Die Liste der Stolpersteine in Marburg führt die vom Künstler Gunter Demnig verlegten Stolpersteine in der Universitätsstadt Marburg in Hessen auf, die an das Schicksal der Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Bei zwölf Verlegungen seit März 2006 wurden an 37 Verlegeorten im Stadtgebiet Marburg bisher insgesamt 95 Stolpersteine verlegt. (Stand: Oktober 2018)
Liste Die Tabelle ist teilweise sortierbar, die Grundsortierung erfolgt alphabetisch nach der Adresse. Adresse Person(en) Verlegedatum Inschrift Information Bild Am Krekel 3 1/2 Hier wohnteHeinrich W. SchäferJg. 1902verhaftet 30.9.1943hingerichtet 6.6.1944 Heinrich Wilhelm Schäfer wurde 1902 geboren und wohnte Am Krekel 3½, dem damaligen „sozialen Brennpunkt“ Marburgs. Der gelernte Elektriker und Heizer stand seit seinem 13. Lebensjahr im Konflikt mit dem Gesetz wegen Einbruchs und Diebstahl. Nach mehreren Aufenthalten in Gefängnissen wurde er vom Nazi-Regime zum „Berufsverbrecher“ erklärt und wegen Hochverrat und Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt, weil er geäußert hatte, dass das deutsche Volk den Krieg nicht gewinnen würde. 1944 wurde Heinrich Wilhelm Schäfer im Strafgefängnis Frankfurt-Preungesheim enthauptet. Er hinterließ Frau und Kinder.
Sein Vater und sein Bruder starben in KZs. Vater Philipp Schäfer, geboren 1879, war Mitglied der SPD und wurde 1937 verhaftet. Zuerst war er im KZ Mauthausen und von 1939 bis zu seinem Todestag am 7.5.1942 im KZ Dachau inhaftiert. Der Bruder Emil Josef Schäfer, geboren 1912 in Marburg, war im „Arbeitserziehungslager“ KZ Breitenau und wurde am 23. März 1942 im KZ Buchenwald ermordet. 150px Afföllerstraße 21 Hier wohnte Karl Fritz Bode Jg. 1896 verhaftet 1934 eingewiesen 1934 Heilanstalt Münster verlegt 1941 Hadamar ermordet 23.6.1941 Aktion T4 Karl Fritz Bode wurde 1896 in Cölbe bei Marburg geboren. Unter dem Pseudonym „Wolfgang Rollin“ veröffentlichte er zahlreiche Gedichte, Reisebeschreibungen und das „Marburg Lied“, wodurch er eine gewisse Popularität erlangte. Diese nutzte er, um auf Missstände in Bildung und Politik hinzuweisen und verlangte diese abzuschaffen. Durch sein Engagement verstrickte er sich aber nicht nur in den Seilschaften der vom Nationalsozialismus geprägten Marburger Gesellschaft, sondern auch in die der Justiz, die ihre prozessualen Möglichkeiten geschickt ausschöpfte um Karl Fritz Bode, bei dem „keine Zeichen einer Geisteskrankheit“ vorlagen, dennoch als einen „typisch querulatorisch uneinsichtigen Psychopathen“ zu diffamieren. Wegen seines unbequemen Verhaltens wurde Bode zu einer mehrjährigen Haftstrafe in einer „Heilanstalt einer Strafanstalt“ verurteilt. Die Freiheit erlangte er nicht mehr. Bis zu seiner Ermordung lebte er in den verschiedensten Heil- und Pflegeanstalten. Im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms wurde Karl Fritz Bode alias Wolfgang Rollin wohl noch am Tag seiner Verlegung von der „Haftheilanstalt Haina“ nach Hadamar bei Limburg am 26. Juni 1941 im Alter von 45 Jahren ermordet. 150px Bahnhofstraße 3 Hier wohnte Richard Hartmann Jg. 1896 eingewiesen 1922 Landesheilanstalt Marburg/Scheuern verlegt 16.5.1941 Hadamar ermordet 16.5.1941 Aktion T4 Richard Hartmann wurde als drittes Kind von Carl Hartmann und Lucie geb. Försterling 1896 in Marburg geboren. Sein Vater war Gründer und Inhaber des Kaufhauses C. A. Hartmann in der Bahnhofstraße (heute Kaufhaus TEKA), einem Ausstattungsgeschäft speziell für den Haushalt, das er mit großer Energie aufgebaut hatte. Ein Teil der Waren wie Gardinen, Sofas, Textilien wurden in eigenen Werkstätten selbst hergestellt beziehungsweise weiter verarbeitet. Hartmann hatte bis zu 200 Angestellte. Richard wuchs in einer großen Familie mit viel Personal auf. Er besuchte bis zu seinem 15. Lebensjahr eine Privatschule und arbeitete dann im väterlichen Betrieb. Er wurde mit Aufgaben in der Buchhaltung betraut. Richard Hartmann war psychisch krank. Er wurde von Professor Wollenberg betreut und musste immer wieder in eine private psychiatrische Klinik eingewiesen werden.
