miniatur|Heidelberg. Das Bild, um 1800, zeigt, was das gleichzeitige Gedicht aufruft: Neckar, Brücke und Schloss.Kolorierte Radierung von Friedrich Rottmann. Heidelberg ist eine Ode von Friedrich Hölderlin. Sie ist eines seiner berühmtesten Gedichte und zugleich eines der berühmtesten Gedichte über die Stadt Heidelberg. Eduard Mörike, der den kranken Hölderlin im Tübinger Hölderlinturm mehrmals besuchte, hat sie 1847 „das schönste Hölderlinische Gedicht“ genannt,Er schickte eine „Abschrift des schönsten Hölderlinischen Gedichts“ an seinen Freund Wilhelm Hartlaub (1804–1885). Brief vom 26./27. März 1847. In: Eduard Mörike – Werke und Briefe Band 15. Hrsg. von Hubert Arbogast und anderen. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2000. ISBN 3-608-33150-6, S. 143. Adolf Beck 1947 „eines der reinsten und edelsten Gebilde deutscher Lyrik“,Beck 1948, S. 48. der nordamerikanische Literaturwissenschaftler Cyrus Hamlin (1936–2011) 1970 ein „Musterbeispiel für Hölderlins reife Oden“.Hamlin 1970, S. 437.

Entstehung und Überlieferung

Dem Gedicht liegen nach einhelliger Ansicht der Forschung mindestens zwei Besuche Hölderlins in Heidelberg zugrunde. Über den ersten Besuch, am 3. Juni 1788, auf seiner ersten Reise über die engere Heimat hinaus, berichtete der Achtzehnjährige nach der Rückkehr in die evangelische Klosterschule in Maulbronn der Mutter in Nürtingen:Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 35. „Von Schwezingen nach Heidelberg hatten wir drei Stunden lang schnurgerade Chaussee – und auf beiden Seiten alte, eichengleiche Maulbeerbäume. Ungefär um Mittag kamen wir in Heidelberg an. Die Stadt gefiel mir außerordentlich wohl. Die Lage ist so schön, als man sich je eine denken kan. Auf beiden Seiten und am Rüken der Stadt steigen steile waldichte Berge empor, und auf diesen steht das alte, ehrwürdige Schloß. <...> Merkwürdig ist auch die neue Brüke daselbst.“ Zum zweiten Mal kam Hölderlin so gut wie sicher sieben Jahre später durch Heidelberg, im Juni 1795, als er die Universität Jena aus nicht ganz erhellbaren Gründen fluchtartig verlassen hatte – wohl unter anderem wegen des Gefühls einer erdrückenden Übermacht Friedrich Schillers und Johann Gottlieb Fichtes.Beck und Raabe 1970, S. 42. Die Ode „verschmilzt beide Erinnerungen“.Frankfurter Ausgabe Band 5, S. 459. Der alte, kranke Hölderlin äußerte, er sei zweimal in Heidelberg gewesen;Stuttgarter Ausgabe Band 2, 2, S. 408. doch sind weitere Besuche nicht ausgeschlossen, die die Niederschrift veranlasst haben könnten.

Der erste, zehnstrophige Entwurf entstand wohl 1798. Dessen erste acht Strophen sind in einem Manuskript im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg,Das Manuskript – es ist das, welches Mörike für Hartlaub kopierte – wurde 1981 gestohlen und 1991 wiedergefunden: Zeittafel zur Heidelberger Geschichte ab 1965. Abgerufen am 11. Mai 2014. die letzten beiden in einem Manuskript der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart überliefert. Ein weiteres Manuskript der Württembergischen Landesbibliothek („Homburg.H,21-22“) enthält die achtstrophige Fassung, nach dem Gedicht Empedokles und gefolgt von den Gedichten Die Götter und Der Nekar. Ebendiese vier Gedichte wurden 1801 in der Zeitschrift Aglaia. Jahrbuch für Frauenzimmer auf 1801 gedruckt. Die Beziehung zwischen dem Druck und „Homburg.H,21-22“ ist nicht sicher. Eine Hypothese lautet, Hölderlin habe die Gedichte aus dem Aglaia-Druck noch einmal ins Reine geschrieben,Frankfurter Ausgabe Band 5, S. 459. vielleicht für eine erhoffte Gesamtausgabe seiner Werke. Die Fassungen in „Homburg.H,21-22“ und Aglaia sind im Wesentlichen gleich. In die vierte und siebente Strophe hat Hölderlin in „Homburg.H,21-22“ allerdings Änderungen eingetragen.Die geänderte vierte Strophe lautet: Aber ferne vom Ort, wo er geboren zog Ach! die dunkle die Lust, welche den Halbgott treibt, Liebend unterzugehen Dir den deinen, den Strom hinab. Die geänderte siebente Strophe beginnt: Ihr verjüngendes Licht über das grauliche Riesenbild, beides nach „Konstituierter Text IV“ in Frankfurter Ausgabe Band 5, S. 468.

