mini|Laurenz Zellweger – J. G. Koch: Öl auf Leinwand, 1747 Laurenz Zellweger (* 2. August 1692 in Trogen; † 14. Mai 1764 in Trogen) war ein Schweizer Aufklärer, Arzt und Mitbegründer der Helvetischen Gesellschaft.

Leben und Wirken Familie Laurenz Zellweger wurde in eine protestantische Familie von Textilkaufleuten hineingeboren. Sein Familienzweig war in den 1580er Jahren, zur Zeit der Gegenreformation und am Vorabend der Landteilung, von Appenzell nach Trogen ausgewandert. Der Immigrantenfamilie war es gelungen, seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine wichtige politische Stellung und wirtschaftliche Bedeutung im Stand Appenzell Ausserrhoden zu erlangen. Mit Ausnahme weniger Jahre sassen von 1668 bis 1732 immer zwei Zellweger, der eine aus der Trogner-Linie, der andere aus Teufen, in den hohen Landesämtern. Zudem verschwägerten sich beide Zellweger-Linien mit der Familie Tanner von Herisau, einem führenden Geschlecht des Appenzeller Hinterlandes. Die Zellweger und Tanner hatten bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung Ausserrhodens, denn ihre hohen politischen Ämter brachten eine grosse Machtfülle mit sich. Mit dem sich einstellenden wirtschaftlichen Erfolg wurde diese Machtstellung noch weiter gefestigt.

Für den ökonomischen Aufstieg der Zellweger von Trogen legte Laurenz Zellwegers Grossvater, Conrad Zellweger-Rechsteiner (1630–1705), den Grundstein. Er eröffnete 1667 in Trogen eine Leinwandschau. Bis dahin hatten die zahlreichen, meist auf dem Land lebenden Weber ihre Erzeugnisse in die benachbarte Stadt St. Gallen zur Leinwandschau bringen müssen. Dort wurden sie allerdings vom Verkauf und von der weiteren Verarbeitung der Stoffe ausgeschlossen. Mit der Eröffnung der Leinwandschau in Trogen konnte dieser Handel nun ohne sanktgallische Zunftordnung und mit kürzeren Transportwegen abgeschlossen werden. Aufgrund dieser Vorteile blühte das Geschäft in Trogen rasch auf, und Conrad Zellweger-Rechsteiner begann bald selber Textilien zu verarbeiten und zu vertreiben. So brachte es Laurenz Zellwegers Grossvater zu Wohlstand und er legte ein wichtiges Fundament für den weiteren wirtschaftlichen Aufstieg seiner Familie.

Der Vater von Laurenz Zellweger, Conrad Zellweger-Tanner (1659–1749), der zweitgeborene Sohn von Conrad Zellweger-Rechsteiner, baute nach der Übernahme des väterlichen Geschäftes den Reichtum der Familie Zellweger noch weiter aus. Conrad Zellweger-Tanner hatte in einem St. Galler Leinwandhaus in Lyon eine kaufmännische Ausbildung erhalten, lebte dann rund zehn Jahre in Frankreich und gründete nach seiner Rückkehr nach Trogen schliesslich 1717 eine eigene Niederlassung in Lyon, die hauptsächlich von seinen beiden jüngeren Söhnen Conrad Zellweger (1694–1771) und Johannes Zellweger (1695–1774) geführt und auch ausgebaut wurde. In Trogen wurde Conrad Zellweger-Tanner, wie schon seine Vorfahren, in wichtige Landesämter einberufen. Er war Landeshauptmann, Seckelmeister und Landesstatthalter. Dennoch soll der gläubige Protestant bescheiden und einfach gelebt haben.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 9–14.

Jugend und Ausbildung Laurenz Zellweger wollte sich entgegen dem Wunsch seiner Familie und im Gegensatz zu seinen Brüdern nicht zum Kaufmann ausbilden lassen. Die Eltern drängten ihn zunächst, Pfarrer zu werden, unterstützten dann aber seinen Wunsch, Medizin zu studieren. Diese Unterstützung war keine Selbstverständlichkeit. Sie legte bei Laurenz Zellweger den Grundstein für die Ehrfurcht und Verehrung, die er seinen Eltern zeit seines Lebens entgegenbrachte.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 14.

