Abū Bakr ʿAbdallāh ibn Muhammad Ibn Abī Schaiba al-ʿAbsī (; * 775/776; † 2. August 849 in Kufa) war ein Hadith-Gelehrter und Geschichtsschreiber aus Kufa, der in der Zeit des abbasidischen Kalifen al-Mutawakkil 'alā 'llāh zu den anerkanntesten Lehrautoritäten auf dem Gebiet des Traditionswesens gehörte und eine wichtige Rolle in dessen Religionspolitik spielte.

Leben Abū Bakr Ibn Abī Schaiba stammte aus einer bekannten kufischen Gelehrtenfamilie, die dem arabischen Stamm der ʿAbs angehörte. Sein Großvater Abū Schaiba war Qādī in der Stadt Wāsit gewesen, sein Vater Qādī in der Provinz Fars.Vgl. Lucas 287. Abū Bakr absolvierte seine Studien in Kufa und hörte dort vor allem bei Wakīʿ ibn al-Dscharrāh (st. 812),Vgl. Lucas 290. aber auch bei ʿAbdallāh ibn al-Mubārak Hadith. Später lehrte er dort in der Moschee, und zwar an der „Säule“ (usṭūwāna), an der schon ʿAbdallāh ibn Masʿūd und Sufyān ath-Thaurī gelehrt hatten.Vgl. Schützinger 135. Abū Bakr hatte noch zwei Brüder, ʿUthmān und Qāsim, die ebenfalls als Traditionarier tätig waren.Vgl. Lucas 287 f.

Später ging Ibn Abī Schaiba nach Bagdad. Dort gehörte er 848 zusammen mit seinem Bruder ʿUthmān zu den Gelehrten, die der Kalif al-Mutawakkil nach Beendung der Mihna damit beauftragte, Überlieferungen zur Widerlegung der Lehren der Muʿtazila sowie über die Gottesschau im Jenseits, die von jenen abgelehnt wurde, vorzutragen.Vgl. Schützinger 135 f. und Melchert 322. Al-Chatīb al-Baghdādī berichtet in seiner Geschichte Baghdads, dass sie dafür Gratifikationen und Gehälter erhielten. Während sein Bruder ʿUthmān als Prediger im westlich des Tigris gelegenen Teil Baghdads tätig wurde, übernahm Abū Bakr die Predigt in der Moschee von ar-Rusāfa, dem östlich des Tigris gelegenen Teils der Stadt. Dort soll er von einer Kanzel gesprochen und 30.000 Zuhörer um sich versammelt haben. Die Wirkung seines Auftretens muss sehr groß gewesen sein, denn ein anderer Zeitgenosse spricht davon, dass Baghdad durch Abū Bakr ibn Abī Schaiba „auf den Kopf gestellt wurde“.Vgl. al-Ḫaṭīb 261 und Schützinger 136.

Offensichtlich hatte Ibn Abī Schaiba auch den Auftrag, Propaganda für die Abbasiden zu treiben. Wie al-Chatīb al-Baghdādī berichtet, begann er seine Hadith-Sitzungen mehrfach mit dem angeblichen abbasidenfreundlichen Prophetenwort: „Bewahrt mich in Gestalt des al-ʿAbbās, denn der väterliche Onkel eines Mannes kommt seinem Vater gleich“.Vgl. al-Ḫaṭīb 261 und Melchert: Religious Policies of the Caliphs from al-Mutawakkil to al-Muqtadir. 1996, S. 323. Ahmad ibn Hanbal soll beiden Brüdern vorgeworfen haben, gefälschte Hadithe zu verbreiten.Melchert: Religious Policies of the Caliphs from al-Mutawakkil to al-Muqtadir. 1996, S. 323.

Zu den namhaften Schülern Ibn Abī Schaibas gehörten Muslim ibn al-Haddschādsch und Dschaʿfar ibn Muhammad al-Firyābī (gest. 913) aus Chorasan, al-Buchārī aus Transoxanien und die beiden Gelehrten Baqī ibn Machlad (gest. 889) und Muhammad ibn Waddāh (gest. 899) aus al-Andalus. Von ihm überlieferte Hadithe finden sich in allen sechs Büchern mit Ausnahme des Ǧāmiʿ von at-Tirmidhī.Vgl. Lucas 288

Werke Die von Ibn Abī Schaiba zusammengetragenen Materialien wurden von seinen Schülern in Vorlesungsmitschriften schriftlich fixiert und später in nach unterschiedlichen Prinzipien geordneten Werken zusammengestellt.Vgl. Schützinger 139 und Werkmeister 165. Hierzu gehören:

Kitāb al-Muṣannaf Es handelt sich um eine nach Rechtsthemen geordnete Traditionssammlung, die in der modernen Druckausgabe, die von A.-A. Ǧumʿa und M.I. al-Luḥaidān erstellt wurde (Riyadh: Maktabat ar-Rušd, 2006), 16 Bände umfasst.Digitalisat Archive.org Das Werk wurde durch Ibn Abī Schaibas Schüler Baqī ibn Machlad, der es bei ihm persönlich gehört hatte, zusammengestellt und von ihm in al-Andalus als Grundlagentext für den Hadith-Unterricht eingeführt.Werkmeister 160 und Lucas 285f, 289. Wie Scott Lucas anhand einer Analyse der Kapitel über Zakāt, Talāq und die Hadd-Strafen gezeigt hat, werden nur knapp 9 Prozent der überlieferten rechtsrelevanten Traditionen in der Sammlung auf den Propheten selbst zurückgeführt, der Rest geht auf die Prophetengefährten und deren Nachfolger zurück. Die rein numerisch wichtigste Lehrautorität für Ibn Abī Schaiba war al-Hasan al-Basrī.Lucas: Where are the legal Ḥadīth?: a study of the Muṣannaf of Ibn Abī Shayba. 2008, S. 293. Der dreizehnte Band der Sammlung enthält eine Widerlegung von 120 Rechtsauffassungen Abū Hanīfas.Lucas: Where are the legal Ḥadīth?: a study of the Muṣannaf of Ibn Abī Shayba. 2008, S. 285. Das Werk enthält auch einen historischen Teil über die Maghāzī, die Ridda-Kriege, die Futūh unter den ersten vier Kalifen und über die erste Fitna.Maher Jarrar: Die Prophetenbiographie im islamischen Spanien. Ein Beitrag zur Überlieferungs- und Redaktionsgeschichte. Peter Lang, Frankfurt/Main 1989.

