mini|hochkant=1.6|Stehende Ovationen für Die letzten Zeugen beim Gastspiel im Schauspiel Frankfurt, 2015Foto: Christian Michelides Die letzten Zeugen war ein Zeitzeugenprojekt zur Shoah von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann im Wiener Burgtheater. In Anwesenheit von sechs Überlebenden des Holocausts lasen Burgschauspieler deren Erinnerungstexte, gegen Ende des Abends traten die betagten Zeitzeugen auf die Bühne und sprachen einige persönliche Worte. Im zweiten Teil des Abends konnte das Publikum in drei Foyerräumen an jeweils zwei Zeitzeugen Fragen richten.

Die Premiere fand am 20. Oktober 2013 statt – anlässlich des 75. Jahrestags des Novemberpogroms 1938. Die Produktion wurde 2014 zum Berliner Theatertreffen, ans Staatsschauspiel Dresden und ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, sowie 2015 ans Schauspiel Frankfurt eingeladen.

Zeugenschaft „Was geschah, vergessen zu machen, heißt, sie ein weiteres Mal auslöschen zu wollen.“ORF: „Die letzten Zeugen“ im Burgtheater, 18. Oktober 2013 „Viele Überlebende brauchten Jahrzehnte, ehe sie über das Erlittene sprechen konnten, sie stiessen zunächst oft auf taube Ohren.“Georg Renöckl: Letzte Zeugen auf der Bühne, Neue Zürcher Zeitung, 13. November 2013. Abgerufen am 6. September 2018.

Doron Rabinovici: „Die Idee, Zeitzeugen auf die Bühne zu bringen, ist von Burgtheater-Chef Matthias Hartmann an mich herangetragen worden. Ich habe sieben Personen ausgewählt: meine Mutter, Vilma Neuwirth, die in Wien als Tochter einer damals so genannten „Mischehe“, aber mit Stern überlebte, Marko Feingold, Lucia Heilman, die in Wien versteckt war, Rudi Gelbard, Überlebender aus Theresienstadt, und Ari Rath, der eine ganz andere Geschichte erzählt. Er steht für jene, die das Jahr 38 erlebt haben und es schafften wegzukommen. Außerdem Ceija Stojka, die leider nicht mehr lebt, deren Erinnerung aber sehr stark ist, denn ich wollte auch die Schicksale der Roma einbeziehen.“Doron Rabinovici im Interview: Die Bühne als Boden über dem Abgrund, Wina, Das jüdische Stadtmagazin, 28. November 2013

Struktur Das Projekt stellt eine Mischform aus dokumentarischem Theater, Leseinszenierung und Ehrung dar. Die starke physische Präsenz von Alter und Schicksal einerseits, die Authentizität der sechs Überlebenden der Shoah andererseits sollen beim Zuhörer, der zugleich Zuseher – i. e. Betrachter der Gesichter in vergrößerten Videoaufnahmen und der eingespielten historischen Fotografien – ist, zu einem kathartischen Erleben führen. Schlichtheit der Inszenierung und ihre Schnörkellosigkeit verdichten zugleich den Schrecken über die historischen Ereignisse und die individuelle Empfindung, einem Prozess des Erhabenen beizuwohnen.

Zeitgleich finden Prozesse der Identifikation mit den überlebenden Opfern statt, die, weil sie überlebt haben, der Allgewalt der Nationalsozialisten getrotzt haben und somit lebendige, weil lebende, Zeugen dafür sind, dass selbst das offenkundig totalitärste Regime seit Menschengedenken überlebt, besiegt und überwunden werden kann. Die subkutane Idealisierung der Opfer des Faschismus verstärkt und beschleunigt die Bildung eines Kollektivs des Widerstands, des Publikums des Abends. Der Nimbus des Burgtheaters als österreichische Nationalbühne verstärkt zweifelsohne diese Sogwirkung, wobei die Idee der Österreichischen Nation als solche allein die Gegnerschaft zu völkischen, rassischen oder sprachlichen Nationalismen virtuell zu beinhalten scheint. Insofern ist die politische Symbolkraft der Einladungen nach Berlin, Dresden und Hamburg keineswegs zu unterschätzen, zumal sie den antifaschistischen Gestus des Unternehmens erstens unterstreicht, zweitens internationalisiert.

