That Evening Sun ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers und späteren Literaturnobelpreisträgers William Faulkner, die ursprünglich im Oktober 1930 entstanden ist. Sie erschien erstmals im März 1931 in geringfügig veränderter Form unter dem Titel That Evening Sun Go Down im American Mercury.Gerhard und Gisela Hoffmann: Faulkner · That Evening Sun. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 247. Im selben Jahr folgte eine Veröffentlichung in der Anthologie These 13, wo sie mit anderen Faulkner-Erzählungen wie Rotes Laub, Eine Rose für Emily oder auch Dürrer September abgedruckt wurde. Erste deutsche Übersetzungen erschienen 1956 von Erich Franzen unter dem Titel Abendsonne und 1965 unter dem Titel Wenn die Sonne untergeht von Elisabeth Schnack.
Thematisch handelt die Story von den Welten, die zwischen der weißen und der afro-amerikanischen Bevölkerung in den Südstaaten der USA liegt, und wie echte Todesangst einen Menschen hemmen kann.
Handlung Ich-Erzähler der Geschichte ist Quentin Compson; er berichtet von Ereignissen, die sich fünfzehn Jahre zuvor ereignet haben. Er selbst und seine involvierten Geschwister waren noch Kinder unter zehn Jahren zum Zeitpunkt der geschilderten Handlung.
Die Protagonistin Nancy in der Geschichte ist eine Waschfrau, die jede Woche die Wäsche der weißen Bevölkerung wäscht. Wenn die Hausdienerin der Compsons, Dilsey, krank ist, kommt Nancy ins Haus und kocht für die Compsons. Ihr Lebensgefährte Jesus ist aus Sicht Mr. Compsons sehr suspekt und darf nicht mit ins Haus. Nancy hat sexuelle Treffen mit einem Weißen, Mr. Stovall, der sie nicht für die Dienste bezahlt, weshalb Nancy einen Aufruf auf offener Straße macht. Stovall schlägt sie nieder und tritt ihr die Zähne aus dem Mund; sie wird ins Gefängnis geworfen, wo sie versucht, sich zu erhängen. Schon wenig später ist ihre Schwangerschaft unübersehbar, und weil Jesus annimmt, sie sei mit dem Kind eines Weißen schwanger, verlässt er sie. Nach einiger Zeit ist Nancy sich jedoch sicher, dass er zurückgekehrt sei und im Graben lauere, um bei Dunkelheit zu kommen und sie umzubringen. Sie steigert sich immer tiefer in diese Vorstellungen hinein, fühlt sich ständig beobachtet und unter Stress. Sie erlebt Todesangst und schläft einige Nächte bei den Compson-Kindern im Zimmer. Mr. Compson versucht sie davon zu überzeugen, dass sie Gespenster sehe; sie ist jedoch sehr hartnäckig und von ihrer Angst gelähmt.
Mrs. Compson geht dies mit der Zeit jedoch zu weit und Nancy soll wieder bei sich in der Hütte schlafen. Sie fleht darum, nicht gehen zu müssen, doch als es offenkundig ist, dass sie gehen muss, lädt sie die Compson-Kinder dazu ein, zu ihr zu kommen, um „Spaß“ zu haben. Sie weiß, dass Jesus in der Gegenwart von Weißen sehr zurückhaltend ist und nicht zu ihr kommen würde, wenn weiße Kinder anwesend wären. Kaum bei sich angekommen, kann sie die Kinder jedoch nicht halten. Quentin verhält sich neutral, doch besonders der jüngste, Jason, jammert schnell herum, er wolle nach Hause. Er war nur durch Caddys Necken mitgekommen; da seine Schwester Caddy behauptet hatte, er sei ein viel zu großer Angsthase, um mitzukommen. Nancy versucht, Caddy und Jason mit Popcorn bei Laune zu halten, doch sie ist von ihrer Angst vor Jesus so gehemmt, dass es ihr nicht einmal gelingt, mit den Kindern Popcorn zu machen. Jason bekommt bei dem Versuch Rauch in die Augen und beginnt zu weinen; auch Caddy möchte dann nach Hause, da sie findet, Nancy habe ihr Versprechen, dass sie Spaß haben würden, nicht eingehalten. Kurz darauf taucht Mr. Compson auf. Er nimmt seine Kinder wieder mit, spricht aber zu Nancy, dass sie die Nacht bei einer Freundin verbringen soll, sodass sie nicht allein ist. Nancy geht nicht offen darauf ein und sagt, sie werde noch etwas das Licht brennen lassen.
