Garamut (Pidgin) ist eine hölzerne Schlitztrommel, die in unterschiedlichen Größen und Formen in der zeremoniellen Musik Neuguineas, zur Übermittlung von Nachrichten und zur Begleitung von traditionellen Liedern und Tänzen geschlagen wird. Die überwiegend von Männern gespielten, zu den Aufschlagidiophonen zählenden Schlitztrommeln sind an den Küsten und Flüssen im Norden Papua-Neuguineas, besonders in der Sepik-Region, auf dem Bismarck-Archipel, der Insel Neubritannien, den nördlichen Inseln der Salomonen und auf anderen kleinen Inseln Melanesiens verbreitet.

Eine garamut gilt als ein sakrales Musikinstrument, durch dessen Klang die Ahnen sprechen, und spielt eine zentrale Rolle bei Initiationszeremonien. Demgemäß existieren bestimmte Kontakttabus: Garamut werden in einer bestimmten Lage oder in einem besonderen Kulthaus aufbewahrt, ihre Herstellung findet häufig an einem geheimen Ort im Wald statt, den Frauen nicht besuchen dürfen. Wertvolle Exemplare sind aufwendig reliefiert und ihre Tragegriffe an den Enden als Menschen- und Tierfiguren gestaltet. Die Bedeutung der Schlitztrommeln kann wie bei jedem Kultobjekt für die einzelnen sozialen Gruppen innerhalb einer Gesellschaft und je nach Situation unterschiedlich sein. Dieselbe Schlitztrommel kann zur Übermittlung individueller Nachrichten und bei Ritualen in einem magisch-religiösen Zusammenhang verwendet werden. Garamut ist auch der Name eines häufig zum Bau der Schlitztrommeln verwendeten Hartholzes (Vitex cofassus). mini|hochkant=1.8|Garamut im Musikinstrumentenmuseum in Barcelona

Verbreitung Woher die Bezeichnung garamut stammt ist unklar. Vermutlich hat sich das Wort nicht vor Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet, als die ersten europäischen Missionare und Forscher in der Region unterwegs waren. Ähnlich dem Pidgin-Wort kundu, welches die in Neuguinea weit verbreiteten und von Tänzern geschlagenen Sanduhrtrommeln zusammenfasst, könnte garamut von den Europäern aus einer Lokalsprache übernommen und verallgemeinert worden sein. Sibyl Marcuse (1964) führt in ihrem Lexikon der Musikinstrumente eine Auswahl von 13 regional bekannten Schreibvarianten auf, darunter angremut, dangamut (Lavongai), galamutu (St.-Matthias-Inseln), garamudu und karamut(Duke-of-York-Insel), kolamut, auch gamti (Neuirland), naramut und qaramut (Gazelle-Halbinsel), ngaramut und tarremut (Neuirland).Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. Doubleday, New York 1964, S. 200 Das angremut ordnete Curt Sachs (1913) jedoch den Xylophonen zu. Demnach bestand das in Neubritannien gefundene und 1887 erstbeschriebene, primitive Schlaginstrument aus zwei gut 70 Zentimeter langen und sieben bzw. elf Zentimeter breiten Holzstäben, die sich der Spieler (als eine Art Holmxylophon) über seine Knie oder über eine schmale Bodenöffnung legte, die als Resonanzraum diente (Grubenxylophon). Der Tonabstand beider Platten betrug eine übermäßige Terz.Curt Sachs: Real-Lexikon der Musikinstrumente zugleich ein Polyglossar für das gesamte Instrumentengebiet. Julius Bard, Berlin 1913, S. 13

Garamut ist der Pidgin-Name der Baumgattung Vitex cofassus, der so zum „Trommelbaum“ geworden ist. In der Pala-Sprache Neuirlands bedeutet garamut „eine Art Kugelfisch“.Arnold Burgmann: K. Neuhaus' Wörterbuch der Pala-Sprache (Neuirland). (Micro-Bibliotheca Anthropos, Band 40). In: Anthropos, Band 61, Heft 1/2, 1966, S. 299 Pater J. Eberlein beschrieb 1910 die Schlitztrommeln der Gazelle-Halbinsel und leitete das Wort a garamut als Zusammensetzung aus a gara, „Gesang“, und mut, „Schweigen“, her, vermutlich weil, wenn die Trommel spricht, Gesang und gesprochenes Wort zu verstummen haben. „A gara i muti“ bedeutete demnach eine Aufforderung zum Stillschweigen, die jemand gegenüber den abendlichen Sängern aussprach, wenn er die in der Ferne schlagende Trommel hören wollte.Pater J. Eberlein, 1910, S. 635f