In diesem Artikel wird Hölderlin, wenn nicht anders angegeben, nach der von Friedrich Beissner, Adolf Beck und Ute Oelmann (* 1949) herausgegebenen historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe zitiert. Heidelberg ist dort mit der Aglaia-Fassung identisch, einschließlich der Interpunktion aber mit Ausnahme der für Hölderlins nicht erhaltene Druckvorlage vermuteten Schreibungen „Brüke – gieng – reizende – hieng – Schiksaalskundige“ (Aglaia-Druck „Brücke – ging – reitzende – hing – Schicksalskundige“). Der zehnstrophige Entwurf von Heidelberg ist der von Dietrich Sattler herausgegebenen historisch-kritischen Frankfurter Ausgabe entnommen.

Text und Interpretation

Interpretationen des Gedichts haben Emil Staiger, Adolf Beck, Cyrus Hamlin, Gerhard Buhr, Jochen Schmidt und Ulla Hahn gegeben.

Heidelberg gehört zu den seltenen Werken Hölderlins, in denen er sich nicht ins antike Griechenland, nicht in ferne Vergangenheit oder Zukunft begibt, sondern in eine heimatliche Landschaft. Die Ode vermittelt ein wirklichkeitsgetreues Bild Heidelbergs vom Standpunkt der damals, wie er der Mutter schrieb, neuen, heute so genannten Alten Brücke aus. Die Ode feiert die Stadt mittels ihrer drei Geographika Fluss, Brücke und Schloss. Mehr als das aber ist sie ein Erinnerungs- und Dankgedicht, Erinnerung an und Dank für einen „Zauber“, der ihm einst „Wie von Göttern gesandt“ (Vers 9) geschenkt wurde und für den er nun ein Gegengeschenk machen möchte. Geschenkt wurde ihm damals ein „in Gegensätzen harmonisch gegliedertes Bild der Natur als Sinnbild des Seins“, in dem er „sich geborgen fühlen und die Spannungen seines Daseins aufgehoben, den Rhythmus seiner Seele gespiegelt finden“ durfte.Beck 1947, S. 54, auch zitiert von Hamlin 1970, S. 438. Das asklepiadeische Versmaß der Ode, ein Gebilde hoher Künstlichkeit, scheint dem Wunsch zu widersprechen, ein „kunstlos Lied“ (Vers 2) zu schenken. Aber für Hölderlin stand die griechische Kunstform der Natur nah und erleichterte die in dem Gedicht symbolisierte Rückkehr zu ihr.Buhr 1987, S. 87. Aglaia-FassungNach der Stuttgarter Ausgabe Band 2, 1, S. 14–15 mit deren erwähnten Anpassungen an Hölderlins vermutete Orthographie. Entwurf„Konstituierter Text 1C/D“; Frankfurter Ausgabe Band 5, S. 464–465.Lange lieb’ ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied, Du, der Vaterlandsstädte Ländlichschönste, so viel ich sah.

Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt, Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt, Leicht und kräftig die Brüke, Die von Wagen und Menschen tönt.Lange lieb’ ich dich schon, möchte dich mir zur Lust Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied, Du der Vaterlandsstädte Ländlichschönste, so viel ich weiß!

Zwar dein Nekar umschlingt auch das verborgene Städtchen, wo mich der Wald freierem Sinn erzog, Wo mit Stralen des Maitags Mich Apollo zuerst beseelt.

Doch gereifter und schon stolzer umschmeichelt dir Deine Wiesen der Strom, und dem geschäfftigern Wellenspiele vertrauen Schon die ernsteren Schiffe sich.

Wie der Vogel des Walds über die wehenden Eichengipfel so schwingt über den Strom sich dir Leicht und kräftig die Brüke, Die von Wagen und Menschen rauscht.