Die Erzählung endet damit, dass Mr. Compson sich mit den drei Kindern nach Hause begibt und diese den Graben beobachten, indem laut Nancys Aussage Jesus darauf wartet, ihr Gewalt anzutun und sie umzubringen. Caddy fragt, ob Jesus sie sehen könne, doch ihr Vater antwortet, dass dieser schon lange fort sei. Sie blicken zurück auf die Hütte und sehen, dass Nancy die Lampe noch brennen hat, sie selbst können sie jedoch nicht sehen. Im letzten Abschnitt ärgern sich Caddy und Jason gegenseitig. Wie bereits zuvor in der Geschichte bezeichnet Caddy ihren Bruder als Angsthasen, der geweint habe. Er sei „noch ängstlicher als ein Nigger“ und sie nennt ihn eine verängstigte Katze; erst jetzt greift der Vater ein und ermahnt Caddy.
Aufbau und erzähltechnische Gestaltung Kennzeichnend für diese Kurzgeschichte Faulkners ist eine Fokussierung der Geschichte auf die psychischen Vorgänge im Innenleben der Protagonistin Nancy, wobei der eigentliche Handlungsfaden der Erzählung entsprechend dünn ausfällt. Das gewalttätige oder kriminelle Geschehen hat eine relativ geringe Bedeutung: Der potenzielle Mörder Jesus wird einzig in einer kurzen Szene vorgestellt; die Narbe („razor scar“) in seinem Gesicht lässt ihn zwar als suspekte Gestalt erscheinen und ruft den Eindruck von möglicher Gewalttätigkeit hervor; seine Gedanken oder vermeintlichen Pläne werden jedoch weitgehend nur durch die Perspektive und die Aussagen Nancys vermittelt. Auch äußere Hinweise oder Indizien, wie beispielsweise die mysteriösen nächtlichen Ereignisse in der Küche, werden nicht direkt dargestellt, sondern lediglich angedeutet durch den ausführlich geschilderten Schrecken Nancys als anschließender Reaktion. Ebenso erfährt er Leser erst im Nachhinein von dem Vorhandensein des obskuren blutigen Schweineknochens („hogbone, with blood meat still on it“), den Nancy aus ihrer Sicht als Zeichen für die gewaltsamen oder mörderischen Absichten ihres Mannes begreift, was wesentlich zu ihrem psychischen Zusammenbruch beisteuert.Vgl. Gerhard und Gisela Hoffmann: Faulkner · That Evening Sun. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 247 f. Siehe dazu sowie zur Bedeutung der Wahl des Namens Jesus für Nancys Ehemann eingehender Dirk Kuyk Jr., Betty M. Kuyk and James A. Miller: Black Culture in William Faulkner's "That Evening Sun". In: Journal of American Studies, Vol. 20, No. 1 (April 1986), S. 40 ff.
Der Aufbau und die äußere Gliederung der Geschichte unterstreichen gleichermaßen die Priorität des inneren Geschehens. Im Anschluss an eine kurze Bemerkung zur Erzählgegenwart werden zunächst durch eine lose Folge zeitlich nicht genauer festgelegter Episoden die Lebenssituation und die Lebensumstände der Protagonistin eingeführt. Diese kurz skizzierten Szenen wie etwa Nancys Begegnung mit Mr. Stovall und ihr Gefängnisaufenthalt stellen keine funktionale Exposition in handlungsmäßiger Hinsicht dar, sondern gestalten als Beispiele für die Unerschrockenheit der Hauptfigur aus psychologischer Sicht den kontrastierenden Hintergrund, der ihre Furcht und ihre Resignation am Ende der Geschichte um so eindrucksvoller erscheinen lässt.
