mini|Tiferet-Jisraʾel-Straße 400px|mini|Altstadt von Jerusalem heute, im Südosten des Jüdischen Viertels (hellblau umgrenzt) Das Jüdische Viertel (, ) von Jerusalem ist eines der vier traditionellen Viertel im Südosten der Jerusalemer Altstadt. Es liegt in Ostjerusalem und umfasst 133 Dunam (= 133 000 m²).The Company for the Development and the Reconstruction of the Jewish Quarter in the Old City of Jerusalem Ltd.: . Das heutige Areal wurde von der israelischen Regierung nach der Einnahme der Altstadt im Sechstagekrieg geschaffen; sie bezog sich dabei auf das (kleinere) jüdische Viertel, wie es vor dem Palästinakrieg 1948 bestanden hatte. Dieser Krieg und die nachfolgende jordanische Verwaltung hatten schwere Schäden an der Bausubstanz des Viertels verursacht, so dass ein mehr als 15 Jahre dauernder, umfassender Wiederaufbau des Viertels erforderlich war. Bei dieser Gelegenheit fanden umfangreiche archäologische Grabungen statt, deren Ergebnisse teils als archäologische Zonen im Stadtbild sichtbar sind, teils in Museen unter den Neubauten präsentiert werden. Der Neubau des Viertels erfolgte mit Integration älterer Bausubstanz einheitlich in einem neo-orientalistischen Stil. Seit den 1990er Jahren gehört das Jüdische Viertel zu den Jerusalemer Stadtteilen mit mehrheitlich ultra-orthodoxer Bevölkerung. In der Nähe der Westmauer (haKotel haMaaravi) haben sich zahlreiche Talmudhochschulen angesiedelt, deren Studenten im Viertel wohnen.
Geografie Da das Jüdische Viertel innerhalb der historischen Altstadtmauer liegt, erfolgt der Zugang durch die Tore dieses Mauerrings. Zwei Tore in der Südmauer sind der direkte Weg ins Viertel:
Dungtor: Zugang zur Western Wall Plaza vor der Klagemauer, 1985 für die Durchfahrt von Bussen erweitert. Zionstor: Über die Straße des Armenischen Patriarchats sind die zwei Parkplätze des Jüdischen Viertels zugänglich; sie ist darüber hinaus für Einsatzfahrzeuge und Warenlieferungen von großer Bedeutung.Heddy Breuer Abramowitz: Jewish, Armenian Old City neighbors unite to contest renovation plans. In: The Jerusalem Post, 9. September 2019.
Darüber hinaus haben das Jaffator im Westen und das Damaskustor im Norden für die Bewohner der Jerusalemer Neustadt Bedeutung, weil man von dort aus auf den Hauptachsen der Altstadt zu Fuß zum Jüdischen Viertel kommt. Das gilt besonders für die Talstraße (Tariq Al Wad / Rechov haGai), der kürzeste Weg von den Stadtteilen der Charedim im Nordwesten (z. B. Meʾa Scheʿarim) zur Klagemauer.
Geschichte bis 1967 Antike jüdische Metropole Auf dem Areal des Jüdischen Viertels befand sich die Neustadt (haMischne) des eisenzeitlichen Jerusalem, die zur Zeit des Königs Hiskija als Wohnbereich erschlossen und mit einer Stadtmauer (Bodendenkmal „Breite Mauer“) gesichert wurde. Diese Stadterweiterung gilt als Folge des Untergangs des Nordreichs Israel (722/720 v. Chr.), denn Flüchtlinge aus dem Norden strömten ins Südreich Juda, so dass die Bevölkerung Jerusalems anstieg.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 552 f.
