mini|Plan der Stadt und Festung Glatz von 1743 mini|Plan der Festung Glatz um 1740 mini|Festung Glatz / Kłodzko, Aufnahme von 2013 mini|Schloss Glatz um das Jahr 1500 Die Festung Glatz (; ) ist eine militärische Festungsanlage in der Stadt Glatz, der Hauptstadt der vormals böhmischen Grafschaft Glatz. Sie entstand an der Stelle einer böhmischen Grenzburg, die im 15. und 16. Jahrhundert zu einem Schloss umgebaut wurde.
Die Festung liegt auf dem 369 Meter hohen Burg- bzw. Schlosshügel auf der westlichen Seite der Glatzer Neiße, oberhalb des Glatzer Rings. Das Gelände ist 17 Hektar groß.
Von der Grenzburg zum Schloss Das „castellum Cladsko“ wurde erstmals im Jahr 981 vom böhmischen Chronisten Cosmas von Prag erwähnt. Es war eine gegen Polen gerichtete Grenzburg auf dem für Verteidigungszwecke gut geeigneten felsigen Hügel, der später als Burg- bzw. Schlossberg bezeichnet wurde. Sie wurde durch den böhmischen Fürsten Slavnik, Vater des böhmischen Landesheiligen Adalbert von Prag, errichtet. Diese Burg wurde 1129 unter Herzog Soběslav I. stärker befestigt, um die wichtige Straße Prag-Pass von Nachod-Hummelpass-Wartha-Breslau zu sichern. Vermutlich um diese Zeit entstanden auf dem Burgberg der sogenannte Heidenturm und die Marienkapelle („Heidenkirchlein“), die erstmals 1194 urkundlich belegt ist. Am Abhang des Burgberges erbaute 1349 der erste Prager Erzbischof Ernst von Pardubitz, dessen Vater Burggraf von Glatz war, 1349 ein Augustinerkloster-Chorherrenstift. Die ehemals gotische Burg wurde im Laufe der Zeit zu einem Schloss umgebaut, auf dem die Burggrafen von Glatz, die Glatzer Landeshauptleute und ab 1477 auch die Grafen von Glatz residierten. Erster regierender Graf von Glatz war Heinrich I., ein Sohn des böhmischen Königs Georg von Podiebrad. Er residierte mit seiner Familie und seinem Hofstaat auf dem Glatzer Schloss.
Auf seiner Reise von seinem Residenzort Neuburg/Donau nach Krakau wohnte im Dezember 1536 Pfalzgraf Ottheinrich mit seinem Gefolge auf dem Schloss Glatz. Zu den Mitreisenden gehörte auch der Hofmaler Matthias Gerung, der in seinem Skizzenbuch u. a. auch Burg und Stadt Glatz festhielt. Dies ist die älteste Stadtansicht mit dem allerdings überhöht dargestellten Schlossberg und der noch nicht zerstörten Anlage.Stadtansicht von Glatz 1536/37 Zu den bedeutenden Gästen gehörte auch der böhmische König Ferdinand I., der auf seiner Reise von Breslau nach Prag vom 21./22. September 1546 mit seinem Gefolge auf dem Glatzer Schloss übernachtete und an einer Messe im Augustiner-„Domstift“ teilnahm.
Während der Regentschaft des Glatzer Pfandherrn Ernst von Bayern, der gezielt die Gegenreformation verfolgte, wurde das Schloss 1557 vom Hofarchitekten Lorenz Krischke im Renaissancestil umgebaut. Außerdem wurden das untere Schloss, das auch als „Niederschloss“ bezeichnet wurde, errichtet und die ältere Festung um mehrere Gebäude erweitert.Georg Kabst: Der Herzog Ernst von Bayern. In: „Grofschoaftersch Häämtebärnla“, Jahrbuch der Grafschaft Glatz, ISBN 3-931019-44-6, S. 146–149 Bei den Verteidigungskämpfen nach der Schlacht am Weißen Berg wurde das Augustinerkloster, das im Glacisbereich lag, 1620 teilweise abgebrochen und 1622 zerstört. Anschließend ließen die böhmischen Stände das Schloss durch den Schlosshauptmann Johann Georg Semling wieder herrichten. In den 1680er Jahren erfolgte der Bau von Befestigungsbastionen unter der Leitung des italienischen Baumeisters Jakob (Jacopo) Carove.Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. Deutscher Kunstverlag, München u. a. 2005, ISBN 3-422-03109-X, S. 458.
Umbau zur Festung mini|Festung Glatz aus der Vogelperspektive 1742 wurde das Schloss im Ersten Schlesischen Krieg von Preußen erobert. 1743 veranlasste König Friedrich II. den Umbau zu einer zeitgemäßen Festung und die Errichtung einer weiteren Festung östlich der Glatzer Neiße auf dem Schäferberg. Der Entwurf stammt vom Festungsbaumeister Gerhard Cornelius von Walrave. Mit der weiteren Durchführung wurde Major Christian von Wrede beauftragt. Der königliche Statthalter Heinrich August de la Motte Fouqué wurde zum Kommandanten der Festung ernannt. Während des Siebenjährigen Krieges wurde die Festung am 26. Juni 1760 vom kaiserlichen Feldzeugmeister Gideon Ernst von Laudon zurückerobert.
