Das Staatliche Rennkollektiv war ein staatlich geführter Rennsportstall in der DDR, der von Anfang 1951 bis April 1957 existierte. Je nach Zugehörigkeit nannte sich das Rennkollektiv DAMW-Rennkollektiv, IFA-Rennkollektiv, EMW-Rennkollektiv und zuletzt AWE-Rennkollektiv.
Ausgangssituation: Rennsport in der SBZ und der jungen DDR nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Fahrzeugherstellung in der Sowjetischen Besatzungszone weitgehend brach. Die Fertigungsanlagen waren weitgehend zerstört, die vor dem Krieg in Sachsen und Thüringen produzierenden Konzerne Auto Union und BMW waren von ihren Werken in Zwickau und Eisenach abgeschnitten. Die Betriebe in der SBZ wurden in das Eigentum der Sowjetunion überführt und begannen ab Herbst 1945 als Sowjetische Aktiengesellschaft Awtowelo nur langsam wieder zu produzieren. Im BMW-Werk Eisenach nahm man im November 1945 die Produktion des BMW 321 und des Motorrades BMW R 35 wieder auf. 1947 begannen sowohl bei BMW (Ost) in Eisenach als auch bei Auto Union (Ost) in Zwickau schrittweise die Entwicklung neuer Fahrzeuge und man machte sich auch, vor allem bei BMW, erste Gedanken über die Weiterführung der schon vor dem Krieg gepflegten Rennsporttradition, die mit dem erfolgreichen BMW 328 bis Ende der 1930er Jahre Maßstäbe gesetzt hatte. So entstand bei der Entwicklung des BMW 340 neben dem Serienfahrzeug 1949 auch der Prototyp eines Roadsters, der BMW 340-1 sowie eines Sportwagens, der BMW 340-S. Speziell für den Rennsport stellte man bei BMW in Eisenach als Einzelstücke den stromlinienförmigen BMW S1 und den 2-Liter-Monoposto BMW-Intertyp her.
Die sowjetischen Besatzer ließen im Sommer 1949 erste Motorradrennen auf den Stadtkursen in Stralsund und Wittenberg zu, am 4. September 1949 folgte das erste Straßenrennen für Motorräder und Rennwagen auf einem als Rennstrecke nutzbaren Autobahnabschnitt (heute: Bundesautobahn 9) bei Dessau. Die Autobahn war hier in den 1930er Jahren so errichtet worden, dass sie als Rennstrecke Dessau für Straßenrennen genutzt werden konnte. Am Rennen nahmen zahlreiche Rennfahrer der SBZ teil, die teilweise schon vor dem Krieg Erfolge bei Rennen gefeiert hatten. Zum Einsatz kamen neben den oben geschilderten drei Fahrzeugen des BMW-Werkes mehrere private Eigenbauten auf der Grundlage des BMW 328. Adolf Brudes siegte bei dem Rennen auf seinem BMW S1.
Am 25. September 1949 folgte das erste Rennen auf dem Sachsenring bei Chemnitz seit 1939, bei dem die in der SBZ weiterentwickelten BMW erstmals auf die in der französischen Besatzungszone auch auf der Grundlage des BMW 328 entwickelten Veritas-Rennsportwagen trafen. Erfolgreichster Fahrer aus der SBZ war hier Arthur Rosenhammer auf dem BMW-Intertyp, mit dem er vor der Rekordkulisse von 380.000 Zuschauern Platz drei erreichte.
Nach dem Weggang des Chefkonstrukteurs Gustaf Apel erfolgten 1950 keine Rennwagenentwicklungen mehr im BMW-Werk Eisenach. Erfolge feierten in der Rennsaison 1950 Fahrer wie Paul Greifzu, Ernst Klodwig, Max Wetzig und Kurt Baum mit privaten Eigenbauten auf BMW-Basis.