Hölderlin wurde in Lauffen am Neckar geboren. In Nürtingen und Tübingen verbrachte er Kindheit und Jugend. In den beiden aus dem ursprünglichen Entwurf getilgten Strophen wird deutlich, dass ihm Heidelberg all diese Neckarstädte repräsentiert, wo ihn „Apollo zuerst beseelt“ (Entwurf Vers 8). Durch die Tilgung nimmt er seine Subjektivität zurück zugunsten der Objektivität der Stadt. Buhr meint, im „Du“ des Gedichts werde neben der Stadt die mütterliche Stadtgottheit, die – in Der Archipelagus so genannte – „Mutter Athene“ angesprochen. Deren Figur wurde 1790 auf der 1788 fertiggewordenen Brücke aufgestellt. Heidelberg ist der „Vaterlandsstädte / Ländlichschönste“. In den durch das Versende getrennten, durch das Enjambement aber verbundenen Wörtern ist nach Buhr die Gegensätzlichkeit und zugleich Verbundenheit von Stadt und Land, Kultur und Natur, Geist des Vaterlandes und natürlicher Schönheit, „dem Bereich des Vaters und den darin zu findenden Orten der Mutter“ ausgedrückt.Buhr 1987, S. 86.

Von der Dreiheit der Heidelberger Wahrzeichen Brücke – Fluss – Schloss gilt die „wahrhaft herrliche“Beck 1947, S. 51. zweite (Aglaia)-Strophe der Brücke. Ihr Bogen wird der Linie eines Vogelflugs verglichen. „Nie wurde eine Brücke vollkommener erbaut als in diesen Zeilen. Die Brücke, die Wörter, das Bild des Vogelflugs: eine einzige Harmonie. Bewegung wird nicht behauptet, sie ist.“Hahn 1995.„Die Brücke stellt also ein Ineinanderübergehen von fester Form und dynamischer Bewegung dar. Dies wird durch den Rhythmus und die Syntax der Sprache Hölderlins unterstrichen.“ Die asklepiadeischen Verse spiegeln im Auf und Ab betonter und unbetonter Silben das Auf und Ab des Vogelflugs. „Auf diese Weise ahmt Hölderlin durch seine Sprache jenen Zustand nach, den die Brücke in ihrem Sich-Hinüberschwingen und Ertönen verkörpert.“Hamlin 1970, S. 442–443. Wie von Göttern gesandt, fesselt’ ein Zauber einst Auf die Brüke mich an, da ich vorüber gieng, Und herein in die Berge Mir die reizende Ferne schien,

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog, Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön, Liebend unterzugehen, In die Fluthen der Zeit sich wirft.

Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn All’ ihm nach, und es bebte Aus den Wellen ihr lieblich Bild.Wie von Göttern gesandt, hielt mich ein Zauber fest Da ich müßig und still über die Brüke gieng Ein vertriebener Wandrer Der vor Menschen und Büchern floh.

Ach da rauschte der Strom zögernd hinaus ins Land Traurigfroh, wie das Herz, wenn es sich selbst zu schön Liebend unterzugehen In die Fluthen der Zeit sich wirft,

Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen Holde Schatten geschenkt; deine Gestade sahn Treu ihm nach und es bebte Aus den Wellen ihr lieblich Bild.

Mit der dritten (Aglaia)-Strophe wechselt das Gedicht in die Vergangenheitsform, die es bewahrt bis zum letzten Wort „ruhn“. „Wie von Göttern gesandt, fesselt’ ein Zauber einst / Auf die Brüke mich an, da ich vorüber gieng“ (Vers 9–10). Der Entwurf sagt, unter welchen Umständen Hölderlin der „Zauber“ widerfuhr. Ein Vertriebener war er, „Der vor Menschen und Büchern floh“ (Entwurf Vers 20). Die Forschung bezieht die Verse auf Hölderlins „Flucht“ aus Jena im Juni 1795. „Lange“ (Vers 1) liebte er Heidelberg damals schon, jetzt wurde ihm der „Zauber“ Heilung. „Jedenfalls trifft diese Wendung auf keine andre Zeit so gut zu.“Stuttgarter Ausgabe Band 2, 1, S. 408. Die Aglaia-Fassung belässt es beim „da ich vorüber gieng“; wieder nimmt Hölderlin seine Subjektivität zurück.