Da die Festung im Siebenjährigen Krieg eine große Bedeutung erlangt hatte, wurde sie auf Befehl des Königs Friedrich II. nach Beendigung des Krieges modernisiert. Obwohl die Entwürfe bereits im Mai 1763 vorlagen, begann die grundlegende Erneuerung durch den Piemonteser Militäringenieur Franz Ignatz von Pinto erst im Jahre 1770. Damals entstanden die Bastionen sowie der stellenweise dreigeschossige Donjon, in dem sich bis zu 42 Artilleriekasematten befanden.
In den Koalitionskriegen konnten Stadt und Festung während der Belagerung durch den französischen General Vandamme vom preußischen Generalleutnant Friedrich Wilhelm von Götzen verteidigt werden. Im Deutschen Krieg 1866 spielte die Glatzer Festung keine Rolle mehr. 1877 wurde sie aufgehoben und 1930 die Burgberghänge mit Beton verstärkt. Bis 1938 diente die Festung als Haftanstalt. Die im Haftvollzug gehaltenen Personen wurden nach Ingolstadt verbracht. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Glatzer Festung zu einem Wehrmachtsgefängnis umgewandelt. Dieses wurde in den letzten Kriegsmonaten auf die Nebenfestung am Glatzer Schäferberg verlegt. Die Hauptfestung wurde als Rüstungsbetrieb den AEG-Werken zur Verfügung gestellt, die darin Teile für V-1 Raketen sowie elektrische Anlagen für U-Boote und Flugzeuge herstellten.Eduard Köhl: Geschichte der Festung Glatz, Marx Verlag Leimen, 1994, S. 141f.
Als Folge des Zweiten Weltkriegs fiel Glatz zusammen mit dem größten Teil Schlesiens an Polen. Die Festung Glatz wurde wörtlich in Twierdza Kłodzko umbenannt. Sie gehört zu den wichtigsten Touristenattraktionen. Ein Rundweg führt durch einige Bastionen, Höfe und Kasematten. Der höchste Punkt der Festung bietet einen Blick auf den südlichen Glatzer Kessel.
Gouverneure und Kommandanten Kaiserliche Kommandanten Michael Wenzel von Althann (1630–1686), war von 1680 bis 1686 Landeshauptmann der Grafschaft Glatz und zugleich Kommandant der Festung Glatz. Johann Arbogast von Annenberg († 1645), Glatzer Kommandant sowie von 1633 bis 1645 Landeshauptmann Karl Maximilian Mitrovsky auf Rengersdorf, Landeshauptmann der Grafschaft Glatz und KommandantDer Adel des Glätzer Landes von 1623–1742.
Preußische Gouverneure 1774: Georg Reinhold von Thadden 1787: Friedrich Wilhelm von Götzen 1794: Theodor Philipp von Pfau 1794: Franz Andreas von Favrat 1804: Julius von Grawert 1816: Prinz Biron von Curland
Preußische Kommandanten 1756: Heinrich August de la Motte Fouqué 1757: Georg von Nettelhorst, Oberst 1757: Johannes Bartholomāus d’O 1760: von Österreich erobert Kommandant wird der Feldmarschalleutnant Graf von Gaisruck 1763: von Niekowski, Oberst 1764: Christoph Wilhelm von Nimschewski, Oberst, Vizekommandant 1774: Georg Reinhold von Thadden, später Gouverneur 1774: Ludwig Wilhelm von Regler, Oberster 1787: Hans Wilhelm von Bandemer, Generalmajor, später Kommandant der Festung Neisse 1788: Friedrich Benignus von Schmidthenner, Oberst 1790: Georg von Graevenitz, Oberst, später Kommandant von Breslau 1793: Christian Gottlieb Ludwig von Rabiel, Generalmajor, zuvor Kommandant von Breslau 1804: Christian Friedrich Ernst von Mellenthin, Major 1806: Friedrich August von Schenrich, Major 1806: Johann Ernst von Gleisenberg, Oberst 1807: Ludolf August Friedrich von Alvensleben, Generalmajor (mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt) 1807: Wilhelm Johann Maria von Blumenstein, Oberstleutnant, Vizekommandant, später Kommandant von Erfurt 1810: Arwid Conrad von Carnall, Major (mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt) 1813: Heinrich Wilhelm von Weltzien, Oberstleutnant (mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt), später Kommandant von Erfurt, Cosel und Koblenz 1813: Gotthilf Benjamin Keibel, Major (mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt) 1812: