mini|Edgar Allan Poe: Ulalume – Zeitgenössische Illustration von Dante Gabriel Rossetti (1828–1882) Ulalume ist eine Ballade des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe, die er wahrscheinlich nach dem Tode seiner Frau Virginia im Januar 1847 im Sommer dieses Jahres verfasst hat. Erstveröffentlicht wurde das Gedicht in der Dezember-Ausgabe 1847 von The American Review.
Aus heutiger literaturwissenschaftlicher bzw. literaturkritischer Sicht zählt diese Ballade zu den herausragenden Gedichten Poes. Werkhistorisch fällt sie in seine letzte lyrische Schaffensphase, in der er sich wieder verstärkt der Verskunst zuwandte, nachdem er mit der Veröffentlichung von The Raven 1845 einen neuen Anfang gesetzt und in The Philosophy of Composition 1846 seine dichtungstheoretischen Vorstellungen präzisiert hatte.Vgl. Franz H. Link: Edgar Allan Poe · Ulalume - A Ballad. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215 - 8, S. 107.
Wie beispielsweise in The Raven oder Ligeia und anderen lyrischen bzw. epischen Werken Poes geht es auch in Ulalume um die zentrale Thematik der Bewältigung des schmerzhaften Verlustes der verstorbenen wunderschönen Geliebten des Erzählers oder Sprechers.
In dieser Ballade versucht der gramgebeugte lyrische Erzähler in einer einsamen, gespenstisch-düsteren Herbstnacht nach dem Tod seiner geliebten Frau auf einem mitternächtlichen Spaziergang Erlösung von seinem Kummer und Schmerz zu finden durch die Inspiration und Beschwörung einer neuen Liebe. Während er innerlich Zwiesprache mit Psyche, seiner Seele, hält, zieht es ihn jedoch unbewusst zurück an das Grab der Verstorbenen.
Die Erinnerung an die tote Geliebte bleibt für den Erzähler unauslöschlich und kann auch nicht durch die Imagination einer neuen sinnlich-erotischen Liebesbeziehung verdrängt werden.Vgl. die Ausführungen und Belege zur zentralen Thematik des Gedichtes bei H. Link: Edgar Allan Poe · Ulalume - A Ballad. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215 - 8, S. 108f. Siehe zur Darstellung der zentralen Thematik auch: Cummings Study Guide (vgl. weblink unten) sowie Eric W. Carlson: Edgar Allan Poe: Ulalume - A Ballad. In: Martin Christadler (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972, ISBN 3-534-04760-5, S. 10 f.
Deutungsansatz mini|Erstabdruck von „Ulalume“ in „The American Review“ 1847 Bereits in der ersten Strophe führt der Sprecher der Ballade den impliziten Zuhörer in eine phantastische, gespenstisch-düstere Welt ein, die seiner eigenen tatsächlichen Wirklichkeit weit entrückt ist.
Die vom Dichter bewusst wirkungsvoll eingesetzte Wort- und Lautwahl dient dem suggestiven Aufbau einer unheimlichen Atmosphäre, die den Leser gleichsam mit den klassischen allegorischen und theatralischen Bestandteilen einer romantischen SchauergeschichteVgl. Brooks und Warren, die diese Atmosphäre als „the kind of suggestiveness used in romantic ghost stories“ beschreiben. In: Cleanth Brooks u. Robert Penn Warren: Understanding Poetry, New York 1943, S. 359 f. schon zu Beginn in ihren Bann zieht.
Gleichzeitig verweist die Namensgebung des Ortes auf eine imaginäre Landschaft in der poetischen Vorstellungskraft des lyrischen Erzählers.Siehe Franz H. Link: Edgar Allan Poe · Ulalume - A Ballad. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215 - 8, S. 109. Vgl. zu diesem Deutungsansatz auch detaillierter Eric W. Carlson: Edgar Allan Poe: Ulalume - A Ballad. In: Martin Christadler (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972, ISBN 3-534-04760-5, S. 6 f. und 12 f.