Zellweger wurde dann 1709 als Schüler zum Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) in ein Lehrjahr geschickt. Im Rahmen von dessen siebter Alpenreise kam der junge Zellweger mit verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebieten in Kontakt: Er machte meteorologische Beobachtungen, untersuchte verschiedene Arten von Wassern in den besuchten Bädern, schrieb Notizen zu Pflanzenarten und Gesteinsformationen auf und transkribierte Inschriften an Häusern und Monumenten. Die Anregungen, die Laurenz Zellweger auf dieser Alpenreise erhielt, wirkten sich auf seine spätere Tätigkeit und seine Faszination für die Naturwissenschaften aus.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 16–17. Mit Johann Jakob Scheuchzer blieb er in brieflichem Kontakt.Rosa Schudel-Benz: Reise des Laurenz Zellweger mit Dr. J. J. Scheuchzer 1709. In: Appenzellische Jahrbücher. Nr. 51 (1924), S. 1–75.

1710 begann Zellweger sein Medizinstudium an der Universität Leiden, wo 1713 seine Dissertation erschien. Hier lernte er seinen zweiten wichtigen Lehrer, den Universitätsdozenten, Mediziner und Botaniker Herman Boerhaave (1668–1738) kennen. Laurenz Zellweger verehrte Boerhaave und lernte von ihm, den Patienten vor allem zu beobachten und dann mit dem Verstand logische Schlüsse aus diesen Beobachtungen zu ziehen. In seiner Studienzeit in Leiden kam der junge Appenzeller auch mit Schriften aus England und den Ideen der Aufklärung in Kontakt. Über englische Studenten lernte er Addisons und Steeles The Spectator, Paradise Lost von John Milton und den Philosophen John Locke kennen.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 20–25. Nach einer Reise über Paris, auf der er den Historiker Johann Jakob Lauffer (1688–1734) kennen lernte und als Freund gewann, kehrte Zellweger Ende 1713 wieder nach Trogen zurück, wo er als junger Arzt eine Praxis eröffnete.

Beruflicher und politischer Werdegang mini|Laurenz Zellweger – J. C. Waser: Kupferstich, ca. 1760 In der ersten Zeit nach der Eröffnung seiner Praxis hatte Laurenz Zellweger Schwierigkeiten, das Vertrauen der Bevölkerung und damit Patienten zu gewinnen. Erst 1721 konnte er seinem Freund Johann Jakob Lauffer berichten, dass seine Praxis nun schon ganz gut besucht werde. Zellweger erarbeitete sich nach und nach einen Namen als bedeutender Arzt, sein Tätigkeitsbereich reichte von Urnäsch bis Rheineck.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 26. Zellweger arbeitete mit dem konsequenten Fokus auf Prävention und hatte bald den Ruf, für alles einen Rat zu wissen. Dieser gute Leumund führte dazu, dass Zellweger bisweilen bis zu fünfzig Visiten pro Tag zu bewältigen hatte.Heidi Eisenhut: Gelehrte auf Molkenkur. In: Dies. et al. (Hg.): Heilkunst und schöne Künste. Wallstein, Göttingen 2011, S. 271–301, hier: 282–283. Besonders in schweren Fällen wurde Laurenz Zellweger immer wieder herbeigezogen. Sein Ruf als hervorragender Arzt gründete nicht zuletzt in seinen an der Universität Leiden erworbenen Fähigkeiten des Beobachtens und des geschickten Ausfragens der Patienten nach ihren Beschwerden. Zellweger war bald so geachtet, dass auch der schwedische Königshof ihn als Arzt nach Stockholm holen wollte. Auch die Rheinecker und seine Zürcher Freunde hätten ihn gerne bei sich gehabt. Doch Zellweger lehnte immer ab, er wollte seinen Vater und nach dessen Tod 1749 seine angestammte Heimat nicht verlassen.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 27–28.

