karrierebewusst und haben eine erfolgversprechende Zukunft in der Medienbranche vor sich. Amy wurde als Kind von ihren Eltern Rand und Marybeth Elliot, einem Psychologenehepaar, als „Amazing Amy“, eine idealisierte Figur des perfekten Kindes, vermarktet. Amy besitzt wie ihre Eltern den akademischen Grad eines Master in Psychologie und schreibt Persönlichkeitstest für Zeitschriftenmagazine. Nick hingegen ist ein bodenständiger Typ und stammt aus einer Kleinstadt in Missouri. Amys Hochzeitsgeschenk an Nick hatte die Form einer Schnitzeljagd, deren Stationen Begebenheiten aus der Zeit ihres Kennenlernens dokumentieren.
Die Zäsur beginnt, als beide ihre Jobs verlieren und ihren hohen Lebensstandard in New York nicht mehr halten können. Sie ziehen nach Missouri in die tiefste Provinz zu Nicks Eltern, wo sie versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen. „Amy wird schon zurechtkommen“ ist die Meinung von Nick Dunne, der seine Frau geradezu in eine ihr völlig unbekannte Umgebung „verschleppt“. Hier muss sich die Beziehung der beiden in einem neuen Ehealltag unter anderen Vorzeichen bewähren. Nach fünf Jahren Ehe verschwindet Amy und alles deutet darauf hin, dass Nick der Täter ist.
Der Leser lernt die beiden ambivalenten Protagonisten überwiegend aus ihrer eigenen Darstellung heraus kennen. Nick erscheint unsympathisch und verwickelt sich während der Befragung durch die Polizei in ein Netz aus Lügen. Amys Aufzeichnungen hingegen zeigen ein vollkommen anderes Bild und eine andere Sichtweise der Dinge. Der Leser wird im Unklaren gehalten, worin letztendlich die Wahrheit besteht.
Gillian Flynn verarbeitete eigene Charakterzüge und Erfahrungen in ihren Figuren. So war sie wie Nick Dunne Autorin in der Unterhaltungsbranche. Ähnlich wie Nick wurde sie, nachdem sie viele Jahre lang ihrem Job nachging, gekündigt. Ihre eigene Nervosität und Unruhe, welche sie in dieser Zeit der Arbeitslosigkeit gespürt hatte, verarbeitete sie in dessen Charakter.Flynn's 'Gone Girl' poised to be summer thriller, The Huffington Post, von Caryn Rousseau, 22. Juni 2012 Als Flynn gefragt wurde, wie sie so glaubhaft über das Innenleben eines Mannes schreiben könne, antwortete sie, das sei der männliche Anteil ihrer Persönlichkeit. Auch würde ihr Ehemann und ihre Freunde ihr dabei helfen, zu verstehen, wie Männer denken. Flynns autobiographisches Essay I was not a nice little girl, als innerer Monolog verfasst, lässt einige Parallelen zu der Figur der Amy Dunne zu. Sie habe damals eine leicht sadistische Art verspürt und Spinnen mit Ameisen gefüttert.„I was not a nice little girl. My favorite summertime hobby was stunning ants and feeding them to spiders.“ Das Indoor-Spiel „Mean Aunt Rosie“Übers. „Die gemeine Tante Rosie“ ermöglichte es Gillian Flynn, negativen Einfluss auf ihre Cousins (ihre Bezugspersonen) auszuüben. In ihrem Essay argumentiert die Autorin, dass Frauen im Allgemeinen ihre negativen Eigenschaften nicht erkennen bzw. verdrängen, während Männer die Gemeinheiten ihrer Kindheit meist überhöhen.
Die Autorin und ihr Werk Gillian Flynn stammt aus Kansas City (Missouri) und lebte in den Großstädten Chicago und New York City. Sie arbeitete zehn Jahre lang als leitende Kritikerin von TV-Sendungen für das Magazin Entertainment Weekly. Ihre ersten beiden Romane Cry Baby. Scharfe Schnitte (2006) und Dark Places. Gefährliche Erinnerung (2009) wurden mit Preisen ausgezeichnet und in den USA Erfolge. Flynns dritter Roman Gone Girl erschien 2012 und löste einen großen Medienhype aus. Der Roman, von dem über 3 Millionen Exemplare verkauft wurden, war lange Zeit auf Platz eins der New-York-Times-Bestsellerliste vertreten. Die Grundidee zu Gone Girl entsprang Flynns Bedürfnis, das Geheimnis der Ehe zu ergründen.
„Mir gefiel die Idee, eine Ehe als eine Art „Er sagt, Sie sagt“-Geschichte zu erzählen, eine Geschichte zweier Erzähler, denen der Leser nicht trauen sollte.“"I liked the idea of marriage told as a he-said, she-said story, and told by two narrators who were perhaps not to be trusted.", Gone Girl represents a much needed departure from Bridget Jones, von Katy Brand, Daily Telegraph, UK, 25. März 2013
Im Interview mit Entertainment Weekly sagte Flynn, dass ihre Werke durch Zoë Hellers Notes on a Scandal (Tagebuch eines Skandals) und Edward Albees Who's Afraid of Virginia Woolf (Wer hat Angst vor Virginia Woolf?) beeinflusst wurden. Der Schluss von Gone Girl sei von Rosemary’s Baby und dem darin enthaltenen Satz „Hey, the devil’s in the world, and guess what? Mom kind of likes him.“ („Hey, der Teufel ist auf die Welt gekommen und rate mal was? Mammi liebt ihn!“) inspiriert worden. Flynn wollte sich nicht auf ein Genre festlegen. Weitere Werke, die ihren Stil beeinflussen, sind die Mystery-Romane von Laura Lippman, Karin Slaughter, George P. Pelecanos, Dennis Lehane und Harlan Coben. Aber auch realistische, zeitgenössische Schriftsteller wie Joyce Carol Oates, Margaret Atwood, T.C. Boyle und Arthur PhillipsArthur Phillips, * 23. April 1969, US-Schriftsteller, Werke: Prague (2002), The Egyptologist (2004), Angelica (2007) und The Song is You (2009) hätten ihr Schaffen nachhaltig beeinflusst.
Form und Stil