mini|Wilhelm Taurit (1896) Wilhelm Taurit (* im Pastorat auf der Insel Dahlen bei Riga, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † im Pastorat auf Dahlen), mit vollem Namen Wilhelm Gotthard Adolf Taurit, lettisch Vilhelms Taurītis, war ein deutsch-baltischer Pastor. Er gilt als evangelisch-lutherischer Märtyrer und wird in Oskar Schaberts Baltischem Märtyrerbuch erwähnt.
Die Datumsangaben in diesem Artikel richten sich, wenn nicht anders angegeben, für den Zeitraum bis 1918 nach dem julianischen Kalender.
Leben Jugend und Ausbildung Wilhelm Taurit verbrachte seine ersten Jahre als Sohn des Pastors Karl Taurit und Nachfahre mehrerer Generationen von Pastoren auf der großen Düna-Insel Dahlen. Danach, von 1882 bis 1885, besuchte er die Zinksche Schule in Riga. Dann ging er ab der Tertia von 1886 bis 1888 in das Rigaer Gouvernementsgymnasium, das von Krannhals geleitet wurde. Die Zulassung zum Abitur erhielt er nach nur einjährigem Besuch der Prima, was eine Seltenheit war. 1889 arbeitete er nach dem Abitur zunächst als Hauslehrer in Riga.
Er immatrikulierte sich dann zum zweiten Semester 1889 an der Kaiserlichen Universität Dorpat zum Studium der Theologie. Erst während dieses Studiums fand er zum christlichen Glauben. Schon in seinem ersten Semester trat er am 30. Oktober 1889 in den theologischen Verein ein, 1891 wurde er dessen Bibliothekar, 1892 Protokollführer, 1893 dessen Präses. Er galt als fleissiger Student, womit er eine umfassende theologische Bildung erreichte. 1893, nach 4 ½ Jahren, schloss er sein Studium als Kandidat der Theologie ab. Mit Ausnahme der Dogmengeschichte, wo seine Leistungen mit „recht gut“ bewertet wurden, erreichte er in allen Fächern eine sehr gute Abschlussnote. 1894 bestand er seine Prüfung vor dem Konsistorium in Riga.
Sein praktisches Jahr verbrachte er 1894 bis 1895 zunächst in Neu-Pebalg in Livland bei Emil Kaehlbrandt, dem Propst von Wenden, der sich in gesetzterem Alter, aber auf dem Höhepunkt seiner Tätigkeit befand. Diese Zeit sollte einen maßgeblichen Einfluss auf Taurits spätere Amtsführung haben. Kaehlbrandt galt als charakterstark, tiefgläubig, liebevoll, aber auch streng.
Pastor in Dahlen Danach kehrte Wilhelm Taurit in sein Elternhaus nach Dahlen zurück, wo er den Rest seines Probejahres bei seinem Vater verbrachte, und wurde am 11. Juni 1895, nach dem Tod seines Vaters, von Generalsuperintendent Hollmann in Riga zum Nachfolger seines Vaters ordiniert.
Taurit war als konservativ einzustufen. Die Insel Dahlen hatte, wohl auch aufgrund ihrer damaligen Abgelegenheit, eine fast patriarchale Gesellschaftsstruktur beibehalten, mit dem Pfarrer an der Spitze. Zu dieser Gesellschaftsordnung, die sich Taurit bemühte aufrechtzuerhalten, gehörte auch, dass Kinder zunächst von ihren Müttern nach einem festgelegten Lehrplan unterrichtet werden mussten und dann vor der Einschulung vom Pastor geprüft wurden. Bei 95 % der Kinder auf der Insel wurde noch so verfahren. Die Prüfungen fanden jährlich im Pastorat statt.
Taurits Predigten, die er auswendig und akzentfrei auf Lettisch hielt, waren wissenschaftlich fundiert, aber allgemeinverständlich. Auch seine deutschsprachigen Predigten hatten guten Zulauf. Seine Predigtvorbereitung war sehr sorgfältig, der Vortrag sprachlich einwandfrei. Er schätzte eine gebildete Zuhörerschaft. Er selbst galt als fröhlich und gebildet. Sein bevorzugter Bibelvers war „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes“.
