mini|Die Vertreibung aus dem Paradies aus einer Handschrift des Dschaʿfar as-Sādiq zugeschriebenen Fāl-Nāma
Das Wort Fāl-Nāma (, , DMG fāl-nāma) bezeichnet in der türkischen und persischen Kultur ein Buch, das zur Vorhersage der Zukunft mittels Stichomantie verwendet wird. Viele solcher Fāl-Nāma-Bücher sind kunstvoll gestaltet. Fāl-Nāma-Bücher enthalten illustrierte Texte und oft Anleitungen zur Interpretation, die es Lesern oder Wahrsagern ermöglichen, durch zufälliges Aufschlagen von Seiten Vorhersagen zu treffen. Diese Praxis reicht bis in die vorislamische Zeit zurück, gewann im islamischen Hoch- und Spätmittelalter an Bedeutung und wurde in islamischen Gesellschaften als Tradition zur Entscheidungsfindung genutzt. Durch einen Hadith über die positive Deutung von Vorzeichen und Omen wurden diese als akzeptabel betrachtet und weiter durch religiöse Rituale legitimiert.
Geschichte und Ursprung Die Geschichte der Wahrsagerei reicht bis etwa 4000 v. u. Z. zurück und spielte in nahezu allen Gesellschaften, auch in der türkischen und persischen Kultur, eine bedeutende Rolle.
Ähnlich wie in anderen Religionen haben auch im Islam ältere Traditionen überdauert, insbesondere die ursprünglich aus der Naturbeobachtung stammende Kunst der Wahrsagerei und Zukunftsschau, die ihren Ursprung in der vorislamischen arabischen Kultur hatte. Im vorislamischen Arabien war die Wahrsagerei weit verbreitet und wurde als eine Art Wissenschaft angesehen. Mit der Ausbreitung des Islam verschwand diese Praxis nicht, sondern wurde in eine islamische Form überführt, wodurch ihr eine neue Bedeutung verliehen wurde. Mit dem zunehmenden Urbanisierungsprozess im islamischen Hoch- und Spätmittelalter und dem damit verbundenen Verlust an direkter Verbindung zur Natur suchten die Menschen zunehmend nach alternativen Wegen, um Orakel und Vorhersagen zu erhalten. Anstatt sich wie früher auf die Natur oder auf direkte Beobachtungen zu stützen, griffen sie nun verstärkt auf Bücher zurück, die als Quellen für Vorzeichen dienten, wie vor allem den Koran, aber auch Dichtersammlungen, etwa die des persischen Dichters Hafis, die in dieser Zeit eine wichtige Rolle spielten.
Die Kunst der Bibliomantie war im 14. Jahrhundert in Iran vermutlich weit verbreitet. Dies legen zwei Werke des berühmten Satirikers ʿUbaid-i Zākānī, eines Zeitgenossen von Hafis, nahe, die sich mit Omen beschäftigen. Das Raznama (Buch der Geheimnisse) von Husayn Kefevi (gestorben 1601), einem osmanischen Gelehrten, Richter und Literaturwissenschaftler, belegt ebenfalls die Popularität der Bibliomantie im 16. Jahrhundert in der Türkei. Das Werk umfasst eine Vielzahl von Anekdoten über die Kunst der Wahrsagerei und nutzt verschiedene Texte unter der Elite von Istanbul. Die gebildeten Mitglieder der Istanbuler Gesellschaft konsultierten bei regelmäßigen Zusammenkünften die Werke von Hafis, Dschāmi, Rumi und natürlich den Koran, um Rat zu suchen. Bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts war es auch im Iran weit verbreitet, große Bilder zur Vorhersage zu konsultieren, wobei diese Praxis möglicherweise schon eine längere Tradition hatte. Ein poetisches Vergleichsbild aus dem 11. Jahrhundert im Diwan des berühmten persischen Dichters Manutschihri deutet auf mögliche frühere Beispiele hin.
Ab dem 15. Jahrhundert wurden koranische Fāl-Nāmas zunehmend formalisierter, und es erschienen spezielle Tabellen, die am Ende von Koranausgaben eingefügt wurden, um den Suchenden bei der Wahrsagerei zu helfen. Diese Manuskripte, oft in Versform und mit aufwendigen geometrischen Mustern versehen, wurden besonders im Safawidenreich im 16. Jahrhundert populär, aber auch in der späten osmanischen Zeit gab es ähnliche Koran-Manuskripte mit Wahrsageanleitungen.
