mini|hochkant|Eugen H. Kuchenbuch, Porträtfoto mini|hochkant|Eugen H. Kuchenbuch bei einer Yogaübung Eugen Herbert Kuchenbuch (bekannt auch unter dem Künstlernamen Eugen Heribert, * 20. Juli 1890 in Aussig, Böhmen; † 18. April 1985 in Marburg) war ein deutscher Schauspieler, Intendant, Autor von Dramentexten und Libretti, Journalist und Professor für Schauspielkunst.
Leben Jugend und Ausbildung Kuchenbuch wurde als Sohn des zurückgekehrten Amerika-Auswanderers und späteren Direktors der Böhmisch-Sächsischen Dampfschiffgesellschaft Ernst Kuchenbuch geboren. Seine Jugend verbrachte er in Aussig, später in Dresden oder auf dem Weingut seiner Großeltern in Niederlößnitz (Paradiesstraße 19).Adressbuch von Dresden mit Vororten (1901), S. 395.
Die Sonderstellung seines Vaters wiegte ihn in der Vorstellung von einer heilen, monarchisch geordneten Welt. Mit dessen Tod aufgrund der Nachwirkung eines Unfalls, brach sie für Kuchenbuch zunächst zusammen. Zudem ergaben sich in der neuen Situation auch Unstimmigkeiten in der Familie. Er zog noch vor dem Abitur aus dem Elternhaus, um sich in Einsamkeit seinen Studien besser widmen zu können. Nach dem Abitur wollte er zunächst Naturwissenschaften studieren, gab diesen Plan aber wieder auf und wendete sich, von einem entsprechenden Schlüsselerlebnis inspiriert, dem Theater zu und nahm in Dresden dann auch den ersten Schauspielunterricht. In der Folge siedelte er nach München um, studierte dort Literatur- und Kunstwissenschaften, nahm parallel dazu weiteren Schauspielunterricht bei A. Kronwald unter anderem unter der Anleitung Ernst Ritter von Possarts. Als Gegenprogramm sah er seine Mitwirkung in Münchner Künstlertheatern und Kabaretts als Akteur, Deklamator und Vorleser (unter anderem im „Schwabinger Schattentheater“ von Alexander von Bernus). Ab 1908/9 erhielt er erste Engagements beginnend als „schüchterner junger Liebhaber“ in Potsdam und in verschiedenen Saisontheatern.
Kriegsausbruch und Militär Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat er als Freiwilliger in das Regiment der Potsdamer Gardedragoner ein. Er verließ das Regiment wegen auftretender (möglicherweise auch psychisch bedingter) Sehschwierigkeiten; amtliche Tatsache war, dass bei einer freiwilligen Untersuchung eine starke Sehschwäche entdeckt wurde. Die Desillusionen der Kasernenzeit, obschon und gerade in einem so traditionsreichen Regiment erlebt, führte bei ihm zu einer anhaltenden Abneigung gegen Militarismus und Nationalismus, und er sah, inspiriert durch die expressionistische Bewegung, seine zukünftige Aufgabe wiederum in einer fundamental neu zu begründenden Theaterarbeit.
Theaterarbeit in der Weimarer Republik Er nahm, nun vom Militärdienst verabschiedet und befreit, verschiedene Engagements an, unter anderem in Mainz und Brüssel und gelangte schließlich zum Deutschen Theater Berlin unter Max Reinhardt. Allmählich wechselte er vom „jugendlichen Liebhaber“ zum Charakterfach z. B. mit Rollen wie „Franz Moor“ (Schiller: „Die Räuber“), „Savanarola“ (Thomas Mann: „Fiorenza“) oder „Shylock“ (Shakespeare: „Der Kaufmann von Venedig“).
Die Schauspielerin Mischket Liebermann, die bei ihm in Berlin Unterricht nahm, erzählt in ihrer Autobiographie: „Weltanschaulich gingen unsere Meinungen oft auseinander. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung fand er unmoralisch. Am Kommunismus gefiel ihm vieles, aber nur soweit, wie er es mit seinen religiösen Anschauungen in Einklang bringen konnte. Er war Katholik.“ Und: „nie hat er auch nur einen Heller von mir genommen.“Mischket Liebermann: Aus dem Ghetto in die Welt. Autobiographie. Verlag der Nation, Berlin, 1977. S. 62
1921–1925 wirkte Kuchenbuch als Oberregisseur unter Saladin Schmitt, der ihn ans Schauspielhaus Bochum holte. Dort fand 1924 die Uraufführung seines Stücks „Königin Draupadi“ statt (ein expressionistisch-symbolistisches Inkarnationsdrama in Anlehnung an die indische Mythologie). Ellen Widmann, wenige Jahre danach in Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ erstmals im Kino zu sehen und später auch bedeutende Darstellerin von Dürrenmatt-Stücken, übernahm die Hauptrolle. Er heiratete die Schweizer Schauspielerin im selben Jahr. Die Ehe wurde später wieder geschieden.
