mini|Karl Schilling Karl Schilling (* in Sankt Petersburg, Russisches Kaiserreich; † in Nitau, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich), mit vollem Namen Karl Theophil Schilling, auch Carl Schilling beziehungsweise Carl Theophil Schilling oder Theophil Carl Schilling, auch Theophil Schilling geschrieben, lettisch Kārlis Šilings oder Kārlis Šillings, war ein deutsch-baltischer Pastor. Er gilt als evangelisch-lutherischer Märtyrer und wird in Oskar Schaberts Baltischem Märtyrerbuch erwähnt.
Die Datumsangaben in diesem Artikel richten sich, wenn nicht anders angegeben, für den Zeitraum bis 1918 nach dem julianischen Kalender.
Leben Jugend und Ausbildung Karl Schilling stammte aus einer in Livland alteingesessenen Pastorenfamilie. Sein Großvater war Pastor in Tirsen, sein Vater Carl Friedrich Woldemar Schilling (* 1834) Pastor in St. Petersburg. Der Vater verstarb bereits im Jahre 1869, als Karl Schilling vier Jahre alt war. Die Witwe zog mit den vielen Kindern nach Riga, wo Karl Schilling von 1877 bis 1884 das Gouvernements-Gymnasium besuchte, das er mit dem Abitur abschloss. 1885 immatrikulierte er sich an der Universität Dorpat, um Theologie zu studieren. Vom 20. Oktober 1887 bis zum 28. August 1888 war er Mitglied des Theologischen Vereins Dorpat.
1889 schloss er sein Studium kandidatenmäßig ab. 1890 bestand er seine Prüfungen vor dem Konsistorium in Riga. Sein Probejahr verbrachte er im selben Jahr bei Pastor Walter in Kremon in Livland und bei Propst Kaehlbrand in Neu-Pebalg in Livland.
Am 3. März 1891 wurde er in der St. Jakobikirche in Riga von Generalsuperintendent Hollmann zum Pastor-Adjunkt für Tirsen und Wellan ordiniert.
Erste Jahre in Nitau Am 5. Dezember 1891 wurde Karl Schilling als Nitauscher Kirchspielsprediger bestätigt, nachdem die Stelle ein Jahr lang vakant gewesen war, sich kein Bewerber fand und die Gemeinde auf Abwege geriet. Die Berufung Schillings durch das Konsistorium erregte wegen seiner deutsch-baltischen Abkunft heftigen Widerstand bei einigen Gemeindemitgliedern. Die neue Position hatte Schilling dennoch bis zu seinem Tode inne. Die finanzielle Situation sowohl der Gemeinde als auch des Pfarrers und seiner Familie war schwierig, was eine spartanische Lebensweise erforderte. Schillings Predigten galten als ernst, knapp, klar und schlicht, ungewöhnliche Gedankengänge waren darin im Allgemeinen nicht zu finden. Über die reformatorischen Grundsätze sola gratia und sola fide urteilte er, dass diese nur gemeinsam zum Frieden führen würden, nicht jeweils für sich allein betrachtet. Ein häufiges Thema war Leidensbereitschaft.
In seiner Freizeit befasste Schilling sich mit Natur und Geschichte. So pflegte er seinen kleinen Park und veröffentlichte in der Baltischen Monatsschrift sowie der Baltischen Jugendschrift. Ferner war er als einer von wenigen Pastoren, insbesondere im ländlichen Raum, Mitglied in der Gesellschaft für Geschichte und Alterthumskunde der Ostseeprovinzen Rußlands, wobei er starkes Interesse an deren archäologischen Arbeiten zeigte.Die Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Rußlands. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 285, 15. Dezember 1904, online unter Die Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Rußlands. in der Düna-Zeitung, Nr. 285, 15. Dezember 1904, online unter
Um 1894 verlieh er an das Museum der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Rußlands ein reichbesticktes Antependium seiner Kirche aus dem 18. Jahrhundert.Die Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Rußlands in Riga. in der Düna-Zeitung, Nr. 21, 27. Januar 1894, online unter
Außerdem war Karl Schilling, ebenso wie der 1906 ermordete Propst Ludwig Zimmermann, die 1919 von Bolschewiki hingerichteten Geistlichen Hans Bielenstein, Alexander Bernewitz, Xaver Marnitz, Arnold von Rutkowski, Paul Fromhold-Treu, Christoph Strautmann, Karl Schlau, Eberhard Savary, Eugen Scheuermann und Wilhelm Gilbert und wie die Pastoren Gustav Cleemann und Erwin Gross, die an den Folgen ihrer Gefangenschaft bei den Bolschewiki starben, ordentliches Mitglied der Lettisch-Literärischen Gesellschaft, die sich der Erforschung der lettischen Sprache, Folklore und Kultur widmete. Diese Gesellschaft wurde überwiegend von deutsch-baltischen Pastoren und Intellektuellen getragen. Für die Letten selbst war eine höhere Bildung zur Zeit der kaiserlich-russischen Vorherrschaft noch kaum zugänglich, ihre Kultur führte ein Schattendasein.