Ebenso wie sein Vater hielt Taurit in der Urlaubszeit Strand-Gottesdienste ab, am selben Sonntag einmal in deutscher und einmal in lettischer Sprache.Locales. in der Düna-Zeitung, Nr. 143, 28. Juni 1896, online unter Locales. in der Düna-Zeitung, Nr. 138, 21. Juni 1897, online unter Strandgottesdienste. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 171, 1. August 1903, online unter Gottesdienste am Strande. in der Düna-Zeitung, Nr. 114, 22. Mai 1904, online unter Lokales. in der Düna-Zeitung, Nr. 147, 2. Juli 1904, online unter Lokales. in der Düna-Zeitung, Nr. 146, 8. Juli 1905, online unter Strandgottesdienste. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 146, 8. Juli 1905, online unter
Am 8. Dezember 1896 erstattete Taurit Bericht auf dem Unterstützungskassenfest in der Rigaer Martinskirche.In der Martinskirche. in der Düna-Zeitung, Nr. 276, 7. Dezember 1896, online unter
Am 10. August 1897 hielt er die deutsche Predigt anlässlich des 150-jährigen Kirchenjubiläums in Lennewarden.Schloß Lennewarden. Kirchenjubiläum in der Düna-Zeitung, Nr. 194, 28. August 1897, online unter
Am Montag, dem , hielt er den ersten Vortrag zugunsten der offenen Armenpflege in der Aula der Rigaer Stadt-Realschule über das Thema „Die moderne Theologie“.Ein Vortragscyclus in der Düna-Zeitung, Nr. 34, 11. Februar 1898, online unter Notizen. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 17, 30. April 1898, online unter
Am Sonntag, dem ab 10 Uhr, half Wilhelm Taurit Erwin Gross, der 1920 im Gefängnis der Bolschewiki starb, bei der Ausrichtung eines Bibelfestes im Ausflugsort Katlekaln.Locales. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 174, 7. August 1899, online unter
Am 16. September 1898 heiratete er Magdalena Flora Luise Kählbrandt.
Herausgeber der Mitteilungen und Nachrichten Im Jahre 1900 wurde Wilhelm Taurit als Nachfolger von Theodor Taube, der später (1919) von Bolschewiki erschossen wurde, verantwortlicher Redakteur und Herausgeber der Mitteilungen und Nachrichten für die evangelische Kirche in Rußland, dem wichtigsten lutherischen Kirchenblatt und der einzigen kirchlichen Monatsschrift in Russland,Inland. in der Düna-Zeitung, Nr. 290, 27. Dezember 1899, online unter womit sein Einfluss nun weit über seine Gemeinde hinausreichte. Hier arbeitete er nicht nur als Redakteur, sondern auch als Autor zahlreicher eigener Artikel zu seinen Spezialgebieten. Sein Interesse und seine Begabung lagen vor allem im Bereich der Exegese des Neuen Testaments und der Dogmatik. Sowohl als Prediger als auch als Autor galt er als objektiv. Probleme zu suchen und skeptisch vorzugehen, lag ihm nicht; seinen Glauben gründete er klar auf die Person Christi. Er galt als ausgeglichen, mit zunehmendem Alter auch als mehr und mehr abgeklärt. Zu fast allen Konferenzen, die im Rigaschen Sprengel abgehalten wurden, steuerte er Referate und Vorträge bei. Propst Ludwig Zimmermann schätzte ihn sehr. Auch wenn er an der Synode teilnahm, wurde ihm, obwohl er noch jung war, aufmerksam zugehört. Wenn Taurit seine Meinung äußerte, war oft nichts mehr hinzuzufügen. Wer sich ihm entgegenstellte wurde scharf bekämpft, wobei er sich aber fair verhielt. Nur wenn andere selbst hinterhältig vorgingen, blieb er unbeirrt bei seiner Meinung. Mehrmals war angedacht, ihn an eine städtische Kirche zu berufen; bei den entsprechenden Wahlen verfehlte er aber immer knapp die Mehrheit. Er akzeptierte das mit den Worten
Damit blieb er seiner Gemeinde erhalten, der er autoritär aber auch liebevoll vorstand, und in der er sein Martyrium erleiden sollte.
Am Mittwoch, dem , referierte er auf der livländischen Predigersynode in Wolmar über die Ferienkurse, an denen im Sommer 15 Prediger teilgenommen hatten, und über Jesu Aussagen über die Ur- und Patriarchen-Geschichte.Wolmar. Von der livländischen Prediger-Synode. in der Libauschen Zeitung, Nr. 225, 1. Oktober 1901, online unter
Am 2. September 1902 berichtete er auf der Schlusssitzung der livländischen Provinzialsynode über die wirtschaftliche Lage der Mitteilungen und Nachrichten und über einen theologischen Ferienkurs.Inland. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 201, 5. September 1902, online unter Inland. in der Düna-Zeitung, Nr. 201, 5. September 1902, online unter
Während der Revolution 1905 Während der Russischen Revolution von 1905 blieb Wilhelm Taurit bei seiner Gemeinde, mit allen harten Konsequenzen, die sich daraus für ihn ergaben. Die revolutionäre Lage war für die Landpastoren gefährlich. So wurde am der Nitauer Pastor Karl Schilling erschossen.