In hellenistischer Zeit und bis zum Jüdischen Krieg war das Areal des heutigen Jüdischen Viertels mit der Oberstadt und der Unterstadt des antiken Jerusalem bebaut. Aus der Literatur sind zahlreiche öffentliche Gebäude bekannt: ein Gymnasion mit Ephebie und Ringschule, der Palast der hasmonäischen Könige, ein Rathaus, ein Theater und ein Hippodrom. Unter Herodes erfolgte die „Transformation zur jüd. Metropole und gleichzeitig zu einer hell.-röm. Königsstadt“;Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 1110. die Tempelplattform wurde auf die heutige Dimension vergrößert und darauf der Tempel mit seinen Höfen und Säulenhallen errichtet. Große Treppen- und Brückenanlagen brachten die Pilger vom Straßenniveau auf die Höhe des Tempelgeländes. Westlich und südlich des Tempels lagen dem archäologischen Befund nach die Villen der Priesteraristokratie, während Gewerbezonen den tiefergelegenen Teil der antiken Stadt prägten.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 553–559.
Spätantike und byzantinische Stadt Bei der römischen Einnahme im Jahr 70 n. Chr. wurde Jerusalem vollkommen zerstört, und die Neugründung Aelia Capitolina in der Regierungszeit des Kaisers Hadrian war eine pagane Stadt, deren Betreten für Juden verboten war. Dieses Verbot galt auch für das seit Kaiser Konstantin als christliches Pilgerziel aufgewertete byzantinische Jerusalem.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 559–561.
Das Zentrum der unbefestigten spätantiken Zivilstadt befand sich auf dem Areal, das heute zum Christlichen und Muslimischen Viertel der Altstadt gehört. Der Cardo secundus durchquerte das Areal des heutigen Jüdischen Viertels in Nord-Süd-Richtung; westlich dieser Straße befand sich das Legionslager. In byzantinischer Zeit wurde die Zehnte Legion verlegt und damit eine Ausdehnung der Zivilstadt nach Süden ermöglicht. Diese Neustadt umfasste nun auch das Areal des heutigen Jüdischen Viertels. An dem verlängerten Cardo Maximus wurde die Nea-Maria-Kirche mit Nebengebäuden (Hospiz, Spital, Bibliothek; Bodendenkmal) errichtet, die größer dimensioniert war als die konstantinische Grabeskirche.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 1117–1119.
Frühislamische, kreuzfahrerzeitliche und mamelukische Stadt Geschichte der jüdischen Gemeinde Jerusalems Erst in frühislamischer Zeit konnte sich wieder eine jüdische Gemeinde in Jerusalem etablieren; ab jetzt kann man also von einem „jüdischen Viertel“ in der Stadt sprechen, dessen Lage allerdings im Lauf der Jahrhunderte wechselte:Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 561–563.
Im 11. Jahrhundert lag das Viertel südwestlich des Haram mit einer in den Texten aus der Kairoer Geniza mehrfach bezeugten „Höhlensynagoge“ in der Klagemauer. Diese „Höhle“ erlitt bei einem Erdbeben 1033 schwere Schäden und wurde von der jüdischen Gemeinde instandgesetzt. Sie wird versuchsweise (z. B. von Dan Barag) mit dem Warren-Tor und seiner Eingangshalle identifiziert.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 157 f.
Das Zionstor wurde vom Chronisten Mudschir ad-Din (1496) als „Tor des Jüdischen Viertels“ bezeichnet, was offenbar auf die Lage dieses ältesten Jüdischen Viertels anspielt. Als die Kreuzfahrer 1099 Jerusalem eroberten, ermordeten sie muslimische und jüdische Einwohner; für die folgende Zeit berichten die Quellen nur noch von einzelnen jüdischen Familien. Da der nordöstliche Teil Jerusalems in Quellen der Kreuzfahrerzeit gelegentlich als Judaria oder Juvrie bezeichnet wird, scheint es etwa 1050 bis 1099 auch in diesem Bereich eine jüdische Bevölkerung gegeben zu haben, die bei der Eroberung der Stadt ermordet wurde.Katharina Galor, Hanswulf Bloedhorn: The Archaeology of Jerusalem: From the