Blumenberg ist ein Roman von Sibylle Lewitscharoff, der 2011 in Berlin erschien. Gregor Dotzauer kategorisiert das Werk als romanhafte Fantasie zu theologischen Fragen. Es persifliere zudem das geistige Klima der 1980er Jahre. mini|Antonello da Messina um 1474: Der heilige Hieronymus im Gehäus

Die Autorin hat den Roman Bettina Blumenberg gewidmet und wurde unter anderen von Claudia Schmölders – die auch eine einleuchtende Deutung gibtClaudia Schmölders: , Faustglosse auf faustkultur.de – und Uwe Wolff zum Schreiben ermuntert.Verwendete Ausgabe, S. 7 und S. 219

Inhalt

Im Umkreis des zuletzt in Münster lehrenden Lübecker Philosophen Professor Hans Blumenberg wird in den Jahren 1982/1983Verwendete Ausgabe, S. 84, 1. Z.v.o. und S. 157 oben und auch später gestorben. Keiner überlebt – die Erzählerinstanz natürlich ausgenommen. Der Nichtphilosoph unter den Lesern des Romans kommt gelegentlich über eine der „entlegenen Anspielungen“ ins Grübeln. Damit sind nicht Sibylle Lewitscharoffs Reflexionen und Anekdoten zu Epikur, Edmund Husserl, Friedrich Nietzsche, Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Joachim Ritter, Jacob Taubes und Jürgen Habermas gemeint, sondern die für den philosophischen Laien kaum verständlichen Bezüge zu Blumenbergs Werk – zum Beispiel jene im Kapitel Fragwürdiger Engelbescheid.

Im letzten Kapitel – Im Inneren der Höhle – treffen sich nach dem 28. März 1996, dem Todestag Blumenbergs, die oben erwähnten Gestorbenen „in einer anderen Welt“: Käthe Mehliss, Gerhard Baur, seine Freundin Isa aus Heilbronn, Richard, Hansi und der Professor selbst. Blumenberg war gegen Ende des vorangegangenen Kapitels (Der Löwe V) von seiner Ehefrau tot im Bett gefunden worden.

Die gelblichen Tierhaare auf der Schlafanzugjacke des Verstorbenen dürfen nicht übersehen werden, deuten diese doch auf ein Konstruktionsprinzip der Krimi-Autorin Sibylle Lewitscharoff – auf das Prinzip der verrätselten Vorankündigung eines gewaltsamen Todes. Es sind nämlich zwei Wege zu unterscheiden, auf denen die Autorin die genannten sechs Protagonisten aus dem Leben scheiden lässt – eben erstens der gewaltsame und zweitens der von uns als natürlich empfundene Tod. Zunächst der spektakulärere Gewaltfall. Aus dem letzten Satz des Romans folgt: Der Professor kommt durch einen Prankenhieb seines königlichen Löwen zu Tode. Eigentlich hatte Blumenbergs alterndes Haustier über den ganzen Roman hinweg keinerlei Angriffslust gezeigt. Mit den oben herausgearbeiteten Attributen Vorankündigung und Gewalt muss auch der Tod von Blumenbergs Studentin Isa umschrieben werden. Das diesbezügliche Krimi-Konstrukt: Im siebten Kapitel wird die Personalausweisnummer der jungen Elisabeth Kurz – Isa genannt – mitgeteilt. Zwei Kapitel später schimpft ein Lastwagenbeifahrer die Tote ein Arschloch, weil sich die Radfahrerin in der Nähe von Münster von seinem LKW einfach so hat überfahren lassen. Richard Pettersen aus Paderborn, ebenfalls ein Student des Professors, hat geerbt und wird auf einem längeren Südamerika-Trip im brasilianischen Manaus bei einem Raubüberfall durch einen Stich ins Herz ermordet. Die restlichen drei Personen sterben nicht eines gewaltsamen Todes; Hansi – eigentlich Hansjörg Cäsar Bitzer – nicht ganz natürlich. Er macht sich in West-Berlin selbständig. Nach der Mauer-Öffnung will er besonders die Passanten aus dem Osten seine Philosophie lehren und kommt infolge außerordentlicher Erregung, nachdem ihn zwei Wachmänner lediglich ruhigstellen wollten, im Oktober 1991 nahe beim Bahnhof Zoo zu Tode. Gerhard Baur stirbt 1997 an den Folgen eines Gehirnschlags in Zürich, nachdem er sich an der dortigen ETH erfolgreich als Philosophie-Professor beworben hatte. Hansi und Gerhard sterben also nach übermäßiger Gefühlswallung. Käthe Mehliss, Konventualin in Isenhagen, stirbt am 12. März 1987 eines natürlichen Todes – an Altersschwäche – in ihrem Bett. Käthe Mehliss wird als außergewöhnliche Person vorgestellt und ist neben dem Professor der einzige Mensch, der den Löwen in Gesellschaft des Professors wirklich gesehen hat. Die genannten Studenten und alle anderen Personen können jenen Löwen nämlich nicht sehen. Somit wird irrationaler Boden betreten; quasi weiter Raum für Spekulation.

