mini|hochkant|Igor Girkin (2015) Igor Wsewolodowitsch Girkin (; * 17. Dezember 1970 in Moskau) ist ein russischer Ultranationalist und ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter. Im Russisch-Ukrainischen Krieg war Girkin einer der militärischen Führer der separatistischen Volksrepublik Donezk. Girkin ist ehemaliger Geheimdienstoberst, in der Öffentlichkeit trat er unter dem Pseudonym Igor Iwanowitsch Strelkow () auf. Girkin ist im Zusammenhang mit dem Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges 17 von einem Gericht in den Niederlanden in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden und international zur Verhaftung ausgeschrieben. Als Militärblogger hat er seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 der russischen Regierung und Präsident Putin eine zu schwache Haltung in diesem Krieg vorgeworfen. Im Juli 2023 wurde Girkin von russischen Behörden wegen seiner regierungskritischen Äußerungen und angeblicher Beleidigungen Putins festgenommen und im Jahr darauf zu vier Jahren Straflager verurteilt.

Leben Vor dem russisch-ukrainischen Krieg Nach eigenen Angaben war Girkin bis März 2013 Oberst der Reserve des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Quellen der Europäischen Union vermuten, dass er dem Militärnachrichtendienst GRU der russischen Streitkräfte angehörte.Sabotage, Giftattacken und Umsturzpläne: 13 aufsehenerregende Operationen des russischen Militärgeheimdiensts. nzz.ch, 3. Mai 2021.Ukraine crisis: Key players in eastern unrest. bbc.com, 22. Juli 2014, abgerufen am 11. August 2014. Laut dem ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU bekleidete er den Dienstgrad eines russischen Obersten.

Girkin war im Ersten und Zweiten Tschetschenienkrieg tätig.Ukraine-Krise – Der tschetschenische Faktor im Donbass. In: Tiroler Tageszeitung. 28. Mai 2014. Er war auch während des Transnistrienkonflikts sowie als Freiwilliger auf serbischer Seite im Bosnienkrieg aktiv. Girkin werden zahlreiche Kriegsverbrechen vorgeworfen. Beispielsweise soll er am Višegrad-Massaker beteiligt gewesen sein, bei dem ca. 3000 bosnische Zivilisten ermordet wurden. Bei einer Veranstaltung der Zeitung Nesawissimaja gaseta Anfang Juni 2013 in Moskau hielt er laut Tagungsstenogramm einen Vortrag über Strategien militärischer Aktionen außerhalb der russischen Landesgrenzen, bei denen er nicht großangelegte Militärmanöver, sondern „spezielle Präventivoperationen“ „außerhalb legaler Methoden“ wie die Ermordung gegnerischer Anführer propagiert habe.

Girkin hatte Verbindungen zum Russischen Institut für Strategische Studien, das in Veröffentlichungen propagierte, dass die ehemaligen Sowjetrepubliken nicht als voll souverän angesehen werden sollten und daher nicht vollständig dem Völkerrecht unterlagen.

Annexion der Krim

Nach 16 Jahren beim FSB fand Girkin eine Anstellung als Leiter des Sicherheitsdienstes des russischen Geschäftsmanns Konstantin Malofejew, der wegen seiner engen Verbindungen zur Russisch-Orthodoxen Kirche und zum Kreml „der orthodoxe Oligarch“ genannt wurde. Im Januar 2014 reiste Girkin in dessen Auftrag nach Kiew, wo er für die Sicherheit einer Tour religiöser Reliquien zum Kiewer Höhlenkloster verantwortlich war. Die Reliquien gehörten zu den Gaben der Heiligen Drei Könige und wurden in Russland, Belarus und der Ukraine ausgestellt. Während seines Aufenthalts besuchte er den Euromaidan und kam nach Gesprächen mit Menschen vor Ort zur Überzeugung, dass die Proteste erfolgreich sein würden und die Ukraine in naher Zukunft auseinanderfallen würde.

