mini|Politisch aktive Senioren 2014: Helmut Schmidt (damals 95 Jahre alt und körperlich beeinträchtigt) und Henry Kissinger (damals 91 Jahre alt). Die Frage, ob Horst Seehofer (damals 65 Jahre alt) als „alt“ gelten soll, ist umstritten. Die Alterssoziologie ist eine Spezielle Soziologie. Sie befasst sich mit soziologischen Forschungen über Altern und soziale Gruppen höheren Alters, verfolgt Fragestellungen wie z. B. Altersaufbau der Bevölkerung, Beruf und Pensionierung, die familiale Situation und die Betreuungssituation von Senioren. Erkenntnisse von Alterssoziologen sind unmittelbar für den Alltag bedeutsam, z. B. in Form ihrer Umsetzung in der Altenpflege.

Im Jahr 2020 fokussierten Alterssoziologen ihren Blick „nicht nur auf das Alter als Lebensphase und soziale Lage“, sondern auch auf „den lebenslangen Prozess des Alterns“. Dabei wurde „in Zeiten des demografischen Wandels und kontinuierlich steigender Lebenserwartung […] die grundlegende Bedeutung des Alters als gesellschaftliche Strukturkategorie“ betont.Klappentext zu dem Buch Silke van Dyk: Soziologie des Alters. UTB GmbH. 2020

Geschichte der Alterssoziologie USA In den USA begann bereits in den 1920er Jahren eine Thematisierung des Alterns durch Soziologen. Als Grundlagenwerk für Alterssoziologen gilt die Schrift Senescence von Stanley Hall (1922). Dieser arbeitete mit demographischem Material und führte empirische Untersuchungen durch. Andere Soziologen untersuchten Themen wie die Ausgliederung von Senioren aus dem Erwerbsleben sowie die Lebens- und Wohnsituation danach, und Altersstufenkonzepte wurden entwickelt. Ab den 1960er Jahren wurde der vermeintliche Funktionsverlust älterer Menschen zum Schwerpunkt soziologischer Forschungen zum Alter(n). Die von Cummings und Henry 1961 vertretene „Disengagementtheorie“E. Cumming, W. E. Henry: A formal statement of disengagement theory. In: Growing old: The process of disengagement. Basic Books, New York 1961 (der zufolge zunehmendes Alter mit einem – bei Eintritt in den Ruhestand abrupten – Rückzug aus der Gesellschaft verbunden sei) erweist sich bis heute als wirkmächtig. In der Auseinandersetzung mit der Disengagementtheorie entwickelte sich in den USA eine eigenständige „Sociology of Age“. Vor allem Soziologen sahen in der Bekämpfung des Klischees vom generell „hilflosen, kranken Alten“, das viele für eine Form der Altersdiskriminierung halten, eine Hauptaufgabe.

Nach der Gründung der Arbeitsgruppe „Alter(n) und Gesellschaft“ (s. u.) durch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) im Jahr 1998 setzten sich zunehmend im deutschsprachigen Raum „amerikanische“ Themensetzungen und Methoden in den Wissenschaften vom Alter(n) durch.

England Der britische Historiker und Gerontologe Peter Laslett entwickelte in den 1980er Jahren eine differenziertere Betrachtung des Alterns und prägte den Begriff des Dritten Alters. Er wollte damit auf eine neue, historisch einmalige Lebensphase aufmerksam machen, die durch relative Gesundheit, Aktivität und Unabhängigkeit gekennzeichnet sei und Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung und gesellschaftlichen Teilhabe biete.Peter Laslett. A Fresh Map of Life: The Emergence of the Third Age (London, 1989; Cambridge, 1991; 2nd ed., 1996) Der britische Alterssoziologe Paul Higgs und der Gerontologe Chris Gilleard beschrieben das vierte Alter als „eine Arena des inaktiven, ungesunden, unproduktiven und letztlich erfolglosen Alterns“.Paul Higgs and Chris Gilleard, Rethinking Old Age: Theorizing the Fourth Age (Palgrave Macmillan, 2015), vii, 119–120.