Origins to the Ottomans. Yale University Press, New Haven / London 2013, S. 180 f. Als Nachmanides Jerusalem 1267 besuchte, fand er nur zwei jüdische Familien. Er baute eine Ruine zur Haussynagoge um und gründete eine kleine Gemeinde auf dem heutigen Zionsberg. Nachdem die Franziskaner 1333 von den mamelukischen Herrschern das Recht erwirkten, sich hier niederzulassen, musste die jüdische Gemeinde weichen. Daraufhin zogen die jüdischen Jerusalemer innerhalb der Stadt um und ließen sich nahe der Klagemauer nieder. Hier entstand das mamelukische Jüdische Viertel – also im Bereich des heutigen jüdischen Altstadtviertels. Ruth Kark und Michal Oren-Nordheim meinen, dass die Lage dieses Viertels die untergeordnete gesellschaftliche Stellung der Bewohner spiegele. Denn die gesellschaftlich dominierenden Gruppen der Muslime und Christen konnten sich die attraktiveren Gebiete der Altstadt als Wohnraum sichern, und die jüdischen Einwohner siedelten sich in dem Teil der Stadt an, der topographisch am niedrigsten lag. Hier verlief der städtische Abwasserkanal, der beim Dungtor die Altstadt verließ.Ruth Kark, Michal Oren-Nordheim: Jerusalem and Its Environs: Quarters, Neighborhoods, Villages, 1800-1948, Jerusalem 2001, S. 44 f. Die Gemeinde wuchs durch sefardische Juden, die nach der Vertreibung aus Spanien (1492) hierher kamen. Ihr Zentrum war bis 1586 die Ramban-Synagoge. Diese seit etwa 1400 bezeugte älteste noch vorhandene Jerusalemer Synagoge entstand durch Umbau eines basilikalen Raums (vielleicht der aufgelassenen Kreuzfahrerkirche St. Martin). 1586 erzwang der Gouverneur von Jerusalem, Abu Seifin, ihre Schließung und Profanierung.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 593 f. Außerdem gab es seit dem 15. Jahrhundert eine Karäergemeinde in Jerusalem mit dem Zentrum der Anan-ben-David-Synagoge.
Sonstige Bauten im (heutigen) Jüdischen Viertel In frühislamischer Zeit wurde nicht nur das Ruinengelände des im Jahr 70 n. Chr. zerstörten jüdischen Tempels mit islamischen Bauten neu interpretiert. Die Südmauer der Stadt erhielt ihren heutigen Verlauf, und in dem Areal zwischen Südmauer und Cardo secundus wurden vier große Kalifenpaläste erbaut, da Jerusalem in dieser Phase zeitweilig Residenzstadt war.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 1121–1123.
Christliche Spuren der Kreuzfahrerzeit bietet der Gebäudekomplex St. Maria Alemannorum (Kirche, Hospiz und Spital; Bodendenkmal) und die Markthalle am Cardo maximus. Kleinere Kirchen in diesem Teil der Stadt waren St. Martin und St. Peter ad Vincula.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 589–592. 1127.
Aus mamlukischer Zeit stammt das Minarett der Sidna-Umar-Moschee, erbaut 1473.Terrestrial Jerusalem: Sidna Umar Mosque מסגד סידנא עומר, مسجد سيدنا عمر.
Das Maghrebinerviertel (Harat al-Maghariba), das sich bis 1967 an der Stelle der Western Wall Plaza befand, war eine 1193 von al-Malik al-Afdal zugunsten muslimischer Pilger und Gelehrter aus Nordafrika gegründete religiöse Stiftung (Waqf). Nachdem die darüber ausgestellte Urkunde verloren war, wurde der Stiftungstext 1595 erneut niedergeschrieben. Das Maghrebinerviertel wurde definiert als das Areal, das im Süden von der Stadtmauer, im Osten von der Mauer des Haram (= Klagemauer), im Norden von den sogenannten Arkaden der Umm al-Banat und im Westen vom Amtssitz des Qadi von Jerusalem und zwei Wohngebäuden umgrenzt war. Die Verwaltung dieses ganzen Areals oblag dem jeweiligen Scheich des Magrebinerviertels.Francis Edward Peters: Jerusalem: The Holy City in the Eyes of Chroniclers, Visitors, Pilgrims, and Prophets from the Days of Abraham to the Beginnings of Modern Times. Princeton University Press, Princeton 1985, S. 357–359.
Osmanische Stadt