Die Krankheit machte den jungen Mann aggressiv und die Familie erinnert sich noch genau an Tätlichkeiten beim Mittagessen. Das war im Februar 1922. Der Geschäftshaushalt mit seinen Anforderungen und den damaligen Vorstellungen von Konventionen ließ es nicht mehr zu, ihn im Haus zu belassen. Er wurde am 8. Februar 1922 in die Landesheilanstalt in Cappel eingewiesen. Dort wohnte er in einem Einzelzimmer und wurde von seiner Familie mehrmals wöchentlich besucht. Sie gingen mit ihm im Park der Anstalt spazieren, nahmen ihn zu Autofahrten mit und brachten ihm Essen, das er sich gewünscht hatte. Die damalige Diagnose: Schizophrenie. In der Anstalt selbst wurden den Patienten Gymnastikstunden oder gemeinsames Basteln angeboten. Richard konnte dem aber nichts abgewinnen, er liebte die Musik, die ihm über die Zeit half. Elf Jahre nach seiner Einweisung änderte sich auch für ihn das Leben in der Landesheilanstalt. Im Nationalsozialismus herrschte der Gedanke vom „unwerten Leben“, das es „auszumerzen“ galt. Psychisch Kranke und Behinderte wurden als Kostenfaktor und Belastung für die Gesellschaft eingestuft.
Am 28. April 1941 wurde Richard Hartmann mit weiteren rund 80 Patienten von Cappel in die „Heilerziehungs- und Pflegeanstalt“ Scheuern bei Nassau (Lahn) verlegt. Dort wurde er wie folgt beschrieben: „... völlig ausgebrannter Schizophrener mit keinerlei Connex zur Umwelt, sitzt stumpf vor sich hinstarrend auf einem Fleck, ist nicht ansprechbar“. Von Scheuern wurde Richard Hartmann am 16. Mai 1941 mit dem Bus nach Hadamar gebracht und dort bei der Ankunft vergast. Das Todesdatum im Sterberegister wurde gefälscht, um die Angehörigen zu täuschen. Auch die angegebene Todesursache „aktivierte Lungentuberkulose, Blutsturz“ war frei erfunden. 150px Bahnhofstraße 10 Hier wohnte Dina Lucas Jg. 1866 deportiert 1942 Theresienstadt ermordet 29.9.1942 Treblinka Dina Goldine Lucas wurde 1866 in Marburg als zweites Kind des Uhrmachers und Juweliers Bernhard Lucas und seiner Ehefrau Bertha (Brendel) Falkenstein geboren. Sie war eine ältere Schwester des Rabbiners Dr. Leopold Lucas (1872–1943). Dina Lucas besuchte zusammen mit ihrer Schwester Fanny Frieda Lucas (1869–1936) für kurze Zeit die neu gegründete Elisabethschule, später ließ sie sich zur Dentistin ausbilden. 1910 wurde ihr Dentallabor in das Gewerberegister der Stadt Marburg eingetragen. Sie lebte und arbeitete fast ihr gesamtes Leben zusammen mit ihrer Schwester in der Bahnhofstraße 10. Offenbar war sie erfolgreich, denn auch 1933 führte sie noch ihre Praxis. Doch mit den Diskriminierungen der NS-Zeit verlor Dina Lucas die Kassenzulassung und durfte nur noch jüdische Patienten behandeln. Als ihre Schwester 1936 starb, blieb sie einsam zurück. Für eine Emigration fühlte sie sich zu alt.
1942 musste sie einem Marburger Geschäftsmann unter Zwang das Vorkaufsrecht an ihrem Haus einräumen und selbst in ein Ghettohaus umziehen. Kurz darauf wurde ihr ein „Heimeinkaufsvertrag“ über 9.000 RM (heute etwa 45.000 €) für das Ghetto Theresienstadt aufgezwungen. Mit der 3. Deportation von Marburg wurde Dina Lucas am 6. September 1942 nach Kassel und am nächsten Tag von dort nach Theresienstadt und von dort weiter ins Vernichtungslager Treblinka verschleppt, wo sie am 29. September 1942 ermordet wurde.