Von Laurenz Zellweger sind kaum medizinischen Schriften überliefert. Er war denn auch nicht Forscher und Entdecker wie Johann Jakob Scheuchzer, vielmehr konzentrierte er sich auf das praktische Ausüben seines Berufes.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 38–39.

Wie seine Vorfahren und Geschwister hatte auch Laurenz Zellweger verschiedene Ämter zugunsten des Standes Appenzell Ausserrhoden zu bekleiden. 1723 wurde er von seinem Vater und dem Grossen Rat während einer Reise nach Schaffhausen zurück nach Trogen beordert, um dort das Landesarchiv zu ordnen. Für Zellweger, der seiner Lebenseinstellung zufolge stolz darauf war, von niemandem Befehle annehmen zu müssen und sich nur um seinen Beruf und seine Freunde kümmern wollte, war dies ein harter Einschnitt. Er stürzte sich dennoch in die Arbeit und übergab nach intensiven Schaffensjahren das neu eingerichtete Archiv 1729 wieder dem Grossen Rat. Obwohl er sich stark gegen erneute Dienste am Land zu wehren versuchte, wurde er 1726 Ratsherr und Gemeindeschreiber.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 62–63. 1728 wurde Zellweger Examinator, 1729–1732 Ausserrhoder Landeszeugherr und 1732–1734 Grossrat und Landesarchivar.

Infolge des Landhandels, einer innenpolitischen Auseinandersetzung um Zölle und um Macht und Ansehen zwischen den Ausserrhoder Familien Wetter und Tanner/Zellweger, wurde Zellweger als Parteigänger der sogenannten «Linden», denen sein Vater, ein Mitglied der Landesregierung, als Haupt vorstand, von allen Ämtern verbannt.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 62–72 Laurenz Zellweger widmete sich infolge dieser Zäsur daraufhin ganz seinem Hauptberuf als Arzt, seinen Studien sowie seinem Briefwechsel mit Johann Jakob Bodmer (1698–1783) und dessen Freundeskreis.Heidi Eisenhut: Gelehrte auf Molkenkur. In: Dies. et al. (Hg.): Heilkunst und schöne Künste. Wallstein, Göttingen 2011, S. 271–301, hier: 275. Die Unruhen um den Landhandel hatten ihn aber auch dazu motiviert, die erlebten Geschehnisse aufzuschreiben. Mit der Zeit weitete sich diese Tätigkeit, Historisches aus dem Appenzellerland zu erforschen und niederzuschreiben, immer mehr aus.Paulfritz Kellenberger: Laurenz Zellweger von Trogen. 1692–1764. J. Weiss, Affoltern am Albis 1951, S. 67–86.

Privatleben mini|«Förene Hütte» In seinem Nachruf beschrieb Johann Caspar Hirzel (1725–1803) Laurenz Zellweger als mageren, grossen Mann, «bräunlich von Ansehen», mit ernsthafter und nachdenklicher Mine und so gekleidet, dass man ihn «von dem gemeinen Mann kaum unterschied». Diese Erscheinung schien viele auf den ersten Blick abgeschreckt zu haben, «aber man entdeckte bald etwas einnehmendes Menschenliebendes in seinen Zügen». Bei ersten Begegnungen soll Laurenz Zellweger schüchtern und zurückhaltend gewesen sein, mit der Zeit habe er sich dann aber jeweils redseliger und belebter gezeigt und soll auch gescherzt haben. «Immer war er zufrieden und vergnügt […].»Johann Caspar Hirzel: Ehren-Gedächtnis Hrn. Doctor Zellwegers. In: Ders. (Hg.): Denkmal Herrn Doctor Laurenz Zellwegers von Trogen im Appenzeller-Land von der Helvetischen Gesellschaft errichtet. David Gessner, Zürich 1765, S. 41–92, hier: S. 90.