Mehrere bedeutende andalusische Gelehrte wie Ibn ʿAbd al-Barr (st. 1070) und Ibn Baschkuwāl (st. 1183) verwendeten das Werk und tradierten es weiter.Vgl. Lucas 289f. Der marokkanische Historiograph ʿAbd al-Wāhid al-Marrākuschī erwähnt es unter den zehn Musannaf-Werken, aus denen der Almohaden-Herrscher Yaʿqūb al-Mansūr 1225 eine Gesetzessammlung zum Gebet zusammenstellen ließ, um die Vorherrschaft der malikitischen Lehrrichtung zu brechen.Vgl. Ignaz Goldziher: Die Ẓâhiriten. Ihr Lehrsystem und ihre Geschichte. Ein Beitrag zur Geschichte der muhammedanischen Theologie. Leipzig 1884. S. 174f. Aus al-Andalus wurde das Werk erst im 13. Jahrhundert wieder in den Maschriq reimportiert.Lucas: Where are the legal Ḥadīth?: a study of the Muṣannaf of Ibn Abī Shayba. 2008, S. 290.

Weitere Werke Kitāb al-Musnad, nach Isnaden geordnete Hadith-Sammlung. Sie wurde von Muhammad ibn Waddāh in al-Andalus eingeführt.Werkmeister: Quellenuntersuchungen zum Kitāb al-ʿIqd al-farīd des Andalusiers Ibn ʿAbdrabbih (246/860 - 328/940): ein Beitrag zur arabischen Literaturgeschichte. 1983, S. 160f. und stieß dort auf solche Ablehnung, dass einer der andalusischen Rechtsgelehrten zu der Äußerung hinreißen ließ, dass es ihm lieber wäre, wenn ein Schweinskopf in seinem Sarg läge als der Musnad von Ibn Abī Schaiba. Eine moderne Druckausgabe in zwei Bänden, erstellt von ʿĀdil Ibn-Yūsuf al-ʿAzzāzī und Aḥmad Farīd al-Mazīdī, erschien 1997 in Riad. Kitāb al-Īmān („Buch über den Glauben“). Das Werk wurde 1983 in Beirut von Muhammad Nāsir ad-Dīn al-Albānī herausgegeben. Kitāb al-Adab, Sammlung von Adab-bezogenen Traditionen, die 1999 von Muḥammad Riḍā al-Qahwaǧī in Beirut herausgegeben wurde. Kitāb at-Taʾrīḫ, Geschichtswerk über die Anfänge des Islams, fragmentarisch in der Berliner Handschrift 9409 erhalten. Der 112 Folios lange Text, der mit der Zeit vor dem Auftreten Mohammeds als Prophet beginnt und mit dem Tode ʿUmars endet, wurde von Heinrich Schützinger untersucht. Aloys Sprenger hat die Handschrift für seine Prophetenbiographie verwendet.Vgl. Schützinger 141. Noch nicht völlig geklärt ist die Frage, ob das Werk mit einem Teil des Kitāb al-Muṣannaf identisch ist. Ibn an-Nadīm schreibt Ibn Abī Schaiba außerdem eigenständige Bücher über die islamischen Bürgerkriege, die Kamelschlacht, die Schlacht von Siffin und die Futūh zu. Keines dieser Bücher hat sich jedoch erhalten.Vgl. Schützinger 139.

Literatur Arabische Quellen al-Ḫaṭīb al-Baġdādī (gest. 1071): Taʾrīḫ Baġdād. Ed. Baššār ʿAuwād Maʿrūf. Dār al-Ġarb al-Islāmī, Beirut, 2001. Bd. XI, S. 259–267. Digitalisat Šams ad-Dīn aḏ-Ḏahabī (gest. 1348): Siyar aʿlām an-nubalāʾ. Ed. Šuʿaib al-Arnāʾūṭ. 11. Aufl. Muʾassasat ar-Risāla, Beirut, 1996. Bd. XI, S. 122–127. Digitalisat

Sekundärliteratur Scott C. Lucas: Where are the legal Ḥadīth?: a study of the Muṣannaf of Ibn Abī Shayba. In: Islamic Law and Society 283 (2008) 283–314. Christopher Melchert: Religious Policies of the Caliphs from al-Mutawakkil to al-Muqtadir, A H 232-295/A D 847-908. In: Islamic Law and Society 3 (1996) 316–342. Charles Pellat: Ibn Abī Shayba in The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. III, S. 692. Heinrich Schützinger: Ibn Abī Šaiba und sein Taʾrīx. Eine Untersuchung anhand des Ms. Berlin 9409. In: Oriens 23–24 (1973–1974) 134–146. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. 1. Brill, Leiden 1967, S. 108–109. Walter Werkmeister: Quellenuntersuchungen zum Kitāb al-ʿIqd al-farīd des Andalusiers Ibn ʿAbdrabbih (246/860 - 328/940): ein Beitrag zur arabischen Literaturgeschichte. Schwarz, Berlin 1983, S. 160–167, 436–439. Hier online einsehbar.

Einzelnachweise

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