Das Heckscher-Ohlin-Theorem ist eine der einflussreichsten Theorien der Außenwirtschaftslehre. Sie stammt von zwei schwedischen Ökonomen, Eli Heckscher und Bertil Ohlin. Da diese Theorie auf das Zusammenwirken zwischen den Proportionen abstellt, in denen unterschiedliche Produktionsfaktoren in verschiedenen Ländern verfügbar sind, und den Proportionen, in denen diese in der Produktion unterschiedlicher Güter eingesetzt werden, wird sie auch Faktorproportionentheorie genannt.Paul R. Krugman/M. Obstfeld: Internationale Wirtschaft. 8. aktualisierte Auflage, 2009, S. 90; ISBN 3827373611 Das Heckscher-Ohlin-Theorem ist eines von vier zentralen Theoremen, die aus dem Heckscher-Ohlin-Modell abgeleitet wurden, neben dem Stolper-Samuelson-Theorem, dem Faktorpreisausgleichstheorem und dem Rybczynski-Theorem.

Allgemeines Die Kernidee des Heckscher-Ohlin-Modells wurde im Heckscher-Ohlin-Theorem zusammengefasst. Es gibt Aufschluss über die Struktur des Außenhandels, die sich aufgrund unterschiedlicher relativer Faktorausstattungen einstellt. Unter Faktorausstattung versteht man alle Produktionsfaktoren, die für eine Volkswirtschaft verfügbar und zur Produktion geeignet sind. Gemeint sind damit Arbeit und Kapital (klassische Inputfaktoren). Länder, die relativ viel von einem Produktionsfaktor (z. B. Kapital) besitzen, werden Güter, die diesen Faktor intensiv nutzen (also kapitalintensive Güter), exportieren. Beispielsweise ist Deutschland mit relativ viel Kapital ausgestattet, nutzt diesen Faktor intensiv und exportiert relativ viele Maschinen und Anlagen. Andererseits spezialisiert sich ein Land wie Brasilien, das über viele menschliche Arbeitskräfte verfügt, auf arbeitsintensive Güter wie Kaffee.

Theoretische Entwicklung des Modells Eine der frühen weltweit bekannten Theorien zur Außenwirtschaftstheorie erarbeiteten Adam Smith und David Ricardo. Ricardo erweiterte Smiths Ansatz der absoluten Kostenvorteile durch seine Theorie der komparativen Kostenvorteile. Die Ursachen für vorteilhaften Handel führte Ricardo auf unterschiedliche Produktionsfunktionen, d. h. auf Differenzen in der globalen Produktivität der Produktionsfaktoren in den verschiedenen Ländern, zurück. Von globaler Faktorproduktivität spricht man, wenn das Verhältnis zwischen Einsatzmenge aller Produktionsfaktoren (z. B. Boden und Kapital) und dem Produktionsergebnis gemeint ist. Produktionsfunktionen beschreiben die Abhängigkeit der produzierten Menge eines Gutes von der zu dessen Erzeugung nötigen Menge an eingesetzten Produktionsfaktoren. Unterschiedliche Produktionsfunktionen bedeuten, dass die Länder zu ungleichen Kosten und somit heterogenen Güterpreisen produzieren müssen. Ricardo schlussfolgerte, dass sich jedes Land nach Aufnahme von Außenhandel auf die Produktion desjenigen Gutes spezialisiert, bei dessen Erzeugung es einen komparativen Kostenvorteil, d. h. die absoluten Kostenunterschiede bei der Herstellung der einzelnen Produkte divergieren, besitzt. Überschüsse dieses Gutes werden gegen diejenigen Güter getauscht, bei deren Erzeugung es einen komparativen Kostennachteil hat.

Während Ricardos „Ein-Faktoren-Modell“ von einem einzigen Produktionsfaktor, Arbeit, ausging, nahmen Heckscher und Ohlin einen weiteren Produktionsfaktor in ihre Theorie auf, nämlich Kapital.