Der Name des Sees deutet auf Daniel-François-Esprit Auber, dessen Ballett Le Lac des Fées zur Zeit der Entstehung des Gedichts in New York erfolgreich aufgeführt wurde. In der Bezeichnung des Waldlandes verwendet Poe den Namen von Robert Walter Weir, der zu Poes Lebzeiten als Maler wild romantischer Szenen und Motive der Hudsonlandschaft berühmt war.Siehe Franz H. Link: Edgar Allan Poe · Ulalume - A Ballad. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215 - 8, S. 109 f. Siehe auch Eric W. Carlson: Edgar Allan Poe: Ulalume - A Ballad. In: Martin Christadler (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972, ISBN 3-534-04760-5, S. 11 f.
Der in den folgenden Strophen geschilderte Vorgang in dieser einsamen wolkenverhangenen Herbstnacht („The skies were ashen and sobre; […] It was night in the lonesome Octobre“) wird in der traditionellen Form eines Zwiegesprächs des Sprechers mit seiner Seele (Psyche) entfaltet. In diesem inneren Dialog versucht der Erzähler, seiner eigenen aufgewühlten Stimmung und Erregung seines Herzens („My heart was volcanic“) Herr zu werden.
Der Sprecher (und mit ihm der Dichter) lässt sich zunächst faszinieren von der gegen Morgen am Himmel aufsteigenden Astarte, der Mond- und Liebesgöttin, die ihm Frieden („Lithean peace of the skies“) und Liebe zu versprechen scheint. Ein Vergleich mit der keuschen jungfräulichen Göttin Diana in der römischen oder Artemis in der griechischen Mythologie betont zugleich die aufkeimende Hoffnung des lyrischen Ich auf Trost durch eine neue erotische Beziehung („She is warmer than Dian“).Vgl. detailliert Eric W. Carlson: Edgar Allan Poe: Ulalume - A Ballad. In: Martin Christadler (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972, ISBN 3-534-04760-5, S. 14 ff.
In dem Zwiegespräch mit der Seele misstraut diese jedoch dem Stern Astartes („Her pallor I strangely mistrust“). In Form einer verzweifelten Frage („Ah, what demon has tempted me here“) muss der Sprecher in der letzten Strophe des Gedichtes schließlich erkennen, dass dieser Stern, der anfangs Erlösung von seinem Schmerz zu verkünden schien, nur ein Trugbild war, das die Leichengeister („This ghoul-haunted woodland of Weir“) am Himmel erscheinen ließen, um ihn zu täuschen.Siehe Franz H. Link: Edgar Allan Poe · Ulalume - A Ballad. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215 - 8, S. 110 f.
Astartes Verheißung, in neuer sinnlicher Liebe („love in her luminous eyes“) Trost und Vergessen zu finden, erweist sich als unerfüllbar, wie der Sprecher am Ende erneut qualvoll bekunden muss („Then my heart it grew ashen and sober“). Die schmerzhafte Erinnerung an die verstorbene Geliebte lässt sich weder in der Wirklichkeit noch in der Phantasie auslöschen („”Tis the vault of thy lost Ulalume […] dread burden down here“).Vgl. eingehender zu diesem Deutungsansatz Franz H. Link: Edgar Allan Poe · Ulalume - A Ballad. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215 - 8, S. 110 f. Siehe auch Eric W. Carlson: Edgar Allan Poe: Ulalume - A Ballad. In: Martin Christadler (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972, ISBN 3-534-04760-5, S. 10 f.