Rennkollektiv Johannisthal 1951–1952 mini|Werkshalle auf dem Flugplatz Johannisthal (2010) Beim 2. Auto- und Motorradrennen am 1. Oktober 1950 auf der Rennstrecke Dessau überraschte der Veritas-Pilot Ernst Ring aus München neben seinem Sieg in der 1,5-Liter-Klasse die DDR-Führung mit einem Asylgesuch, welches er direkt an Präsident Wilhelm Pieck richtete. Ring hinterließ Eindruck bei der DDR-Führung und konnte diese überzeugen, dass Erfolge der DDR im Motorsport der Reputation des jungen Landes förderlich wären. Das DDR-Regime erteilte daraufhin dem Zentralamt für Forschung und Technik den Auftrag, im Versuchs- und Prüfamt für Fahrzeugtechnik des Deutschen Amtes für Material- und Warenprüfung (DAMW) in Berlin-Johannisthal den Neubau von vier Rennsportwagen, um mit diesen im Straßenrennsport die Leistungsfähigkeit der sozialistischen Industrie zu demonstrieren. Ring betraute man mit der Leitung eines Rennkollektivs, das im Januar 1951 als DAMW-Rennkollektiv Johannisthal mit umfassender finanzieller Unterstützung des Staates in einer Halle des früheren Flugplatzes Johannisthal die Arbeit aufnahm. Ring stellte ein Team aus fünfundzwanzig Technikern, Ingenieuren und Handwerkern zusammen, die aus dem Raum Berlin stammten oder vom Eisenacher BMW-Werk abgeordnet wurden. Auch der berühmte Vorkriegs-Rennfahrer Manfred von Brauchitsch war für das Team beratend tätig. Als Fahrer wurden neben Arthur Rosenhammer, der auch als technischer Leiter des Kollektivs fungierte, Kurt Baum, Kurt Straubel, Sepp Ortschitt und Theo Fitzau verpflichtet. Das Konstrukteursteam entwickelte und baute innerhalb weniger Monate für die Saison 1951 vier Rennwagen auf der Basis des BMW 328, die als DAMW-Rennwagen an den Start gehen sollten. Das erste Fahrzeug ging am 22. April 1951 auf der Halle-Saale-Schleife mit Arthur Rosenhammer am Steuer an den Start und war in der Klasse der Sportwagen bis 2000 cm³ siegreich. Im Sommer 1951 wurde der Leiter des Rennkollektivs, Ernst Ring, von der Staatssicherheit verhaftet, nachdem sich herausgestellt hatte, dass er unter anderem die Staatsführung bezüglich des erfolgreichen Einsatzes von in der DDR erzeugten Bauteilen getäuscht hatte. Tatsächlich hatte er umfangreich Teile aus Westdeutschland eingeführt und verwendet. Es erwies sich, dass Dr. Ring weder einen Doktorgrad innehatte, noch war Ring sein wirklicher Name.Spiegel 9/1951: Wenn Sie was taugen - Dr. Ernst Ring, aufgerufen am 23. April 2014 Rings Nachfolger als Leiter des Rennkollektivs wurde Arthur Rosenhammer, der als eine der ersten Maßnahmen den Fahrer Sepp Ortschitt ausmusterte.
Bei den nachfolgenden Rennen in beiden deutschen Staaten erregte das Rennkollektiv erstes Aufsehen, einerseits durch seine moderne Ausstattung bis hin zu zwei modernen Transportzügen auf Basis des IFA H3A mit integrierter Werkstatt, Ersatzteillager und Anhängern für den Rennfahrzeugtransport, als auch durch fahrerische Erfolge. Am Ende der Saison 1951 sicherten sich die DAMW-Fahrer Baum und Straubel die DDR-Meisterschaft bei den Sportwagen bis 1500 und 2000 cm³, Rosenhammer wurde Dritter bei den Formel-II-Wagen hinter Paul Greifzu und Ernst Klodwig. Zudem lieferte Edgar Barth, der für den ausgeschiedenen Sepp Ortschitt ins Team kam, vielversprechende Resultate ab.
Nach Ende der Rennsaison 1951 gab es Bestrebungen der Vereinigung Volkseigener Betriebe im Industrieverband Fahrzeugbau (IFA), die Kontrolle über das dem Amt für Material- und Warenprüfung unterstellten Rennkollektiv zu erhalten. Kollektivleiter Rosenhammer wehrte sich gegen diese Ambitionen, da er in der Rennsportwagenentwicklung keine positiven Effekte für den serienmäßigen Gebrauchswagenbau des IFA sah. Nachdem Ingenieur Erich Koch, Chefkonstrukteur für die Motoren, das Rennkollektiv im Streit mit Rosenhammer verließ, beraumte Herbert Otto, der Präsident der Sektion Motorrennsport der DDR, am 7. April 1952 eine Krisensitzung an, in deren Folge Rosenhammer als Leiter des Rennkollektivs abgelöst wurde und fortan dem Kollektiv als Fahrer angehörte. Des Weiteren wurde das Rennkollektiv an das IFA Motorenwerk Johannisthal angegliedert, das vor allem Bootsmotoren produzierte, und offiziell in IFA-Rennkollektiv Johannisthal umbenannt. Des Weiteren wurde auf Geheiß der politisch Verantwortlichen der SED-nahe Jürgen Perduß in den Fahrerkader aufgenommen, obwohl dieser übergewichtig und damit nur bedingt als Rennfahrer geeignet war.
Nach dem Ausscheiden von Chefingenieur Koch stagnierte die Weiterentwicklung der Motoren und Fahrzeuge des Rennkollektivs. Nur knapp gelang es, zwei renntaugliche Fahrzeuge beim AVUS-Rennen am 29. Mai 1952 an den Start zu bringen. Edgar Barth entwickelte sich während der Saison 1952 mit Siegen bei den Rennen in Leipzig, Halle/Saale und auf dem Sachsenring zum wichtigsten Fahrer des Teams. Kurt Straubel konnte seinen DDR-Meistertitel in der Klasse bis 1500 cm³ verteidigen, verursachte allerdings beim Rennen auf der Halle-Saale-Schleife einen tödlichen Unfall, als sein Wagen in eine Zuschauergruppe fuhr und ein Kind starb. Arthur Rosenhammer wurde Meister der 2000-cm³-Klasse und einzig Jürgen Perduß konnte keinen Sieg für sich verbuchen.