Das zentrale Handlungsgeschehen setzt erst mit den frühen Anzeichen von Nancys innerer Unruhe oder Beunruhigung ein und stellt dann in immer größerer zeitlicher Verdichtung die einzelnen Phasen ihrer zunehmenden Furcht dar bis zur Peripetie, dem Höhe- und Wendepunkt am letzten Abend. Die minutiöse Schilderung und Aufzeichnung ihres Verhaltens nimmt mit einem Umfang von etwa zwölf Seiten den weitaus größten Erzählzeitraum in der Geschichte ein. Die innere und äußere Struktur der Erzählung wird dabei durch die mehrfachen Vorausdeutungen Nancys auf ihr gewaltsames Ende gefestigt, um so gleichzeitig der geringen Handlungsspannung entgegenzuwirken und das Leserinteresse auf das Phänomen der Angst zu lenken.
Bemerkenswert im Hinblick auf die äußere Gliederung der Geschichte ist in diesem Zusammenhang ebenso die Diskrepanz zwischen den Handlungsphasen und den Kapiteleinheiten: Nancys Flucht vor dem Tod wird von Faulkner in sechs Kapiteln gestaltet, die weniger räumlich-zeitliche oder handlungsmäßige Einheiten bilden, sondern vielmehr Stufen einer inneren Entwicklung darstellen. Dementsprechend werden zusammengehörende Vorgänge mitunter durch die Kapitelgrenzen getrennt: Am Ende des zweiten Kapitels hält Nancy etwa die Tasse in den Händen, aus der sie zu Beginn des dritten Kapitels trinkt; das Ende des dritten Kapitel unterbricht ein Gespräch, das seine Fortsetzung zu Beginn des vierten Kapitels findet bzw. in andere Bahnen gelenkt wird. Diese auffällige Gestaltung der Kapitelgrenzen dient einer Verstärkung des thematischen Aspekts, da alle Kapitelschlüsse von der Angst Nancys oder der Jasons sowie Hinweisen auf den Tod handeln.
Für die Darstellung und Gestaltung des inneren Dramas, auf das der Leser aufgrund des spärlichen äußeren Handlungsgeschehens überwiegend fokussiert wird, erlangen die indirekten Ausdrucksmedien sowie ihre wechselseitige Kombination, Akzentuierung oder Intensivierung eine sinnaufschließende Funktion und Bedeutung. Der Grund hierfür liegt einerseits in der durchgängig beibehaltenen Erzählperspektive eines unbeteiligten und verständnislosen Erzählers, andererseits in der Wahl einer ungebildeten Negerin als Hauptperson, deren sprachliches Ausdrucksvermögen nicht ausreicht, um ihr inneres Erleben angemessen zum Ausdruck zu bringen. Letztlich äußert sich hierin allerdings ebenfalls die von Faulkner in der Geschichte thematisch angelegte psychische Tiefendimension, die sich einem unmittelbaren sprachlichen Zugriff weitgehend entzieht.
So zeichnet sich im ersten Kapitel Nancys innere Beunruhigung in ihrem nicht weiter beschriebenen Blick und ihrem Verweilen am kalten Herd ab, während im zweiten Kapitel eine Bündelung von Ausdrucksgesten wie undefinierbaren Klagelauten oder gebetsähnlichen Äußerungen und insbesondere ihr seltsam fremd und unheimlich erscheinender Blick auf die Verschärfung der äußeren und inneren Situation verweisen. Im dritten Kapitel deutet die Kontrastierung von Ausdrucksmitteln wie die Gegenüberstellung der bewegungslosen, gleichsam paralysierten Hände Nancys und ihrer sich fieberhaft bewegenden Augen auf die wechselhaften Zustände von künstlich genährter Hoffnung einerseits und beginnender Hoffnungslosigkeit sowie Resignation andererseits. Diese Polarisierung wird im vierten Kapitel fortgeführt mit dem Nebeneinander von hektischer Betriebsamkeit und zeitweiliger Geistesabwesenheit.
Die äußere und innere Spannung erreicht ihren Höhepunkt beim Näherrücken der geheimnisvollen Schritte. Durch eine Akkumulation und Massierung unterschiedlichster Ausdrucksmittel wird zudem der Verlust der Selbstkontrolle markiert, der vor allem durch Nancys Schweißausbrüche und ihren rational kaum mehr gesteuerten Wortschwall verdeutlicht wird. Dieser unkontrollierte Redefluss kommt gleichsam einem letzten verzweifelten Hilferuf gleich.