Die strahlende Erscheinung Astartes verbleibt damit entgegen aller Hoffnung („Its sybillic splendor is beaming With Hope and in Beauty to-night“) am Schluss der Ballade antiklimaktisch in der weit entrückten Sphäre der Sternenbilder („miraculous crescent […] has come past the stars of the Lion“) und eines fernen Planeten, von dem es heißt, dass er „sündhaft aus der Hölle der planetaren Seelen funkele“ („This sinfully scintillant planet From the hell of the planetary souls“). Dieses sündhafte Funkeln deutet nicht nur auf die Verführung zu sinnlicher Liebe, sondern kann ebenso auf das Vortäuschen einer Erfüllung bezogen werden, die im irdischen Leben nicht zu realisieren ist.
In einer solchen Deutung zeigt sich dem Leser, „der sich auf die Faszination der Atmosphäre eingelassen hat“, am Ende „gewissermaßen mit dem Dichter zwar nicht der Illusionscharakter der im Gedicht beschworenen Welt insgesamt, doch der in ihr verheißenen Erfüllung.“ Das Wissen um die Künstlichkeit der von dem Sprecher des Gedichtes heraufbeschworenen (Phantasie-)Welt bestätigt Link zufolge gleichermaßen den Zweifel an der Gültigkeit einer solchen Verheißung.Siehe Franz H. Link: Edgar Allan Poe · Ulalume - A Ballad. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215 - 8, S. 110 f. Siehe auch die eingehende Ausdeuung der letzten Strophen des Gedichtes bei Eric W. Carlson: Edgar Allan Poe: Ulalume - A Ballad. In: Martin Christadler (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972, ISBN 3-534-04760-5, S. 16 ff.
Bedeutung des Titels Der Name Ulalumes kann als eine Anpassung des lateinischen Verbs „ululare“ (dt. „wehklagen“) an die Reimwörter „gloom“ (dt. „Düsterheit, Hoffnungslosigkeit“) und „tomb“ (dt. „Grab, Gruft“) verstanden werden. Ulalume drückt damit die Klage des Dichters aus, die er schon 1831 in Israfel äußerte, dass er sich „als Irdischer nicht in die Höhe des Himmels zu erheben und so schön wie der Engel dort zu singen vermag.“ Vokalisch reimt sich ume ebenfalls in dem Gedicht mit ghoul (dt. Ghul). Vereinzelt wird in der Deutung auch auf Parallelen zu dem türkischen Wort Ula für „tot“ und lateinisch lumen für Licht hingewiesen; Ulalume könnte in dieser Lesart als Todeslicht verstanden werden.Vgl. Franz H. Link: Edgar Allan Poe · Ulalume - A Ballad. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215 - 8, S. 112, und Eric W. Carlson: Edgar Allan Poe: Ulalume - A Ballad. In: Martin Christadler (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972, ISBN 3-534-04760-5, S. 12 und 17 ff. Siehe auch Cummings Study Guides (weblink unten).
Poetische Gestaltungsform Poes Ballade wird nicht nur durch die Begegnung mit dem Grab der verstorbenen Geliebten zum Klagegedicht. Bereits in den ersten Zeilen der Anfangsstrophe von Ulalume erscheint die Atmosphäre als düster und gespenstisch. Durch die Wiederholung der gleichen Reimworte in der dritten Strophe wird diese atmosphärische Düsterheit und Unheimlichkeit weiter intensiviert. Ebenso bestimmen dunkle Reimworte das Klangmuster in der neunten Strophe, in der von dem Wiedererwachen der zuvor verblichenen Erinnerung berichtet wird. Auf diese Weise wird die schließliche Enttäuschung am Ende der Ballade vorweggenommen.
Durch die Konstanz des metrischen Schemas über alle Strophen hinweg wird die mit ihm assoziierte trübsinnige bzw. schauderige Stimmung zum prägenden Hintergrund, der auch während des vorübergehenden Aufflackerns der Hoffnung vorausweisend deren Unerfüllbarbeit ankündigt.Vgl. dazu die Analyse von Franz H. Link: Edgar Allan Poe · Ulalume - A Ballad. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215 - 8, S. 112.