Einige regionale Bezeichnungen für Schlitztrommeln an der Nordküste Neuguineas sind galamo (Nakanai-Sprache in der West New Britain Province), galamutu (Insel Emirau), giram (Kairiru-Sprache, East Sepik Province), yilamo (Kove-Volk in der West New Britain Province), giramo (Insel Manam), wagan (Iatmul am mittleren Sepik, nach dem gleichnamigen Ahnengeist) und auf den Salomonen garamuc (Halia-Sprache auf der Insel Bougainville) und kamus (Tinputz-Sprache ebendort). Schlitztrommeln auf den Admiralitätsinseln heißen dali, rali, lali (auch auf Fidschi und Tonga), sowie drami, ndrame und ndral.

Schlitztrommeln fehlen an der Südküste Neuguineas und im Landesinnern. Im indonesischen Teil der Nordküste sind sie praktisch verschwunden oder waren nie vorhanden. Sie kommen ab der Landesgrenze Papua-Neuguineas nach Osten bis zur Grenze der Provinzen Madang und Morobe vor, in einem isolierten Gebiet um die Stadt Lae in der Morobe Province und inland entlang der Flussläufe, vor allem am Sepik und am Ramu.Don Niles, Richard Scaglion, Vida Chenoweth u. a.: Mamose Region of Papua New Guinea. In: Adrienne L. Kaeppler, J. W. Love (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Volume 9: Australia and the Pacific Islands. Routledge, New York 1998, S. 547

Es bestehen kulturelle Verbindungen zu weiter östlich im Pazifik gelegenen Inseln. Beispielsweise wurde früher in der Musik von Tuvalu und anderer pazifischer Inseln die Schlitztrommel pate gespielt. Mervyn McLean: Music, Dance, and Polynesian Origins: The Evidence from POc and PPn. In: Occasional Papers in Pacific Ethnomusicology. Nr. 8, 2010, S. 49f

Manche von den Meeresküsten und Flussläufen weiter entfernt lebende Völker, bei denen bis ins 19. Jahrhundert Schlitztrommeln unbekannt waren, haben sie Anfang des 20. Jahrhunderts durch christliche Missionare erhalten. Die Azera im Flusstal des Markham in der Morobe Province besitzen drei sanduhrförmige, simpup genannte Trommeltypen, eine davon mit einem Korpus aus Ton (simpup gur). Die Missionare führten die Schlitztrommeln ein, stellten sie selbst her und schlugen sie anstelle von Kirchenglocken bei Gottesdiensten und sonstigen Versammlungen. Die Azera bezeichnen den Import als garamut, weil sie kein eigenes Wort dafür haben.Karl Holzknecht: Die Musikinstrumente der Azera. In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 81, Heft 1, 1956, S. 64–69, hier S. 68f

Bauform und Spielweise mini|Garamut der Iatmul am mittleren Sepik. Haltegriff in Form eines Krokodils im Honolulu Museum of Art.

Eine Schlitztrommel besteht in den meisten Fällen aus einem Baumstamm, der an einer Längsseite schlitzförmig ausgehöhlt wurde und beim Anschlagen wie ein Gong in Eigenschwingungen versetzt wird. Die englische Bezeichnung slit gong bezieht sich zutreffend auf die Art der Klangerzeugung, während „Trommel“ fälschlich auf ein Schlaginstrument mit einer Membran verweist. Die Länge der garamut variiert zwischen 40 Zentimetern und vier bis fünf Metern, durchschnittlich sind sie 1,5 bis 2 Meter lang.Mervyn McLean: Garamut. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 2. Macmillan Press, London 1984, S. 24 Die Schlitztrommeln am unteren Sepik sind mit ein bis zwei Metern deutlich kürzer als diejenigen des mittleren Sepik. Die sakrale Bedeutung einiger Instrumente wird durch kunstvolle Schnitzereien im Flachrelief an den Seiten oder die Bemalung mit geometrischen Mustern gesteigert. Handgriffe an einer oder beiden Seiten zeigen häufig Tier- oder Menschenfiguren.