Von 1925 bis 1926 leitete er als Intendant das Recklinghauser Theater. Danach nahm er neben wechselnden Rollen und Regien seine Arbeit an der Theaterschule Berlin bei Max Reinhardt wieder auf. Vor allem galt er als Spezialist für die Sprachausbildung. Zu seinen Schülern gehörten bekannte Stummfilmstars, die sich durch das Aufkommen des Tonfilms genötigt sahen, deutsche Bühnensprache zu lernen und sich stimmlich zu bilden wie unter anderem auch Leni Riefenstahl und Martin Herzberg.
In Spanien Im Jahr 1931 leitete er ein Auslandsseminar in Las Palmas de Gran Canaria, das durch die Zusammenarbeit mit skandinavischen Filmschauspielern zustande kam. Es war vor allem initiiert durch Martin Herzberg, dem deutschen Kinder- und Jugendfilmstar. Die „Skandinavier“ erhielten in Reinhardts Berliner Theaterschule Unterricht und wollten als intensive Arbeitsgruppe sich in einem externen Sommerseminar weiterbilden.
Dieser für einen Monat geplante Aufenthalt auf den Kanaren sollte sich (nicht zuletzt durch die politischen Ereignisse in Deutschland) für fast alle Seminarteilnehmer auf mehrere Jahre ausdehnen, oder vielmehr in einer offiziellen Auswanderung nach Spanien münden. In dieser kanarischen Zeit verfasste Eugen Heribert Kuchenbuch Dramen und Libretti unter anderem die komische Oper „Adelina“ mit dem Untertitel „eine spanische Liebeslegende“, (die später, vertont von Nino Neidhardt, 1940 in Dresden uraufgeführt wurde).
Nach einer eingeschobenen Deutschlandreise 1934, die unter anderem einem Klosteraufenthalt und der Teilnahme an Exerzitien galt, kehrte er wieder auf die Kanarischen Inseln zurück, um in der Kolonie der skandinavischen Filmschauspieler an seinen literarischen Projekten weiterzuarbeiten. Auf einer neuerlichen Reise von Las Palmas aus durch Frankreich und Spanien wurde er 1936 in Barcelona vom Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs überrascht. Er ergriff die Gelegenheit, Photoreportagen von den Ereignissen vor Ort zu machen.
Im Zusammenhang damit wurde er wie andere Ausländer ausgewiesen und auf einem italienischen Schiff mit Kurs nach Genua abgeschoben. Schon an Bord wurde er als vermeintlicher Spion von der Gestapo verhaftet und nach München ins Staatsgefängnis überstellt. Die dort residierende spanische Infantin Paz, Gattin von Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern, die er bei früherer Gelegenheit kennengelernt hatte, erwirkte seine Freilassung.
In der Türkei Noch im selben Jahr 1936 nahm er, wie andere Künstler und Lehrende, die der Reichskulturpolitik kritisch gegenüberstanden, ein Angebot im Rahmen des „deutsch-türkischen-Kulturabkommens“ an und wurde Professor in Ankara (für Schauspiel und Stimmausbildung), zusammen mit Alfred Braun, Paul Hindemith unter anderen Mitgliedern der damaligen Berliner Künstlerkreise im Bereich Rundfunk, Theater, Musik. Sie übernahmen in der Folge Aufgaben an der Staatlichen Musikhochschule Ankara. Kuchenbuch heiratete dort die Tochter eines Hindemith-Assistenten.