Der „nachmetaphysische Skeptiker“siehe Besprechung Dotzauer unter Rezeption Blumenberg und die Nonne können als elitäre Wesen verstanden werden. Die Studenten – allen voran Isa – sind mit Philosophie, wie sie der Professor praktiziert, überfordert, verstehen, orientierungslos geworden, die Welt nicht mehr, hassen die Eltern wie „Bibelingenieur“ Richard, der die Niederschrift seiner Dissertation abgebrochen hat. Das soeben behauptete Überfordertsein mit Philosophie und Blumenbergscher Bibelexegese stimmt zumindest für den relativ jungen Gerhard Baur nicht. Also muss ein anderes Kriterium für die Sichtbarkeit her: Der kann den Löwen sehen, der zumindest die Schwelle zum Greisenalter betreten hat. Somit bleiben nur noch der Professor und die Nonne übrig. Da Sibylle Lewitscharoff die Imagination Löwe als Wunder stehen lässt, kann nur gemutmaßt werden: Weil der Professor, wenn er einen schlechten Tag erwischt hat, den Löwen auch nicht sieht, ist diese Sichtbarkeit nicht nur von der Altersweisheit abhängig. Ein religiöser Leser könnte vielleicht behaupten, der Löwe stehe für einen Blick des weisen Menschen in das Auge Gottes. Nach letzterem Postulat war dann Blumenbergs tieferer Blick in jenes Auge wohl tödlich. Und die Moral von der Geschichte könnte sein: Grünschnäbel sollten nicht gar zu sehr philosophieren und selbst für alte Leute kann Intensiv-Philosophie lebensgefährlich werden.

Zitat Unter Philosophen zählt eigentlich nur das Genie: „Der sich und andere verwirrende Mensch ist der gewöhnliche Mensch.“Verwendete Ausgabe, S. 194, 5. Z.v.u.

Selbstzeugnis März 2012, Interview mit Maximilian Humpert auf der Leipziger Buchmesse im Rezensionsforum bei literaturkritik.de: Behandelt wird die Frage: Was macht ein Agnostiker mit der heimlichen Hauptfigur, dem Löwen? Obwohl die Nilreise stattfand und auch die Münsteraner Professur existierte, lebt der Roman naturgemäß von Erfindungen. Es geht nicht um Blumenbergs Familie, sondern um die Würdigung des Philosophen. Bisher habe noch kein Blumenberg-Kenner der Autorin Unverstand vorgeworfen. (Allerdings tat Birgit Recki, selbst Schülerin Blumenbergs, genau dies in einer Rezension."Der loyale Leser des Philosophen wird mit [Lewitscharoffs] Sendungsbewusstsein nicht froh. … Mit der Löwen-Schickung erfährt die Gestalt des ›Blumenberg‹ eine Verharmlosung, die im Komplement zu ihrer Dämonisierung am Motiv des elenden Todes aller seiner Adepten ein gediegenes Klischee ergibt. Eine große Chance der Literatur ist vertan." Birgit Recki, »Blumenberg« oder die Chance der Literatur, in: Merkur Nr. 66/2012, S. 322–328.) Der Löwe ist Symbol für das stärkste Tier und auch Sinnbild für einen starken Mann, der Herr seiner Triebe bleibt.

Nebensachen Freilich ist der Text ein komplexeres Gebilde als oben skizziert. Unten werden ganz kurz, wenn jene Kompliziertheit im Auge behalten wird, noch einige leicht durchschaubare Dinge angesprochen. Während die Flussreise auf dem Amazonas zur Sache gehört – es wird glaubhaft vorbereitet, welch schlimmes Ende Richards Brasilien-Trip nimmt – dient die Beschreibung von Blumenbergs dreimonatigem Nil-Tourismus anno 1956 mehr der Seitenfüllung zwischen den beiden Buchdeckeln.