Das Modell wird klassischerweise auf Bertil Ohlins 1933 erschienene Abhandlung Interregional and International Trade zurückgeführt. Gleichwohl legte Ohlin bereits im Jahr 1924 in seiner nur in schwedischer Sprache vorgelegten und weniger rezipierten Dissertation Handelns Teori („Handelstheorie“) die Grundlagen des Modells vor.Vgl. Harry Flam, M. June Flanders 1991, S. 1. Eine vollständige Übersetzung der Dissertation ins Englische findet sich unter dem Titel The Theory of Trade in Harry Flam, M. June Flanders (Hrsg.): Heckscher-Ohlin Trade Theory. MIT Press, Cambridge/London 1991, ISBN 0-262-08201-2, S. 71–214. Einige Elemente der Theorie wurden dabei auch schon von Eli Heckscher in seinem Artikel The Effect of Foreign Trade on the Distribution of Income im Jahr 1919 begründet; Ohlin griff auf diese Arbeit für seine Dissertation zurück.Vgl. Jones 2006, S. 91 ff.; Harry Flam, M. June Flanders 1991, S. 1. Heckschers Artikel (Heckscher 1919) erschien ursprünglich nur in schwedischer Sprache, eine partielle Übersetzung ist enthalten in Howard S. Ellis (Hrsg.): Readings in the theory of international trade. Blakiston, Philadelphia u. a. 1949, S. 272–300, für eine vollständige Übersetzung ins Englische siehe Harry Flam, M. June Flanders (Hrsg.): The Effect of Foreign Trade on the Distribution of Income. MIT Press, Cambridge/London 1991, ISBN 0-262-08201-2, S. 39–69.

Das 2×2×2-Modell B.Ohlinvgl. W. J. Ethier: Moderne Außenwirtschaftstheorie. 1991, S. 137, S. 140–141.

mini|400px|Darstellung der Isoquanten des Arbeits- und des Kapitalsektors

Dem Heckscher-Ohlin-Modell zufolge wird ein Land einen komparativen Vorteil bei dem Gut aufweisen, dessen Produktion intensiv in Bezug auf den Faktor ist, der in diesem Land reichlich vorhanden ist. Daher wird ein Land, das reichlich über Kapital verfügt, einen komparativen Vorteil bei kapitalintensiven Industrien aufweisen, wie etwa bei der Erdölverarbeitung. Ein Land, das reichlich über Arbeitskraft verfügt, wird dagegen einen komparativen Vorteil in arbeitsintensiven Industrien aufweisen, wie etwa bei der Textilerzeugung.

Ein gutes Beispiel für die Gültigkeit des Heckscher-Ohlin-Modells ist der Welthandel mit Bekleidung. Bei der Produktion von Bekleidung handelt es sich um eine arbeitsintensive Aktivität: Es wird weder viel physisches Kapital benötigt, noch wird viel Humankapital in Form von gut ausgebildeten Arbeitnehmern gebraucht. Daher würde man erwarten, dass Länder, in denen der Faktor Arbeit reichlich vorhanden ist, wie etwa China und Bangladesch, einen komparativen Vorteil in der Textilindustrie aufweisen.

Außenhandel kommt zustande, wenn in Autarkie Unterschiede in den relativen Preisen vorliegen, d. h., wenn In- und Ausland bei unterschiedlichen Gütern Preisvorteile haben. Die einfachste Version der Faktorproportionentheorie ist das sogenannte 2x2x2-Modell. In dieser Version gibt es 2 Länder unterschiedlicher Faktorausstattungen (Inland und Ausland), 2 Faktoren (Arbeit und Kapital) und 2 Güter (entsprechend arbeits- bzw. kapitalintensiv in der Herstellung). Man unterscheidet in Faktorintensivität und Faktorreichtum. Die Faktorintensivität betrifft die beiden Industrien, der Faktorreichtum klassifiziert beide Länder.

Zwei Länder Beide Länder verfügen zwar über die gleiche Art Produktionsfaktoren (z. B. Arbeit und Kapital), weisen aber unterschiedliche relative Faktorausstattungen auf. Die Menschen in den Ländern weisen identische und homothetische Präferenzen auf. Durch die erste Eigenschaft wird sichergestellt, dass keine Handelsanreize aufgrund von Präferenzunterschieden bestehen, durch die zweite, dass die relativen Mengen der beiden Güter im Konsumoptimum nur von den Relativpreisen und nicht vom Einkommen abhängig sind. Die Präferenzen lassen sich beispielsweise durch eine Cobb-Douglas-Nutzenfunktion darstellen: .

Zwei Produktionsfaktoren mini|250px|Zwei verschiedene Minimalkostenkombinationen. beschreibt ein Optimum einer möglichen arbeitsintensiven Technologie; analog eine kapitalintensive Technologie. Dargestellt sind Isoquanten, die sich aus der Produktionsfunktion ergeben.