Deutschsprachiger Raum Unter dem Einfluss US-amerikanischer Forschungen kritisierten Gertrud M. Backes und Wolfgang Clemens 2006 Sozialgerontologen im deutschsprachigen Raum. Diese behandelten immer noch Alter(n)sfragen als individuelle Fragen im sozialen Kontext und nicht auch als Gesellschaftsfragen.Gertrud M. Backes, Wolfgang Clemens: Soziologische Alternstheorien. In: Wolf D. Oswald, Ursula Lehr, Johannes Kornhuber (Hrsg.): Gerontologie. Medizinische, psychologische und sozialwissenschaftliche Grundbegriffe. Kohlhammer. 2006, Seiten 36–42 Anton Amann bestätigte 2008 den Eindruck, dass in der europäischen Sozialgerontologie der Primat der Praxisorientierung die Schwerpunktsetzungen der Forschung immer ausgreifender dominiert habe.Anton Amann: Sozialgerontologie: ein multiparadigmatisches Forschungsprogramm?. In: Anton Amann: Das erzwungene Paradies des Alters? Fragen an eine kritische Gerontologie. 2008. S. 45–62.

Eine „Verspätung“ deutschsprachiger im Vergleich zu US-amerikanischen Forschungen stellt auch das „Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung“ fest. Während im englischsprachigen Bereich die ersten Studien zu „Gender and Ageing“ bereits in den 1980er Jahren veröffentlicht worden seien, „ging die Betrachtung des Alter(n)s lange Zeit mit einer einseitigen Konzentration auf das (verallgemeinerte) männliche (häufig gleichgesetzt mit menschliche) Alter(n), das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und dessen Konsequenzen, einher; in der Frauen- und Geschlechterforschung wiederum war Alter(n) kaum Thema.“ Lange Zeit sei im deutschsprachigen Raum die Auffassung vorherrschend gewesen, dass mit dem Eintritt in den Ruhestand verbundene Problemlagen kaum ein Frauen betreffendes Thema seien. „Alternde Frauen“ seien mithin eher ein Problemfeld für Mediziner und Psychologen. Die Kritik trifft allerdings nicht Gertrud M. Backes. Das Thema ihrer 1979 veröffentlichten Diplomarbeit im Fach Soziologie lautet: „Eine sozialwissenschaftliche Bedingungsanalyse der Alternsproblematik: aufgezeigt an der kumulativen Benachteiligung alter Frauen“.

Gertrud Backes bedauerte 2005 ferner, dass es den meisten Forschern nicht gelinge, ein differenziertes Bild vom Alter einerseits aus der „Belastungs- und Kostenperspektive“ und andererseits aus der „Ressourcen- und Chancenperspektive“ zu liefern. „In zahlreichen Beiträgen zur demographischen Entwicklung, zu Alter und Familie, zur Pflegebedürftigkeit oder zu anderen sozialpolitischen Themen finden sich“, so Backes, „immer wieder einseitige Hinweise auf das befürchtete negative Szenario, das mit dem Alter(n) und seiner Entwicklung in Zusammenhang gebracht wird. Entsprechend weit verbreitet ist auf der anderen Seite die Kritik an der Negativsicht des Alter(n)s und der Vernachlässigung der positiven Seite: der Entwicklungsmöglichkeiten.“

Österreich In einem Nachruf auf Leopold Rosenmayr bezeichnete die Wiener Zeitung im März 2016 den gerade Verstorbenen als „Vater der modernen Alternsforschung“. Die berufliche Arbeit des Soziologen und Sozialphilosophen habe überwiegend aus dem „Nachdenken[…] über Altern, Jugend und Generationenkonflikte“ bestanden. Dieses habe er mit Methoden moderner Sozialforschung verbunden, die in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg neu gewesen seien. Insbesondere habe er dort die empirische Sozialforschung wiederbelebt. Rosenmayr wurde 1980 der erste Leiter des „Ludwig Boltzmann-Instituts für Sozialgerontologie und Lebenslaufforschung“ in Wien. Auf Rosenmayrs Studien stützen sich heute noch auch Nachfolger aus den Reihen der Alterssoziologie.

Deutschland Im Januar 1999 warf der Gerontologe Fred Karl die Frage auf, ob die Soziologie sich bei der Erforschung des Alter(n)s in die Gerontologie einbringen oder sich, wie viele andere Disziplinen, zunehmend eigenständig des Themas Alter annehmen werde.B. Jansen, F. Karl, H. Radebold, R. Schmitz-Scherzer (Hrsg.): Soziale Gerontologie - ein Handbuch für Lehre und Forschung. Beltz Verlag Weinheim. 1999 (online) Eine Arbeitsgruppe „Alter(n) und Gesellschaft“ war bereits auf dem Soziologenkongress 1998 in Freiburg (Breisgau) gegründet werden. Eines der Gründungsmitglieder war Gertrud M. Backes. Aus der Arbeitsgruppe ging im Jahr 2000 die gleichnamige Sektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) hervor. Die DGS-Sektion sieht es, wie auch die DGS als Ganze, als ihre Aufgabe an, „sozialwissenschaftliche Probleme zu erörtern, die wissenschaftliche Kommunikation der Mitglieder zu fördern und an der Verbreitung und Vertiefung soziologischer Kenntnisse mitzuwirken“. Die DGS ist ein 1909 gegründeter gemeinnütziger Verein.