Am sprach Propst Ludwig Zimmermann an Schillings Grab im Angesicht der Ausschreitungen der Revolutionäre gegen die evangelische Kirche über stellvertretendes Leiden.Stephan Bitter: Oskar Schabert, ein Prediger der Umkehr in Ost und West, S. 13 (PDF; 1,0 MB)
Am Mittwoch, dem 2. November 1905 hielt Taurit in einem Privatlokal den ersten Vortrag zugunsten des Bethabara-Vereins mit dem Titel „Und an Gebärden als ein Mensch“.Bethabara-Vorträge. in der Düna-Zeitung, Nr. 223, 10. Oktober 1905, online unter Notizen. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 49, 8. Dezember 1905, online unter
Im Januar 1906 wurde das Erscheinen der Mitteilungen und Nachrichten für die evangelische Kirche in Rußland wegen gestiegener Kosten und sinkender Einnahmen unter anderem wegen fehlender Zahlungen von Abonnenten eingestellt. Taurits Bemühungen, das Blatt zu retten, konnte er nicht mehr vollenden.
Im Winter, als die Strafexpedition gegen die Revolutionäre Dahlen erreichte, kehrte Taurit zu seiner Gemeinde zurück und tadelte die Gewaltakte und Tötungen. Ein Gemeindemitglied, das denselben Namen wie ein gesuchter Revolutionär trug, erhielt irrtümlich eine schwere Strafe. Taurit setzte sich für den Beschuldigten ein und erklärte sich auf Verlangen des kommandierenden Obersten bereit, mit seinem gesamten Besitz und seinem Leben für die Unschuld des Mannes zu bürgen.
Die revolutionäre lettische Zeitung Cīņa erklärte Taurit und andere baltische lutherische Geistliche für vogelfrei. Im Angesicht dieser Gefahr bereitete sich Taurit auf seinen Tod vor und plante sogar seine Beerdigung. Als Lesungstext wählte er : „Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben... mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn“, als Lieder Jerusalem, du hochgebaute Stadt und Ein feste Burg ist unser Gott. Die Revolution wurde im Frühjahr 1906 durch russische Truppen niedergeschlagen.
Im Anschluss an die Revolution mini|Ludwig Zimmermann Propst Ludwig Zimmermann kehrte 1906 zu seiner Gemeinde zurück, die er während der Revolution verlassen hatte.
Wenig später wurde Zimmermann nach Nitau gerufen, um die dortige Kirche wieder einzuweihen, die nach dem Tode Pastor Schillings geschlossen worden war. Zimmermann bezeichnete dessen gewaltsamen Tod dabei als Mord.
Am wurden Zimmermann und seine Frau von maskierten Terroristen getötet. Diese waren vermutlich sozialistisch oder anarchistisch motiviert und begründeten die Tat damit, dass Zimmermann diejenigen verleumdet habe, die in Nitau für die Freiheit gekämpft hätten.
Zimmermann und seine Frau wurden gemeinsam beerdigt. Nur wenige Gemeindemitglieder wagten es, an der Beerdigung teilzunehmen, die von Wilhelm Taurit, der den Propst sehr geschätzt hatte, durchgeführt wurde. Er verurteilte die Tat unmissverständlich. Für einige Revolutionäre war damit klar, dass er beseitigt werden musste, da er einen starken Einfluss auf seine Gemeinde hatte.
In dieser auf die Revolution folgenden Zeit wurde der Ruf nach Amnestie für die Revolutionäre und nach Aufhebung des Kriegsrechts laut. Im Herbst 1906 kam es zu einem regen Briefwechsel zwischen Taurit und einem Kommandanten, wodurch der Pastor einen Festgenommenen vor der Todesstrafe bewahren konnte. Insgesamt acht Personen soll Taurit in ähnlicher Weise vom drohenden Tode gerettet haben. Einige Zeit vor dem tödlichen Attentat auf Taurit verließ die letzte Strafexpedition Dahlen.
Im November 1906 hielten sich über einen Zeitraum von über zwei Wochen verdächtige Personen in der Nähe von Taurits Pastorat auf.
Gewaltsamer Tod Am Donnerstag, dem hielten in der Einfahrt zum „Goldenen Pferd“ in Mitau einige Personen eine Beratung ab. Sie beschlossen, den Pastor zu töten und zu berauben. Das Los fiel auf vier Männer im Alter von etwa 20 bis 33 Jahren:
Martin Wehbrandt, 33 Jahre alt, ein Bauer aus Baldohn, bereits in der Dahlener Gegend auffällig geworden Martin Swirkall Adolf Sokolowski, 20 Jahre alt, ein Bauer aus Neu-Bergfried und indirekter Mitarbeiter der „Rishskija Wjedomosti“, genannt „Pole“