Friedrich Wilhelm von Anhalt, Oberst (mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt) 1816: Heinrich Konstantin Anton von Poyda, Oberst, später Kommandant der Festung Silberberg 1817: Karl Rudolf von Glan, Oberst 1834: Wilhelm von Sandrart 1842: Karl von Malachowski und Griffa, Generalleutnant 1844: Konstantin August Wilhelm von Witzleben, Generalleutnant 1845: August Ferdinand von Arnauld de la Perière, Generalmajor 1848: Friedrich Wilhelm Malotki von Trzebiatowski, Oberst 1850: Ludwig Karl Wilhelm von Gersdorff 1854: Karl von Toll 1857: Karl August Friedrich Breetz, Oberst 1859: Friedrich Schimmel, Oberst 1865: Oberst Wilhelm Anton Wolfgang Kruse 1866: Adolf von Kritter, Oberstleutnant/Oberst 1871: Alfred von Krohn, Generalmajor 1874: Ernst Wilhelm von Linsingen, Oberstleutnant/Oberst/Generalmajor 1884: Karl Adolf Hermann Goebel, Oberst 1885: Anton Bernhard Karl Hakewessel 1888: Friedrich von Strombeck 1891: Friedrich Buchholz, Oberst/Generalmajor 1895: Eugen von Albedyll, Generalmajor 1896: Wilhelm Ludwig Adolph von Seil 1900: Kurt von Sommerfeld, Generalmajor 1905: Hammer, Oberst 1905: Heinrich von Bünau, Generalmajor 1910: Waldemar von Gregory 1914: von Dithfurt, General 1916: von Fiedler, Generalmajor 1919: Hay, Oberst 1920: Teschner, Oberstleutnant 1920: Friedrich von Esebeck, Oberst 1923: Ernst von Forstner, Oberst 1923: Theodor Sproesser, Oberst 1925: Hans Sehmsdorf, Oberst 1928: Eugen Schlenther, Oberst 1929: Wilhelm Eilker, Oberstleutnant 1930: Heinrich Kirchheim 1932: Rudolf Kaempfe, Oberstleutnant, Grenzschutzabschnittskommando Schweidnitz 1935: Winkler, Oberst, Kommandeur der Heeresdienststelle 4 Schweidnitz 1937: Günther Schwantes, Kommandeur der Heeresdienststelle 4 Schweidnitz 1938: Hans-Jürgen von Arnim, Generalmajor, Kommandeur der Heeresdienststelle 4 Schweidnitz
Gefangene der Festung Wenzel von Jägerndorf (um 1440–1479), 1452–1464 Herzog von Jägerndorf und 1464–1474 Herzog von Rybnik Georg Popel von Lobkowicz (um 1551–1607), böhmischer Adeliger und Politiker Friedrich Freiherr von der Trenck (1727–1794), preußischer Offizier und Abenteurer Sophie Ursinus (1760–1836), Serienmörderin Heinrich Bürgers (1820–1878), verurteilt im Kölner Kommunistenprozess 1852 Peter Nothjung (1821–1866), verurteilt im Kölner Kommunistenprozess 1852 Wilhelm Joseph Reiff (1822–1860), verurteilt im Kölner Kommunistenprozess 1852 Karl Liebknecht (1871–1919), deutscher Politiker, Antimilitarist und Rechtsanwalt
Literatur Archiv für die Artillerie- und Ingenieur-Offizier. Band 12, S. 15 ff. Arno Herzig, Małgorzata Ruchniewicz: Geschichte des Glatzer Landes. DOBU-Verlag u. a., Hamburg u. a. 2006, ISBN 3-934632-12-2, S. 124, 193–196. Peter Güttler: Das Glatzer Land. Ein Reiseführer zu Landschaft, Kunst und Kultur des Glatzer Berglandes/Ziemia Kłodzka in Schlesien. Aktion West-Ost e. V., Düsseldorf 1995, ISBN 3-928508-03-2, S. 37–36. Eduard Köhl: Die Geschichte der Festung Glatz und Glatzer Festungsgeschichten. Marx Verlag, 1994, ISBN 978-3-87854-105-9. Grzegorz Podruczny: Friedrich der Große und die preußische Militärbaukunst 1740–1786. In: Friedrich II. und das östliche Europa. Berlin 2013, ISBN 3-8305-3155-9, S. 118–137 Karl August Müller: Vaterländische Bilder, oder Geschichte und Beschreibung sämmtlicher Burgen und Ritterschlösser Schlesiens beider Antheile und der Grafschaft Glatz. Zweite Auflage, Glogau 1844, S. 88–99. Karl August Müller: Vaterländische Bilder, in einer Geschichte und Beschreibung der alten Burgfesten und Ritterschlösser Preussens / 1: Die Burgfesten und Ritterschlösser Schlesiens (beider Antheile), so wie der Grafschaft Glatz. Verlag Flemming, Glogau 1837, S. 88–99 online Tomasz Przerwa, Jacek Jędrysiak (Hrsg.): Wokół Twierdzy Kłodzko. 1000 lat historii w cieniu wojen. Gajt, Wrocław 2022, ISBN 978-83-66292-16-1