Die Tour der Reliquien zog Ende Januar auf die Krim weiter, wo sich Malofejew mit dem Sprecher des Krim-Parlaments, Wladimir Konstantinow, traf und mit ihm die Frage erörterte, ob er bereit sei, „drastischere Maßnahmen“ zur Durchsetzung der Autonomie der Krim zu ergreifen, falls Kiew im Chaos versinken sollte. Nach weiteren Treffen Malofejews mit den lokalen Politikern Sergei Aksjonow und Rustam Temirgalijew kehrten Malofejew und Girkin nach Moskau zurück. Der Kreml erhielt in der ersten Februarhälfte ein Strategiepapier, das von der russischen Zeitung Nowaja gaseta ein Jahr später veröffentlicht wurde. Das Papier stellte fest, dass die Regierung von Präsident Wiktor Janukowytsch „völlig bankrott“ sei und keine Zukunft habe und schlug vor, Separatistenbewegungen in der Südostukraine zu unterstützen und sich dabei auf die Krim und die Region Charkiw zu konzentrieren. Der Kreml und Malofejew bestritten jede Verbindung zu diesem Papier.

Auf Malofejews Empfehlung wurde Girkin Ende Februar von Sergei Aksjonow, Mitglied des Parlaments der Autonomen Republik Krim und späterer Ministerpräsident der Krim, als sein „Sicherheitsberater“ zurück auf die Krim eingeladen, der ihm die Leitung seiner Milizen übertrug. Offizieller Befehlshaber der Milizen war Aksjonows enger Mitarbeiter Michail Scheremet, Girkin war jedoch für die operative Kontrolle einiger Einheiten und deren Koordinierung mit russischen Sicherheitskräften verantwortlich. Berichten zufolge stellte er sich bei lokalen Milizionären als „Abgesandter des Kremls“ vor.

Am Morgen des 27. Februars besetzten Milizen das Regionalparlament in Simferopol. Das Regionalparlament der Krim setzte in einer Abstimmung einen neuen Regierungschef ein und beschloss, ein Referendum über die Unabhängigkeit der Krim durchzuführen. In einem Streitgespräch mit dem konservativen Publizisten Nikolai Starikow im Januar 2015 bestätigte Girkin westliche Berichte, dass die Abgeordneten unter Androhung von Gewalt zur Teilnahme an der Parlamentssitzung aufgefordert wurden. Rückblickend erklärte Girkin: „Die Abgeordneten wurden von der Volksmiliz eingesammelt, um sie ins Parlament zu treiben, damit sie abstimmen.“ Auch widersprach er der Darstellung, dass Bewohner, lokale Politiker und lokale Sicherheitskräfte die Abspaltung der Krim geschlossen unterstützt hätten, und bestätigte, dass die massive Präsenz russischer Truppen für die Übernahme entscheidend gewesen sei.

Girkins Einheit war auch an der einzigen direkten gewaltsamen Auseinandersetzung mit dem ukrainischen Militär beteiligt, die am 18. März im Kartographiezentrum in Simferopol stattfand und bei der ein ukrainischer Soldat getötet wurde. Einem anderen Bericht zufolge wurden bei diesem Vorfall zwei Menschen getötet. Girkin wurde später von den Krim-Behörden wegen seiner Rolle bei der gewaltsamen Erstürmung des Stützpunkts der Fahrlässigkeit beschuldigt. Dies führte zur Entwaffnung und Auflösung von Girkins Einheit.

Krieg im Donbass

Auf der Krim gründete Girkin eine Gruppe von 54 Freischärlern, die zuvor Russland bei der Annexion der Krim unterstützt hatten. Die Mitglieder der Gruppe setzten sich aus ehemaligen russischen Militär- und Geheimdienstangehörigen, Einwohnern der Krim und pro-russischen Aktivisten aus Kiew zusammen. Die Gruppe besorgte sich auf der Krim militärische Waffen und fuhr in der Nacht vom 8. auf den 9. April mit der Fähre aufs russische Festland. In Rostow am Don verbrachten die Männer einen Tag zur Vorbereitung und erhielten dort ihre Uniformen. In der Nacht vom 10. auf den 11. April überschritt die Gruppe die russisch-ukrainische Grenze. Auf der ukrainischen Seite wurden sie von Separatisten empfangen. Mitglieder der Organisation von Pawlo Hubarjew standen mit Girkin in Kontakt und erhielten einen Tag vor dessen Ankunft eine Nachricht, dass eine Gruppe zur Unterstützung kommen würde. Der künftige „Volksbürgermeister“ von Slowjansk, Wjatscheslaw Ponomariow traf Girkins Einheit nahe der Grenze und führte sie nach Slowjansk. Girkin erklärte später, er habe sich für Slowjansk entschieden, nachdem er Hubarjews Leute gebeten habe, eine Stadt zu nennen, die bereit sei, zu den Waffen zu greifen und ihn zu unterstützen.