Im Jahre 1895 übernahm er für die Dauer der Vakanz der örtlichen Pfarrstelle die Amtshandlungen in der Gemeinde Jürgensburg.Inland. in der Düna-Zeitung, Nr. 262, 18. November 1895, online unter
Am Donnerstag, dem , dem Geburtstag der Mutter des Zaren, beteiligte sich Schilling an der Einweihung der neuen evangelisch-lutherischen Kirche zu Kirchholm. Er hielt dabei die Eingangsliturgie mit der Lesung von .Notizen. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 50, 12. Dezember 1896, online unter
Konflikt mit der russisch-orthodoxen Staatskirche Schilling war bekannt dafür, sich um seine Gemeinde zu bemühen und offen seine Meinung zu sagen, was von den Einen als unbequem, von den Anderen als mutig gewertet wurde. Letztere sahen ihn als Bewahrer des Erbes der Reformation. So kam es von Anfang an auch zu Problemen mit einer relativ großen Anzahl lettischer Gemeindemitglieder, die unter anderem in der Zeit der Vakanz des Pastorenamts zur russisch-orthodoxen Staatskirche konvertiert waren, da er einige andere von diesem Schritt abhalten konnte und das Verhalten der Konvertiten tadelte. Schließlich zeigte der örtliche orthodoxe Priester, ein ständiger Gegner des evangelischen Pastors, Schilling wegen anti-orthodoxer Propaganda an. Dies führte zu einer Verurteilung Schillings aufgrund von Artikel 182 Teil 1 des russischen Strafgesetzbuches. Dieser stellte die sogenannte Verspottung der orthodoxen Religion unter Strafe:
„Diejenigen, welche überführt wurden, die Religion in höhnischer Weise verspottet zu haben, wobei eine offenbare Nichtachtung für die Vorschriften oder Zeremonien der orthodoxen Kirche oder überhaupt des Christentums bekundet wird, werden verurteilt zur Gefängnishaft auf eine Zeit von vier bis zu acht Monaten.“
Die Verhandlung fand am Montag, dem , unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor der ersten Kriminalabteilung des Rigaer Bezirksgericht statt. Schillings Verteidiger war H. von Broecker, die Anklage vertrat A. Oransky. Schilling wurde zu vier Monaten Hausarrest verurteilt, den er bei seinem Propst und Freund Ludwig Zimmermann verbrachte.Inland. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 177, 11. August 1899, online unter Pastorenproceß. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 200, 7. September 1899, online unter Riga. Pastorenproceß. in der Libauschen Zeitung, Nr. 202, 8. September 1899, online unter Pastorenproceß. in der Düna-Zeitung, Nr. 177, 11. August 1899, online unter (Verurteilungen evangelischer Geistlicher wegen angeblicher Angriffe auf die orthodoxe Staatskirche waren häufig.) Während des Arrestes erfuhr Schilling die Freundschaft einiger Gemeindemitglieder, aber auch die Zurückweisung durch von ihm getadelte Konvertiten. Während Schillings Abwesenheit zeigte sich, dass er seine Gemeinde größtenteils für sich hatte gewinnen können. Die Abkehr vom evangelischen Glauben galt dort nun als inakzeptabel. Es war die Reaktion auf seine Wahrheitsliebe und seine Zuneigung zu seiner Gemeinde.
Am 15. November bestätigte das zweite Kriminaldepartement des Sankt Petersburger Appellhofes das Urteil. Mildernde Umstände wurden nicht zuerkannt.Pastorenproceß. in der Düna-Zeitung, Nr. 258, 16. November 1899, online unter Für seinen ersten Gottesdienst nach der Haft hatte die Gemeinde die Kirche für ihn festlich geschmückt.
Am 22. November 1901 heiratete er Magdalena Agnes Scheinpflug (1876–1949), eine Schwester Theodor Scheinpflugs.