Auf den Faktormärkten herrscht vollständiger Wettbewerb und im Gleichgewicht werden alle Produktionsfaktoren eingesetzt (Vollbeschäftigung). Auch international herrscht perfekter Wettbewerb: Weder Arbeit noch Kapital haben bei eingeschränkter Bereitstellung die Kraft, Preise oder Faktorraten zu beeinflussen. Beide Länder verwenden bei der Produktion identische Technologien mit konstanten Skalenerträgen. Das Faktorangebot ist unelastisch, das heißt unabhängig von den Faktorpreisen.

Kapital kann in jede Technologie aufgeteilt werden, sodass der industrielle Mix zwischen den Produktionstypen ohne Umrüstungskosten geändert werden kann. Zum Beispiel wird bei Ackerbau und Fischerei angenommen, dass Farmen verkauft werden und damit Boote gebaut werden können, ohne dass dabei Geld verloren geht.

Zwei Güter Es gibt ein kapitalintensives und ein arbeitsintensives Gut. Das heißt, jedes Gut wird mit unterschiedlicher Technologie hergestellt. Beide Länder haben also jeweils die identischen zwei unterschiedlichen Produktionstechnologien. Die Güter haben überall dieselben Preise. Jedes Gut für sich ist homogen, also immer von gleichbleibender Qualität.

Faktormobilität Die Faktoren sind innerhalb der Länder zwischen den beiden Sektoren vollständig mobil (Faktormobilität), während Faktorwanderungen zwischen den Ländern ausgeschlossen sind. Wie beim vergleichenden Vorteilsargument von Ricardo wird angenommen, dass eine Umverteilung von Faktoren ohne weitere Kosten geschehen kann. Wenn die zwei Produktionstechnologien der Ackerbau und die Fischindustrie sind, dann wird angenommen, dass Bauern als Fischer arbeiten können und umgekehrt, ohne dass weitere Kosten entstehen.

Die internationale Immobilität der Faktoren ist notwendig, um langfristigen Handel zu erklären. Könnte beispielsweise Kapital überall frei investiert werden, wird der Wettbewerb (der Investitionen) die Kapitalmengen weltweit ausgleichen. Hauptsächlich würde ein freier Handel bei den Investitionen einen weltweiten Investment-Pool bedeuten. Auch Bewegungen des Faktors Arbeit sind nicht vorgesehen. Dies würde zu einer Angleichung der relativen Menge der zwei Produktionsfaktoren führen.

Die nationale Faktormobilität und gleichzeitig internationale Faktorimmobilität sind strenge Annahmen des Modells.

Weitere allgemeine Annahmen Es gibt keine Einschränkungen beim Handel durch Zölle und keine Marktkontrolle (Kapital ist unbeweglich, aber die Rückführung von ausländischen Verkäufen kostenlos). Für den Handel der Güter fallen keine Transportkosten an. Wenn zwei Länder unterschiedliche Währungen haben, beeinflusst dies das Modell in keiner Weise. Da es keine Transaktionskosten oder währungsbedingten Verluste gibt, werden Güter im Ausland zum gleichen Preis angeboten wie im Inland.

In Ohlins Zeit war das eine ziemliche Vereinfachung, aber ökonomische Veränderungen und ökonometrische Erfahrungen seit den 50er Jahren zeigten, dass lokale Preise von Gütern mit den Einkommen in Beziehung stehen (obwohl das weniger zutrifft bei Handelsgütern).

Keines der Länder spezialisiert sich trotz des Anreizes des komparativen Vorteils bei internationalem Handel auf nur ein einziges Gut.vgl. M. Chacholades: International Economics. 1990, S. 63–65. Die Produktionskosten seien gleich den langfristigen Preisen, welche für beide Länder identisch sind. Dies hat einen Ausgleich der Güterpreise zur Folge. Bei einem ausgewogenen Handel dürfen die Wirtschaftsausgaben die Einnahmen nicht übersteigen.vgl. J. N. Bhagwati, T. N Srinivasan: Lectures on international Trade. 1983, S. 50. Diese Restriktion wird sich jedoch durch die Definition des Faktorreichtums ändern. Der Welthandel sei frei von Behinderungen wie Zölle und Austauschkontrollen,vgl. M. Chacholades: International Economics. 1990, S. 63–65. sowie frei von Transportkosten. Güter- und Faktormärkte sind durch eine freie und vollständige Konkurrenz gekennzeichnet. Weiterhin sind die Wirtschaftssubjekte Preisnehmer und über sämtliche Marktgeschehen informiert.

Gleichgewichte Autarkie mini|Autarkie-Gleichgewichte zweier Länder A und B. Dargestellt sind deren Transformationskurven.