Martin Kohli bezeichnet auch Aktivitäten von Soziologen, die sich vor 1998 mit Fragen des Alters und des Alterns befassten, als „Alterssoziologie“. Debatten unter den betreffenden Soziologen seien dadurch geprägt gewesen, dass die Lebensphase des Alters durchgängig mit der des Ruhestandes gleichgesetzt worden sei. Dadurch seien „Kategorien wie Disengagement, Aktivität, Subkultur, Stereotypisierung oder strukturelle[…] Abhängigkeit“ von Senioren in den Vordergrund der Debatten gelangt. Im Zuge der Alterung der Bevölkerung vieler westlicher Gesellschaften jedoch habe eine „De-Institutionalisierung“ in dem Sinne eingesetzt, dass das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben immer weniger von einem bestimmten, von der Gesellschaft festgesetzten Lebensalter abhänge, wodurch der Begriff des Alters (als Forschungsgegenstand der Alterssoziologie) an Präzision verliere. Kohli kritisierte an den seinerzeit gängigen Analysen deutscher Alterssoziologen, dass „von Flexibilisierung im Sinne eines ‚gleitenden‘ Übergangs oder einer späteren Rückkehr in eine Erwerbstätigkeit […] noch wenig zu sehen“ sei. Genauer untersucht werden müssten Kohli zufolge: die „produktiven Tätigkeiten“ von Senioren jenseits der Erwerbsarbeit,

die politische Partizipation von Senioren

und die Leistungen von Senioren im privaten (familialen) Generationenverhältnis.

In einer im Januar 2022 durchgeführten Studie im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gingen die Autorinnen, Eva-Marie Kessler und Lisa Marie Warner, unter anderem den Fragen nach, ab wann Menschen in Deutschland als „alt“ gelten und welches Bild vom Alter die Befragten haben.

Altersgrenzen: Auf die Frage, ab wann in der Gesellschaft Menschen als „alt“ gälten, antworteten 14,4 %: „50 Jahre“, 27,2 %: „60 Jahre“, 13,0 %: „65 Jahre“ und 18,1 %: „70 Jahre“. 16-24-Jährige gaben durchschnittlich „57 Jahre“ an, über 85 Jahre Alte „68 Jahre“. Auf die Frage: „Ab welchem Alter würden Sie persönlich jemanden als alt bezeichnen?“ antworteten 14,4 % mit: „60 Jahre“, 10,7 % mit: „65 Jahre“, 30,5 Prozent mit: „70 Jahre“, 10,5 % mit: „75 Jahre“ und 17,9 % mit: „80 Jahre“. Diese Ergebnisse zeigen, dass es zumindest in Deutschland keinen Konsens in der Bevölkerung (mehr) darüber gibt, wer als „alt“ gelten soll und wer nicht.

Laut Harald Künemund ist eine „objektive“ Antwort auf die Frage nach „der“ Untergrenze des Alters als Lebensphase nicht möglich, da der Begriff „Alter“ sich auf mehrere soziale Konstruktionen stütze. „Man kann z. B. für den menschlichen Lebenslauf zwischen biologischem, psychischem und sozialem Alter differenzieren.“

mini|Vorwurf des „Zukunftsraubs“ durch überwiegend junge Fridays-for-Future-Demonstranten an die Adresse der älteren Generationen Altersbilder: Am 15. Dezember 2022 hob Ferda Ataman, die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, die ihrer Ansicht nach bedenklichsten Ergebnisse der von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Auftrag gegebenen Studie hervor: Mehr als die Hälfte der Befragten sei der Meinung, Alte würden nichts zum gesellschaftlichen Fortschritt beitragen. 51 Prozent seien für eine Regelung, wonach „Menschen nur bis zu einem bestimmten Alter, wie etwa bis 70 Jahre, politische Ämter haben dürfen“. Bei Themen wie politischer Beteiligung und Klimaschutz gebe es ein großes Spannungspotenzial zwischen den Generationen. Ataman fordert, den Begriff „Lebensalter“ in Artikel 3 des Grundgesetzes aufzunehmen, der Diskriminierungen auf der Grundlage der ausdrücklich in dem Artikel genannten (vermeintlichen) Eigenschaften von Menschen und Menschengruppen verbietet.

Brasilien