EMW-Rennkollektiv 1953–1955 mini|Sportwagen des Rennkollektivs im Verkehrsmuseum Dresden miniatur|Arthur Rosenhammer in einem EMW Rennsportwagen (1954) miniatur|1,5-Liter Rennsportwagen, Bj. 1954Dieses Fahrzeug auf traumautoarchiv.de, aufgerufen am 26. April 2014 Das Ministerium für Maschinenbau gab am 8. November 1952 die Weisung heraus, das IFA-Rennkollektiv ab der Saison 1953 direkt dem früheren BMW-Werk in Eisenach, das seit dem 5. Juli 1952 als Volkseigener Betrieb Eisenacher Motorenwerk (EMW) firmierte, zu unterstellen. Die Abteilung des EMW erhielt nun die Bezeichnung EMW-Rennkollektiv und wurde in einer früheren Panzerkaserne im Norden des Eisenacher Stadtgebietes untergebracht. Leiter des Kollektivs wurde der Ingenieur Walter Gerstenberg. Neben den Rennfahrzeugen und den beiden H3A-Transportzügen aus Johannisthal wurden auch die Rennfahrzeuge des BMW-Werkes, darunter der BMW 340-S, in den Bestand des Rennkollektives übernommen. Nur wenig Personal wechselte aus Johannisthal mit nach Eisenach, so dass das Kollektiv mit Mitarbeitern des EMW aufgestockt wurde, die schon 1947 bis ’50 bei BMW die Rennsportwagen gebaut hatten. Die Rennfahrer Barth, Rosenhammer und Perduss blieben dem Rennkollektiv erhalten, Kurt Straubel schied aus dem Kollektiv aus. Aus den Reihen der EMW-Belegschaft konnten sich nach Testfahrten Otto Reichhardt, Paul Thiel und Gerhard Gebhardt als Ersatzfahrer empfehlen. Zum Saisonstart 1953 verfügte das Rennkollektiv über die folgenden Fahrzeuge:
Nr. 1: 1,5-Liter Rennsportwagen, DAMW Bj. 1951 Nr. 2: Zweiliter Formel II Rennwagen, DAMW Bj. 1951 Nr. 3: Zweiliter Formel II Rennwagen, DAMW Bj. 1951 Nr. 4: 1,5-Liter Rennwagen, DAMW Bj. 1951 BMW-Zweiliter-Formel-II-Rennwagen „Intertyp“, Bj. 1949 BMW 328 Sportwagen BMW Roadster 340-1 Prototyp, Bj. 1949 BMW Sportwagen 340-S, Bj. 1949
Das neu aufgestellte Kollektiv begann mit den Vorbereitungen auf die Saison 1953 und ertüchtigte die vorhandenen Fahrzeuge für die anstehenden Rennen. Barth trat in der 2-Liter-Klasse an und konnte die DDR-Meisterschaft erringen, Rosenhammer trat mit einem mit einer neuen Stromlinien-Leichtmetall-Karosserie versehenen 1,5-Liter-Rennwagen an und holte souverän den Titel in dieser Rennwagenklasse. Paul Thiel nahm in dem schon fast fünf Jahre alten BMW-Intertyp an den Formel-II-Rennen teil und konnte mit dem vergleichsweise betagten Fahrzeug auf der Halle-Saale-Schleife am 5. Juli 1953 noch einen beachtlichen dritten Platz erzielen. Edgar Barth trat für das EMW-Rennkollektiv zum Großen Preis von Deutschland 1953 auf dem Nürburgring an., aufgerufen am 27. April 2014 Es war das einzige Mal, dass sich ein DDR-Rennstall an einem Rennen zur Automobilweltmeisterschaft beteiligte. Im Rennen der 1,5-Liter-Klasse errang Arthur Rosenhammer den vierten Platz.
Die einzige Neuentwicklung für die Rennsaison 1953 war ein 2-Liter-Formel-II-Monoposto mit einem 135 PS starken Sechszylindermotor. Das Fahrzeug sollte gegen Ende der Saison beim Rennen in Bernau mit Edgar Barth am Steuer erstmals an den Start gehen, jedoch brach bei dem neuen Fahrzeug bereits im Training die De-Dion-Hinterachse. Das Fahrzeug war die letzte 2-Liter-Entwicklung des Kollektivs.
Barth und Rosenhammer traten zum letzten Rennen der Saison in Bernau mit den noch vom DAMW konstruierten 2-Liter-Fahrzeugen an. Rosenhammer gewann mit einer Sekunde Vorsprung vor Barth und Hans Stuck, nachdem er unmittelbar vor dem Ziel Barth zu dessen Verärgerung noch überholt hatte.