Formen von Fāl-Nāma Texten in der Bibliomantie Bei der Verwendung von Fāl-Nāma-Texten für die Bibliomantie kann man zwischen zwei Arten unterscheiden. Zu den einen gehören heilige und poetische Texte, wie der Koran oder Werke von Hafis, die meist mit erklärendem Material versehen sind, um für die Wahrsagerei genutzt zu werden. Die andere Gruppe umfasst Texte, die ausschließlich für Bibliomantie verfasst wurden.
Koranische Fāl-Nāmas Die koranischen Fāl-Nāmas, auch als Fāl al-Qurʾān bekannt, sind die am weitesten verbreitete Form der Wahrsagerei. Sie existieren entweder als eigenständige Werke oder als Anhänge am Ende einiger Koranhandschriften und lassen sich in zwei Untergruppen einteilen:
Wahrsagerei durch Buchstabeninterpretation Bei dieser Methode wird der Koran nach bestimmten Gebeten zufällig aufgeschlagen. Der erste Buchstabe des ersten Verses auf der rechten Seite weist auf weitere Verse hin, deren Bedeutung als Grundlage für die Vorhersage dient. Eine komplexere Variante zählt die Namen Allahs auf der rechten Seite, dreht die Seitenzahl um, zählt auf der neuen Seite die gleiche Anzahl an Zeilen und interpretiert den Vers, der mit dem ersten Buchstaben der Zeile in Verbindung steht. Die Bedeutung jedes Buchstabens wird dabei in Bezug auf bestimmte Verse analysiert.
Wahrsagerei auf der Grundlage von Koranversen Hierbei werden Verse aus zwanzig Suren interpretiert. Der Wahrsager zieht eine Zahl mit einem Los von einem kreisförmigen, zwanzigstelligen Lineal, auf dem die Surennamen nummeriert sind, und interpretiert die Bedeutung des entsprechenden Verses, um eine Vorhersage zu treffen. Diese Methode des Wahrsagens (Tefe'ul) ist in literarischen und historischen Quellen gut dokumentiert. Ein unvollständiges Exemplar des Fāl al-Qur'ān in der Süleyman-Bibliothek (Reşid Efendi, Nr. 22.546) beschreibt die Eigenschaften der Suren, nennt die Namen der Propheten und vermittelt einen Eindruck von der komplexen Struktur dieser Werke.
Bibliomantie mit dem Diwan von Hafis Der Dīvān des Dichters Hafis, oft als „Zunge des Unsichtbaren“ (lisān al-ghayb) bezeichnet, war das beliebteste poetische Werk für die Wahrsagerei. Das Buch wurde zufällig aufgeschlagen, und entweder die ersten Zeilen oder das letzte Ghasel auf der Seite wurden als Omen gedeutet.
Diese Tradition war bereits vor Hafis’ Zeit etabliert. Eine der frühesten Erwähnungen der Verwendung von Hafis für Bibliomantie findet sich in Abu Bakr Ṭehrānīs Ketāb-e Dīārbakrīya aus dem späten 15. Jahrhundert, wo er auch als Lesan-e ḡayb (Zunge des Unsichtbaren) bezeichnet wird.
Edward G. Browne gibt in seiner Beschreibung von Hafis eine prägnante Übersicht über verschiedene Methoden der Bibliomantie, die mit dem Dīvān verwendet wurden, einschließlich der Nutzung numerischer Tabellen, und nennt historische berühmte Beispiele für Wahrsagerei aus dem Dīvān. Eine Liste von Manuskripten und gedruckten Ausgaben von Fāl-Nāmas des Dīvān finden sich im Werk von Mehrdād Niknām.
Speziell für die Wahrsagerei verfasste Texte Die zweite Hauptkategorie umfasst Texte, die ausschließlich für die Wahrsagerei geschrieben wurden. Dazu gehören einerseits die kunstvoll illustrierten Fāl-Nāmas, die in einem späteren Kapitel näher beschrieben werden, sowie Werke, die nach den Namen der Propheten geordnet sind. Diese sogenannten feʾlüʾn-nabî oder feʾlü esmāʾiʾn-nabî („Omen der Propheten“) ordnen die Namen der Propheten in einem Diagramm oder Kreis an. Die Vorhersagen basieren auf deren Leben, Botschaften und Wundern.