mini|Mitglied von Igor Girkins Gruppe vor dem Rathaus von Slowjansk am 14. April 2014 Am Morgen des 12. April 2014 besetzte die Gruppe die Polizeistation in Slowjansk und am selben Tag besetzte eine andere Gruppe die Polizeistation in Kramatorsk. Am folgenden Morgen legte Girkins Gruppe in der Nähe von Slowjansk einen Hinterhalt für ukrainische Spezialeinheiten. Dabei wurde Hennadij Bilitschenko, Offizier des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU, getötet und drei weitere Mitglieder der Sicherheitskräfte wurden verletzt. Girkin erklärte später, dass er Bilitschenko „zerhackt“ habe. Als Reaktion auf diesen Vorfall rief Übergangspräsident Oleksandr Turtschynow noch am selben Tag eine Anti-Terror-Operation (ATO) aus. Die Mitglieder dieser Gruppe trugen keine Abzeichen und erschienen wie eine Kopie der „grünen Männchen“ auf der Krim. Der ukrainische SBU veröffentlichte ein abgehörtes Telefongespräch, in dem Girkin einem unbekannten Gesprächspartner in Moskau Bericht erstattete. Konstantin Malofejew wurde als der Mann identifiziert, mit dem Girkin sprach.

Anfangs fand Girkin nur etwa 150 bis 200 Unterstützer.Russian rebel leader claims he started Ukraine war. In: The Times. 24. November 2014, S. 24: Er erklärte, dass der Krieg in der Ostukraine nicht von den russischsprachigen Donbass-Bewohnern selbst ausgegangen sei, sondern dass er „den Auslöser zum Krieg […] gedrückt“ habe. Die Sichtweise, dass es ohne Girkin nicht zum Krieg gekommen wäre, wird auch von Pawlo Hubarjew, einem der Wortführer der prorussischen Bewegung in Donezk, gestützt.

Am 26. April 2014 wurde Girkin von Denis Puschilin, dem Führer der proklamierten „Volksrepublik Donezk“, zum Anführer des Militär- und Sicherheitsbereichs ernannt. Girkin erwartete, dass Moskau den Donbass wie die Krim nach dem Referendum vom 11. Mai 2014 annektieren würde.Moskauer Freischärler Strelkow: „Ich träume von Russland in den Grenzen von 1939“. Der Spiegel, 19. März 2015. Zum Verteidigungsminister der Volksrepublik Donezk wurde Mitte Mai Alexander Kischinez ernannt, Girkin führte seitdem als „Generalissimus“ beziehungsweise Armeechef die Separatisten in Slowjansk.Julia Smirnova: Machtkampf unter den Separatisten. In: Die Welt kompakt. 15. Mai 2014.David Nauer: In der Ostukraine hat der Wind gedreht. In: Tages-Anzeiger. 24. Mai 2014. Er beklagte den fehlenden Rückhalt bei der Verteidigung „russischen Bodens“ und beschwor die Bevölkerung, endlich zu den Waffen zu greifen: „Ich hätte nie gedacht, dass sich in der ganzen Region nicht einmal 1000 Männer finden, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren.“Ostukraine: Separatistenführer ruft Frauen zum Kampf auf. In: Spiegel Online. 19. Mai 2014.Ukrainischer Oligarch fordert Widerstand gegen Separatisten. In: Die Welt. 20. Mai 2014.