Archäologische Tätigkeit Im Jahre 1900 wurden archäologische Grabungsarbeiten am Assersee auf dem Grund des Gesindes Sawehlt im Kirchspiel Nitau durchgeführt. Karl Schilling forderte den Präsidenten der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Rußlands, den Oberlehrer B. Hollander, auf, die Grabungen fortzusetzen.
Schillings Bitte um Fortsetzung der Grabungen wurde im Juni 1903 gefolgt, nachdem die Besitzerin des Gesindes, Alma von Zoeckel, die Genehmigung erteilt hatte. Es handelte sich bei der Fundstätte um sechs lettische Hügelgräber aus dem 6. bis 8. Jahrhundert, aus der Zeit vor der Einwanderung der Liven. Schilling beteiligte sich selbst an der Grabung, bei der fünf der Gräber untersucht wurden. Es wurden ein bis zwei menschliche Körper pro Grab und zahlreiche Grabbeigaben gefunden.Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Rußlands. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 221, 29. September 1903, online unter Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Rußlands. in der Düna-Zeitung, Nr. 222, 30. September 1903, online unter
Nitauer Siechenhaus Am 1. Januar 1905 weihte Schilling das evangelische Siechenhaus seiner Gemeinde ein. Anwesend waren der Besitzer des Schlosses, auf dessen Grund das Haus eingerichtet worden war, Graf Wilhelm Stenbock-Fermor, und Vertreter der Bauerngemeinde. Die Feier wurde schlicht gestaltet. Der Graf hatte das Haus mit Heizung und Garten zur Verfügung gestellt. Die Finanzierung der Einrichtung und eines Teils des Unterhalts der Kranken wurde durch eine Spende des Grafen und eine Geldsammlung Schillings erreicht. Schilling hatte sich um die Beschaffung der Einrichtung und die Einlieferung der Kranken gekümmert. Die ersten Sieben bezogen schon am Tag der Einweihung das Haus. Zwei der Kranken waren orthodoxen Glaubens. Dafür hatte sich das Kuratorium entschieden, obwohl es nicht dazu verpflichtet war. Vor der Einrichtung des Hauses wurden Kranke bei Bauern untergebracht. Die dafür notwendigen Gelder von Seiten der Gemeinde kamen nun dem Siechenhaus zugute. Damit sollte eine bessere Versorgung der Kranken erreicht werden.Schloß Nitau. Einweihung des evangelischen Siechenhauses. in der Düna-Zeitung, Nr. 8, 12. Januar 1905, online unter
Erste Spannungen während der Russischen Revolution 1905 Während der Russischen Revolution von 1905 sollten sich die Spannungen, die sich aus konfessionellen Gründen um Schilling aufgebaut hatten, verstärken. Viele, die er sich zu Feinden gemacht hatte, nutzten nun die Gelegenheit, gegen ihn vorzugehen. Die revolutionären Agitatoren kamen nach Meinung der Rigaschen Rundschau allerdings von außerhalb, dabei trat vor allem ein Student des Sankt Petersburger Berginstituts hervor, der Sohn eines Gesindewirts aus Ogershof. Das örtliche Exekutivkomitee soll sich vergleichsweise maßvoll verhalten haben, insgesamt, so die Zeitung, soll die Revolutionszeit im Kirchspiel Nitau verhältnismäßig ruhig verlaufen sein.
Im März 1905 erhielt Schilling einen Drohbrief in lettischer Sprache. Darin fand sich unter anderem der Satz: „Das ist die erste Glocke!“ und die Ankündigung, der Pastor werde am 31. März erschossen, sofern er nicht umgehend die Beschlüsse des lettischen sozialdemokratischen Komitees erfülle. Gemeint war, er solle auf Pachten, Fälligkeiten und sonstige an ihn zu richtende Zahlungen verzichten.
Im April 1905 rief Schilling in der Düna-Zeitung dazu auf, sich öffentlich zur Frage der evangelisch-orthodoxen Mischehen zu äußern. Die durch kaiserlichen Erlass vom 17. April gewährte Religionsfreiheit solle sich auch auf das Bekenntnis von Kindern aus solchen Ehen erstrecken. Propst Grüner aus Goldingen, der ihn dabei zitierte, schloss sich in einem ähnlichen Aufruf Schillings Meinung an.E. Grüner: Zur Frage über die Mischehe. in der Düna-Zeitung, Nr. 97, 5. Mai 1905, online unter
Unruhen in der Nitauer Kirche