An ihren Bruder erinnert seit 1987 in Marburg die Leopold-Lucas-Straße. 150px Bahnhofstraße 18 Hier wohnte Ludwig Bachrach Jg. 1884 Berufsverbot 1933 Flucht 1933 Frankreich tot 1942 in Dijon 1911 eröffnete der Rechtsanwalt Dr. Ludwig Bachrach ein Rechtsanwalts- und Notariatsbüro im Haus seines Vaters in der Bahnhofstraße 36 in Marburg. 1914 bezog er mit seiner Frau Bertha geb. Bachrach eine Mietwohnung in der Bahnhofstraße 18. Sieben Jahre später verlegte er seine Büroräume in die erste Etage des Geschäfts- und Bürohauses Bahnhofstraße 13. Er hatte bis zu 11 Kanzleiangestellte, sowie jeweils einen Assessor und einen Referendar. Die Gesetze und Erlasse aus dem Jahr 1933 bedeuteten bereits das Ende der freien und uneingeschränkten Berufstätigkeit der jüdischen Rechtsanwälte und Notare. Die Justizbehörden und die nichtjüdische Konkurrenz versuchten darüber hinaus Dr. Ludwig Bachrach zu kriminalisieren. Am 6. Juni 1933 schickten drei Marburger Rechtsanwälte ein Schreiben an den Landgerichtspräsidenten, in dem sie Bachrach der Falschbeurkundung im Jahr 1925 beschuldigten. Daraufhin wurde Bachrach in Untersuchungshaft genommen. Er erlitt daraufhin einen Nervenzusammenbruch und musste in der Klinik behandelt werden. An den Beschuldigungen und Denunziationen war ein Angestellter Bachrachs, ein nichtjüdischer Anwalt, der nach dessen Flucht die Kanzlei übernahm und nach dem Krieg Staatsanwalt wurde, federführend beteiligt. Die Anschuldigungen konnten nicht bewiesen werden.
Im Herbst 1933 floh die Familie Bachrach mit ihren in Marburg geborenen Söhnen, Walter Helmut (* 1915) und Albrecht Artur (* 1922), die beide auf die Martin-Luther-Schule gegangen waren, nach Straßburg und dann weiter nach Dijon in Frankreich. 1934 wurde in Deutschland steckbrieflich nach Dr. Bachrach gefahndet und sein gesamtes Vermögen beschlagnahmt. Er war zu dieser Zeit bereits stark gesundheitlich beeinträchtigt. Ludwig Bachrach, der 1884 in Neustadt geboren worden war, starb mit 57 Jahren am 8. März 1942 in Dijon. Seine Söhne Walter Helmut und Albrecht Artur wurden 1942 von der Gestapo in das Sammellager Drancy bei Paris verschleppt und von dort ins KZ Auschwitz deportiert und ermordet.
Die Ehefrau Bertha Bachrach geb. Bachrach, die 1894 in Neustadt geboren worden war, überlebte den Holocaust und kehrte 1958 nach Marburg zurück. Die Justiz im Nachkriegsdeutschland machte es ihr nicht leicht, zumindest ihren materiellen Besitz zurück zu erhalten. In nervenaufreibenden Gerichtsverhandlungen musste sie um ihren Besitz kämpfen. Sie heiratete in zweiter Ehe Sally Bachrach aus Neukirchen (Knüll), Schwalm-Eder-Kreis. Auch er hatte den Holocaust überlebt. Sie starb am 8. Oktober 1980 in Marburg und ihr Mann zwei Jahre später. Beide wurden auf dem jüdischen Friedhof in Marburg beerdigt. 150px Hier wohnte Bertha Bachrach Geb. Bachrach Jg. 1894 Flucht 1933 Frankreich überlebt Hier wohnte Walter Helmut Bachrach Jg. 1915 Flucht 1933 Frankreich interniert Drancy deportiert 1942 Auschwitz ermordet Hier wohnte Albrecht Artur Bachrach Jg. 1922 Flucht 1933 Frankreich interniert Drancy deportiert 1942 Auschwitz ermordet Bahnhofstraße 19 Hier wohnte Dr. Benno Benedict Jg. 1861 deportiert 1942 Theresienstadt ermordet 2.10.1942 Benno Benedict wurde 1861 im Zentrum Berlins geboren als Sohn des Textil-Kaufmanns Gabriel Benedict (* 1824) und seiner Frau Lisette geb. Levinstein/Löwenstein (* 1828). Benno hatte fünf Geschwister: Wilhelm, Martin, Leonard, Kurt [?] und Johanna Benedict. Benno besuchte ab dem siebten Lebensjahr zweieinhalb Jahre die Knabenschule des Dr. Wohlthat, danach rund zwei Jahre das Köllnische Gymnasium und schließlich bis zum 18. Lebensjahr das Friedrich-Werdersche Gymnasium. Die renommierten Schulen befanden sich im Zentrum der Stadt, wo Benno wohnte. Aus gesundheitlichen Gründen, unter anderem wegen seines Stotterns, wechselte er auf das Gymnasium Arnoldinum in Burgsteinfurt, wo er 1882 Abitur machte. Dort hatte Rudolf Denhardt 1876 eine „Stotterheilanstalt“ eingerichtet, in der auch Benno behandelt wurde. Nach Berlin zurückgekehrt, begann er ein Chemie-Studium und wechselte nach zwei Semestern zur Humanmedizin. Nach dem Physikum 1886 setzte er von 1887 bis 1888 sein Studium in Erlangen fort, wo er 1889 promovierte und die Approbation als Arzt erhielt.