Besetzung und Termine ZeitzeugenSchauspielerTeamModeratorenLucia HeilmanVilma NeuwirthSuzanne-Lucienne RabinoviciCeija Stojka (sie verstarb vor der Premiere im Oktober 2013)Marko FeingoldRudolf GelbardAri RathMavie HörbigerDörte LyssewskiPeter KnaackDaniel SträßerMatthias Hartmann EinrichtungVolker Hintermeier BühneLejla Ganic KostümePeter Bandl LichtMoritz Grewenig, Anna Bertsch, Florian Gruber, Markus Lubej VideoAndreas Erdmann DramaturgieDoris AppelMartina MaschkeMaria EckerWerner DreierPeter HuemerDoron RabinoviciSibylle HamannCorinna MilbornAndreas ErdmannRosa LyonRenata Schmidtkunz

Burgtheater Wien: 20. Oktober, 10. und 21. November, 5. und 12. Dezember 2013, 9. und 26. Januar, 15. und 19. März, 29. April, 8. Mai, 5. Juni, 7. Oktober 2014, sowie 20. Januar 2015 Berlin Theatertreffen: 13., 14. und 15. Mai 2014, Haus der Berliner Festspiele Staatsschauspiel Dresden: 17. Mai 2014 Deutsches Schauspielhaus Hamburg: 28. September 2014 Schauspiel Frankfurt: 7. und 8. Februar 2015

Ablauf Der Abend gliedert sich in zwei Teile: Auf der großen Bühne des Burgtheaters finden Lesungen der Texte der Zeitzeugen in deren Anwesenheit und anschließend ihre persönlichen Stellungnahmen statt; dies dauert ca. zwei Stunden. Nach einer 20-minütigen Pause stehen – im 1. und im 2. Pausenfoyer, sowie im Blauen Foyer – jeweils zwei Zeitzeugen, jeweils ein Mann und eine Frau, gemeinsam mit einem Moderator für Fragen des Publikums zur Verfügung.

Erster Abschnitt des Abends „Die von Hartmann selbst besorgte Einrichtung des Abends gehorchte einer strengen Choreografie: Hinter mehreren Gazeschleiern, auf die Live-Großaufnahmen der Gesichter ebenso wie historische Fotos projiziert wurden, saßen die Zeitzeugen in einer Linie, mit den Gesichtern zum Publikum. Vorne rechts warteten die Schauspieler Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knaack und Daniel Sträßer auf ihre Einsätze, bei denen sie aus den Erinnerungen der anwesenden Holocaust-Überlebenden lasen.“"Die letzten Zeugen" im Burgtheater, Österreich, 22. Oktober 2013. Abgerufen am 6. September 2018.

„Mit dem 11. März 1938, dem Tag der Schuschnigg-Rede im Radio, bricht etwas zusammen. Als hätten die Menschen auf ein Kommando hin die Fesseln der Zivilisation abgestreift, beginnen sie ihre jüdischen Mitbürger zu drangsalieren. Wohnnachbarn werden zum „Reiben“ des Straßenpflasters gezwungen. Lucia Heilman, damals ein kleines Mädchen, bekennt: Das Johlen der „Volksgenossen“ am Wiener Heldenplatz habe sie in Angst und Schrecken versetzt.“Ronald Pohl: Vom Ende der Zivilisation in Österreich, Der Standard, 21. Oktober 2013. Abgerufen am 6. September 2018. „Im Zwischenraum, hinter der Leinwand, sitzt eine Frau und schreibt auf einer großen Papierrolle mit. Die Rolle ist am Ende sehr lang, gut zwei Stunden wird gesprochen. Dieses Aufzeichnen sieht man ebenfalls auf dem Screen. Es gehört wesentlich zu den Details eines bewegenden Abends. Der Terror der Nazis, die Vernichtung von Juden und Roma und allen anderen wird weiterhin protokolliert. Kein Name darf vergessen werden.“Norbert Mayer: Der Holocaust: „Die letzten Zeugen“, Die Presse, 22. Oktober 2013. Abgerufen am 6. September 2018.

„Der von Hartmann eingerichtete Abend bleibt zu jeder Zeit schlank und auf das Notwendigste beschränkt.“ „Es gibt an diesem Abend viele Geschichten über menschliche Abgründe und offene Mordlust, über einen grölenden Sadismus, der zum Beispiel seine Freude daran hatte, chassidische Rabbiner dazu zu zwingen, in einem Schaufenster Turnübungen zu machen, bis sie umfielen. Aber das waren erst die Anfänge. 1941 beginnen die Deportationen von Juden in die Konzentrationslager.“Paul Jandl: Statt zu bezahlen, wurde ausgespuckt, Die Welt, 26. Oktober 2013. Abgerufen am 6. September 2018. „In atemloser Hast wechseln die Schauplätze: Man kommt von der Leopoldstadt in den Alsergrund. Die Bestialität des österreichischen Mobs erhält neue Nahrung durch die systematische Enteignungs- und Terrorpolitik der Nazis. Juden werden in Sammelwohnungen gepfercht. Ihr Lebensgefühl lautet: „unvorstellbare Angst“. Viele begehen Selbstmord. Einige verpassen über der Diskussion, wohin sie auswandern könnten, den Zeitpunkt ihrer Abreise.“ „Aber es gab das andere auch. Menschen, die geholfen haben, wie etwa jenen Wiener Kunsthandwerker, der Lucia Heilman bis Kriegsende versteckt hat, oder alle die Unbekannten, die nur kurz ins Bild treten, aber doch ein Leben retten.“ „Diese Zeugen haben ihr Schicksal auch in Buchform aufgearbeitet, sie sind an ihrer Geschichte offenbar nicht zerbrochen. Ein hervorstechendes Merkmal von ihnen allen scheint die Zuversicht zu sein, selbst wenn sich paradoxerweise bei manchen Opfern Schuldgefühle in die Erinnerung drängen.“