Die großen Schlitztrommeln Neuguineas werden allgemein waagrecht auf zwei Holzunterlagen am Boden liegend gespielt, die kleineren seltener auf einer Stangenkonstruktion. Die waagrechten Schlitztrommeln unterscheiden sich von den heute musealen, aufrecht stehenden, großen Schlitztrommeln der Neuen Hebriden, Vanuatus und der Admiralitätsinseln in Menschengestalt.Hubert Kroll: Der Iniet. Das Wesen eines melanesischen Geheimbundes. In: Zeitschrift für Ethnologie, 69. Jahrgang, Heft 4/5, 1937, S. 180–220, hier S. 191 Der an einer Längsseite sitzende Musiker schlägt mit kurzen Stöcken direkt auf den Rand des Schlitzes oder etwas entfernt vom Rand und bringt so unterschiedliche Klänge hervor. Alternativ können eine oder mehrere stehende Personen die Schlitztrommel mit einem langen Stock anstoßen. Die Tonhöhendifferenz der beiden Schlitzränder reicht je nach Bauweise von einer Sekunde, einer Terz bis zu einer Quinte. Die musikalischen Möglichkeiten umfassen also innerhalb eines beschränkten Bereichs verschiedene Rhythmen und Tempi, die Variation der Lautstärke sowie mehrere Tonhöhen und Klangfarben. Schlitztrommeln werden überwiegend von Männern, zur Unterhaltung gelegentlich auch von Frauen gespielt.

Bei großen Dorffesten (sing-sing) werden die Gesänge und Tänze mancherorts neben den tragbaren Sanduhrtrommeln (kundu) auch mit garamut begleitet. Der Leiter einer zeremoniellen Musik ist der big man bilong sing-sing. Auf Neuirland stoßen bei Festen zwei Männer mit langen Stöcken eine garamut, während sie zugleich einen Tanz aufführen und die Stöcke wild bewegen. Die solistisch gespielte garamut wechselt mit dem Gesang eines gemischten ChorsCharles Duvelle: Papua New Guinea. New Ireland. Prophet 21, 2001. Beiheft der CD, S. 15.

Nur auf Neuirland waren die Reibhölzer lounuat verbreitet, die in ihrer sakralen Bedeutung den Schlitztrommeln gleichwertig waren. Sie bestanden aus einem länglichen, an allen Seiten abgerundeten Holzblock, der an der Oberseite meist dreifach bis fast zur Mitte quer eingeschnitten ist. Die Schlitze sind innen zu Hohlräumen erweitert. Wird längs mit der Hand über die Oberfläche gestrichen, so vibrieren die einzelnen Holzteile und erzeugen drei durchdringende Töne. Frauen und Nichtinitiierte durften die Reibhölzer nicht sehen. Für sie sollte der Klang Geisterstimmen hervorrufen.Waldemar Stöhr: Kunst und Kultur aus der Südsee. Sammlung Clausmeyer Melanesien. Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde, Köln 1987, S. 174 Ihre zahlreichen Namen und Beinamen in den Sprachen von Nordwestneuirland haben häufig die Bedeutung „Vogel“, etwa manu taga kul, „der Vogel singt“.Gerald Florian Messner: Das Reibholz von New Ireland. Manu taga kul kas... (Der „Vogel“ singt noch...). In: Studien zur Musikwissenschaft, Band 31, 1980, S. 221–312

Herstellung mini|hochkant|Garamut vom mittleren Sepik, 18./19. Jahrhundert. Haltegriffe in Gestalt menschlicher Figuren an beiden Enden. Museum Rietberg, Zürich

Gazelle-Halbinsel Als Nachrichtentrommeln eignen sich weniger die tief tönenden großen Schlitztrommeln, sondern eher mittlere Größen, die einen höheren und präziseren Klang hervorbringen. Die für diesen Zweck idealen garamut der Gazelle-Halbinsel sind etwa 1,2 Meter lang bei einem Durchmesser von 30 Zentimetern. Weil die Herstellung von Frauen nicht gesehen werden darf, zieht sich der Trommelbauer in einer Beschreibung von 1910 an einen abgelegenen Ort in den Wald zurück. Dort fällt er einen geeigneten Baum, trennt den Stamm in drei oder vier Abschnitte, die er in eine eigens gebaute Hütte legt, in der er für mehrere Wochen oder Monate wohnen und auch bei Regen arbeiten kann. Zunächst bringt er den Stamm außen in eine ovale Form, die an der unteren Längsseite fast kreisrund und an der Oberseite schmaler ist. An beiden Enden lässt er Transporthandgriffe stehen.