Kontrovers könnten die Passagen – Blumenbergs jüdische Mutter betreffend – diskutiert werden; zum Beispiel in dem Sinne: Ist die leise, aber unüberhörbare Kritik Sibylle Lewitscharoffs an Hannah ArendtVerwendete Ausgabe, S. 152, 10. Z.v.u. in einem Roman, der um die Singularität Löwe im Irrationalen kreist, nicht eigentlich ein klein wenig deplatziert?

mini|Francisco de Zurbarán, um anno 1637: ArieteAuf Jüngers Auf den Marmorklippen wird angespielt und auf Freuds Mann Moses. Für jeden Lesergeschmack finden sich Verweise – für den Bildungsbürger – Zitate aus Samuel Beckett und aus einem Shakespeare-Sonett im Original sowie Nennung von Thomas Manns Josephsroman und der Namen Grass, Walser sowie Virginia Woolfs Mrs. Dalloway; für den Kitschliebhaber Albert Cohens Die Schöne des Herrn und für den Leser zwischen den beiden genannten Extremen Malcolm Lowrys Unter dem Vulkan. Einige Verse berühmter Gedichte von GoetheSelige Sehnsucht 3. Strophe und Matthias Claudius wurden eingelegt.Verwendete Ausgabe, S. 216, 1. Z.v.o. und S. 121 Überhaupt wird mit der Nennung von Berühmtheiten nicht gespart. Neben Isas „Blumenbergstuß“Verwendete Ausgabe, S. 109, 17. Z.v.o. findet sich Lacan. Gegen Schlafstörungen wird das Abhören Goulds empfohlen – seine Interpretation der Goldberg-Variationensiehe zum Beispiel Glenn Gould: Goldberg-Variationen anno 1964 YouTube (7:38 min) sowie anno 1955 YouTube (39:19 min). Im Zusammenhang mit einem der gewaltsam zu Tode gekommenen Philosophiestudenten wird Augenmerk auf Zurbaráns gefesseltes Lamm gelenkt.

Rezeption Der Roman wurde generell positiv rezipiert. 10. September 2011, Gregor Dotzauer im Tagesspiegel: Trost sollen mir die Löwen spendenGregor Dotzauer: Trost sollen mir die Löwen spenden In: Der Tagesspiegel. 11. September 2011, abgerufen am 9. Januar 2017. Die realistische Beschreibung der ein wenig ausufernden Reise auf dem Amazonen-Strom fällt aus dem phantastisch-intellektuellen Rahmen. Der dreimal beiseite sprechende Erzähler senkt sich gleich einem Deus ex machina vom Romanhimmel. perlentaucher.deBlumenberg In: perlentaucher.de. Abgerufen am 9. Januar 2017 weist auf Besprechungen hin Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau vom 10. September 2011 Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung vom 10. September 2011 Andrea Roedig in der tageszeitung von 1. Oktober 2011 13. September 2011, Ijoma Mangold in der Zeit: Der Trost des Löwen. Sibylle Lewitscharoffs „Blumenberg“ ist ein kühner Roman. Sein Geheimnis gibt er nicht preis.Ijoma Mangold: Der Trost des Löwen. Sibylle Lewitscharoffs „Blumenberg“ ist ein kühner Roman. Sein Geheimnis gibt er nicht preis. In: Die Zeit Nr. 37/2011. 8. September 2011, abgerufen am 9. Januar 2017 Der zahme Löwe – Blumenbergs favorisiertes Symbol zur Mythenbildung und Strukturierung von Metaphern – gucke dem Professor bei seiner monumentalen Bibelübersetzung zu. Über das Wunder – das Glaubhafte – habe der theologisch orientierte Philosoph Blumenberg besonders nachgedacht. Also habe ihm die Autorin das Wunder Löwe ins Altenberger Arbeitszimmer gesetzt. Professor und Studenten leben und handeln nebeneinander. Blumenberg nimmt deren gewaltsame Tode gar nicht wahr – ebenso wie er über die ihn liebende, geradezu ihn vergötternde Isa in der ersten Hörsaalreihe hinweggesehen hat. 13. September 2011, Uwe Justus Wenzel in der NZZ: Der Löwe ist losUwe Justus Wenzel: Der Löwe ist los In: Neue Zürcher Zeitung. 13. September 2011, abgerufen am 9. Januar 2017. Das Nachspiel, also das „platonische“ (Höhlengleichnis) im letzten Kapitel, trägt „beckettsche und danteske Züge“. Es geht „komisch, ulkig“ und „sprachwitzig“ zu. 25. September 2011, Marius Fränzel bei vigilie.de: Sibylle Lewitscharoff: BlumenbergSibylle Lewitscharoff: Blumenberg In: bonaventura.blog, 25. September 2011, abgerufen am 9. Januar 2017. Das Raunen der philosophisch angehauchten Erzählinstanz wird betrachtet. 27. September 2011, Wolfgang Schneider im Deutschlandradio Kultur: Philosoph mit PrankeWolfgang Schneider: In: Deutschlandradio Kultur. 27. September 2011, abgerufen am 9. Januar 2017. Erst im Totenreich werden die im Diesseits ganz für sich agierenden beiden Parteien dieses Campus-Romans, der Professor und seine Hörer, zusammengeführt. Sibylle Lewitscharoffs Erfindungen in ihrer Hommage auf Blumenberg sind passend: Der Professor denkt in Metaphern und ihm erscheint eine solche im Studierzimmer.