„Am Ende führten die Vorlesenden nach und nach die Protagonisten aus dem Hintergrund nach vorne – sehr ergreifende Momente.“Johanna Nittenberg: , Illustrierte Neue Welt, N.4, J.2013. „Die siebte Zeitzeugin, die Romni Ceija Stojka, starb heuer im Jänner. Für dieses sukzessive Verschwinden der Zeitzeugen hat Hartmann eine Bühnenmetapher gefunden: Ein Überlebender nach dem anderen steht auf und geht, wenn seine Geschichte zu Ende ist. Leere Sessel bleiben zurück. „Die Bühne ist ein ästhetischer Rahmen. Aber durch Ästhetisierungen kann man die Wahrheit auch verschleiern“, benennt Hartmann die Gratwanderung des Projektes.“Andrea Schurian: Burgtheater: "Stafettenlauf der Erinnerung", Der Standard, 16. Oktober 2013 [Vorabbericht]. Abgerufen am 6. September 2018. „Zwei Stunden lang fügen sich Geschichten von menschenverachtender Grausamkeit, von Morden und auch vom bisweilen absurden Glück zu einer einzigen Erzählung.“ „Der Theaterabend endet im Stillen, nun sind alle Stühle leer. Im Anschluss stehen sie nochmal alle auf der Bühne, Standing Ovation[s.]“Lea Stöckli: Die letzten Zeugen, Shabka, 17. November 2013. Abgerufen am 6. September 2018.

Zweiter Abschnitt des Abends mini|Podiumsdiskussion mit Suzanne-Lucienne Rabinovici und Rudolf Gelbard im Ersten Pausenfoyer „Wie beeindruckend ist es, als, nach zwei Stunden Lesung und einer kurzen Pause, in den Foyers des Burgtheaters ebendiese Überlebenden nun tatsächlich selbst sprechen und wach sind, sehr lebhaft und divers. Als das Publikum sich zusammendrängt und Fragen stellt, und als beispielsweise Rudolf Gelbard seinen dunklen Humor durchblitzen lässt und seinen scharfen Verstand. Widerspenstig sind sie da, diese alten Herrschaften, und jung.“Teresa Präauer: Auch das ist also der Mensch, nachtkritik.de, 20. Oktober 2013. Abgerufen am 6. September 2018. „Ein Wermutstropfen allerdings bleibt: Nach der Aufführung lassen Rabinovici und Hartmann als zweiten Teil des Projekts das Publikum zu Wort kommen. Das Ergebnis: eine Reihe peinlicher Fragen, die man sich und den Überlebenden gern erspart hätte.“Stefanie Panzenböck: Sieben Leben, sieben Schicksale, Deutschlandfunk, 21. Oktober 2013. Abgerufen am 6. September 2018. „Suzanne-Lucienne Rabinovici sagte danach in einer der Diskussionen in den Foyers, wie die APA berichtet: ‚Vergesst uns nicht! Erzählt es weiter!‘“

Programmbücher Das eigentliche Programmbuch (Band 1) umfasst 60 Seiten und enthält – neben den Listen der Mitwirkenden und den Biographien der Zeitzeugen – drei Beiträge von Doron Rabinovici und einen von Raphael Gross. Auf der Titelseite findet sich ein Zitat Rudolf Gelbards, auf der Rückseite eine Fotografie der brennenden Synagoge in der Großen Schiffgasse 8 vom 10. November 1938.

Das Textbuch zur Aufführung (Band 2) umfasst 84 Seiten und enthält den vollständigen gelesenen Text der Produktion, zwei Fotografien der Zeitzeugen auf der Bühne des Burgtheaters von Reinhard Werner, sowie – anstelle eines Nachwortes – zwei Aufsätze, einen von Ruth Klüger, einen von Anton Pelinka; beide sind dem Sammelband Was bleibt von der Shoah?, hg. von Maria Halmer, Anton Pelinka und Karl Semlitsch, 2012 bei Braumüller erschienen, entnommen.

Raphael Gross: Das Ende der deutsch-jüdischen Epoche, Bd. 1, S. 37–41 Ruth Klüger: Über den Holocaust, die Kinder und die menschliche Freiheit, Bd. 2, S. 57–66 Anton Pelinka: Die Wahrnehmung der Shoah in Österreich, Bd. 2, S. 66–78 Doron Rabinovici: Novemberpogrom, Bd. 1, S. 26–31 Doron Rabinovici: Der März begann im Februar. Zu Österreichs Anteil an der Shoah, Bd. 1, S. 32–36