In Dresden und Wien Nach der politisch bedingten Beendigung des „deutsch-türkischen Kulturabkommens“ im Jahr 1939, wurde er zum Oberspielleiter in Karlsbad berufen, dort war die Geburt seines Sohnes Thomas, darauf zum Oberspielleiter in Dresden. Im Jahr 1942 wurde er zum Professor am Max Reinhardt Seminar in Wien ernannt, zeitweise nahm er auch die Leitung des Seminars wahr. Das Max Reinhardt Seminar war damals ein Teil der Hochschule bzw. Akademie, bzw. heute der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. In Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit am Max Reinhardt Seminar führte er Regie für Chorwerke, Lesungen und Theateraufführungen unter anderem für das Burgtheater, für das Schlosstheater Schönbrunn, für das Theater in der Josefstadt.
Privat gehörte er einem Kreis von Personen an, die NS-Flüchtlingen aus Österreich, Polen, Ungarn zur Ausreise bzw. Flucht verhalfen.
Nach 1945 gründete er das Schauspielerensemble und Theater „Die Stephansspieler“, das sich in den Dienst einer traditionsbezogenen, antifaschistischen Kulturarbeit stellte. Auf dem Spielplan standen u. a.: Emmet Lavery: „Die erste Legion“, „Der Londoner verlorene Sohn“ (eine Shakespeare Apokryphe, bearbeitet von Ernst Kamnitzer), Jerome K. Jerome: „Der Fremde“, Calderon: „Der wundertätige Magus“.Herbert Lederer: Bevor alles verweht … Wiener Kellertheater 1945 bis 1960. Österreichischer Bundesverlag. Wien 1986, S. 51. Vgl. Eintrag über die Stephansspieler 1946–1948. In: Österreichischer Theateralmanach. Wien 1949, S. 124 ff.
In München Ab 1947 verließ er Österreich und zog nach München; er lehrte dort an der Philosophischen Hochschule Berchmannskolleg München-Pullach, S.J., der er seit seiner Exerzitienzeit verbunden war (Fächer: Phonetik, Sprachausbildung, Rhetorik). Daneben war er, abgesehen von gelegentlichen Regiearbeiten und Schauspielauftritten, im Jugendamt München tätig als Leiter des Münchener Seminars für Ausdrucksschulung.
Lebensabend Nach seiner Pensionierung 1958 siedelte er wieder nach Las Palmas de Gran Canaria um. Die Jahre 1961–65 verbrachte er, der Einladung eines befreundeten Ehepaars folgend, in der Schweiz (bei Interlaken), um dann 1965 wieder, dem Ruf der internationalen Künstler- und Ärztekolonie folgend, auf den Kanarischen Inseln Wohnsitz zu nehmen, diesmal in Santa Cruz de Tenerife, wo er eine Yoga-Akademie leitete und während der Sommermonate zur Meditation in eine Höhlenwohnung in den Bergen zog. In dieser Zeit beschäftigte sich die spanische Presse vermehrt mit seiner exzentrischen Biographie und brachte Artikel über seine Arbeit und sein Leben „zwischen Rampenlicht und klösterlicher Zurückgezogenheit“. Zu einer Operation gezwungen, wandte er sich nach Deutschland und verbrachte ab 1972 die letzten Jahre in Marburg an der Lahn, wo er 1985 starb.
Werk Abgesehen von seiner Tätigkeit als Schauspieler, Regisseur und Intendant ist sein Werk am ehesten als Einheit von Lehre und Bühnenarbeit zu begreifen, als lebenslanger Unternehmung, ein Konzept von ganzheitlicher Theaterarbeit zu entwickeln, in dem die Ausbildung der Künstlerpersönlichkeit im Mittelpunkt steht. Insofern lassen sich vielfältige Bezüge seiner Arbeit zu Stanislawskis Lehrkonzept herstellen, das seinerzeit allerdings mehr vom Hörensagen als durch systematische Publikationen bekannt war.
Theaterarbeit vor dem Ersten Weltkrieg Die Zeit der ersten häufig wechselnden Engagements (1809–1914) bot reichlich Gelegenheit zum Erwerb von Bühnenroutine. Er lernte als fortwährend, nahezu pausenlos beschäftigter Schauspieler fast alle Spielarten des Theaterbetriebs kennen, vom Sommertheater in der Provinz bis zum Galatheater in der Residenz. Bei Chorproben lernte er Max Reinhardt kennen und war von dessen Arbeit sofort fasziniert, wie umgekehrt Max Reinhardt schon damals auf ihn aufmerksam wurde. Eine Zusammenarbeit ergab sich allerdings erst später anlässlich Kuchenbuchs Engagement im Deutschen Theater in Berlin (erstes Engagement dort 1918–1920).
Der Weltkrieg und die Bewegung des Expressionismus