Theologische Einordnung und Legitimation Das persische Wort Fal (فأل) stammt aus dem Arabischen und könnte mit dem hebräischen pele (פלא, „rätselhaft“ oder „sonderbar“) sowie dem syrischen peleta („Rätsel“ oder „Gleichnis“) verwandt sein. Ursprünglich bezeichnete Fal in seiner neutralen Bedeutung ein Vorzeichen – ob gut oder schlecht –, ähnlich dem lateinischen Begriff Omen. Später wurde Fal zunehmend mit guten Vorzeichen assoziiert, während das arabische Wort ṭīrah (طيَرة), ursprünglich „Vogelzeichen“, häufig schlechte Vorzeichen beschreibt. Somit steht Fal für Zustimmung oder Ermutigung, ṭīrah hingegen für Ablehnung oder Warnung. In den meisten Fällen sind die Aussagen der hier behandelten Orakelbücher jedoch positiv und ermutigend formuliert.
Im islamischen Verständnis gibt es zwei Welten: die wahrnehmbare Welt (ālam al-shahāda), die mit den fünf Sinnen erfassbar ist, und die unsichtbare Welt (ālam al-ghayb), die jenseits der menschlichen Wahrnehmung liegt. Während beide Welten unter der absoluten Kontrolle Allahs stehen, gehört das Wissen über das ʿālam al-ghayb allein Allah, der es nach seinem Willen bestimmten Menschen offenbaren kann.
Der Koran verbietet Wahrsagerei ausdrücklich, da sie den exklusiven Zugang zu göttlichem Wissen infrage stellt. Sure al-Maʾida warnt: „O ihr, die ihr glaubt! Wein, Glücksspiel, Götzenbilder und Wahrsagepfeile sind ein Gräuel von Satans Werk. Meidet sie, auf dass ihr erfolgreich seid“ [Der Koran, Max Henning, Reclam Verlag]. Ebenso betont Sure an-Naml : „Sprich: Niemand in den Himmeln und auf der Erde kennt das Verborgene außer Allah“.
Trotz dieser Verbote galt der Koran schon seit der Umayyadenzeit als das wichtigste Buch für Wahrsagerei in der islamischen Welt. Obwohl die islamische Orthodoxie diese Praxis wiederholt verurteilte, blieb sie bestehen und verbreitete sich in allen Gesellschaftsschichten.
Der Prophet Muhammad unterschied in mehreren Hadithen zwischen erlaubten und verbotenen Formen des Omen-Deutens. Ein Hadith aus al-Bukhari (Kitab al-Tibb, 42) lautet: „Es gibt keinen Aberglauben (ṭīrah), das Beste ist das Optimistische (tafāʾul)“. Diese Unterscheidung ist wichtig, da sie eine gewisse Toleranz für die Praxis der Wahrsagerei im Islam zulässt, solange sie auf positiven, hoffnungsvollen Interpretationen beruht und den Glauben an das Gute und das Vertrauen in Gottes Willen stärkt. So wurden im Laufe der Zeit Methoden entwickelt, um den Koran auf „legale“ Weise zu konsultieren, und diese Techniken wurden später auch auf andere Texte, einschließlich der Fāl-Nāmas, angewendet. Diese differenzierte Sichtweise ermöglichte Praktiken wie tafāʾul (التفاؤل, „positive Deutung von Vorzeichen“) und istikhāra („Erbitten göttlicher Führung durch Gebet“), die als akzeptable Formen der Wahrsagerei galten. Solche Rituale wurden durch religiöse Elemente legitimiert, etwa durch das Rezitieren bestimmter Koranverse, das Verrichten des Namaz oder die Betonung, dass „nur Allah das Verborgene kennt“.
Auch laut dem Kitāb al-Wāfī ist es erlaubt, durch den Koran Führung zu suchen, während Wahrsagerei (laʾul), die zukünftige Ereignisse vorhersagen soll, als problematisch gilt, da sie Gottes alleiniges Wissen über das Verborgene infrage stellt. Dennoch wird das Suchen nach guten Omen (tafāʾul) oder göttlicher Führung (istikhāra) in der Regel toleriert, während die Grenze zwischen Wahrsagerei und persönlicher Trostfindung oft verschwommen bleibt. Deutlich werden hier die Spannungen zwischen der traditionellen Ablehnung der Wahrsagerei im Islam und der tatsächlichen Verwendung des Korans in praktischen Wahrsagepraktiken.
Anwendung und Methoden Mehrere Augenzeugenberichte aus dem 17. Jahrhundert beschreiben verschiedene Methoden zur Konsultation von Fāl-Nāmas. Einer dieser Berichte stammt von Evliya Çelebi, der eine Zunft von Wahrsagern und Hellsehern schildert, die im Mahmud-Pascha-Basar in Istanbul arbeiteten. Diese Zunft stand unter der Leitung von Hoca Mehmed Çelebi, einem angesehenen Mann, der so großen Respekt genoss, dass er sogar Sultan Süleyman begegnete.